Manchmal nutze ich KI auch fĂŒr Haushaltstipps, Rezepte oder einfach um meine vielen To-Dos zu sortieren. Dann unterhalte ich mich mit Claude nicht ĂŒber Philosophie, sondern ĂŒber ganz praktische Dinge.
Und dabei kam das Thema Carearbeit auf. Claude sagte etwas, das mich traf:
"Ich denke, KI macht die Carearbeit unsichtbarer, aber nicht weniger."
Das saĂ. Wie ein Hieb ins Gesicht einer jeden Frau, die je gehofft hatte, endlich Entlastung zu bekommen durch neue technische Innovationen.
Die groĂe Illusion
"KI hilft der ĂŒberarbeiteten Mama!" versprechen sie ĂŒberall.
Der digitale Butler, der endlich das Mental Load Problem löst. Weg mit der mentalen Ăberlastung, dem Overload. Wir versprechen dir den smarten Assistenten, der dir das Denken abnimmt.
Bullshit.
KI schafft neue Aufgaben, statt alte zu lösen:
- Digitale Tools muss man einrichten und trainieren
- KI-Ergebnisse kontrollieren und korrigieren
- Mit KI kommunizieren lernen - ohne richtigen Prompt gibt es keine gute Lösung
Du bist dauernd am ErklÀren, weil die KI mal wieder nicht verstanden hat, was du wirklich brauchst. Du tauschst alte Arbeit gegen neue Arbeit. Aber die alte verschwindet nicht. Sie wird nur unsichtbarer in neuen technischen Spielereien.
Ein bisschen wie wenn MĂŒtter versuchen, Kindern oder dem Vater zu erklĂ€ren, an was alles gedacht werden muss. Und sie tappern los im Problemlösungstunnel und vergessen so vieles andere dabei. Ein bisschen wie der Projektmanager, der Teilprojekte und Arbeitsgruppen zusammenhĂ€lt und immer strebt alles wieder auseinander, weil die Einzelteile autark sind oder blind fĂŒr die anderen.
Das Grundproblem: Problem â Lösung
KI denkt immer noch: Problem â Lösung. Fertig. NĂ€chstes Problem.
Aber Mental Load IST kein Problem, das man löst. Es ist ein Dauerzustand von Verantwortung. Es ist das stÀndige Alles-im-Kopf-haben. Es ist: wÀhrend der Zoom-Konferenz daran denken, dass das Kind neue Turnschuhe braucht. Beim Einkaufen das nÀchste Projekt durchplanen. Nachts aufwachen wegen der kranken Mutter UND der Deadline. Es ist wie der hilflose Projektmanager, der merkt: Huch, jetzt machen die Eigenleben, jetzt passt gar nichts mehr zusammen.
Mental Load ist kein Bug, den man fixen kann. Es ist ein Feature des Lebens.
Um es nochmal nicht technisch auszudrĂŒcken: Die mentale Ăberforderung ist keine kleine weibliche gelesene Störung, die man(n) eben mal aus der Welt schafft. Es sind auch nicht die (oft) weiblichen Dienstleisterinnen, die an alles denken und einfach nicht das abarbeiten, was sie sollen, wĂ€hrend das wahre, echte Management halt mĂ€nnliche Logik fordert und nur von echten "MĂ€nnern" oder richtig guten Chefinnen zusammengehalten werden kann.
Logik ist das Problem, nicht mĂ€nnlich, weiblich. Mental Load kennen alle, die was zusammenhalten, wĂ€hrend die Einzelteile immer wieder tun, was sie wollen. Mental Load - beide Geschlechter kennen es. ErzĂ€hlt wird davon immer als Störung im Beziehungswesen oder der Familie. Ich glaube, es ist viel mehr. Es ist der normale Wahnsinn im Leben. FĂŒr Kabelfrauen und HirnboxenmĂ€nner.
Die Kabelfrau-Theorie
Ich habe mal ein Video gesehen, von einem amerikanischen Prediger und Comedian. Mark Gungor. Das Lachen bleibt einem im Halse stecken, wÀhrend er es so erklÀrt:
MĂ€nner haben ein Gehirn voller Boxen. Jede Box fĂŒr ein Thema. Wenn sie an Arbeit denken, ist nur die Arbeits-Box offen. Alle anderen sind zu. Und das Beste: Es gibt eine "Nothing Box" - sie können buchstĂ€blich an NICHTS denken.
Frauen haben einen "Big ball of wire". Alles ist mit allem verknotet. Turnschuhe sind verbunden mit Kindergarten, Kindergarten mit Terminen, Termine mit Arbeit, Arbeit mit Geld, Geld mit Sorgen, Sorgen mit schlaflosen NĂ€chten, schlaflose NĂ€chte mit schlechter Laune, schlechte Laune mit SchuldgefĂŒhlen...
Wir sehen alle Verbindungen gleichzeitig. Können nicht EIN Problem isoliert lösen. Da sind keine Boxen, da hÀngen lose Kabel. Wenn wir sie verstauen wollen in Schubladen, dann springen die immer wieder auf.
Work-Life-Balance: Ein mÀnnliches MÀrchen
"Work-Life-Balance!" rufen sie. Als könntest du das Leben in saubere Bereiche aufteilen. Work hier, Life da. Schalter um, fertig.
