Kapitel 10: HERZ AUS DEM TAKT

Wenn der Körper streikt und das Leben trotzdem weitergeht


Vier Jahre danach - Kardiologen-Termin

Kardiologie. Vier Jahre nach dem Herzinfarkt.
Ich musste gar nicht warten. Direkt dran, Name aufgerufen, rein ins erste Zimmer. Die junge Arzthelferin macht das EKG, wir kommen ins Gespräch. Über Krankenversicherung erst, dann über Rente - wie das so ist, wenn man mit 61 beim Arzt sitzt.

"Mein Papa sagt immer zu mir: Du gehst mit 100 in Rente!", lacht sie. Ihr Papa ist 39.

"Na", sage ich, "ich gehe in 5 Jahren!"

Da steht eine erwachsene Frau vor mir. Arbeitet, trägt Verantwortung, macht professionell mein EKG. Und ihr Papa ist 39 Jahre alt. Ich fahre nachher nach Hause zu meinem 17-jährigen Sohn.

Das ist schon ziemlich verrückt, wenn man es mal so nebeneinanderstellt. Diese Arzthelferin könnte meine Enkelin sein, ihr Papa könnte schon mein Sohn sein - und ich erziehe noch einen Abiturienten.

"So, Sie können ins andere Zimmer", sagt sie. "Der Doktor kommt gleich."

Zweites Warten. Mit nacktem Oberkörper diesmal, nach dem EKG. Ich denke über diese Generationenverwirrung nach. Während andere in meinem Alter längst Großmutter sind, komponiere ich noch immer mein Leben zwischen Teenager-Erziehung und Herzinfarkt-Nachsorge.

Mein Leben passt nicht in die normalen Muster, aber es ist mein Leben. Meine eigene Melodie zwischen Takten, bis ja bis alles aus dem Takt gerät.

Der Kardiologe kommt. Das Ritual beginnt.

"Sie rauchen noch?"


Die Frage kommt. Wie immer. Wir beide wissen, was jetzt passiert. Ein Ritual, das wir immer durchspielen.


"Ja", sage ich. Ehrlich. Zeige ihm die anderen Werte. Die sind gut. Sehr gut sogar.


"Sie wissen, dass das ein Risikofaktor ist", sagt er. Pflichtgemäß. Wie immer.
"Ja", sage ich. "Aber Stress auch."

Er zeigt mir im Ultraschall die kaputte Herzecke. Erklärt es in seiner typisch männlichen Arzt-Sprache:

"Porsche fahren mit 180 auf der Autobahn ist nicht mehr. Aber so Kleinwagen mit 120 - das geht gut. Reicht ja auch." Dann fügt er hinzu: "Das können wir nicht mehr reparieren, das ist zu."

"Kommen Sie erst in zwei Jahren wieder", sagt der Kardiologe.

Beim Rausgehen sage ich zur Arzthelferin: "Ich muss erst in zwei Jahren wiederkommen, alles okay. Ich komm nicht mehr so oft."

"Oh schade", sagt sie. Ein süßer Moment. Als würde sie mich vermissen.

Vier Jahre nach dem Herzinfarkt ist das die schönste Melodie der Welt: "Kleinwagen mit 120 - das geht gut." Es ist wunderbar, dass es reicht. Ich kann wieder ohne Angst leben.

Aber wie kam es dazu? Zurück zu jener Nacht, die alles änderte.

Die Nacht, die alles änderte


Es war mitten in der Nacht, und ich chattete noch mit einem Bekannten. "Mir tut die Brust so weh", schrieb ich ihm. "Das ist alles ganz komisch."

"Reg dich nicht so auf", antwortete er. "Das war alles bisschen viel in letzter Zeit."

Dann hab ich mich ins Bett gelegt. Der Schmerz hört nicht auf. Beim wieder Aufstehen kamen diese tierischen Schmerzen - so heftig, dass ich sofort wusste: Das ist nichts Harmloses. Das ist der Moment, vor dem man sich immer gefürchtet hat, ohne zu wissen, wie er sich anfühlt.

