Kapitel 5: KONTRAPUNKT Gegen Bigotterie und Chauvinismus

Ich bin unterwegs im Auto. Heute höre ich keine Podcasts im Auto. Auch keine Popmusik. Heute fahre ich zu einer Veranstaltung. Gestern habe ich die Butterbrezeln-Geschichte in meinem Buch geschrieben, diese ganze Familienproduktion hinter Papa's musikalischen Triumphen.

Ich denke an Elias, das großartige Oratorium meiner Kindheit. Ewig nicht gehört, weiß gar nicht mehr wie das klingt. Ich suche nach Elias bei Spotify, ah da ist tatsächlich eine Aufnahme vorhanden, ja lass hören.

Es ist unglaublich, was die Musik heute in mir auslöst.


Das Orchester donnert los. Männerstimmen brüllen Vorwürfe. Elias proklamiert Dürre und Strafe. Das ist die Musik der Macher - groß, mächtig, unerbittlich. Die Welt der starken Menschen, die im Namen Gottes donnern und drohen.


Dann kommt diese andere Szene. Eine Frauenstimme. Die Witwe. Eine Stimme, die sich durch das ganze orchestrale Getöse kämpft: "Was hast du an mir getan, du Mann Gottes! Hilf mir, du Mann Gottes! Ich netze mit meinen Tränen mein Lager die ganze Nacht... Hilf meinem Sohn! Es ist kein Odem mehr in ihm!"


Da muss ich das erste Mal heulen.


Nicht wegen der biblischen Geschichte. Sondern weil ich an meinen Sohn denke. An die Zeit, als seine Seele weg war nach all dem Trauma. An mich, wie ich zu jedem gerannt bin - zu Ärzten, Therapeuten, Lehrern: "Hilf mir! Es ist kein Odem mehr in ihm!"


Diese Stimme in der Musik - sie klingt so anders als das Getöse davor. Weicher, verzweifelter, echter irgendwie. Als würde sie aus einer anderen Welt kommen, einer Welt, die Papa mir nie gezeigt hat. Mama übrigens auch nicht - die konnte genauso zetern und wollte Recht behalten.


Was geschieht nur mit Menschen unter Druck? Wie können sie Götter anrufen und sich verrückt machen, statt einfach mal innezuhalten und genau zu schauen, woran es fehlt?


Und dann, während die Musik weitergeht, fängt es an in mir zu brodeln. All die Jahre zwischen dem Gottesbild der Altvorderen und meiner eigenen Erfahrung. Der starke Elias, der Feuer vom Himmel holt, der Könige herausfordert - das ist die Welt und der Glaube meiner Kindheit. Der Gott, der donnert und straft und Felsen zerschlägt.


Aber da geschieht etwas Erstaunliches. Die Musik verändert sich. Zwischen all den kraftvollen Chören und den donnernden Stimmen schleichen sich sanfte Töne ein. Engel singen. Andere Stimmen übernehmen. Nicht mehr das Geprahle von Macht und Stärke, sondern Trost und Heilung.


Es ist, als würde das Oratorium zwei verschiedene Religionen erzählen. Die eine - laut, strafend. Die andere - leise, heilend.


Ich denke an Papa am Küchentisch, wie er über Pfarrer herzog, die "nicht genug von Jesus und seiner Erlösung durch das Kreuz" predigten. An die vielen Gottesdienste, wo andere das sagen hatten. An die Konzerte, als Mama im Hintergrund die Butterbrezeln schmierte. An diese Welt, wo manche zuhören und gehorchen, heimlich zuarbeiten aber nicht selbst glänzen durtfen.


Wann dürfen kluge umsichtigen Wesen endlich ihre Stimme erheben? Und geschieht es noch rechtzeitig? Bevor Seelen sterben? Schauen wir nach allen bei unserem wichtigen Tun? Auch denen, die hinter den Kulissen leiden?