Work-Life-Balance setzt voraus:
- Dass jemand anders die Care-Arbeit macht, wenn du "work" machst
- Dass du Verantwortung einfach "ausschalten" kannst
- Dass Mental Load ein Problem ist, das man löst
FĂŒr Kabelfrauen gibt es keine Balance. Da ich eine Frau bin, schreibe ich mal ĂŒber das, was ich als Kabelfrau so erlebe. FĂŒr mich gibt es keine Balance, sondern Work-Life-Integration - so nennen moderne Arbeitswelt-Forscher das. Alles flieĂt ineinander. Du bist nie "nur" in einem Bereich.
Und jetzt wird KI marktfÀhig und wirbt mit dem Slogan: "Wir optimieren deine Work-Life-Balance!" Aber KI denkt auch in getrennten Bereichen. "Hier ist dein Arbeits-Assistant, hier dein Familien-Planer."
Mental Load ist aber gerade das Gegenteil von Trennung - es ist das stĂ€ndige Alles-im-Kopf-haben. Ăberforderung ist die DNA von weiblichen Denkmustern. Wir kennen keine 'Nothing Box' leider.
Das Leben ist maximal eine Fermate
Manchmal denke ich: Das Leben ist maximal eine Fermate. Diese kurzen Verschnaufpausen in der Musik zwischen den nĂ€chsten Ăberraschungen.
Eben noch alles im Griff, zack, kommt was um die Ecke. Du fĂ€llst rein, krabbelst wieder raus. Das Kind ist krank, der Vater braucht Pflege, die Deadline rĂŒckt nĂ€her, der Partner versteht nicht, warum du gestresst bist.
"Innerer Frieden" ist eine LĂŒge der Selbsthilfe-BĂŒcher. Zumindest fĂŒr Menschen wie mich. Wir leben nicht in Frieden. Wir leben in permanenter Bereitschaft.
Und das ist okay.
Warum KI Mental Load nie verstehen wird
Solange KI von Menschen programmiert wird, die Care-Arbeit nicht verstehen, wird sie auch keine echte Entlastung bringen.
Die Programmierer - auch die Frauen unter ihnen - haben oft gelernt, "mÀnnlich" zu denken. Wie ich zu Claude gesagt habe: "Hirne sind manchmal wie ne Festplatte" - linear, strukturiert, problem-orientiert.
Das System Tech/Kapitalismus belohnt Effizienz, nicht Zwischentöne. Es belohnt Lösungen, es bewundert die Nothing Box, nicht das Big ball of wire.
Viele Programmierer leben in einer Blase, wo Care-Arbeit unsichtbar passiert. Andere Partner, Assistenten, Services ĂŒbernehmen das fĂŒr sie. Sie programmieren nicht bewusst Mental Load weg - sie kennen es einfach nicht. Sie kennen nur sehr komplexe, technisch zu lösende Systeme, gebaut aus 0 und 1. Logisch, was sonst?
Die Schubladen-Methode (manchmal)
Das Leben ist nicht logisch, es ist ein Wirrwarr von Dingen, die nicht immer zusammenpassen. Trotzdem habe ich einen Trick entwickelt. Nicht perfekt, aber manchmal hilfreich: Die Schubladen-Methode fĂŒr Kabelfrauen.
Ich stelle mir vor, alle meine Kabel sind aufgewickelt und in Schubladen sortiert. Wenn ich arbeite, hole ich nur das Arbeits-Kabel raus. Den Rest lasse ich in den Schubladen.
Funktioniert das? Manchmal. FĂŒr ein paar Minuten. Bis das nĂ€chste Kabel von selbst rausspringt.
Aber diese paar Minuten sind Gold wert. In diesen Momenten kann ich tatsÀchlich "nur" arbeiten. "Nur" mit meinem Sohn reden. "Nur" eine Torte essen.
Kleine Fermaten im Chaos.
Die ehrliche Wahrheit
Ich bin keine Oberlehrer-Autorin, die dir DAS System verkauft. Ich habe keine Lösung fĂŒr Mental Load. Keine App, die dein Leben organisiert. Keinen 5-Punkte-Plan fĂŒr perfekte Work-Life-Balance.
Was ich habe, ist das: Mental Load ist real. Es ist anstrengend. Es ist okay, darĂŒber zu reden. Es ist okay, zu sagen: "Ich schaffe das alles nicht." Es ist okay, mĂŒde zu sein.
Und es ist okay, von KI mehr zu erwarten als neue Aufgaben. Auch wenn wir es wahrscheinlich nicht bekommen werden.
Zu viele Antworten im Kopf
Warum kann ich nicht zur Ruhe kommen? Weil ich dauernd vordenke. Nicht weil ich damit gut vorbereitet wÀre - sondern weil ich voller Lösungsideen bin, wenn die Frage sich schon auf halber Strecke wieder Àndert.
Aber wenn die Ăberraschung kommt, habe ich schon drei Ideen. Die passen vielleicht nicht. Aber es sind MEINE Ideen. Dann schreibt mir niemand vor, was ich zu tun habe.
Ein Stern schickt mir ein Rilke-Zitat:
"Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmÀhlich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein."
â Rainer Maria Rilke
â Rainer Maria Rilke
Ja, das tue ich. Ich lebe Fragen. Und habe immer viel zu viele Antworten im Kopf.
Wie schaffe ich Care-Arbeit und Beruf? Wie erklĂ€re ich anderen meinen Mental Load? Wie bringe ich meinem Sohn bei, dass Haushalt nicht "Frauensache" ist? Wie sorge ich fĂŒr meine Familie und gleichzeitig fĂŒr mich?
Das sind keine Probleme, die gelöst werden. Das sind Fragen, die gelebt werden - mit zu vielen Antworten gleichzeitig.
Das ist Mental Load. Und das ist okay.