Ich wählte den Notruf, schaffte es noch, die Haustür zu öffnen, dann legte ich mich aufs Sofa und wartete. Aber da war ein Problem: Mein Sohn war alleine im Haus. Ich konnte nicht einfach mitfahren und ihn zurücklassen.

Also wartete ich. Mit einem Herzinfarkt im Gange wartete ich, bis ein Rettungssanitäter meine Schwester im anderen Haus zweihundert Meter weiter aufgeweckt hatte. Mitten in der Nacht kam sie völlig überrascht mit ihm zurück - ein Rettungssanitäter hatte geklingelt, ihre Schwester wartete mit einem Infarkt auf sie. Sie stand völlig schockiert im Haus, und mein Sohn, der auch erwacht war, stand neben ihr. Dann konnte ich ins Krankenhaus.

Meine Schwester und mein Sohn standen da und sahen zu, wie ich in den Rettungswagen kam. Es war ein surrealer Moment - als würde das Leben plötzlich einen anderen Film abspielen, einen, in dem ich nicht die Regisseurin war, sondern nur noch eine Statistin in meiner eigenen Geschichte.

Ich hatte Glück: Der Notarzt war ein älterer, ruhiger Mann - ein echtes Geschenk in dieser chaotischen Nacht. "Was geschieht jetzt?", fragte ich ihn, und er erklärte mir alles ganz gelassen: die Katheteruntersuchung, den Stent, den Ablauf. Seine Ruhe übertrug sich auf mich. Obwohl ich Schmerzen hatte, konnte ich normal mit ihm sprechen.

Um elf Uhr abends war ich noch zu Hause gewesen, um halb zwei nachts war ich bereits aus der Katheteruntersuchung raus. Ein Stent war gesetzt, mein Herz schlug wieder im richtigen Takt. Ich lag in einem hochgestellten Bett in der Notaufnahme und dachte: Das war's jetzt. Der Schreck ist vorbei.

Der falsche Warnschuss


Am nächsten Morgen konnte ich schon wieder aus der Schnabeltasse Kaffee trinken. Meine Schwester durfte mich besuchen - Corona machte auch das kompliziert, aber sie kam durch. Ich lag da und überlegte, wie es wohl weitergehen würde.

Am dritten Tag kam der Arzt zu mir. "Wie geht es Ihnen denn?"

"Ich hab den Warnschuss gehört", sagte ich. So sagt man das, wenn man meint, man hat verstanden und wird jetzt vernünftiger leben.

Er schaute mich ernst an. "Das war kein Warnschuss. Das waren Schüsse voll in die Brust. Sie sollten das alles etwas ernster nehmen."

Er hatte so recht. Das war nicht nur ein Paukenschlag in einer großen Sinfonie gewesen - es war der komplette Abbruch des Konzerts. Und dann Wiederbelebung. Und wieder von vorne.

Am vierten Tag durfte mein Sohn mich besuchen. Und dann wieder von vorne. Die Melodien setzten wieder ein. Wir fingen wieder an, zusammenzuklingen. Er hatte nicht angerufen in den Tagen, wo ich in der Klinik war - ihm war das alles sehr unheimlich gewesen. Aber jetzt saßen wir zusammen, und langsam fand unser Duett zurück zu seinem Rhythmus.

Am fünften Tag sagten sie, ich wäre jetzt rehafähig. "Nee", sagte ich. "Ich geh nach Hause."

Mein Sohn sollte während meiner Kliniktage bei meiner Schwester bleiben, aber er hatte sich immer wieder ins Haus zurückgezogen. Er wollte lieber alleine im Haus sein als bei meiner Schwester. Nur zum Essen und zum Schlafen ging er zu ihr, dann wartete er wieder, dass seine gewohnte Welt losgeht und Mama heimkommt. Wir wollten wieder zusammen sein - in unserem Traumhaus, das aus einem Traumahaus entstanden war.

Ich dachte einfach: Ich schaff das schon. Das Schlimmste ist vorbei, und jetzt hört es auf.

Die große soziale Stille


Aber es hörte nicht auf. Zu Hause angekommen, begann eine Zeit, die ich heute "die große soziale Stille" nenne.

