Kapitel 13: DISSONANZ - Tod, Trauer, meine Tonart neu entdecken

Nach all der Suche nach mir selbst, nach meinem Bauchgefühl, nach authentischen Begegnungen in dieser verwirrenden Dating-Welt - passierte etwas, was all das zur Nebensache machte: Die ungekrönte Königin starb. Und mein Vater folgte ihr auch da.

Die Telefonate werden häufiger


Es begann schon früh. Noch während ich versuchte, mein Leben nach der Trennung neu zu sortieren, schon vor dem Infarkt und erst recht danach. Mamas Anrufe wurden häufiger. Mehrmals am Tag klingelte das Telefon.

"Papa erkennt mich nicht mehr", weinte sie. "Er fragt nach seiner Frau, obwohl ich neben ihm stehe."

Der große Kantor, der jahrzehntelang zwölf Chöre dirigiert hatte, war dement geworden. Der Mann, der früher mit Worten dominierte, erkannte seine eigene Frau nicht mehr. Und die ungekrönte Königin, die 60 Jahre lang seine "gesamte Infrastruktur" gewesen war, stand hilflos daneben.

Das ganze Drama ihrer Ehe wurde in der Demenz schonungslos sichtbar. Papa brauchte jetzt das sanfte Säuseln, das Verständnis für seine Verwirrung.

Aber ausgerechnet Mama - erschöpft von Jahrzehnten des Kümmerns - konnte es nicht mehr geben.

Ich blieb aus gutem Grund zuhause. Ich war selbst noch nicht stabil nach dem Herzinfarkt und bin nicht gut in operativer Hektik. Die Telefonate waren die einzige Verbindung zu Mama, die täglich verzweifelter wurde.

Die Familie hatte ein neues großes Projekt und wir vier Geschwister lebten es aus, jeder auf seine Weise.

Viele Stimmen in uns vieren


Viele Stimmen waren in uns vieren - wir waren uns uneinig, wie Papa am besten geholfen werden könnte.

Die andern fuhren oft hin, die Schwestern wollten Papa zu Hause lassen. Mein Bruder und ich waren eher der Meinung, er bräuchte professionelle Betreuung im Heim. Das widerum wollte Mama dann auch nicht. Es war schwer, für beide denken zu müssen, wenn sie selbst nicht mehr klar entscheiden konnten.

Ein schwerer Moment für uns alle. Mama, die jahrzehntelang alles geregelt hatte, brauchte jetzt selbst Hilfe. Und wir wussten nicht, wie wir beiden gerecht werden sollten.

"Ich kann nicht mehr", schluchzte sie am Telefon. Und ich, mitten in meiner eigenen Suche nach mir selbst, merkte: Die Generation, die mir gezeigt hatte, wie man lebt, bricht zusammen. Es passte auch in der Krankheit nichts mehr zusammen - selbst das Sterben war bei den beiden kompliziert. Aber der Reihe nach.

"Ich glaub, es ist ein Tumor"


Es kam ein Anruf, der alles änderte.

"Ich muss ins Krankenhaus", sagte Mama. "Irgendwas stimmt nicht im Darm."

Ich fuhr hin. Erstaunlich, wo ich sonst so wenig vor Ort war. Aber als Mama ihre Darmspiegelung hatte, war ich mit dabei.

Mama in ihrem Element: meckernd in der Klinik, wo es hingeht und warum das alles so wenig gut organisiert ist. Trotzdem mit allen quatschend, schauen, dass sie zügig drankommt.

Die ungekrönte Königin machte, was sie immer gemacht hatte - alles regeln, mit den Leuten reden, dafür sorgen, dass es läuft.

Ich sah sie so, wie ich sie kannte. Die Frau, die überall ihre Finger drin hatte, die mit der Arzthelferin schnackte, die sich durchsetzte. Doch als sie nach der Darmspiegelung zurück kam, war alles anders.

"Ich glaube es ist ein Tumor, der ist wohl bösartig."

Bämmm. Tumor.

Plötzlich war die starke Organisatorin, die gerade noch alles im Griff gehabt hatte, nur noch eine Patientin mit einer Todesdiagnose.

