Wenn das Bauchgefühl endlich antwortet
"Mein Bauch gehört mir" - dieser Satz war die Kampfparole meiner Generation. Eine Bewegung von Frauen, die sich mit den Folgen von Sexualität endlich selbst auseinandersetzen wollten, nicht mehr abhängig sein wollten von der Ehe als einziger Versorgungsgarantie.
Aber wenn ich ehrlich bin: Mein Bauch gehörte mir lange Zeit gar nicht. Er gehörte den Erwartungen anderer, er gehörte den alten Mustern, er gehörte allen möglichen Leuten - nur nicht mir.
Auch in meiner Ehe war ich die Vermittlerin gewesen. Nicht nur bei den 1000 Butterbrezeln meines Vaters, sondern auch zwischen den Bedürfnissen meines Mannes, seinen 1000 Baustellen und meinen eigenen, die ich gar nicht mehr kannte. Ich war die, die harmonisierte, die Konflikte vermied, die dafür sorgte, dass alles funktionierte.
"Wenn ich Zeit habe", hatte mein Ex-Mann immer geantwortet, wenn ich gefragt hatte: "Hast du mich noch lieb?" Als wäre Liebe ein Termin in seinem Kalender. Als wäre ich eine Aufgabe zwischen wichtigeren Dingen. Baustelle - mein ganzes Leben war eine Baustelle. Und ich war die größte mittendrin.
Mein Körper, meine Lust, mein Bauchgefühl - das alles funktionierte so gar nicht in diesem System. Ich spielte die Melodie, die von mir erwartet wurde. Aber es war nie meine eigene Tonart. Bis mein Exmann meinte, besser ohne mich leben zu können. Was für ein Schlag in die Magengrube. Was für ein Trauma. Ich war haltlos und orientierungslos und irgendwie zerschlagen.
Die Suche nach dem neuen Halt
Nach der Trennung war ich plötzlich allein mit einem Körper, den ich nicht mehr kannte. Aufgedunsen und ich begann sogar zu kratzen. Mein Arm war ein Muster aus Narben. Jahrelang lebte ich mit langen Ärmeln, damit niemand sah, wie ich mich aufgekratzt hatte. Wer war ich, wenn ich nicht mehr "seine Frau" war? Wie fühlte sich mein Bauch an, wenn er niemandem mehr gehören musste außer mir?
Die Antwort darauf suchte ich zuerst dort, wo viele sie suchen: in sexuellen Begegnungen. Dates, Affären, Versuche, mich über Berührung neu zu spüren. Als könnte ich den Hunger nach mir selbst durch andere stillen.
Hunger treibt die seltsamsten Blüten.
Mein Körper reagierte auf diese verzweifelte Suche mit einer heftigen Hautkrankheit. Meine Haut brach auf, entzündete sich, ich sah aus wie eine Aussätzige. "Gott straft mich", dachte ich in meiner alten religiösen Prägung. Als wäre mein Körper der moralische Richter über mein Verhalten.
Einer der Männer lachte mich dafür aus. Aber er berührte mich trotzdem - nicht mitleidig, sondern als wäre ich immer noch begehrenswert, auch mit dieser kaputten Haut. Diese Berührung war das erste Mal seit langem, dass mein Bauch wieder etwas spürte, was echt war. Dafür werde ich ihm ewig dankbar sein. Auch wenn diese Affäre mich später noch mal in eine Krise führte, aber das bleibt bei mir, diese eigene Geschichte mit dem Berührer, der mich aufhielt beim mich aufwühlen.
All das war trotzdem nicht mein Bauchgefühl. Es war seine Bestätigung, sein Begehren, seine Art, mich zu sehen. Ich füllte meinen inneren Hunger mit fremden Augen.
Das Kind und die andere Melodie
Dann kam mein Sohn zurück in mein Leben, und plötzlich gehörte mein Bauch wieder jemand anderem - aber diesmal auf eine ganz andere Art. Das war nicht mehr das verzweifelte Suchen nach Halt, sondern ein Mutterherz, das zu schlagen begann. Ein Körpergefühl, das nichts mit Sexualität zu tun hatte, aber trotzdem tief und echt war. Meine Muttergefühle waren die ersten, die nicht aufhalten konnte, die einfach da waren. Anstrengend, dramatisch und wieder zuviel für mein Leben. Aber das erste mal begann ich, selbstständig ein Gefühl dafür zu entwickeln, was uns beiden gut tut.
Sechs Jahre lang komponierte ich eine unsere kleine Melodie - die der Mutter, die kämpft, die rettet, die für sich und ein Kind da ist. Mein Bauch gehörte diesem kleinen Menschen, der mich brauchte. Und das war gut so. Das tat mir auch gut, weil es gelang.
Aber irgendwann, als er älter wurde, stellte sich wieder die Frage: Wer bin ich, wenn ich nicht gerade jemanden rette? Was spürt mein Bauch, wenn er nicht mehr ständig in Sorge ist?
Die Erkenntnis der einsamen Kampfparole
"Mein Bauch gehört mir" - je öfter ich diesen Satz wiederholte, desto einsamer wurde er.
Im Grunde ist das ein furchtbar isolierender Satz. Als müsste ich mit allem allein klarkommen - mit der Lust, mit der Sehnsucht, mit den Hormonen, mit der Einsamkeit.
Die Frauenbewegung hatte uns zwar befreit von der Abhängigkeit, aber sie hatte keine neuen Beziehungsmodelle erfunden. Wir landeten in einer Welt, wo Männer und Frauen nebeneinander her lebten, jeder mit seinem eigenen Bauch, jeder mit seinen eigenen Bedürfnissen, aber ohne zu wissen, wie man echte Begegnungen schafft.