Wochenlang kotzte ich nachts. Die Medikamente vertrug ich nicht, mein Körper rebellierte gegen alles - gegen die Pillen, gegen die Anstrengung, gegen das Leben selbst. Ich kam überhaupt nicht auf die Füße. Ich atmete nur noch und versuchte zu überleben.

Aber das Wichtigste war: Ich war im Haus, und mein Sohn war da. Meine Schwester kaufte ein, kam ab und zu vorbei. Wir kümmerten uns umeinander, so gut es ging. Ganz seltene Besucher und meine Schwester kamen nur ganz kurz vorbei. Wir beide bildeten ein kleines Überlebens-Duett in unserem stillen Haus.

Die anderen waren irritiert am Telefon: "Warum gehst du nicht in die Reha?" Sie verstanden nicht, dass das für mich unmöglich war. Wie sollte ich weggehen, wenn mein Sohn mich brauchte? Wenn wir beide gerade dabei waren, uns wieder zu finden in unserem neuen, langsamen Rhythmus?

Ein halbes Jahr lang lebte ich in kompletter sozialer Stille. Ganz wenige Besucher, wenig Anrufe und mein Sohn im Haus. Mehr gab es nicht in dieser Zeit. Ich war nicht in der Lage, irgendetwas anderes wahrzunehmen außer dem nackten Überleben.

Meine Mama rief mich an. Regelmäßig, besorgt, liebevoll. "Wie geht es dir?", fragte sie immer. "Du kannst mir hier ja nicht helfen. Du hattest ja deinen Herzinfarkt, ich hab mir wahnsinnige Sorgen gemacht."

Mamas Anrufe waren typisch für die ungekrönten Königinnen in unserer Familie. Für die hilflosen Helfer, für die, die sich zuerst um andere kümmern und sich hinten anstellen. Papa war dement geworden, und wir beide waren uns so ähnlich in unserem Verhalten: hinten anstellen, fragen, wie's dem anderen geht, nie nach sich selbst schauen. Sie fragte nach mir, obwohl sie selbst kurz vor dem Zusammenbruch stand.

Diese Telefonate waren die Ankündigung einer kommenden Dissonanz. Ein halbes Jahr später würde sie tot sein, aber das wussten wir beide noch nicht.

Was ich in dieser Zeit lernte: Manchmal muss man sich komplett zurückziehen, um überhaupt wieder lebensfähig zu werden. So eine Pause macht erst wieder möglich, alles andere in ein Leben zu lassen. Es war keine verlorene Zeit - es war heilsame Zeit.

Der Weg zurück ins Leben - Reha


Im Dezember war ich stabil genug für die ambulante Reha. Dreißig, vierzig Kilometer Fahrt, jeden Tag, drei Wochen lang. Auch das war geprägt von Corona - Einzelplätze in der Rehaklinik, Abstand, Vorsicht.

Das Einzige, was ich dort wirklich auf die Reihe bringen wollte: pünktlich zu Hause sein, wenn mein Sohn aus der Schule kam. "Sind Sie eine verrückte Mama?", hätte jemand fragen können. Ja, bin ich. Und das ist gut so.

In der Reha lernte ich erstaunliche Dinge: Ausdauertraining bedeutet zwanzigminütige Spaziergänge. Man kann Diabetes anders einstellen. Man muss nicht in die Nichtrauchergruppe, wenn man einfach mal von der Gesundheits-To-Do-Liste runterkommt und lernt zu entspannen. Langsame Bewegungen mit einer Pulsuhr können Wunder wirken.

Weihnachten 2021. Dann Wiedereingliederung. Im Februar war 2022 ich wieder im Dienst. Juli 2025 scherze ich wieder mit dem Kardiologen übers Rauchen.

Aus dem Takt war mein Herz geraten, aber es hatte einen neuen Rhythmus gefunden. Einen langsameren, bewussteren Takt. Kleinwagen mit 120 statt Porsche mit 180.

Heute, vier Jahre später, kann ich sagen: Der neue Weg ist besser. Die große Stille führte zu einem ganz neuen Aufbau. Ich habe die Fragmente von Musik vor diesem Tag mitgenommen und wieder ein ganz neues musikalisches Werk geschaffen. Ein Herz, das aus dem Takt war, braucht einen anderen Rhythmus.