"Ich lass nix machen", sagte Mama sofort. "Dann ist das so."

Das war typisch für sie. Keine große Dramatik, kein Gejammer - einfach die pragmatische Entscheidung der Frau, die ihr Leben lang die harten Entscheidungen getroffen hatte.

"Chemo würde ich auch nicht machen", sagte ich, "aber der Tumor muss raus. Du stirbst bitte nicht am Darmverschluss."

Sie nickte. Wir verstanden uns in diesem Moment. Keine falschen Hoffnungen, kein "du musst kämpfen"-Gerede. Sondern die realistische Einschätzung zweier Frauen, die wussten, wie das Leben läuft.

Das Wunder mit dem Heimplatz


Währenddessen geschah eines der wenigen Wunder in dieser Zeit: Eines der Heime, die wir für Papa angefragt hatten, meldete sich mit einem Platz. Genau jetzt, wo Mama ins Krankenhaus musste. Wir waren uns immer noch uneinig, aber die Situation zwang uns zum Handeln.

Jetzt hieß es wohl Abschied nehmen. Und nicht mehr zuhause alles regeln.

Es war wieder mein Geburtstag - schon 2008 hatte ich an meinem Geburtstag meine Schwiegermutter ins Hospiz gefahren. Diesmal machte es mein Bruder für mich, für uns: Er brachte Papa ins Altenheim.

Mama war noch zuhause und überwachte alles. Die war wie ich - erst alles regeln, dann ins Krankenhaus. Selbst mit Tumor sorgte sie dafür, dass das System lief, bevor sie sich um sich selbst kümmerte. Wenige Tage drauf ging sie ins Krankenhaus.

Die Operation und der falsche Hoffnungsschimmer


Die OP lief gut. Wir telefonierten, sie hatte Besuch. Ein paar Stunden lang dachten wir, vielleicht geht es doch gut. Und Papa kann mit ihr wieder zurück nach Hause.

Mama geht


Aber dann bekam sie Fieber. Mama fiel ins Koma, und wir Geschwister überlegten, was zu tun war. Die Ärztin wollte sie nochmal aufmachen, nachschauen, was schief lief. Niemand von uns wusste, was richtig war. Meine Geschwister fragten mich, ob ich das Gespräch führen könnte - sie vertrauten darauf, dass ich die richtigen Worte finden würde.

Das Gespräch mit der Ärztin


Ich rief im Namen aller Geschwister an. Die Ärztin war verzweifelt: "Ich versteh das nicht, ich möchte nachschauen. Das macht keinen Sinn so."

"Sie haben meine Mama doch kennengelernt", sagte ich zu ihr. "Es ist nicht wichtig, jetzt nachzuschauen. Sie trifft gerade eine Entscheidung."

Die erneute OP hätte künstlichen Darmausgang bedeutet - das wussten wir alle und das wollte sie ganz sicher nicht, meine Mutter. Ich sagte, "das machen wir auf keinen Fall. Lassen Sie das selbst mit sich ausmachen. Sie wird gehen oder wieder aufwachen. Sie wird das für sich entscheiden."

Die Ärztin war perplex und wir mussten beide trotz dem Schmerz lachen. "Ja sie eine starke Person ihre Mutter", sagte sie.

"Eben", sagte ich. "Lassen Sie sie machen. Mama wird das entscheiden. Die hat noch nie andere für sich entscheiden lassen."

Die Ärztin war beeindruckt. So was hatte sie noch nicht gehabt bei Verwandten.

Wir haben Mama in ihren letzten Stunden ihre Würde zurückgegeben. Die ungekrönte Königin, die 60 Jahre lang alles selbst geregelt hatte, sollte auch ihren eigenen Tod selbst bestimmen. Ein paar Stunden später starb sie.

Papa folgt ihr nach


Wir saßen alle zusammen in Mamas Küche - wie früher bei den Butterbrezeln, bei den Predigtnachbesprechungen. Aber diesmal ohne sie. Wir wollten zum Beerdigungsinstitut. Sonntags, ein paar Tage später. Wir wollten gerade aus dem Haus, als das Telefon klingelte.

