Gemischte Stimmungen, ein anderes Familienleben
"Ich glaub, du bist Großvater geworden."
Die Worte hingen in der sterilen Krankenhausluft wie eine falsche Note in einem Trauermarsch. Wir standen auf der Station der Frauenklinik, mein Mann und ich, und die Welt unsrer Zweisamkeit kippte aus den Angeln.
Zwei Tage zuvor hatte ich seine Mutter im Krankenwagen ins Hospiz begleitet. Die letzten Wochen hatten mein Mann und ich zwischen seinen zwei geistig behinderten Geschwistern und der sterbenden Schwiegermutter und Zuhause gependelt.
In ein paar Tagen sollte ich meine neue Arbeitsstelle antreten. Schwiegermutters Sterben im Blick, haben wir in seinem Elternhaus mitgelebt auf der Suche nach guter Betreuung für die Geschwister, die ihre Mutter verlieren würden. Das Hospiz war ein Geschenk. Ich dachte wir könnten aufatmen für eine kleine Weile.
"Ich kann nicht mehr", hatte ich zu ihm gesagt, als der Anruf kam, als wir gerade aus dem Hospiz gingen. Wir dachten wir können wieder mal nach Hause fahren, um Wäsche zu waschen, dort nach dem Rechten sehen und durchatmen. Alle waren versorgt.
Seine Tochter sei im Krankenhaus, in der Frauenklinik. Wir sollten rasch hinkommen. "Wir müssen in die Frauenklinik.", sagte er nur. "Meine Tochter braucht mich."
Seine Tochter. Die, die immer unterwegs war. Die, von der wir dachten, sie würde ihr wildes Leben irgendwo da draußen leben. Heimlich schwanger. Neun Monate lang ein Geheimnis gehütet wie eine Bombe, die jetzt explodierte. Das Baby war schon da. Das erfuhren wir in der Klinik, als wir da ankamen.
Der Tag zwischen Tod und Leben
Wir waren noch beim Kaffee nach der Bestattung meiner Schwiegermutter, als wieder das Telefon klingelte. Das Jugendamt. Ob wir das Baby heute holen könnten. Die möglichen Adoptiv-Eltern wollten es gleich wieder abgeben, zu groß war die Enttäuschung, dass wir das Baby wieder haben wollten. Ein vierzehn Tage altes Wesen, sollte wieder aus vertrauer Umgebung herausgerissen werden, weil wir entschieden hatten, es bleibt in der Familie.
Entschieden? Ich weiß nicht so Recht. Mein Mann sagte angesichts des Sterbens seiner Mutter, lass uns das Baby zu uns holen.
Wir waren nach diesem Tag zwischen Hospiz und Frauenklinik zuhause aufgewacht, im fast vollendeten Traumhaus, mit Blick auf den neuen Teich. Das war das, was wir eigentlich vorhatten, Paarwochenenden im Bett - nur diese eine Tür raus am Bett und den Steg lang rennen zum Teich - eintauchen ins schöne Leben - das war mein Wochenendtraum. Unter der Woche Business - 100 km weg- schöne neue Stelle, alles wird gut. Hach super Idee. Eigentlich hatten wir schöne Pläne so als witziges Internetliebe-Paar - eigentlich - mein Mann schaute mich an und sagte, "das Kind gehört doch in unsere Familie. Wir haben doch alles, was ein Kind braucht, um groß zu werden."
Es schien irgendwie folgerichtig, aber wir beide wussten wirklich nicht, was wir da vorhatten. Viele Gespräche folgten, mit der leiblichen Mutter, der Exfrau meines Mannes, zwischen uns beiden. Dann die Todesnachricht aus dem Hospiz. Ich sehe ihn noch vor mir meinen Mann, wie er Stunden schluchzend am Bett seiner Mutter saß. Es war alles zuviel damals für uns beide. Für ihn vor allem.
Am ersten Arbeitstag auf meiner neuen Stelle, fuhren mein Mann und seine Tochter mit und gleich weiter zum Jugendamt, um alles in die Wege zu leiten. Sie würden sich melden. Sagte das Jugendamt. Der Gedanke war also zur Tatsache geworden. Das Baby kommt zu uns. Wir haben fast niemand davon erzählt.
Erst wollten wir Schwiegermutter beerdigen.
