Mein Vater, der Kirchenmusiker, und meine Mutter, die ungekrönte Königin
"Vermutlich hätte mein Vater gesagt, es geht in der Kirche um Gott und Jesus und nicht um Menschen und seine Frau hätte gesagt, macht nicht soviele Worte und Gedöns."
So habe ich das Gedenkkonzert für meine Eltern eröffnet. Wenige Wochen nach ihrem Tod stand ich in einer großen Kirche, drei Chöre machten wunderbare Musik, während ich nach nach Worten suchte für ein Leben zwischen den Tönen - zwischen seiner großen Musik und ihrer eigenwilligen Hingabe, zwischen Träumen und Realität, zwischen Gott loben und Butterbrezeln schmieren.
Sie starben, wie sie gelebt hatten - er konnte nicht ohne sie.
70 Stunden nach dem Tod meiner Mutter stand mein Vater einfach nicht mehr auf, schlief friedlich ein in der Kurzzeitpflege.
"Man könnte meinen, auch das hat sie für ihn vorbereitet" , sagte ich damals, "Ich stelle mir vor, dass die beiden auch da wo sie jetzt sind, noch einiges miteinander zu klären haben, wie immer - in irgendeiner Küche bestimmt bei Kaffee oder einem Glas Wein... diskutierend."
Das war mein Leben - zwischen diesen beiden Tönen aufzuwachsen, die so unterschiedlich klangen und doch zusammen eine Melodie ergaben. Aber es waren komplizierte Harmonien, voller Dissonanzen und unerwarteter Wendungen.
Brahms-Requiem und der Traum vom Künstlerleben
Man erzählt sich, sie waren zusammen im Brahms-Requiem. Er 22, sie 16. Er der Sohn eines Chrischona-Predigers, fromm und einfach aufgewachsen. Sie die Tochter zweier Lehrer, ihre Mutter hatte sogar Abitur vor dem Krieg. Sie wollte raus aus der bürgerlichen Lehrerwelt. Sie wollte einen Künstler heiraten, wollte Musik, wollte "was Besonderes haben".
Mit sechzehn folgte sie diesem Mann, der sechs Jahre älter war und von großer Musik träumte.
Und wie wenig künstlerisch war ihr Dasein dann.
Der junge Kantor kam 1960 in meine Geburtsstadt, 26 Jahre alt, frisch vom Kirchenmusikstudium - das er irgendwie hinbekommen hat nach der Volksschule die im fünften Jahr mit dem Krieg aufhörte und einer Drogistenlehre.
Er war der "Boy seines Professors", der seine große Begeisterung für die Kirchenmusik schon verstand bei der Aufnahmeprüfung, ihn aber erst nochmal nach Hause zum "Üben" geschickt hatte. Papa war sich damals nicht sicher bei seinen großen Plänen. Er erzählte uns später, er habe sich jedes Mal übergeben, bevor er sich sonntags an die Orgel setzte. Dass er mal eine Kantate dirigieren würde, war eher Traum als Realität. Aber er tat es und was alles entstand. Er hat alles aufgeführt, was es an großer und kleine Kirchenmusik gab, hatte Heerscharen von Chorleuten und Musikern um sich heraum und wurde der Chef des großen Kirchenmusikimperiums.
Meine Mutter brauchte noch die Unterschrift ihres Vaters, um den jungen Musiker zu heiraten. Was aus ihr werden sollte - das stand zwischen den Tönen seiner Träume. Mit 20 geheiratet mit 21 Mutter, mit 24 Jahren kam ich als drittes Kind zur Welt. Die kleine Schwester folgte nach dem Hausbau 7 Jahre später.Ich hatte zwei Schwestern, die Große und die Kleine und einen Bruder, nur 14 Monate älter als ich.
Papa war täglich unter Stress, weil er Unglaubliches produzierte für jemanden seiner Herkunft. Bei den Handwerkern, Bauern und Chorleuten war er "der große Mensch" - er kannte alle Telefonnummern der Chorleiter auswendig, fuhr mit dem Fahrrad durchs Land (bis der Dekan einen Führerschein verlangte), Plakate auf dem Gepäckträger.
In der intellektuellen Welt kam er nicht zurecht. Als er in der Landessynode war, dem obersten Gremium der Landeskirche, konnte er sprachlich nicht mithalten. Seine Antwort war, zu Hause umso mehr den Ton anzugeben, in seinem safe space, bei seinen Leuten.
Mein Vater wuchs an seinen Aufgaben und 1980 dirigierte er zum ersten Mal selbst das Brahmsrequiem. Was für ein Leben, das des Meisters der großen Musik.
