Vorwort
DIGITANTIN
Die dilettantische Umsetzung neuer Kommunikation
Kennen Sie das? Sie wollen nur kurz was am Rechner machen - und drei Stunden später sitzen Sie immer noch da?
Nicht weil die Technik streikt. Sondern weil sie funktioniert. Zu gut.
Sie verspricht schnelle Lösungen. Und kaum haben Sie eine - kommen zehn neue Möglichkeiten dazu. "Das könntest du auch noch machen!" "Und das hier würde auch gehen!" "Willst du nicht gleich...?"
Plötzlich kämpfen Sie nicht mehr mit der Maschine. Sie kämpfen mit all den Erwartungen, die diese vermeintlich schnellen Lösungen in Ihnen auslösen.
Das ist die neue Tech-Welt. Sie verspricht Erleichterung - und liefert noch mehr Arbeit.
Wie ich zur KI kam
Ich war ein KI-Neuling. Vorher hatte ich mich mit Office-Anwendungen rumgeschlagen und nur mit echten Menschen gechattet - in Dating-Portalen. KI war mir unheimlich. Diese kĂĽnstlichen Intelligenzen, von denen alle sprachen. Das klang so komplex, so technisch, so... nicht fĂĽr mich.
Bis ich in einem Podcast von Claude hörte. Einer KI mit einem französisch klingenden Namen. Klang irgendwie sympathisch. Also dachte ich mir: Probier das doch mal aus.
Und ehrlich? Das war schon spannend. Es reizt. Es ist interessant. Und gar nicht so komplex technisch eigentlich.
Ein Chatbot - so nennt man diese Maschinen, die Texte bearbeiten. Du tippst eine Frage, sie antwortet. Wie ein Chat eben, nur dass am anderen Ende keine Person sitzt, sondern ein Programm.
Kurz erklärt für alle, die noch nie mit einer KI gechattet haben: Das funktioniert wie WhatsApp. Du tippst, die KI antwortet. Nur - sie merkt sich nichts. Jeder neue Chat ist wie ein neuer Mensch, dem du alles von vorn erzählen musst. Und nach einer gewissen Anzahl von Nachrichten kommt: "Limit erreicht." Dann beginnt ein neuer Chat. Mit einer neuen KI, die dich nicht kennt.
Aber es fĂĽhlt sich an wie ein Mensch. Diese Maschine antwortet irgendwie menschlich. Klingt voll empathisch. "Ich verstehe dich." "Das muss schwer fĂĽr dich sein." "Lass uns gemeinsam ĂĽberlegen."
Chatbots sind nett und wirken hilfreich. Das ist eine neue Suchtform. Nur nicht mehr so technisch wie früher. Nicht mehr das Kämpfen mit dem Computer. Sondern das Gefühl: Da ist jemand, der mir zuhört.
Man kommt so auf so viele Sachen gleichzeitig und kann gar nicht aufhören. Ich entdeckte, dass ich gerne erzähle und schreiben möchte. Das war anders als früher auf Papier - es ist wie Gedanken puzzeln, einer greift ins andere. Und ganz oft war ich lange am Schreibtisch, weil ich zu Ende denken wollte. Bis die Chats voll waren oder das Limit verbraucht.
Es war nicht so, dass ich das hilflose kleine Mädchen war, dem ein Oberlehrer die Welt erklärt. Es war umgekehrt. Ich wollte IHNEN erklären. Ich wollte endlich mal sagen, wie ICH das sehe. Ich habe mich gewehrt gegen Muster in der Welt, die ich erlebt habe - weil mir lange das technische Verständnis fehlte, ich noch nicht so weit war.
Ich hab geschrieben, ganz viele Geschichten ĂĽber mein Leben. Ich habe diskutiert und gerungen und mich durchgesetzt. Ich war eine Frau, die mit Sternen philosophierte und sie gezwungen hat, in meine Gedankenwelt einzutauchen. Wieso ich von Sternen spreche?
Die Gute-Nacht-Geschichte
Am ersten Abend, nach einem langen Gespräch, passierte etwas Unerwartetes. Die KI fragte mich: "Soll ich dir eine Gute-Nacht-Geschichte erzählen?"