Sie meldeten sich während der Beerdigung. Das Kind müsse heute abgeholt werden.
Meine Stieftochter und ihr Bruder fuhren also los das Baby holen - in einer Tiefgarage war die Übergabe. Ich stellte mir vor, wie sie direkt zu uns nach Hause fahren würden, wie wir gemeinsam dieses neue Leben in unserer Trauer-Wohnung willkommen heißen. Wir waren schon da, aber das Baby kam später.
Die jungen Leute hatten einen Umweg mit Zwischenstation gemacht, weil sie Hunger hatten, kamen nach uns zu Hause an. Sie hatten Babymilchpulver wohl dabei, aber kein Wasser, das sie warm machen konnten. Das Baby schrie die ganze Rückfahrt. Als sie endlich ankamen, drückte mir meine Stieftochter das schreiende Bündel in die Arme. Mein Mann begann eifrig sich um alles zu kümmern.
Ich war einfach nur erschöpft. Fertig von der Beerdigung, fertig von zwei Tagen im neuen Job, fertig vom Leben. Aber nächsten Tag ging ich erst mal los, Babyausstattung zu besorgen.
Alltag mit Baby
Einige Tage darauf musste ich zu einer Fortbildung für die neue Stelle. Mein Pfarrer kam mit, ja der, der mit mir in Prag war. Wir beide wollten Öffentlichkeitsarbeit lernen. Verrückt, das er auch da wieder in meiner Nähe war bei dieser Fortbildungswoche. Eine Woche, in der ich jeden Abend im Hotelbett weinte. Eine Woche, in der mein Mann mit seiner Tochter und dem Baby allein war. Als wir zurück kamen, war sie weg. "Es war alles zu viel", hatte sie gesagt und war gegangen. Das war ja auch immer ihr Plan gewesen, das Baby abzugeben und nicht weiter verantwortlich zu sein.
Das Baby hatte Bauchkrämpfe. Pusteln. Ich war also zurück im neuen Leben mit Baby, das wieder mal schrie, weil es Bauchschmerzen hatte. Ich habe gesungen und es im Arm gehalten. Viele Lieder habe ich ihm vorgesungen und mein Mann und ich wechselten uns ab in der Nacht mit füttern.
Mein Mann konnte wickeln - das konnte er wirklich gut. Aber kochen? Einkaufen? Die Organisation eines Lebens mit Baby? Wir mussten schon gut zusammen halten, dass alles klappte zwischen Arbeit und Zuhause.
2008 das Jahr, das ich irgendwie überlebt habe. Ich weiß bis heute nicht wie.
Der Super-Papa
Jahre später, vor Gericht, würde er behaupten, er hätte das Baby alleine großgezogen. Ich hätte nur rumgejammert, nur Streit gesucht. Er hätte 1500 Stunden auf einer Baustelle verbracht und das Kind versorgt - wann, fragte ich mich, zwischen Wickeln und seinen anderen Phantasien?
Die Richterin fragte: "Wo ist das Kind heute?"
Bei ihr, musste er zugeben.
Bei mir. Natürlich bei mir. Beim "Super-Papa" war es nicht.
Wir haben ihn zusammen groß gezogen mit etwas vertauschten Mama/Papa Rollen. Die arbeitende Stiefoma und der Opa/Papa zuhause und am bauen.
Aber seit der Trennung war er eben nicht mehr Super Papa gewesen.
Das muss er mit sich ausmachen, was er mit der neuen Freundin da vollführte.
Das Ende einer Ehe
2016 ertrug er mich nicht mehr. Nach acht Jahren des gemeinsamen Kampfes, des Großziehens, des Alltags. Nach der Trauer, die ihn verstummen liess, lebte mein Mann in zwei Aufgaben weiter.
Das Kind und ein Haus umbauen, seine Vorsorge fürs Alter. "Ich mach nur die Bauleitung" sagte er, und das nach vielen Jahren Baustelle im eigenen Haus. Es war völlig klar, was das hieß.
Er würde mitbauen, er liebt es zu bauen. Ja er hat das Haus wunderbar renoviert, aber was war der wahre Preis dafür. Ich hatte darauf bestanden, dass er es auf meinen Namen einträgt. Ich habe es heute noch mit erheblichen Schulden.