Für ihn gab es keine falsche Musik zu Gottes Lob. Als ich später als Popmusik-Beauftragte arbeitete, sagte Mama oft zu mir:
"Mein Gott hört nur Bach" und "die singen alle nicht richtig." Aber Papa nahm mich zur Seite: "Jede Musik ist richtig für Gott. Wenn ich mehr davon verstehen würde, würde ich noch ganz andere Sachen machen."
Zwölf Chöre pro Woche dirigierte er, jeden Tag um fünf spätestens aus dem Haus, nachts zurück. Zweimal die Woche ging er vor dem Mittagessen ins Schwimmbad - 1000 m schwimmen, seine Erholung, während Mama das Essen vorbereitet oder die Alten im Haus pflegte, die selbstverständlich bei uns im Haus pflegebedürftig waren und versorgt wurden.
Die Kinder sammelte Papa nach dem Schwimmen vor der Schule ein, "damit alle da sind zum gemeinsamen Essen", das manchmal einem Pulverfaß glich wegen der Spannung in der Luft, aber immer mit einem frommen Andachtszettel endete, den erst Papa und später auch ich vorlas. Dann schmiss uns Mama aus der Küche, machte den Abwasch und legte sich hin, bis es Kaffee gab um halb vier nachmittags, auch für die Klavierschüler, die zuerst 40 an der Zahl waren jede Woche. Kaffeeduft und Zigarettenrauch und alles erzählen können, das war Mamas Anwesenheit im Haus.
Diese kleine Mittagsruhe kurz vorm Kaffee, das war ihre Stunde am Nachmittag - das war ihre einzige Zeit für sich selbst. Ansonsten war sie für die anderen Leute da, bevor sie so kurz nach 20 Uhr auf der Couch einschlief.
Meine Mutter war eine ungekrönte Königin, eine typische Frau in den 60/70 ern. Zuarbeiten, sorgen, dass die Meister und Herren der Welt es angenehm hatten. Die heimliche Leitung vieler Unternehmer dieser Zeit, sie waren ungekrönte Königinnen, weil nie jemand sagen würde, "das ist die wahre Herrscherin im Hintergrund".
Mama war diejenige, die Schreibmaschine schreiben konnte. Das hieß: Wenn er Programme machte, tippte sie auf einer alten Schreibmaschine. Sie war seine gesamte Infrastruktur - schrieb, organisierte, schmiss das Büro des Kantors, war Chormutter für alle, kochte 40 Klavierschülern Kaffee und quatschte mit allen. Nie bekam sie einen Pfennig dafür.
Sie war einige Jahre im Ältestenkreis und durfte ein bisschen mitentscheiden, aber im Grunde war sie dort "seine Stimme" - die Vertreterin seiner Ideen, während er den Applaus bekam. Ihren kleinen Kaffeeklatsch in der Nachbarschaft - sie siezten sich bis zuletzt - diese Damen, war das einzige, was sie für sich hatte. Papa fand das "unnötig; dass sie jetzt außer Haus mit diesen Weibern tratscht, die von nix eine Ahnung haben."
Mama war eine weise Frau irgendwie, sie war klug, und kam in der intellektuellen Welt besser zurecht als er. Aber er bekam die Bühne. Sie den Haushalt und die Kinder.
Sonntags zwischen den Tönen
Sonntags nach dem Gottesdienst - wir alle waren jeden Sonntag oben auf der großen Empore der Kirche nahe beim Kantor, bei den "besonderen" Leuten, nicht unten "beim Volk" und sangen mit den Chorleuten, die da waren die - die Liturgie, wenn nicht eh wieder was aufgeführt wurde. Dann gingen wir nach Hause zum Mittagessen, das Mama bereits vorgekocht hatte am Samstag. Danach war Predigtnachbesprechung am Küchentisch.
Papa erklärte uns dann , dass der Pfarrer wieder nicht genug von Jesus und seiner Erlösung für uns erzählt hatte. Wenn Mama dann was sagte, fuhr er ihr barsch über den Mund. Er wisse schon, was wichtig sei im Leben und im Glauben.
Mama machte dann den Haushaltstrick, sagte "jetzt haben wir lange genug gequatscht, wer liest die Andacht, holte sich einen Aschenbecher und zündete sich schonmal eine Zigarette an."
Naja das tat sie solange der Prediger Opa nicht im Haus war wegen der Pflege seiner Frau. Ich bin mir nicht einmal mehr sicher, ob wir vorher Andacht gehalten hatten. Aber seitdem auf alle Fälle.
