Wie man Einklang findet
"Wer bin ich heute daraus geworden?" Diese Frage stelle ich mir sehr oft. Nach der Kindheit zwischen Papa's Mendelssohn-Welt und Mama's pragmatischer RealitÀt, nach all den Jahren als Butterbrezeldiplomatin - wer bin ich geworden?
Wir sind ja alle eine Komposition aus Geschichten, aus Begegnungen, die sich manchmal harmonisch und mal nicht harmonisch zusammenfĂŒgen.
Zwischen all diesen Tönen meiner Kindheit musste ich meinen eigenen Sound finden.
Nicht Beethoven - diese furchtbar intellektuelle, verkopfte Klassik-Welt war nie meins. Auch nicht Papa's Welt ĂŒbrigens, der mochte Beethoven genauso wenig wie ich. Aber auch nicht mehr "alle meine Entchen" - ich war kein kleines Kind mehr, das zwischen fremden Tönen aufwuchs.
Ich suchte meinen eigenen Einklang- zuerst in der AusbĂldung und im Beruf. Ich studierte ReligionspĂ€dagogik und nicht Musik.
Immer mit dem Zweifel ob ich ĂŒberhaupt zur Kirche gehören wollte. Im dritten Studienjahr kam ich in eine Gemeinde, wo ausgerechnet mein Vater Chorleiter war. Sehr lustig - wieder war ich "die Tochter des Kantors". Ein Jahr , in dem ein Kirchenchor bei jeder Beerdigung im Dorf wieder am Grab sang. Kirchenmusik ist was unglaublich Tröstendes.
Dennoch stellte ich mir nach diesem Jahr wieder die Frage: Ist das alles das Richtige fĂŒr mich? Will ich das wirklich?
Aber dann geschah etwas Ungewöhnliches. Normalerweise war ich ja immer die Vermittlerin - zwischen Papa und Mama, zwischen TrĂ€umen und RealitĂ€t. Diesmal war es Mama, die sagte: "Da musst du mit deinem Vater drĂŒber sprechen."
Der entscheidende Spaziergang mit Papa
Ich habe selten ernste GesprĂ€che mit meinem Vater gefĂŒhrt, aber damals war es ein groĂes Vater-Tochter GesprĂ€ch. Wir gingen spazieren. Das war schon etwas Besonderes - Papa, der ja sonst als Kantor glĂ€nzte und als Vater abwesend war, fĂŒhrte mit mir ein ruhiges, kluges GesprĂ€ch. "Mach das zu Ende", sagte er. "Probier es wenigstens, steig nicht einfach aus. Und dann mach es so, wie du das fĂŒr richtig findest. Du wirst deinen Weg finden."
Das war sein Geschenk an mich - nicht sein Leben aufzwingen, sondern mir die Erlaubnis geben, meine eigene Lebensmusik zu finden. In seinem Laden, aber mit meinem Sound.
Interessanterweise Papa. Mama hat mich zu ihm geschickt - aber er hat mir den entscheidenden Rat gegeben. Papa wusste damals noch nicht, wo es hinsoll. Aber er gab mir das Vertrauen weiterzumachen.
Ich machte das Studium zu Ende und wurde mit 23 die jĂŒngste Diakonin in meiner Landeskirche. Ich arbeite da bis heute.
Die Entdeckung anderer Musikwelten
Ich arbeitete zuerst in der Gemeinde mit Kindern und Jugendlichen. Dort hörte ich bei den katholischen Geschwistern eine Band - "huch, ist ja wunderschön!" es rĂŒhrte mich auf eine völlig andere Weise, als die klassische Kirchenmusik zuhause. Ich merkte: Da ist mehr möglich als das, was wir in der Kirche machen.
Ich lernte evangelische Freunde kennen, die Papa mir nie gezeigt hatte. Vor allem lernte ich Jugendreferenten kennen - die coolste und lustigste und interessanteste Ecke der Kirche, damals in den 90 ern. Kinder- und Jugendarbeit mit Kollegen -und ja vor allem MĂ€nner waren es, wir waren wenig Frauen da. Kollegen also, die genau so waren, wie es mein Vater nie toleriert hĂ€tte als echte Kirche. Die lebten und arbeiteten und diskutierten auĂerhalb der engen Grenzen von Dorfgemeinden. Ich hab es geliebt, mit denen Kirche zu gestalten.
Dann kam das Songwriting-Seminar. Ein befreundeter Pfarrer - ausgerechnet Papa's Erzfeind! - erzÀhlte mir von internationalen Songwriting-Seminaren.
" Dein Vater konnte mich gut leiden , sagte der immer, es war deine Mutter, die mich nicht mochte. Da könnte er Recht haben, die heimliche Königin setzte sich durchaus auch mit ihren Vorurteilen durch.
