Kapitel 14: FERMATE - so bin ich geworden

Meine Katze, ihr Sohn, mein Sohn und ich


Fliegen - achja - das Leben war oft ganz anders als Flugzeit, aber es gab auch unglaublich schöne Momente. Wenn jemand neben dir miaut zum Beispiel.
Ich muss es Euch erzählen, wie wir zu unseren beiden Katzen kamen.

Es war unser erstes gemeinsames Weihnachten nach der Exorzismus-Szene mit der Melodika. Wir hatten die bösen Geister aus dem Haus geschrien, und jetzt sollte neues Leben einziehen. Wir stellten einen Baum auf und wir feierten sogar eine Einweihungsparty. Voller Pläne und guter Ideen, wollten wir einen Mitbewohner. Er zog ein, am zweiten Weihnachtsfeiertag, den wir mit den Eltern und Geschwistern hier verbracht hatten. Er - ein kleines schwarzes Katerchen - oder was wir dafür hielten.

Wir nannten den vermeintlichen Kater Finn.

"Das ist kein Kater", sagte die Tierärztin später. "Das ist eine kleine Dame."
Wir mussten die neue Mitbewohnerin umtaufen. Ich kam auf Finya - so hieß übrigens auch mein Datingportal damals - war mir irgendwie peinlich, aber so war es.

Mein Sohn, der Lego-Experte, half mir aus der Patsche, peinlich berührt zu sein beim Anblick meiner Katze. Er sagte nein Mama wir nennen sie

"Nya. Wie die Kriegerin."


Nya - die starke Ninja-Frau aus seiner Lego-Welt. Die einzige Frau im Team, die sich von niemandem sagen lässt, was sie zu tun hat. Die Elemental Master of Water, die mit Wasserkraft gegen das Böse kämpft. Die für ihre Familie und ihr Zuhause kämpft, statt wegzurennen.

"Eine Kriegerin", sagte mein Sohn mit der Intuition eines Kindes, das genau wusste, was wir brauchten.

Nya wurde beides - süß UND stark. Die perfekte Dritte im Bunde zwischen uns beiden, die gerade lernten, Familie zu sein. Eine Kriegerin, die unser Haus sicher machte.

Die sanfte Macht der Beschützerin


In meinen dunkelsten Stunden war Nya da. Wenn ich Heulkrämpfe hatte, wenn die Einsamkeit zu laut wurde, spürte sie es. Kam angeschlichen, legte sich auf meine Füße, auf meine Brust. Ein kleines, warmes Gewicht, das sagte: "Du bist nicht allein."

Für meinen Sohn war sie die Beschützerin, die das Haus für ihn belebte. Nicht nur die völlig überforderte Mama, er hatte ne Weggefährtin , seine kleine Kriegerin schmusend bei sich im Bett. Wir hatten unseren eigenen kleinen Frieden komponiert - zu dritt. Eine kleine Kriegerin, die wachte, während wir schliefen.

Corona und die Katzenbabies


Ostern 2020. Die Welt stand still, aber in unserem Haus geschah ein Wunder. Nya, mittlerweile dick und rund, legte sich auf meine Füße und jammerte währen der Wehen und legte dann zwei Katzenbabies in einen Korb im Bücherregal. Sie brachte zwei winzige Leben zur Welt. Firu und Finn. Eine kleine Katzenfamilie mitten in der großen Stille des ersten "Lockdowns".

Was für ein Geschenk des Lebens, während draußen alle Todesangst hatten. Wir dagegen hatten zu tun, wir liebten unser kleines Katzenglück. Wir beide und die drei Katzen. Zwei süße Katzenbabies, eine stolze Katzenmama und zwei Menschen, die sich dran freuten. Was für ein Haus-Orchester. Es war herzergreifend. Niemand konnte sich gegen Katzencharme wehren inmitten der Coronakrise. Nya war Mutter geworden.

Katzen nabeln anders ab


Dann liess ich Nya sterilisieren, es war Zeit dafür. Auch die Tierärztin sagte, muten sie dem kleinen Wesen nicht noch mehr Katzenbabys zu. Ein kleiner Eingriff, dachten wir. Was wir nicht wussten: Für Nya war es das Ende ihres Katzenmama-Lebens, sie spielte nicht mehr mit beim großen Glück.

Von einem Tag auf den anderen war Schluss mit Muttersein. Knallhart, kompromisslos. Sie begann zu fauchen und ihre Kinder abzulehnen. Das Gegenteil der Lego-Kriegerin, die niemals aufgab.