Als der Prediger-Opa im Hause war, mutierte meine Mama zu einer anderen.Sie verschwand heimlich rauchend in einer Speisekammer. Sie wurde kleinlaut und hat sich mehr als einmal bei uns Kindern ausgeheult, dass alles soviel sei.
Währenddessen kamen fromme Besucher, die für meine sterbende Oma beteten und wieder Kaffee bekamen von der Mutter aller Menschen, die zu uns ins Haus kamen. Mutter entzog sich der Heuchelei, indem sie einfach ihren Haushalt durchzog und auf Einhaltung der Zeit achtete.
Ich erlebte meinen Vater also in Chorproben, dozierend am Küchentisch oder als "das Kind auf der Orgelbank".
"Ich hab keinen Vater, der ist Kantor" war mein geflügeltes Wort dafür. So etwas sagte ich wirklich laut, immer öfter, als ich in die Pubertät kam.
Wenn er weg war zu Proben, war meine Mutter, die Königin. Ohne ihn bestimmte sie, was lief.
Die unbequemen Fragen
Als ich 17 oder 18 Jahre war, kam die Visitation - die Kirchenleitung zu Besuch, Papa bot alles auf, was er hatte. Der Dekan nannte das übrigens die "Streitmacht Kirchenmusik".
Der junge intelektuelle Dekan kam nicht zurecht mit dem alten Haudegen, der mein Vater war. Und dem ging der neue junge Chef gehörig gegen den Strich, war er doch inzwischen die Kulturgröße der Kleinstadt.
Natürlich war ihm wichtig beim Kirchenleitungsbesuch, das jemand seine Heerscharen von Musikern ordentlich würdigte und damit auch ihn.
Wer steht auf und stellt die unbequemen Fragen? Mitten im Saal? Ich.
Ich fragte, ob eigentlich irgendjemand mal das ehrenamtliche Engagement all dieser vielen Leute sieht. Ich stellte die Fragen, die er nur zu Hause am Küchentisch gestellt hatte. Mama war wohl wieder irgendwo hinten rum lästern oder Essen richten.
Das war der Anfang meines "die Stimme erheben".
Chorfahrten und Donnerwetter
Die Chorfahrten an den Wochenenden jedes beginnenden Jahres, waren die Highlights meiner Jugend.
Wir fuhren in Schwarzwald und und probten da und waren im Schnee unterwegs. Auch bei den Proben war mein Vater der Chef, der dominierte, was gab es da "manches Donnerwetter". Vor allem, wenn zuviel Alkohol getrunken wurde.
Er konnte brüllen, auch vor versammelter Mannschaft, während Mama im Hintergrund dann mit allen redeten, damit nix eskalierte.
So manches mal sorgte sie aber auch dafür, dass es Missstimmung gab. Was für eine unheilige Stimmung gab es oft, wenn man beide gut kannte und spürte, wie sie beide irgendwie ihren Platz behaupten wollte.
"Pulverfass" - das sagten nicht nur wir Kinder, so fühlten sich viele Menschen in ihrer Nähe, wie auf einem Pulverfass.
Es war eigenwillig, weil all das eingebettet war in großartige Musik.
Ich höre heute noch den Klang, als wir Choräle vierstimmig singend durch den Schnee stapften und einkehrten im "Frieden" - so hieß das Gasthaus wirklich.
Ein altes Kurhaus war unser Tagungshaus. Hinten durch den Park, gab es ein zweites Gebäude, die "Weiße Villa" wo alle Jugendlichen untergebracht waren, bis auf die Kantorenkinder, die mussten ins Haupthaus.
Einmal war ich heimlich bei den anderen Jugendlichen und versteckte mich im Schrank, als Papa zur Kontrolle kam. 2 Uhr nachts. Er erwischte mich - Riesengeschrei.
Die nächsten Wochenenden durfte ich nicht mitfahren. Das war die schlimmste Strafe für mich, weil diese Fahrten meine schönsten Erlebnisse waren.
Wir sind anders als die anderen.
- das war das, was wir erlebten, wir Kantorenkinder.
Zwischen den Tönen erwachsen werden
Meine Eltern waren so unterschiedlich und zwischen ihnen zu leben war sich einfinden auf dem Pulverfass. Bloß nicht zündeln und zu laut dazwischen gehen, vorsichtig, klug formulieren. Das habe ich damals gelernt.
Aber auch noch was anderes. Ihr beider Leben war voller rührender Momente des Kümmerns, es war voller großartiger Musik, es waren soviele Menschen in dieser Chorfamilie.
Wir haben gesungen bei Beerdigungen und Hochzeiten. Wir haben gelacht und geweint und viel getratscht mit Mama, und wir vier Kinder hatten eben auch jeder von uns so vier bis fünf Chortermine die Woche.