Aber zu der Zeit war mir schon egal, wen oder was die beiden gut fanden. Ich wollte mit nach Prag zum Internationalen Songwriting. Also fuhr ich mit und lernte, Texte fĂŒr Songs zu schreiben.
Ich lernte Musiker kennen aus Holland, England, Tschechien, sogar aus WeiĂrussland. Das war völlig faszinierend.
Ich war insgesamt viermal dabei und habe bis heute Freundschaften in anderen LĂ€ndern. Eine ganze Musikwelt, die schon lange neben Papa's Kirchenmusik existierte, die ich aber erst dort richtig entdeckte.
Da war mein Impuls: "Diese Musik gehört zu mir und meinem Glauben. Wieso hört und spielt man sie nicht zuhause in unseren Kirchen? Oder nur ganz selten?"
Die groĂe Erkenntnis
Nach ein paar Jahren in der kirchlichen Arbeit kam wieder Unzufriedenheit. Ich dachte: "Du kannst da nicht bleiben. Du willst diesen Kirchenladen so, wie er ist, nicht."
Ich nahm mir eine Auszeit - nach zehn Jahren im Dienst. Meine Eltern finanzierten mir das SozialpĂ€dagogik-Studium. So typisch fĂŒr die beiden, wenn ein Kind sich was in den Kopf setzte, dann wurde erst diskutiert und dann tatkrĂ€ftig unterstĂŒtzt. ZurĂŒck an der Hochschule wĂ€lzte ich mich durch PĂ€dagogik, Soziale Themen und auch durch viele Musikgenres.
Ich dachte soviel nach und schrieb eine zweite Diplomarbeit mit dem Namen. "Einklang" - ĂŒber den Gebrauch von Musik in der pĂ€dagogischen Arbeit." Ich erklĂ€rte philosophisch, dass Harmonie wichtiger ist als Logik. Das war meine Erkenntnis: Nicht die verkopfte, intellektuelle Herangehensweise zĂ€hlte, sondern das harmonische Zusammenspiel aller Elemente.
Und da merkte ich: Musik ist wesentlich und unterschiedliche Musikkulturen mĂŒssen auch in der Kirche vorkommen, sonst ist da Beethoven, Bach und im besten Falle Mendelssohn aber weder Jazz, noch Rock und auch kein eingĂ€ngiger Pop.
Die strategische Verhandlung
Als ich dann nach meinem SozialpĂ€dagogik-Studium die GesprĂ€che fĂŒhrte, ob ich in der Kirche bleibe, sagte ich zur Landesjugendpfarrerin: "Ich komm nicht zurĂŒck." Sie fragte: "Was brauchst du, dass du zurĂŒckkommst?" Und ich war bereit mit meiner Antwort: "Ich brauch andere Musik. Lass uns das endlich machen - Popmusik in die Landeskirche integrieren. Als Ausbildungsgang." "Dann macht das", sagte sie. "Ich gebe dir DienstauftrĂ€ge dafĂŒr."
Das war die Wende. Nicht rebellisch weggehen, nicht gegen das System kÀmpfen, sondern strategisch verhandeln. Harmonie statt Konflikt und machen.
Zehn Jahre Einklang
Zehn Jahre lang war ich dafĂŒr zustĂ€ndig, den Popmusik-Ausbildungsgang zu etablieren. Was in den 60ern undenkbar gewesen wĂ€re - Popmusik als Teil der Kirchenmusiker-Ausbildung - wurde RealitĂ€t.
Ich hatte meinen Einklang gefunden: zwischen Papa's emotionaler Kirchenmusik und der internationalen Songwriting-Welt, zwischen Institution und Innovation, zwischen dem was war und dem was sein könnte.
Papa hatte recht behalten: "Du wirst deinen Weg finden." Mama hatte Unrecht, Gott hört nicht nur Bach. Ich war keine Kirchenmusikerin geworden, sondern eine PĂ€dagogin der Vermittlung unterschiedlicher Kulturen. Ich war nicht Beethoven - zu verkopft, zu intellektuell. Ich war nicht "alle meine Entchen" - zu simpel fĂŒr das, was ich wollte. Ich war meine eigene Komposition aus allen Geschichten und Begegnungen meines Lebens.
Am Ende dieser Projektarbeit war der Popmusik-Ausbildungsgang etabliert. Sogar bundesweit. Ich war wohl nicht alleine gewesen mit dem Wunsch nach anderer Musik. Mein Sound war Teil von Papa's Kirche geworden.
Das ist Einklang
Wenn alle Töne, auch die scheinbar widersprĂŒchlichen, zu einer Melodie werden. Wenn Harmonie wichtiger wird als Logik. Ich hatte gelernt, nicht zwischen den Tönen zu kĂ€mpfen, sondern meine eigene Musik daraus zu komponieren.