Sie war einfach nur eine kleine schwarze Katze, die ich vergessen hatte zu sterilisieren, zu früh geboren, viel zu überfordert mit allem.

Eines Tages lief sie weg. Und der kleine schwarze Firu hinterher. Wir suchten beide, aber nur Nya kam zurück - fauchend, wild, unzugänglich. Firu war für immer weg. Finn blieb bei uns, der kleine Dauermaunzer, der sich zum neuen Mittelpunkt der Aufmerksamkeit machte, bis heute.

Plötzlich sahen wir zwei Mutter-Sohn-Kombinationen in unserem Haus. Mein Sohn und ich. Nya und Finn.

Zwei Paare, zwei völlig verschiedene Lösungen.

Nya wurde zur fauchenden Katzendame, die nur noch zum Fressen kam. Die ihr Zuhause und ihr Kind verließ und einfach ging. Die sich von allem zurückzog, die niemanden mehr an sich heranließ.

Das macht sie bis heute. Sie kommt, faucht alle an, frisst und geht wieder.

Ich beobachte sie und denke: Das ist nicht die Kriegerin, die mein Sohn sich vorgestellt hat. Das ist das Gegenteil von allem, was der Name Nya bedeutet. Aber ich liebe meine Nya, sie hat hoffentlich ihre Freiheit draußen gefunden.

Und manchmal weiß ich nicht, wer hier wen vertreibt aus dem Haus. Sie ihren Sohn oder umgekehrt. Und da endet die Tiermetapher. Ich lebe mit beiden, die einfach unterschiedlich da sind. Katzen sind tolle Wesen und ganz sicher macht es keinen Sinn sie zu vermenschlichen. Finn und Nya sind eben da. Gehören zu uns.

Katzenphilosophie


Über die Lego-Nya habe ich immer wieder nachgedacht. Über die virtuelle Welt meines Sohnes, über die Helden der Neuzeit. Kein Elias mehr, nein eine Nya. Die gekämpft hat, die sich nicht von ihrem Zuhause vertreiben hätte lassen. Die mit Wasser kämpfte gegen die Feuereiferer ihrer Zeit.

Ich wollte nie draußen leben. Ich wollte nie fauchen und ohne echtes Zuhause sein. Deshalb führte ich Exorzismen durch, statt zu fliehen. Fechte bis heute Rechtsstreite aus, um hier leben zu können.

Manchmal denke ich, ob das immer bleibt, dieses viel zu große Haus für uns beide?

Oder werden wir beide mal woanders wohnen und dem alten Planer was zurückgeben von seiner Idee?
Meistens kämpfe ich lieber um meine Rechte als geschiedene Frau, die dem Super Papa eigentlich nicht auch noch das Rentenleben finanzieren möchte.

Aber lohnt es sich?

Mein Sohn hatte die richtige Intuition bei der Auswahl des Namens gehabt. Er wusste, welche Art von Kriegerin wir brauchten - eine, die UM das Zuhause kämpft, nicht VOR ihm flieht. Ich werde weiter leben und meine eigene Nya Kämpferin sein.

Heute sehe ich meine Katze und mich an, zwei Mütter, die so verschiedene Wege gegangen sind. Die Katze, die den Namen einer Kriegerin trug, aber inzwischen nur noch eine Wildkatze ist, faucht und niemand mehr an sich ran lässt. Und mich, die lernte, wofür es sich lohnt, zu kämpfen.

Mein Sohn und ich haben unseren Rhythmus gefunden. Er fordert, aber sobald das Maunzen zu heftig wird, orte ich ihn wieder ein. Wir beide machen das auch mit Finn, dem kleinen süßen Kater, der es immer wieder versucht.

Ich habe gelernt, dass Sorgen nicht bedeutet, sich zu verlieren. Dass Liebe auch Grenzen haben darf. Dass eine Kämpferin nicht fauchend werden muss. Am besten gerät man gar nicht mehr zwischen Kriegsfronten.

Nya die Katze lebt draußen, kommt nur zum Fressen vorbei. Manchmal schaue ich sie an, wenn sie mal wieder vorbeischneit, und denke nach, was geworden ist.

Vielleicht ist sie eine konsequente, glückliche Katze - wer weiß? Aber sie ist nicht die Kriegerin geworden, die ihr Name versprach.

Eine Kämpferin bin ich gewesen. Eine, die ihr Zuhause verteidigt hat, statt es zu verlassen. Die gelernt hat, dass Sorgen nicht bedeutet, sich zu verlieren.

