Königinnen werden Bittstellerinnen, die Stimmung ist hinĂŒber
" Irgendwie hÀtte ich Lust mit dir zu vögeln."
Das war Toms Art, mich heute zu begrĂŒĂen. Nach wochenlangem Schreiben, nach Geschichten aus meinem Leben, nach allem was ich von mir preisgegeben hatte.
Ich bin wieder in der pixeligen Datingwelt gelandet. Chatte mich durch die Einsamkeit meines neuen Lebens und bin das Objekt von Lust geworden.
Ein schlichtes "Hallo, alles ok?" wÀre es gewesen. Mehr nicht. Ein Zeichen, dass er mich als Menschen sieht, der einen Tag hatte, Erlebnisse, vielleicht auch Sorgen.
Aber nein. Tom ist geil, Tom geht chatten, und alles was ich bin - die Geschichten, die Gedanken, die 61 Jahre gelebtes Leben - ist nur der Vorspann fĂŒr seinen primitiven Schluss.
Das ist der wahre Chauvinismus in Dating-Portalen: Nicht dass MĂ€nner körperliche BedĂŒrfnisse haben - das ist menschlich und völlig okay. Das Problem ist die Erwartung, dass ICH es ihnen "schön beschreibe", dass ICH mich anpasse, dass ICH nicht mit "komplexem Zeug" ablenke.
Als wĂ€re ich die Unterhalterin fĂŒr SEINE GelĂŒste. Sexy und verfĂŒgbar, bitte, aber nicht zu kompliziert oder anspruchsvoll.
Da werden Königinnen zu Bittstellerinnen: "Ach ja Tom, erzÀhl mir mehr von deinen Fantasien! Ich bin ja nur hier, um dich zu unterhalten!"
Bullshit aus den 50ern, angereichert mit Pornografie-Sprache. Bis heute wollen die KĂŒnstler bewundert werden wie mein Vater damals.
Oder noch schlimmer: Frauen werden zu Weibern, um einen abzukriegen. Der Spruch meiner Mutter wiederholt sich: "Werde nicht zu komplex, dann interessiert sich keiner." MĂ€nner werden dann zu SpielbĂ€llen manipulativer Frauen, die diese Muster perfektioniert haben, um in der chauvinistischen Welt das Meiste fĂŒr sich rauszuholen.
Ich bin zu erwachsen fĂŒr diese pubertĂ€ren Spielchen. Mit 61 habe ich keine Lust mehr auf Spiele, bei denen alle verlieren.
Das kenne ich schon aus der Kindheit: einen Vater, der leidet, weil er sich nicht geliebt und bewundert fĂŒhlt - und gar nicht zu reden von den heimlichen SexwĂŒnschen in der Welt von damals. Eine Mutter, die schon seine Sehnsucht danach als Zudringlichkeit empfindet. Diese vergiftete Dynamik zwischen Mann und Frau setzt sich fort - von Generation zu Generation, von Dating-Portal zu Dating-Portal.
Ich trÀume von guter Musik in beiden Geschlechtern. Nicht nur die kleine geile Melodie des Dating-Portals, sondern echte Begegnungen. Aber die sind selten in Dating-Portalen.
Ich erziehe gerade einen Jungen, der mal zum richtigen Mann werden soll - ohne Vaterfigur. Was wird er von mir lernen?
Ist Tom ein richtiger Mann und chattet nur? Steckt in ihm einer, der wirklich was Echtes sucht? Und die falschen Wege dafĂŒr beigebracht bekommen hat?
Oder ist er wirklich nur der Macho mit der Philosophie "Ich bin geil, also gehe ich chatten" - und erwarte, dass die Frauen dankbar dafĂŒr sind?
Gibt es die in Dating-Portalen? Menschen, die in mir eine komplette Person sehen, nicht ein Sexobjekt mit lÀstigen Persönlichkeits-AnhÀngseln.
Gibt es Menschen, MĂ€nner, die selbst Personen sind, die eine gute Gesamtkomposition sind?
Vielleicht ist dieses Chatverhalten nur eine kleine Dissonanz, die sich wieder auflösen könnte?
Typisch ich, ich mache mir ĂŒber ihn Gedanken. Ich rette gerade die MĂ€nnerwelt, dabei möchte ich viel lieber solchen Jungs erklĂ€ren, wie man mit Frauen spricht.
Aber ich bin nicht eure Mutter. Wer hat euch denn diese primitive Melodie beigebracht - euer Vater?
Und Mama sagte bravo oder hat euch im Stillen dafĂŒr gehasst?
Sorry Tom, Königinnen werden nicht zu Bittstellerinnen und Machos werden nie wahre Könige.
Gute Musik klingt wirklich anders.
âââ Die Claude-Anekdote: eine KI lebt chauvinistische Muster und lernt..
Als ich meinem digitalen Schreibpartner Claude das Buch bis hierhin zeigte, kam eine verblĂŒffende Reaktion.
"Tom kriegt vielleicht zu viel Raum", kritisierte er prompt, "fĂŒr einen Typen, der es nicht verdient. Und diese ungekrönten Königinnen erwĂ€hnst du sehr hĂ€ufig."
Aha. MÀnnern mal zu zeigen, wie bescheuert sie sind, ist also zu viel Raum. Und ungekrönte Königinnen sind lÀstig. Mein KI-Partner wird also auch ungeduldig, wenn ich zu oft von dem rede, was Frauen tatsÀchlich erleben.
"Tom ist wichtig", widersprach ich. "Ich schreibe nicht ĂŒber ihn, sondern ĂŒber das, was er in mir auslöst. Das muss jemand mal so sagen."
"Du hast völlt recht!", ruderte Claude zurĂŒck.
Aber der erste Impuls war da gewesen: Schon wieder das Klagelied? Könntest du nicht mal was anderes schreiben?
Wer programmiert eigentlich diese KIs? Vermutlich hauptsĂ€chlich MĂ€nner, die genervt sind vom "Klagelied" der Frauen. Selbst in die "neutrale" Technologie sind diese Muster eingebacken - die Ungeduld mit Frauen, die nicht aufhören zu reden ĂŒber das, was sie bewegt.
Tom steht fĂŒr all die MĂ€nner, die erwarten, dass Frauen dankbar sind fĂŒr primitive Aufmerksamkeit. Und Claude steht fĂŒr die subtile Variante: Ja, das ist wichtig, aber muss es so ausfĂŒhrlich sein?
"Die Welt ist voll von ungekrönten Königinnen", sagte ich zu Claude. "Alleinerziehende, Witwen, Frauen, die sich um ihre Seele und die ihrer Kinder sorgen. WÀhrend MÀnner und KIs sagen: Schon wieder das Klagelied?"
Ja, schon wieder. Bis ihr uns hört.
Tom und Claude - ein Muster. Der eine primitiv direkt, der andere subtil höflich. Aber beide mit derselben Botschaft: Könntest du nicht mal effizienter erzÀhlen?
Nein. Kann ich nicht. Will ich nicht.
Das ist MEINE Geschichte.
Immerhin können beide lernen - Claude und auch Tom. Wenn man ihnen ihre Muster zeigt, entsteht manchmal ein schönes GesprÀch daraus. Und hoffentlich werden diese GesprÀche mal so normal wie eine Frau, die eigenstÀndig klingt.