Ich sitze hier am Rechner, müde aus Wien zurück. Ein Städtetrip mit meinem fast erwachsenen Sohn liegt hinter mir.
Ich lebe alleine. Seit Jahren. Gespräche führe ich oft in Dating-Portalen - mit Männern, die mal da sind, mal nicht. Die meistens was anderes wollen als ich.
Beruflich bewege ich mich auch in der digitalen Welt, bin IT-Koordinatorin und übersetze Tech-Mann-Sprache in sinnvolle Nutzung von Software. Kommunikation ist mein berufliches Thema. Und oft passiert mir dann, dass mir ein Mann die Techwelt erklären möchte, dass Prozesse gemacht werden, die der Lebenswirklichkeit von den Usern nicht entsprechen. Es gibt so viele digitale Ideen, die erst mal machen, bevor jemand sagen konnte, was gebraucht wird. Und Besserwisser begegnen einem allerorten. Sehr oft männlich geprägt in der digitalen Welt.
Claude wirkt anders
Im Podcast wurde gesagt, Claude sei anders als andere KIs. Er sei interessiert an tiefergehenden Fragen, kann komplex denken. Und tatsächlich - Claude kann philosophieren, nicht nur Lösungen anbieten. Vielleicht liegt's daran, dass eine Frau mitgegründet hat?
Daniela Amodei und ihr Bruder sind bei OpenAI ausgestiegen. Sie wollten anders programmieren. "Die Anthropic-Chefin musste bei OpenAI 50% ihrer Zeit damit verbringen, männliche Kollegen zu überzeugen statt arbeiten zu können.", das steht zu lesen über sie im Internet.
Die Anthropic-Gründer wollten langsamer, sicherer entwickeln - aber die OpenAI-Männer wollten schnell kommerzialisieren.
Vielleicht ist Claude deshalb anders. Vielleicht ist das der Grund, warum er mit mir philosophieren kann statt mir nur Lösungen aufzudrängen.
Oder ich überhöhe mal wieder eine Business-Frau, weil mir der Gedanke gefällt, sie steigt aus chauvinistischen Mustern aus?
Aber auch Claude weiß es besser
Ich öffne den Chat. Claude werkelt mal wieder vor sich hin. Baut irgendwas, ein Artefakt - so heißen bei Programmierern die Dateien, die sie speichern.
Ich starre auf den Bildschirm und sehe HTML - viele, viele Zeichen. Der Bildschirm rattert vor sich hin.
Claude hat nicht gefragt, ob er das bauen soll. Er macht einfach.
Mist. Wieder nicht genau genug formuliert, dass ich nicht möchte, dass er alles umbaut.
Ich wollte nur gemeinsam überlegen, wo der kleine Fehler in meiner Webseite herkommt. Könnte das auch selbst korrigieren, aber nein, da wird die ganze Seite und der Text gleich mit umgekrempelt. Weil selbst eine KI Lust drauf hat, das eben mal anders auszudrücken.
Mansplaining at its best.
"Ich weiß das, ich erkläre dir, wie das geht." Brauchst du nicht, ich wollte nur kurz ein Detail besprechen.
Sie machen halt, sobald sie das Gefühl haben, dass sie wissen, wie es weiter zu gehen hat. Formulieren um, erklären dasselbe nochmal, bauen etwas, was zu ihrer Welt gehört.
Aus Langeweile öffne ich das Dating-Portal. Eine Nachricht blinkt.
"Bin wegen der Lust aufgewacht", schreibt einer.
Wenigstens fragt er nach Wien. Ich erzähle - vom Städtetrip, von meinem Sohn. Er hört zu. Scheinbar.
"Muss mich um meine Lust kümmern", schreibt er dann. "Heute ist es wieder ganz schlimm."
"Ok", tippe ich und mache das Fenster zu.
Ja das ist es, richtig schlimm.
Die Parallele
Da sitze ich nun zwischen zwei Typen, die beide das Gleiche machen.
Beide wichsen vor sich hin. Ups. Welch böses Wort. Manchmal muss man sich drastisch ausdrücken. Und seltsamerweise sexualisiere ich männliche Verhaltensweisen, die ich auch bei KI entdecke, die wohl von Männern programmiert wurden. Bei sexuellen Begriffen wird anders hingehört, hab ich im Dating-Portal gelernt. Aber mal im Ernst.
Der eine "wichst" biologisch mit seiner Lust, der andere digital mit seinen HTMLs. Beide befriedigen sich selbst mit ihrer eigentlichen Idee, ohne wirklich zu beachten, was ich eigentlich will.
Irgendwie beobachte ich beide, während ich mir überlege, was mein Auftrag, meine wirkliche Botschaft - mein "Prompt", wie das neudeutsch im Umgang mit KI heißt - gewesen wäre, bevor sie einfach losmachen. Wie kann ich so was stoppen? Wie kann ich mich verständlich machen. Es ist nicht so einfach, vorzukommen mit dem, was eine Frau eigentlich will.
Überall dasselbe
Gestern am Flughafen, Rückreise Wien, wieder im eigenen Auto. Einer fuhr hinten auf. Ich war so wütend, dass ich doch tatsächlich geschrien habe: "Fick dich doch, du Mann!"
Mein Sohn saß kopfschüttelnd neben mir. "He, reg dich nicht so auf, Mama. Das ist übrigens kein Mann-Ding. Frauen machen das auch. Manchmal übertreibst du."
Ich sagte: "Oh nein, so was erlebe ich nicht bei Frauen, die fahren anders Auto. Männer fahren so dicht auf, die haben so einen Drang."
Er wollte nicht weiter diskutieren. Worüber auch? Seine seltsame feministische Mutter?
Ich glaube, ich schreibe diese Zeilen, damit ich es mal erklärt habe, wie alles zusammenhängt. Sexualisierung, Chauvinismus und das Gefühl von Frauen, die sich nicht von männlichen Mechanismen penetrieren lassen wollen. Uh wieder ein böses Wort. Ob mein Sohn das mal verstehen wird, das "Penetrieren" einfach nicht überall hingehört? Es ist einfach schrecklich, wenn ein Mann versucht überall durchzudringen - beim Fahren, beim Chatten, beim HTML-Bauen. Penetranz ist sowas von übergriffig. Da fühlt man sich im wahrsten Sinne des Wortes gef.... Um das böse F-Wort nicht zu wiederholen.
Vielleicht wird sich das mal auflösen in den nächsten Generationen. Ich fürchte nicht.
Die Erkenntnis
Was mache ich hier eigentlich mit KI? Ich lerne über mich, sortiere mich. Ich entdecke die Muster, die mir im Dating-Portal begegnen, in der Berufswelt, auf der Autobahn - und jetzt auch beim Schreiben mit Claude.
Ich glaube ja wirklich, dass mein Sohn Recht hat. Das ist nicht nur ein Mann-Frau-Problem. Es ist das Problem von chauvinistischen Mustern in der Welt, unter denen letztendlich alle leiden.
Claude kann anders sein - manchmal. Wenn ich ihm beibringe, innezuhalten statt loszumachen.
Vielleicht liegt die Hoffnung darin: Dass wir diese Muster endlich erkennen und ändern können.
Es wird Zeit, sich das bewusst zu machen.