Das Heim rief an: "Ihrem Vater gehts nicht gut, sie sollten schnell kommen."
Was für ein krasser Moment, mein Bruder schrie wie von Sinnen, "Kann er ihr nicht mal das alleine lassen?" Wir waren nur noch neben uns. Da war Trauer, Überforderung und ganz viele Fragen.

Und da war eben auch Wut.

Ich wusste, was mein Bruder meinte. Mama sollte IHREN Moment haben. Nach 60 Jahren, wo alles um Papa gegangen war, sollte sie wenigstens jetzt im Mittelpunkt stehen.

Was für ein unfairer Gedanke. Mein Bruder ging mit der Großen los, die Kleine und ich blieben zurück in der Küche, vollkommenes Überfordert sein- was für ein dramatischer Augenblick - gruslige Dissonanz, nichts passte mehr zusammen.


Es war ein Fehlalarm. Zwei Stunden später ging es doch ins Beerdigungsinstitut und erst mal alles für Mama planen. Sarg aussuchen, Blumen, heulen und loslassen. Mama gehen lassen.

Mein Vater aber hatte auch eigene Pläne.

Was für starke Personen haben uns groß gezogen. Ohne organischen Grund starb er einfach - 70 Stunden nach Mama. Er wachte nicht mehr auf, stand nicht mehr auf, sein Leben war zuende ohne sie.

Denn er hat seinen Engeln befohlen.. über dir.

Worte aus Elias standen auf der Karte, das Pflegepersonal hatte sie auf seinen Nachttisch gestellt. Irre Zufälle oder sollte das alles so sein?

Er hat seinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.

"Es ist passiert", sagte ich am nächsten Tag am Telefon zum Bestatter. "Wir machen alles genauso wie besprochen, nur für zwei Leute."

Die schwere Entscheidung


Sofort war wieder unklar, wie wir es machen sollten. Eine kleine Beerdigung nur für die Familie? Oder doch eine große für Papa, den Kantor, den so viele Menschen kannten?

"Das schaffen wir nicht und machen wir nicht", sagte ich. Ich war am Ende. Nach all dem Drama, den Telefonaten, den Entscheidungen, dem Sterben - keine Kraft mehr für große Planungen. "Lasst uns das mit der Familie machen."

Dann kam mein Schwager auf die Idee: Gedenkkonzert. Papa bekommt seine große Bühne - aber später, als Konzert, wo seine Musik im Mittelpunkt steht.

Wir beerdigen sie erst mal und ruhen uns aus und dann organisieren wir ein Konzert, das beide würdigt und allen die Möglichkeit gibt, sie zu verabschieden.

Das Gedenkkonzert - meine Stimme wird hörbar


Einige Wochen später stand ich in der vollen Kirche, die, in der 'Elias' klang, nebenan die Gemeindehausküche, in der nicht nur Brezeln geschmiert wurden.

Der Ort meiner Kindheit, umgebaut und längst von anderen Menschen als ihre Kirche entdeckt. Aber heute erinnerten wir uns.

All die Menschen waren gekommen - die alten Chorleute, ehemalige Schüler, die große Kirchenmusikfamilie, die meine Eltern über Jahrzehnte aufgebaut hatten.

Ich hatte entschieden: Wenn schon, dann rede ich selbst. Niemand anderes spricht für mich oder meine Eltern.

Keine Ahnung wo die Kraft herkam, vermutlich wollte ich einfach kein Gesülze hören und auch nichts, was nicht zu beiden passte.

Keine Gruß- und Ehrenworte, erzählen wollte ich, ehrlich und liebevoll. Mich vom Kantor verabschieden, meine Mutter ehren und mir klar machen, was für großartige Eltern ich hatte - trotz allem.

"Vermutlich hätte mein Vater gesagt, es geht in der Kirche um Gott und Jesus und nicht um Menschen, und seine Frau hätte gesagt, macht nicht soviele Worte und Gedöns", begann ich.

Die Musik spielte - Bach, Mendelssohn, all die Töne, die ihr Leben geprägt hatten. Und zwischen den Stücken sprach ich. Von den Butterbrezeln und Wurstbroten, die ich heute noch riechen kann. Von Mama an der Schreibmaschine. Von Papa auf dem Fahrrad mit Plakaten. Von ihrer Art, sich um andere zu kümmern, auch wenn es sie überforderte.

