Kapitel 3: DIE BUTTERBREZELDIPLOMATIN

Zwischen Fronten - wenn explosive Stimmung herrscht


" Wir brauchen 1000 Butterbrezeln!", verkündete Papa am Esstisch mit der gleichen Würde, mit der er sonst Bachs Choräle dirigierte.

Mama legte die Gabel hin. "Ist dir klar, was das bedeutet? Die muss jemand abholen, man braucht Butter und Messer und Leute, die das machen. Geld wird nicht genug da sein, um die fertig zu bestellen, richtig?"

Um ehrlich zu sein, es waren keine 1000 und meine Mama hätte nie so gefragt. Ich hab das Butterbrezelbild wohl später mal erfunden, um deutlich zu machen, dass jede Buttebrezel das Ergebnis ist von kleinteiliger Arbeit und dass die nicht ohne erheblichen Aufwand vor einem liegen. Aber weiter in der erfundenen Erzählung.

Papa legte nach: "Ja, ist ja nur für die Generalprobe. Mit dem Orchester sind wir schon mehr als 100 Leute. Du weißt das Wochenende mit Elias, am Tag selbst brauchen wir dann auch was zu Essen. Wie wäre es mit belegten Broten? Bestell Brot beim Bäcker und macht was drauf. Die Belegten könnt Ihr ja dann auch fertig machen in der Küche während der Orchesterprobe am Aufführungstag."


Es war wieder soweit. Der große Kantor plante sein nächstes Konzert - diesmal Mendelssohns "Elias" - und wie immer dachte er nur an den Glanz, nicht an die Arbeit dahinter. In seinem Kopf sah er bereits die ehrfürchtigen Gesichter des Publikums, hörte den Applaus, spürte die Anerkennung für seine künstlerische Leistung.


Mama kannte das Spiel. Hinter jedem seiner musikalischen Triumphe stand eine ganze Familienproduktion. Wir alle würden wieder dabei sein - jeder mit seiner Rolle. Die 'Kleine' würde mit mir Nummern auslegen in den Kirchenbänken für den Kartenverkauf, der Sohn und die 'Große' Programme falten und die Kasse organisieren. Danach ab in die Küche zum Team, das 1000 Butterbrezeln schmierte. Mitgeprobt und gesungen haben wir natürlich auch, die drei Töchter, der Sohn und Mama.brezeln

"Das wird wunderbar!", schwärmte Papa weiter, völlig taub für alle praktischen Einwände.

Er war schon ganz in seiner Welt - der Welt der großen Musik, der erhabenen Kunst, der himmlischen Klänge.

"Weißt du eigentlich, was das immer bedeutet, all das Richten und die Chorleute haben echt auch genug zu tun. Schätze wir sind wieder wenige", Mama versuchte es noch einmal.

Ich spürte, wie die vertraute Spannung aufzog. Mama wurde zur Provokateurin, wenn sie nicht genug Raum für Selbstverwirklichung hatte. Die Butterbrezeln waren ihr Kampfplatz - das einzige Terrain, wo sie ihre Frustration zeigen konnte, ohne die große künstlerische Vision zu zerstören.

Ich konnte nicht still dabei sitzen. Die Worte kamen automatisch: "Papa, was ist jetzt mit Geld für die Brezeln und Belegte, müssen wir wieder alles in Handarbeit machen? Mama hat recht. Das müssen wir gut planen, wir müssen ja auch mitsingen und sind schon in der Kirche mit allerlei beschäftigt."


Das war meine Rolle - die Diplomatin, die Übersetzerin zwischen seinen Träumen und ihrer Realität. Ich konnte seine Begeisterung spiegeln und gleichzeitig ihre berechtigten Sorgen ernst nehmen.

Papa schaute mich stolz an. Sein kluges Mädchen, das immer an alles dachte! Mama seufzte. Sie wusste genau, was ich da tat - und wahrscheinlich war sie ein bisschen neidisch auf meine Gabe, gehört zu werden.

"Männer ertragen keine klugen Frauen", hatte sie mir schon oft zugeflüstert. "Sei nicht so deutlich." Aber bei Papa funktionierte es - er bewunderte meine Worte, auch wenn ich bis heute nicht weiß, ob er wirklich verstand, was ich tat.

Drei Wochen später standen wir alle in der Küche. Jeder hatte seine Rolle: Nummern auslegen, Programme falten, Butterbrezeln schmieren. Ich hasste das Praktische - ich war die Texterin, die Entertainerin, die alle zum Lachen brachte. Meine Geschwister meckerten: "Du drückst dich vor der eigentlichen Arbeit!"

Also hab ich eingeteilt, bin hier und her gerannt zwischen Küche und Proben, hab gefragt, wer was braucht.

Ich hatte längst meine eigene Aufgabe gefunden. Während sie schmierten und falteten, behielt ich den Überblick.

Viel später dann hab ich lieber Andachten gemacht, als mitgearbeitet. Ich konnte das übliche religiöse Gesülze als Zuckerguss über die Familienkonflikte einfach nicht ertragen.

Die Goldene Hochzeit meiner Eltern ist mir lebhaft in Erinnerung. Alle Kinder, Schwiegerkinder und Enkel fuhren mit in den Schwarzwald wieder, um das festlich zu begehen.

Als wir überlegt hatten, ob wir diese Ehe überhaupt feiern konnten, schrieben mein Bruder und ich lieber selbst, als merkwürdige fromme Sprüche abzuspulen.

Zurück zum Konzert.


Der "Elias" wurde ein großer Erfolg. Papa strahlte im Applaus, das Publikum war begeistert von der großen Musik des großen Kantors. Keiner sah die geschmierten Butterbrezeln, die gefalteten Programme, die Aufräumarbeit, das Stellen der Chorpodeste - die Müdigkeit, die nicht vom Applaus kam, sondern vom wirklich langen zusammen arbeiten.

Die Familie wusste: Hinter jedem Glanz steht eine ganze Wahrheit. Und manchmal braucht es jemanden, der zwischen den Träumen und der Realität übersetzt - zwischen 1000 Butterbrezeln und der Himmelsstürmer-Vision eines Kantors, der vergessen hatte, dass auch Engel praktische Probleme haben.

📝 Das war meine erste Lektion in "sich selbst komponieren": Du kannst die Musik machen, aber vergiss nicht, wer die Brezeln schmiert. Und wenn du die Texterin bist, dann schreib deine eigenen Andachten - das Leben ist zu kurz für fremdes Gesülze.