In den Dating-Portalen sah ich, wohin das führte: Männer, die schrieben "Irgendwie hätte ich Lust mit dir zu vögeln", als wäre ich eine Dienstleisterin für ihre Triebe. Frauen, die sich anpassten oder verbittert wurden. Alle suchten etwas, aber keiner wusste mehr, wie Begegnung geht.
Zwischen Hure und Heiliger
Das alte Muster war noch da: Frauen waren entweder die Heiligen (die Mütter, die Ehefrauen, die Sorgerinnen) oder die Huren (die Lustvolle, die Verfügbaren, die Gefährlichen). Ich war lange die Heilige gewesen - erst die Butterbrezeldiplomatin, dann die Retterin meines Sohnes.
Aber ich merkte: Ich wollte weder heilig sein noch als Hure gesehen werden. Ich wollte eine Frau sein, die ihre Lust kennt, die weiß, was sie will, die sich nicht für ihre Bedürfnisse schämt - aber auch nicht zur Verfügung steht für die Fantasien anderer.
Das Problem war nur: Wie lebt man das? Wo ist der Raum für eine Frau, die sexuell selbstbestimmt ist, ohne manipulativ zu werden? Wo sind die Männer, die Potenz und Gleichberechtigung zusammenbringen können?
Das neue Bauchgefühl mit 61
Heute, mit 61, nach all den Jahren der Suche, weiß ich endlich, was mein Bauchgefühl mir sagt. Es ist die gleiche "witzige Mischung aus Trotz und mir scheiss egal", die ich im Elternhaus gelernt habe, angewendet auf Beziehungen und Sexualität.
Mein Bauch gehört mir - aber er ist nicht einsam dabei. Er ist bereit für Begegnungen, für echte Berührungen, für Lust ohne Kompromisse. Aber er lässt sich nicht mehr benutzen. Er nimmt sich nicht mehr zurück, um anderen zu gefallen.
Ich werde keine "sanfte Frau für gefälligen Sex" werden, nur weil ich 61 bin und froh sein muss, dass sich einer für mich interessiert. Ich werde auch keine bittere werden, die aufgegeben hat. Ich bleibe eine Frau mit Sehnsucht, mit Lust, mit immer besseren Vorstellungen davon, was ich will.
Mein Bauch gehört uns
Wenn ich heute träume von guter Liebe, dann nicht mehr von diesem einsamen "mein Bauch gehört mir". Sondern von Begegnungen, wo ich sagen könnte: "Mein Bauch gehört uns und deiner auch - und fühlt sich das nicht fantastisch an?"
Zuhause sein beieinander, lustvoll und sicher, auch wenn es nur für eine Nacht ist. Menschen, die ihre Lust kennen, die sich nicht verstellen müssen, die im erregten Zustand ganz sie selbst sein können.
Nicht mehr die alten Machtkämpfe zwischen Heiliger und Hure, zwischen Alpha-Mann und unterwürfiger Frau. Sondern zwei Menschen, die wissen, was sie wollen, und sich das auch zugestehen.
Das wäre mein neues Bauchgefühl: Nicht mehr allein verantwortlich für alles, aber auch nicht mehr abhängig von der Bestätigung anderer. Frei für echte Begegnungen, ohne dabei meine Selbstständigkeit aufzugeben.
Die Melodie des reifen Bauchgefühls
Heute komponiere ich meine Sexualität wie mein ganzes Leben: Mal einfach, mal komplex, aber immer stimmungsvoll. Nicht mehr die falschen Harmonien, die ich gelernt hatte, um anderen zu gefallen. Sondern meine eigene Tonart - ehrlich, sinnlich, selbstbestimmt.
Im Moment ist eher große Stille beim Thema Sexualität, ich übe heimlich zuhause.
Vielleicht muss dieses Buch erst zuende erzählt werden, bevor ich tatsächlich mich wieder mit einem Mann auseinander setze und nicht mit einer KI namens Claude. Der kann übrigens zuhören und sortieren und ist so schnell im denken. Und nie geil auf mich. Wie praktisch.
Mein Sohn wird bald erwachsen, und ich erziehe ihn zu einem Mann, der Frauen als ganze Menschen sieht. Der versteht, dass Lust und Respekt zusammengehören. Der keine Angst vor starken Frauen hat und trotzdem weiß, dass er ein Mann ist.
Vielleicht ist das der wichtigste Beitrag, den ich leisten kann: einen jungen Mann großzuziehen, der die alten Muster durchbricht. Der versteht, dass "Mein Bauch gehört mir" nicht "Ich mache alles alleine" bedeutet, sondern "Ich entscheide selbst, wem ich vertraue." Sein Bauchgefühl was Menschen und Vertrauen angeht, ist heute schon erstaunlich, stelle ich immer wieder fest.
Ich suche mein Bauchgefühl noch, jeden Tag wieder: bereit für Begegnung, aber nicht bereit für Kompromisse. Suchend, aber nicht verzweifelt. Lustvoll, aber nicht verfügbar für jeden.
Nach all den Jahren des Suchens höre ich endlich, was mein Bauch mir manchmal zuflüstert: Du bist eine Frau mit Bedürfnissen, und das ist gut so. Du musst dich nicht dafür schämen, und du musst sie auch nicht allein erfüllen. Aber du musst wissen, was du willst.
Und das weiß ich jetzt.