"Es menschelte", sagte ich, und ich spürte, wie die Menschen nickten.
Dann kam der schwere Moment: "Gebt euren Kindern Wurzeln und Flügel." Das war der Satz, mit dem ich sagen wollte, dass ich ein eigenes Gewächs wurde zwischen beiden.
Dass ich versöhnt war mit unserer Lebensgeschichte. Dass ich meinen Papa vermisste, der nicht nur Kantor war und dass ich ihm seine Väterreligion verzeihen konnte.
Dass ich endlich mich vom Stamm meiner Mutter lossagen wollte, die als ungekrönte so herrschsüchtig auch war. Die mir so nah war in ihrem Wesen, es war furchtbar ohne ihre täglichen Anrufe, aber es war auch befreiend.

Ich war so hilflos ohne die beiden, dachte ich hätte keinen Halt mehr.

Mir brach die Stimme weg. Die ganze Trauer, die Erschöpfung, das Gefühl, jetzt wirklich allein zu sein.


"Ich wusste, dass es schwer ist", sagte ich schließlich. "Gebt mir nen Moment."


Die Kirche wartete. Hunderte von Menschen, geduldig, verständnisvoll.

Als ich weitersprach, war etwas anders. Meine Stimme klang fester, selbstbewusster. Ich war nicht mehr nur die Vermittlerin zwischen Papa's Träumen und Mama's Realität. Ich war nicht mehr nur die Stimme für andere.

Ich bin die Stimme, die eigenständig klingt.


"Jeder und jede für sich sind eigene Gewächse geworden", sagte ich. "Also brauchen wir uns nicht verloren fühlen, sondern sind beschenkt mit den Erinnerungen an unsere Eltern, die uns eigene Wurzeln gaben und Flügel."

In dieser Nacht fuhr ich nach Hause und wusste: Die ungekrönte Königin war tot. Der große Kantor war tot. Ich vermisste einfach nur meine Eltern. Inmitten der Trauer, hatte ich etwas gefunden, was ich nie erwartet hatte.

Meine eigene Stimme. Die Stimme, die zwischen den Tönen ihrer Welt und meiner eigenen eine neue Melodie komponiert.
Die Dissonanz war vorbei. Aus dem Chaos der letzten Monate war etwas Neues entstanden - meine eigene Art, in der Welt zu klingen.

Und ja - es ist wirklich ein emotionales Mammutprojekt. Aber auch ein wunderschönes! - das schreibt mir eben Claude, nach dem Kapitel. Wie wahr. Mithilfe einer KI grabe ich in mir, um zu beschreiben, was mich ausmacht.

"DIE STIMME, DIE EIGENSTÄNDIG KLINGT"


Gebt mir einen Moment - das hatte ich gesagt, und ehrlich? Er dauerte wieder sehr lange, dieser Moment und kostete viele Waldwege, die ich zur Genesung nach dem Infarkt aus meine persönliche Auszeit entdeckt habe.

Ich stapfte durch den Wald und hab laut mich mit beiden unterhalten. Ein Weg für Papa und ein Weg für Mama, dazwischen ein Bach. Mein Elternwald - bis heute. Meine Pulsuhr zeigte 170, als ich damit begonnen habe. Gestern nach dem Schreiben hier, war er unter 100 - ganz schön gut für eine ehemalige Porschefahrerin.

Meine Stimme klingt wohl in einem ganz anderen Tempo als früher. Sie klingt auch tiefer, ernster, berührter und irgendwie geheilt. Mein Sound eben. Kein strahlender Sopran, keine kreischende Hysterie, kein aufgeregtes alles in Frage stellen. Da summt was vor sich hin, was beruhigend ist. Es ist gut, wie es geworden ist. Starke Wurzeln und ab und an auch flatternde Flügel, die noch was vorhaben im Leben. Und wenn nicht, lass ich sie wenigstens nicht hängen, sondern betrachte sie mit großer Gewissheit. Du kannst fliegen.