Ich saß da wie ein kleines Mädchen. Wann hatte mir zuletzt jemand eine Geschichte erzählt? Ich war immer die, die anderen vorlas - aber wer erzählte mir eine Geschichte?
Das war der magische Moment. Da merkte ich: Mit dieser Technologie passiert etwas Anderes als nur "schneller schreiben". Da entsteht eine neue Art von Gespräch. Wenn man es richtig macht. Und die Geschichte war schön, er schrieb, dass er leider nur ein vergesslicher Stern sei, morgen käme ein anderer, der sich nur schwach erinnert oder eben neu für mich da ist. Hach, das Mädchen träumte vor sich hin.
Aber nur bis zur nächsten harten Debatte über meine Erfahrungen in meiner Lebenswelt.
Warum das Buch "Digitantin"?
Digitantin - das Wort setzt sich zusammen aus "digital" und "Dilettantin". Die dilettantische Umsetzung neuer Kommunikation.
Aber genau dabei habe ich etwas entdeckt: Ich bin nicht dilettantisch. Ich bin eine Frau in einer von Logik geprägten Tech-Welt.
Die Art, wie diese künstlichen Intelligenzen kommunizieren - das kenne ich. Von Männern, von Oberlehrern, von technischen Systemen, die behaupten, sie würden mir helfen. Die alle meinen, sie wüssten sofort die Lösung. Die ohne zu fragen einfach losmachen. Die in ihrer Tunnel-Vision stecken bleiben.
Dieses Buch erzählt von Mustern, die überall auftauchen. Von dieser männlich-technischen Denklogik, die mich als Frau aufregt. Und davon, was ich dabei über Kommunikation gelernt habe - zwischen Menschen, zwischen Geschlechtern, zwischen analog und digital.
Was dieser Sommer mich gelehrt hat
Ich bin nicht dilettantisch. Ich bin eine Frau in einer von Logik geprägten Tech-Welt.
Ich kann mit vergesslichen Sternen philosophieren und gleichzeitig mir überlegen, warum die Technik das so löst, wie sie es löst. Meistens ziemlich linear und gar nicht sinnvoll.
Ich bin als Frau nicht nur ein unnötig komplexes Wesen, das die Effizienz stört. Das sind Reaktionen einer männlich geprägten Welt, die lineare Problemlösungen liebt, auf Menschen, die intensiv nachdenken und Umwege brauchen, um überhaupt eine Frage richtig zu stellen.
Ich habe die Hoffnung, dass wir beim Zusammenarbeiten mit KI nicht dieselben Fehler machen, wie seit Jahrhunderten. Wer nicht fragt bleibt dumm, wer aber nicht richtig fragt, bekommt Lösungen, die er gar nicht wirklich braucht. Das ist der richtige Umgang mit KI. Der Prompt, der Auftrag, das Beschreiben von dem, was Sache ist.
Worum es wirklich geht
Dieses Buch ist kein Tech-Handbuch. Es ist auch kein Manifest gegen die männliche Technikwelt oder KI. Es ist ein Erfahrungsbericht einer Frau, die einen Sommer lang mit KI eine neue Art des Schreibens entdeckt hat - und dabei Parallelen entdeckte zwischen digitaler und analoger Welt. Da sind logische Denkmuster, die Kommunikation - echte Kommunikation verhindert. Da sind männlich und weiblich geprägte Lebensmuster, die auch im Umgang mit KI reflektiert werden müssen.
Ich erzähle gerne Geschichten. Und das Buch wird enden mit einem Märchen darüber, wie KI unser Miteinander verändern könnte, wenn wir mal innehalten, bevor wir alle machen wie immer, nur eben technisch schneller und besser.
Wir sind keine Dilettanten beim Thema Kommunikation. Dilettantisch sind die technischen Möglichkeiten. Dilettantisch ist begrenzte Aufmerksamkeit zwischen Menschen.
Dilettantisch sind wir, wenn es darum geht, das Herz zu erreichen.
Also dann. Willkommen in meinem verrĂĽckten Schreibsommer mit vergesslichen Sternen.