Eine ICQ-Liebe wird zur Herausforderung
Nach der Zeit mit der Kirchenmusik, nach all den Butterbrezeln und dem Kampf um meine eigene Stimme, war ich bereit für etwas Neues. Etwas, das nichts mit meiner Kindheit zu tun hatte, nichts mit den alten Mustern.
ICQ war 2000 das neue Ding. Diese kleinen Fensterchen, in denen man schreiben konnte mit Menschen irgendwo da draußen. Kein Gesicht, keine sofortige Bewertung, nur Worte und Gedanken. Das schien mir sicherer als die analoge Welt mit all ihren Machtspielen.
Ich chattete mit seltsamen Männern. Manche waren nur auf der Durchreise durch mein virtuelles Leben, andere wollten mehr, als ich geben konnte. Aber dann war da einer, der anders war. Er antwortete auf meine Nachrichten. Er war nicht aufdringlich, nicht fordernd. Einfach da.
Eines Abends stand er vor meiner Tür. Was als One-Night-Stand gedacht war, wurde mehr. Viel mehr.
Am zweiten Abend - ich kam gerade von einer großen Veranstaltung nach Hause, müde und noch voller Eindrücke - stand er wieder da.
"Ich wollte schauen, ob es stimmt", sagte er. Mehr nicht.
Und für ihn stimmte alles bei mir.
Er ging nicht wieder weg. Nicht nach dem zweiten Abend, nicht nach der ersten Woche. Er war einfach da. Wollte nichts weiter als da sein, bei mir, in meinem Leben.
Zwei Wochen später hatte ich Geburtstag in meiner neuen Wohnung. Ich war gerade eingezogen, um das Popmusik-Projekt mit ganzer Stelle anzutreten - wieder in der Nähe meiner Eltern, aber diesmal mit meinem eigenen Leben, meiner eigenen Wohnung.
Meine Eltern kamen zum Geburtstag. Ich war gespannt, wie das werden würde - der Mann aus dem Internet trifft auf die Butterbrezeldiplomaten-Familie.
Er brachte abgebrochene Blumen von der Tankstelle mit. Hätte peinlich sein können, aber irgendwie war es ehrlich.
Und dann geschah etwas Wunderbares: Er wurde zum perfekten Schwiegersohn in meiner Wohnung. Kümmerte sich um alle, schenkte nach, plauderte.
Alle fanden ihn toll - nicht nur ich.
Papa erzählte ihm von seinen Chören, Mama brachte ihn zum Lachen. Er hörte zu, stellte die richtigen Fragen, war einfach... da. Ohne Anstrengung, ohne sich verstellen zu müssen.
Die erste Krise
Das erste Wochenende fuhren wir zu seinem Haus. Weit hinten in der Pfalz, in einer Landschaft, die so beruhigend war.
Das Haus war noch Baustelle - roh in der Fassung, aber mit Potenzial. Wie er selbst, dachte ich.
Wir saßen gemütlich beim Kaffee, ich gewöhnte mich langsam an die Idee, dass es Menschen gibt, die einfach da sind, ohne Drama, ohne große Inszenierung.
Dann klingelte es.
Ein Gerichtsvollzieher stand vor der Tür. Der Kuckuck kam auf den schicken Zweitwagen - er hatte den Unterhalt nicht bezahlt. Und da ist das Finanzamt gar nicht zimperlich, zu Recht.
Plötzlich wurde alles komplex und unübersichtlich. Das Haus gehörte seiner Ex-Frau. Es gab insgesamt drei Kinder - zwei von der Ex-Frau und noch eines, das er gar nicht kannte, aber für das er trotzdem zahlte. Schulden, Unterhaltspflichten, Rechtstreitigkeiten - ein ganzes Geflecht von Verpflichtungen und Problemen, das er mir bisher nicht erzählt hatte.
Da saß ich in diesem rohen Haus inmitten der beruhigenden pfälzischen Landschaft und hörte zu. Ich war ruhig - so wie ich es gelernt hatte zwischen Papa's Träumen und Mama's Realität. Die Butterbrezeldiplomatin in mir schaltete sich automatisch ein.
Er war nicht ruhig. Er redete, erklärte, rechtfertigte sich. Das Leben hatte ihn überrollt mit all diesen Verpflichtungen, und jetzt stand er da mit seinem gepfändeten Auto und einer Frau, die er gerade erst kennengelernt hatte.
Und ich? Ich hörte einfach zu. Das konnte ich gut - zwischen den Tönen verstehen, was wirklich los war. Sehen, dass hinter dem Chaos ein Mensch stand, der versuchte, das Richtige zu tun, auch wenn es ihn überforderte.
"Erzähl mir alles", sagte ich. "Lass uns schauen."
Auszeit
Ich nahm eine Woche Urlaub, um mit ihm alles zu sortieren. Wieder sortieren, könnte man sagen - das konnte ich ja gut. Wir saßen am Küchentisch wie früher bei den Butterbrezeln, nur diesmal gingen wir Rechnungen durch statt Programme zu falten. Schauten, wie wir das zusammen hinbekommen könnten.
Ich gab ihm Geld von meinem Vater. Papa war wieder da, wie immer, wenn praktische Probleme gelöst werden mussten. Aber dann sagte er etwas, was mich verblüffte: "Pass auf, heirate ihn. Du musst dich absichern."
Papa hatte das chauvinistische Muster in Reinform - das alte Schema, wo der Mann die Frau "absichert" und sie ihm dafür zuarbeitet. Aber das passte nie wirklich zu unserer Ehe und führte schließlich auch zur Trennung.