In Mendelssohns Musik dürfen sie das. Die Sopranstimme, die singt: "Ich bin euer Tröster." Die Altistinnen als Engel, die heilen statt zerstören. Als hätte Mendelssohn schon vor 180 Jahren verstanden, was die Altvorderen nie begriffen haben: Gott braucht auch sanfte Stimmen.


Dann kommt Elias' große Erschöpfung. Dieser starke Prophet, müde vom Kämpfen, vom ständigen Einmischen, von der ganzen Wut. Feinde vernichten macht wohl müde. Er singt sich in die Verzweiflung hinein - diese dunkle, schwere Stimme, die zusammenbricht unter dem Gewicht der eigenen Selbstgerechtigkeit.


Das kenne ich. Diese Erschöpfung vom ständigen Vermitteln, vom Retten, vom Kämpfen um Seelen. Ich war auch eine Hammerfrau - habe mich benommen wie der starke Elias, wie die Baalspriester, die sich ritzen und mit den Füßen aufstampfen. Menschen machen das gleichermaßen - dieses verzweifelte Getöse, dieses Sich-verrückt-Machen.


Aber da ist nicht Gott. Da ist keine Heilung. Da ist nur unendliche Erschöpfung.


Und dann - der entscheidende Moment. Das Orchester wird still. Alle Instrumente schweigen. Und aus dieser Stille kommt ein Säuseln, Mendelssohn lässt es wunderschön erklingen: Nicht Sturm, nicht Feuer, nicht Erdbeben. Ein Hauch. Ein Säuseln. Gott als Flüstern, nicht als Donner.


Ich sitze im Auto und weine, wow das hat mich gerade erwischt. So macht das alles Sinn.


Das ist mein Gott! Nicht der Hammer-Gott, der Felsen zerschlägt und Kinder zerstört. Nicht der Gott der Bigotterie, der Menschen zum Schweigen bringt und vernichtet.


Mein Gott säuselt. Er ist bei den verzweifelten Müttern. Er spricht durch sanfte Wesen. Er heilt Seelen, statt sie zu zertrümmern.

Das ist mein Kontrapunkt gegen die Religion meiner Kindheit: Hört auf, ihr Scheiss-Propheten, Kinder zu zerstören und Menschen zu vernichten! Hört auf zu behaupten, nur ihr kennt Gott! Lasst die sanften Wesen sprechen! Lasst die stillen Töne zu! Säuselt nur, wenn ihr Vorschläge macht, die Menschen haben das Recht, ihren eigenen Weg zu finden, Vorschläge sind keine Hammerschläge und zurecht weisen kann niemals grausam daher kommen.


Hört auf, mit Gott zu drohen - das zerstört Seelen, zuletzt sogar eure eigene, ihr Chauvinisten! Nein, Erziehung ist kein Machtkampf und Frömmigkeit ist kein Zurechtweisen.


Meine Selbstwerdung war anders. Und ganz sicher hat sie Gott gefallen.


Sie war wie Mendelssohns Musik - kraftvoll und sanft zugleich. Zwischen den donnernden Chören meiner Kindheit habe ich meine eigenen, stillen Töne gefunden. Nicht gegen die Musik, sondern als Teil einer größeren Symphonie.


Wahres Leben braucht keine Angst. Gott will keine Unterdrückung. Gott ist das stille, sanfte Säuseln - er braucht Menschen, die endlich innehalten, statt sich verrückt zu machen. Menschen, die genau hinschauen, woran es wirklich fehlt.

Und wenn die Menschen dazu Gott nicht brauchen, hält er das aus. Solange die Liebe regiert - und am besten nicht heimlich.

Ungekrönte, heimliche Herrscher sind genauso zerstörend wie Hammerkönige. Wieso säuseln wir nicht alle etwas mehr?

Und leben dann kraftvoll weiter in einer Stimmung, die zur großen Harmonie werden kann, wenn man die Dissonanzen rechtzeitig auflöst.