Kapitel 9: SOLOPART

Umstimmung - aus Solo wird ein Duett



13:25 Uhr. Pizza im Backofen, Sohn im Bad, ich muss um 15 Uhr zur Arbeit. 1,5 Stunden Fahrt vor mir, Diabetes im Gepäck, und nur eine Banane als Verpflegung.


"Kannst du nicht warten?" hatte ich gefragt, als er Richtung Bad verschwand. "Ich hätte gewartet", sagte er. "Du hast mich doch geschickt!"


Stimmt. Ich Doofe. Bei 1000 Dingen im Kopf (Pizza, Fahrt, Blutzucker, Zeit, Buchideen) hatte ich ihn ins Bad geschickt und dann gemeckert, dass er das Bad blockiert. Klassische Mutter-unter-Stress-Logik.


"Mach keinen Film draus!", war sein Kommentar. Der kleine Dramatiker beschwert sich über MEIN Drama-machen.


Das ist unser Solopart: Ein Team aus Mutter und Sohn, das sich liebevoll-genervt durch den Alltag manövriert. Sechs Jahre haben wir zusammen überlebt - er seine Kindheit mit schlimmen Erlebnissen, viel Kummer, den er in sich reingefressen hat, bis er ein ordentliches Kampfgewicht als großer junger Mann bekommen hat, ich meine Neu-Erfindung als alleinerziehende Mutter nach dem Herzinfarkt.
Bald macht er Abitur, der erste aus der Familie aus der er entsammt, er wird selbstständiger, und ich lerne gerade: "Wer bin ich, wenn ich nicht gerade jemanden rette?"
Die Antwort entsteht in solchen Momenten: Ich bin die, die aus Wartezeiten Buchkapitel macht. Die zwischen heizenden Backöfen und duschenden Teenagern ihre Geschichten komponiert. Die auch unter Zeitdruck noch systematisch denkt: "Das muss ins Buch!"
13:33 Uhr. Er kommt aus dem Bad, die Pizza ist fertig. Backofen piepst. Perfektes Timing, als hätten wir uns abgesprochen.
Das ist unser Leben: Improvisierte Harmonie zwischen zwei Menschen, die beide gelernt haben, dass Pläne schön sind, aber das echte Leben seinen eigenen Rhythmus hat.
Ich renne ins Bad, er holt die Pizza raus. Jeder macht, was nötig ist. Das nennt man wohl erwachsen werden - beide.
Der Solopart wird zum Duett, auch wenn wir nicht zusammen proben.



Jesper Juul - Der andere Weg


Wird Zeit, dass alle aufhören, in diese Klischee-Antworten zu verfallen: "schwer erziehbar" und "böser Teenager" und "blöde Mama, die ihm alles hinterherträgt". Wir Mütter mit 'besonderen' Kindern, vor allem die Alleinerziehenden, sehen das anders als die leistungsorientierte lieblose Welt.
Ich war ziemlich sauer, als Claude mal von meinem 'schwer-erziehbaren' Jungen sprach. " Nenne ihn nicht so, sag lieber besonders. Und lies mal Jesper Juul." Was er tat.
"Jesper Juuls Erkenntnis macht alles klarer: "Kinder lieben es zu kooperieren... wenn sie aufhören, wurde entweder ihre Kooperationsbereitschaft überstrapaziert oder ihre Integrität verletzt." So ist es Claude, das meine ich - das geht nicht anders.

Das ist unser Solopart: Wir kooperieren. Nicht nach den Regeln der Supernanny-Welt, sondern nach unserer eigenen Melodie. Ich liebe Jesper Juul. Im Grunde hätte ich diese Idee der Gleichwürdigkeit gerne selbst geschrieben, aber es tut so gut zu wissen, dass ein alter Mann so denkt - ganz im Gegensatz zur Supernanny und all den anderen, die glauben, Erziehung sei ein Kampf, den man gewinnen muss.
Unser Team funktioniert anders. Schritt für Schritt, ohne diese ewigen Machtkämpfe.
Ich liebe seine Antwort auf meine blöde Testfrage. Hast du mich lieb?
Er antwortete: "Natürlich!"
Ein Wort. Aber es ändert alles.
Das ist unser Solopart: Wir haben unsere eigene Melodie komponiert - ohne die alten, grausamen Melodien, die einem das Herz brechen. Bei uns ist Liebe kein "wenn ich Zeit habe". Bei uns ist Liebe "natürlich".
Mein besonderes Kind, das wieder lebensfähig wurde nach dem Trauma, hat mir die schönste Antwort geschenkt. Nicht nur, aber auch dank mir ist er toll geworden. Ein junger Mann, der weiß, dass Liebe keine Bedingungen braucht.
Das ist unser Duett, auch wenn wir nicht zusammen proben.