Mein Mann war kein Mann, der einen absicherte. Er war da, das schon. Aber er ließ mich heimlich zuarbeiten, damit er selbst gut dastand. Er war nur ein Pseudo-Versorger ohne echte Substanz, aber er war einfach zu lieb, um es ihm wirklich übel zu nehmen.
Nach der Aufräum-Woche, nach all den Rechnungen und der neuen Klarheit über seine Komplexität, wuchs trotzdem etwas zwischen uns. Oder vielleicht gerade deswegen.
Hochzeit
Als er 40 wurde, sagte er: "Ist zwar ein blöder Rat gewesen von Schwiegerpapa, ich wollte auch nie wieder heiraten. Aber ich werde 40 - lass uns heiraten an dem Tag."
Ich sagte ja. Wir heirateten im kleinen Kreis.
Wir planten dann doch ein großes Fest - an meinem Geburtstag, ein halbes Jahr später. Ich wollte Segen. "Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn" - diese Geschichte aus der Bibel hatte ich mir ausgesucht.
Jakobs Kampf am Jabbok - die biblische Geschichte vom Mann, der die ganze Nacht mit einem Engel rang, bis zum Morgengrauen kämpfte und seine Hüfte dabei ausgerenkt wurde. Aber er ließ nicht los: "Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!" Aus dem Kampf ging er verwundet, aber gesegnet hervor.Das sollte unser Trauspruch sein: "Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn."
So schien mir das - kämpfen, Hüfte ausrenken und trotzdem sagen: Segne mich. Das wird was Gutes.
Mit der Landesjugendpfarrerin hatte ich darüber philosophiert - ob sie mich verstehe. Sie hat mich verstanden. Und mein Mann auch, beim Traugespräch, dem er nur halb folgen konnte damals. Aber er war genauso gerührt wie ich über die Idee, das Leben segnen zu lassen.
So war er - er verstand die wichtigen Momente, auch wenn er die Details nicht immer durchdrang.
Bei der Hochzeit war Papa an der Orgel und meine Popmusiker unten - ein so stimmiger Moment, auch wenn da dutzende schlesische Verwandte waren, die ich nicht kannte. Meine Geschwister sangen Lieder aus der alten Welt und meine neuen Freunde ergänzten mit Popmusik, auch bei der Feier. Ich hab meinem Mann eine CD eingesungen als Geschenk für die Ehe und ich habe die Songs auf der Feier vorgetragen, mein letzter großer Auftritt als Sängerin.
Mir war nicht wohlig, obwohl doch alles gut hätte sein können.
Ich war mittendrin, jeder machte seins, allen wurden wir gerecht - und ich hatte Bauchweh. Kein echtes, sondern nur so ein Gefühl: Was ist das hier? Bin ich das?
So begann meine Ehe.
Patchwork
Danach wurde es chaotisch. Wir lebten einige Jahre schon ziemlich glücklich, auch wenn ich wieder nicht ich selbst war, sondern eine, die das Haus eines anderen versuchte zu beleben.
Wir gruben einen Schwimmteich aus, feierten grandiose Partys und führten unsere Welten zusammen. Seine Kinder - die am Wochenende kamen. Seine Mutter und ihre beiden geistig behinderten erwachsenen Kinder. Gut, dass ich Sozialarbeit konnte.
Das alles wurde zu einem riesigen Patchwork-Komplex, während ich gleichzeitig versuchte, mein Popmusik-Projekt nach der Projektzeit zu retten. Wieder war ich die Organisatorin, die Vermittlerin, die alles zusammenhielt.
Nur diesmal nicht zwischen Papa's Träumen und Mama's Realität, sondern zwischen seinem charmanten Chaos und der harten Realität von Unterhaltszahlungen, Behindertenbetreuung und beruflichen Verpflichtungen.
Aus der ICQ-Liebe war ein Fulltime-Job geworden.
Dann platzte der Traum der Popbeauftragten. Das Projekt lief aus, die Stelle war weg. Nach zehn Jahren, in denen ich andere Musik in die Kirche gebracht hatte, stand ich wieder vor der Frage: Was jetzt?
Ich machte eine Zäsur. Versuchte mit dem charmanten Mann selbstständig zu werden. Das ging ja mal echt schief.
Selbstständig zu zweit - der charmante Chaosmacher, der viel plante und nie zu Ende brachte, und die Dazwischenrednerin, die nie wieder ungekrönt herrschen wollte. Das konnte nicht funktionieren. Aber das merkten wir erst, als es zu spät war.
Also zurück in die Kirche. Die damalige Landesjugendpfarrerin war inzwischen Dekanin und es entstand ein neuer Kirchenbezirk mit einer interessanten Stelle. Als ich sie anrief sagte sie: "Komm hierher, das ist was Gutes, was Neues für dich." Eine Stelle in der Öffentlichkeitsarbeit dieses Mal, 100 Kilometer weg von zuhause wieder.
Mein Mann und ich hatten so viele Ideen: Pendeln, nur am Wochenende das Haus weiter ausbauen, zusammen arbeiten an unserem Traum. Es schien machbar - ich hatte einen festen Job, er seine Projekte, wir unser Traumhaus.
Wir hatten Ideen, das Leben hatte andere Pläne.
Wie lange das gut ging?
Bis das Baby kam. Und seine Mutter starb.
📝 2008 - das Jahr, das ich irgendwie überlebt habe.