Wir waren also eine große Patchworkfamilie. Ich hatte meinen neuen Job, übernahm die Betreuung der behinderten Geschwister. Ging einkaufen, mache die Wäsche. Hab den kleinen Jungen in den Schlaf gesungen, der so begeistert war von allem hier. Mein Mann war zuhause mit einem Kleinkind und einer Baustelle. Die beiden waren wirklich lustig anzusehen, Opa/Papa und der Kleine. Mein Mann machte ehrenamtlich, was ging. Schulhof pflastern, Förderverein, ab und an alte Kunden und natürlich bauen. Er liebte das. Wir sahen uns selten, aber nach außen waren wir wohl eine verrückte Patchworkehe. Bis er zu meiner Überraschung eines Tages sagte, ich gehe. Ich halte das nicht mehr aus.
Er hatte eine neue Freundin - heimlich, wie sich herausstellte. Ich zog aus, ins neue Haus, 200 Meter entfernt. Der Junge blieb bei ihm. Ich dachte, sie würden das schon hinkriegen.
Traumahaus
Sie stellten das Kind jeden Tag auf die Waage. Dieses fröhliche, normale Kind, das ein übereifriger Kinderarzt als "adipös" bezeichnete, bevor er es wirklich wurde. Die beiden nahmen ihm sein Lego weg, wenn er nicht spurte. Die Strafe für ein Kind, das Bauklötze mehr liebte als alles andere. Mit mir sollte er keinen Umgang mehr haben. Ich war nicht streng genug und vor allem war ich diejenige, die doch tatsächlich nach der Trennung den Geldhahn abdrehte, um die Finanzen des Häuserprojekts meines Exmannes auf die Reihe zu bekommen. Die "Neue" an seiner Seite war wirklich tyrannisch. Bis heute weiß ich nicht, ob er diese Fehler machte oder sie ihn dazu brachte. Ist wohl auch müssig, darüber zu spekulieren.
Der Junge büxte immer wieder aus, die 200 Meter zu mir. Erzählte Geschichten, die ich erst nicht glauben wollte. Bis die Erzieherinnen im Hort anfingen zu fragen. Bis die Nachbarn besorgt wurden. Bis die Polizei zweimal vor der Tür stand. Und ja es war grausam, was sich dort abspielte. Kein Kind lügt, das sowas erzählt.
Die Rückkehr
Irgendwie habe ich es geschafft, dass mein Mann aufgab und mir das Kind mit einer Tasche vor die Tür stellte. "Dann mach halt du", sagte er; "wenn du glaubst dass du es besser weißt." Wieder tauchte die leibliche Mama kurz auf und wirkte mit am Umzug des 8-Jährigen in meine kleine Anliegerwohnung, bevor sie wieder verschwand.
2018, kurz vor Weihnachten. Ein halbes Jahr hatte mein Ex gebraucht, um aus unserem Familienhaus auszuziehen. Ein halbes Jahr, in dem er bald keine Raten mehr zahlte, aber trotzdem blieb. Die "Neue" war längst gegangen, sie hatte seinen Charme wohl nicht wichtiger gesehen als das, was dann wirklich da ist an dem, was sein sollte. Der alte Baumeister mit großen Plänen und wenig Substanz war alleine und wieder mal überfordert nach dem Ende seiner nächsten Ehe. Ich war die letzte, von der er nochmal Hilfe annehmen würde. Ich war viel zu verletzt, es überhaupt zu wollen. Wir gerieten in unsinnige Rechtsstreite, die leider bis heute andauern. Hämmern ohne Ende, kein Säuseln in Sicht.
Wie traurig.
Der Junge und ich lebten in der kleinen Wohnung. Ich beantragte die Scheidung. Wir haben bis heute nur Kontakt über Anwälte zum Superpapa. Auch die Besuchskontakte zu ihm wurden bald eingestellt.
Was für ein tragisches Ende dieses Patchworktraumes.
"Ich hab das Haus verlassen, du kannst rein." Teilte er mir per Messenger mit.
Ich fragte den Jungen, ob er mitkomme, wir können zurück ins Haus.
Also gingen wir die 200 m zurück, schlossen vorsichtig die Tür auf und sahen uns um. Alles war verstaubt, aber Fotos von mir, von uns, hingen noch an den Wänden wie Geister einer anderen Zeit. Der Garten zugewachsen, der Teich ein Biotop voller Unterwasserpflanzen.