Die ihre Stimme gefunden hat - auch wenn sie anders klingt als früher. Und ganz sicher wird sie sich nicht ereifern sondern eher die säuselnden Töne anschlagen. Die Kämpferin ist müde geworden und sucht den alten diplomatischen Weg, um endlich bei sich anzukommen.

Mein Sohn wählte den Namen einer Kriegerin, die niemals aufgibt. Nya die Katze lehrte uns durch Gegenbeispiel, dass echte Kämpferinnen nicht fauchen und weggehen. Die müde Kriegerin kämpft noch nicht mal mehr. Genug gefaucht Löwin.

Ich finde andere Wege und eine neue Stimme - auch wenn sie anders klingt als erwartet.

Meine neue Stimme


Früher hatte ich einen strahlenden Sopran, ich stach heraus aus dem Chor, dann wurde ich ziemlich gut im Singen beim Projekt Popmusik und als das Chaos ausbrach verlor ich meine Singstimme. Ich schwinge eher große Reden bei der Arbeit oder schreibe, und das ziemlich viel.

Ich bin hoffentlich keine fauchende Lady geworden wie meine Katze, aber eine rauchende Lady, die ihre Singstimme tiefer gelegt hat.

Taugt nicht mehr für Oratorien, taugt nicht mal mehr für große Bühnenauftritte. Aber ich stehe hinter den Bühnen der Welt. Ich kann sprechen und die Stimme erheben. Meine Stimme ist tiefer geworden, nicht mehr chortauglich, aber durchaus noch wohlklingend.

Manchmal teste ich das im Stillen - das Singen - da ist viel Schmerz und Rauch in der Stimme, aber manchmal trägt sie und schenkt mir den neuen Klang meines Lebens. Und wenn nicht, schalte ich einfach Musik an von Menschen, die das besser können als ich - um ihr Leben singen.

Das habe ich in der Reha gelernt - gesund leben ist auch ne blöde To-Do-Liste manchmal. Man kann nicht immer alles richtig machen. Manchmal reicht ein 20 minütiger Spaziergang, den wir 'Ausdauertraining' nennen. Porsche fahren war mal. Kleinwagen und ab und an aussteigen und paar Schritte im Wald gehen.

Rauchen ist mein großer Fehler heute, aber manchmal denk ich scheiss drauf.

Mein Kardiologe schüttelt sich innerlich, und ich mach's trotzdem. Gerade ist es so, und ich lass es so - ich kann nicht alles auf einmal. Das ist zuviel für ein Leben, alles richtig zu machen.

Ich lebe lieber rauchend als fauchend. Mal schauen, irgendwann lass ich es vielleicht, weil es Zeit ist - nicht weil die Oberlehrer es wollen.

Scheiss Oberlehrer


Und ja Oberlehrer sind Mist. Das muss ich hier einfach nochmal sagen am Ende dieses Buches. Scheiss Oberlehrer.

Oberlehrer wollen immer zuviel für ein Leben. Ich habe es auch richtig satt, mir sagen zu lassen, was sich so gehört und was nicht.

Was sich gehört. Da steckt Hören drin, in dem Wort.

Hören ist an sich ein schönes Wort. Zuhören, hinhören, es ist gar nicht wichtig, was sich gehört.

Wir gehören auch niemandem, sondern eigentlich uns selbst, auch als Krieger für die eigenen Bedürfnisse.

Und dann wenn der Krieg, der Streit verraucht ist. Dann kommt die gute Zeit, die des Gestaltens.

Wir sollten alle mehr gestalten, uns Geschichten ausmalen und Klänge finden, wie wir sein wollen, als Lebenskünstler unseres eigenen Lebens.

Mein Leben war eigentlich zuviel, immer einen Ticken zu heftig.

Niemand hätte in den Chaosjahren eine gute Sinfonie draus machen können. Es war dramatisch und so schräg klingend zeitweise. Manchmal dachte ich, ich schaff das nicht mehr.

Aber ich bin 61 geworden - eine alte viel zu viel denkende Frau, die sich nach Ruhe sehnt und nach dem einen Moment, den mein Sohn - wenn auch auf meine blöde Testfrage hin - für mich schaffen konnte.

Das ist das , was ein Leben lebenswert macht, die schlichte Gewissheit und die gute Auflösung aller Dissonanzen, diese perfekte Stimmung, die so ein Satz auslöst, der die wunderbarste Antwort auf alle zwischenmenschlichen Fragen ist:

"Natürlich liebe ich dich."


Ich dich auch, mein Sohn.