Meine Eltern haben nicht gefragt, wann es zuviel wird. Sie haben einfach gemacht und sich vor nichts gedrückt, oft über die eigenen Grenzen hinweg Heute ist mir bewusst, wie sehr diese Haltung mich und andere überforderte.
Als mein Papa bereits mit 60 Jahren vor allem wegen dem Konflikt mit dem Dekan in den vorgezogenen Ruhestand ging - nach der zweiten Aufführung des Brahms-Requiems, mit dem alles angefangen hatte - verstand ich:
Das Leben spielt sich zwischen den Tönen ab. Zwischen den großen Momenten der Musik und den stillen Momenten des Kümmerns. Zwischen Träumen und Pragmatismus. Zwischen "Gott loben" und "macht nicht soviel Gedöns". Zwischen Donnerwetter und in Frieden einkehren.
"Gebt euren Kindern Wurzeln und Flügel", sagte ich am Schluss des Gedenkkonzerts.
Das bin ich heute - ein eigenes Gewächs aus ihren Tönen. Mit seinen Träumen und ihrer Bodenständigkeit. Mit seiner Musik und ihrem Pragmatismus. Mit dem Mut, die Stimme zu erheben - für ihn bei der Visitation, für sie am Küchentisch, für andere in meinem Leben.
Zwischen den Tönen komponiere ich mein eigenes Leben.
So waren die beiden - und so bin ich geworden.
Epilog: Durch die Augen der Enkelin
Es gibt noch eine andere Melodie, eine andere Sichtweise auf meine Eltern. Bei der kleinen Beerdigung nur in der Familie, hat eine andere uns ihre Stimme gegeben. Meine Nichte stand auf und hielt als Enkelin eine Trauerrede - voller Liebe und ohne die Dissonanzen, die ich als Tochter gehört hatte.
Unglaublich, dass sie das geschafft hat.
Witzigerweise erzählte sie aber liebevoll von den Andachtszetteln: "Bei den Großeltern wird vor dem Mittagessen gebetet und nach dem Mittagessen gelesen. Dabei haben die Losungen eine Vorderseite und eine Hinterseite. Eine Seite bezieht sich auf die Bibel und die andere Seite erzählt von einem weltlichen Bezug."
Was sie so süß fand - ich hatte es furchtbar gefunden, diese Losungen nach den Küchentischstreits vorlesen zu müssen. Für sie waren es liebevolle Rituale ihrer Großeltern, für mich waren sie Teil der Machtkämpfe am Familientisch.
Über Mama sagte sie:
💙"Meine Oma macht grandiose Linzertorte. Bei meiner Oma gibt es für die Enkel selbstgemachte Marmelade, Eszet-Schnitten und Butterbrezel zum Frühstück.
Der Geruch von Kaffee und ihrer ersten Zigarette hängt dabei noch in der Luft.
Meine Oma macht den besten Kartoffelsalat der Welt.
Das sage nicht nur ich, das sagen auch diejenigen, mit denen ich die eingepackten Reste geteilt habe.
Meine Oma liebt Krimis. Auch wenn sie dabei immer einschläft - Aber genau dann wieder aufwacht, wenn der Täter gefasst wird.
Meine Oma ist die Königin der Konversation. Keine Schlange am Bäcker, keine ausgesperrte Rauchergruppe vorm Lokal schweigt sich an, wenn sie da ist.
Meine Oma kann mit Menschen. Meine Oma findet dabei immer die richtigen Worte."
Und über Papa erzählte sie:
💙 "Meinem Opa war Musik wichtig. Mit Musik Gott zu loben.
Mein Opa hat dieser Überzeugung sein Leben gewidmet.
Seine Überzeugungskraft war ansteckend.
Er hat viele berührt, in seinem Glauben mitgerissen und Spuren hinterlassen."
Am Schluss fand sie das perfekte Bild, die Andachtszettel:
"Recht passend finde ich sie, um beide zu beschreiben. Vorder- und Rückseite einer Einheit. Eine Einheit, die erfüllt war mit Nächstenliebe, Treue, Hoffnung, Glaube an die Erlösung und an den Frieden."
Die Enkelin sah sie als harmonische Einheit - ich erlebte sie in ihrer komplexen, widersprüchlichen Menschlichkeit.
Beide Sichtweisen sind wahr. Das ist vielleicht die wichtigste Lektion: Menschen sind mehr als eine Melodie.
Sie sind ganze Symphonien - mit Harmonien und Dissonanzen, mit lauten und leisen Tönen.
Ich komponiere mein Leben zwischen allen diesen Tönen.