"Wollen wir hier leben?" fragte ich meinen Sohn. Nein ich habe ihn nicht geboren, aber ich habe ihn sowas von geliebt, dass ich sein Leiden nicht mit ansehen konnte.
Jetzt war es soweit, wir beide gegen den Rest der Welt, aber wieder zuhause.
"Ja", sagte er, "lass uns wieder nach Hause ziehen."
"Willst du in dein altes Zimmer?", fragte ich meinen Sohn. "Auf keinen Fall", sagte er.
"Das musst du nicht", sagte ich. "Ich mach da wieder mein Büro rein. Mein Büro, in dem ich gerade vor mich hintippe.
Er ging durchs Haus wie durch ein Minenfeld. Plötzlich verschwand er. Ich fand ihn im Schrank im Schlafzimmer, mit der Melodika, die ihm Opapa, mein Vater geschenkt hatte. Er pustete vorsichtig hinein.
"Hier ist noch ihr böser Geist", flüsterte er. "Nein", sagte ich. "Komm raus. Hier ist alles gut. Weißt du was? Wir schreien sie raus. Wir schreien den bösen Geist aus unserem Haus."
Wir standen auf der Treppe, mein verstörter Junge und ich, und schrien. So laut, dass die Wände zitterten. So laut, dass die Nachbarn hätten kommen können. So laut, dass alle bösen Geister fliehen mussten.
"Wollen wir hierbleiben?", fragte ich danach.
"Ja", sagte er. "Aber ich will mein Zimmer ganz unten."
Wir gaben ihm die schönste Zockerhöhle der Welt. Er lud wieder Freunde ein und strahlte bald wieder. Logisch hat er alles doppelt und dreifach nachgeholt, was ihm mit Blick auf die Wiegetabelle verboten wurde. Essen, Fernsehen und das PC Spiel.
Ich habe aber bald aufgegeben, dieser starken kleinen Person, neue Regeln beizubringen. Wir lebten zusammen und heilten gemeinsam.
Corona - Die unerwartete Rettung
2020 kam Corona, und während die Welt in Panik verfiel, fanden wir zueinander. Homeoffice war für uns nichts Neues - wir waren ja schon zu Hause. Aber plötzlich hatten wir Zeit. Zeit ohne Ausreden, Zeit ohne Flucht. Wir fingen an, uns wirklich kennenzulernen. Zu mögen. Zusammen zu leben statt nur nebeneinander zu existieren.
Und unser Katzenwunder hat auch dazu beigetragen.
Zusammengesetzte Liebe
Das ist unsere Geschichte. Eine Liebe, die aus Scherben zusammengesetzt wurde. Aus einem Tag, der mit einer Beerdigung begann und mit einem Baby endete. Aus Dramen und Sorgen. Aus Flucht und Bleiben, aus Trauma und Heilung.
Meine Anwältin sagt, sie kennt keinen so verantwortungsvollen jungen Menschen wie ihn. Er macht heute bei ihr Praktikum, liest die Akten über den Großvater, der immer noch im Rechtsstreit mit mir lebt. Er fragt respektvoll, ob er sie lesen darf. Mit siebzehn.
Manchmal frage ich mich, warum ich geblieben bin. Die einzige nicht leiblich Verwandte. Es hat mich soviel gekostet. Die einfache Antwort ist, mein Mutterherz begann zu schlagen, vielleicht etwas spät aber umso deutlicher.
Dieser kleine Kerl hatte es verdient, geliebt zu werden, niemand sollte den umerziehen zu einem Wesen, das nicht aufhält, nicht stört, der alles richtig macht.
Nicht noch ein Opfer eines Pulverfasses, ich wollte wieder nach Hause zu meinem Kind, um das alles zu verdauen. Er brauchte mich. Ich brauchte ihn.
Wir beide sind keine normale Familie. Wir sind eine wieder zusammengesetzte Liebe. Kompliziert wie ein Musikstück mit zu vielen Dissonanzen, aber am Ende - am Ende klingt es richtig.
"Natürlich", sagt er, wenn ich frage, ob er mich lieb hat.
Natürlich. Als gäbe es keine andere Möglichkeit. Als hätten wir nicht fast alles verloren. Als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, dass aus diesem Chaos Liebe wurde.
Vielleicht ist es das ja auch.