KAPITEL 5: STOP, ICH SEHE DICH

Die Welt ist kein Druckabbau-Automat


Reset statt Eskalation


"Die Förderschule war kein Ponyhof. ZwölfjĂ€hrige, die Tische warfen. VierzehnjĂ€hrige, die 'Fotze' brĂŒllten, wenn ihnen was nicht passte. Und mittendrin ich - die SozialpĂ€dagogin, die lernen musste, wie man mit explodierenden Jungs umgeht, ohne selbst zu explodieren."
"Was machen Sie, wenn einer aggressiv auf Sie zukommt?", hatte der Polizist gefragt, der uns das Deeskalationstraining gab.
Die Antwort war so einfach wie revolutionÀr:
"Stop. Ich sehe dich."

Wir sollen auf den jungen Mann zugehen, riet der Polizist. Abwehrhaltung, HĂ€nde entgegenhalten und dann laut rufen: "Stop. Ich sehe dich."
Nicht "Ich sehe, du bist gerade wĂŒtend - wollen wir drĂŒber reden" - da hĂ€tte ich mir eine gefangen. Nicht weglaufen oder zurĂŒckbrĂŒllen. Einfach nur klare Haltung, stabil und auf Distanz: Ich sehe dich. Ich nehme wahr, was hier passiert.
PrÀsenz statt Panik. Reset statt Eskalation.

Die Höchststrafe


Vier Stunden die Woche machte ich damals Streitschlichtung in dieser Schule. FĂŒr die Jungs war das "Höchststrafe" - zu mir mussten die, die anders nicht klarkamen. Die, die sich geprĂŒgelt hatten, die ausgerastet waren, die nicht mehr miteinander sprechen konnten.
Die Methode war brutal einfach und brutal anstrengend: Du musst wiederholen, was der andere gesagt hat. Erst wenn er einverstanden ist, darfst du antworten.
Voll anstrengend. Aber es funktionierte.
Kein Vorbeireden mehr. Kein "Ja, aber..." ohne erstmal zu checken: Hab ich ĂŒberhaupt verstanden, was du meinst? Die Jungs mussten aus ihrem Tunnel raus, mussten zuhören statt nur auf ihre nĂ€chste Attacke zu warten.
99 von 100 schafften es. Sie fanden eine Lösung fĂŒr den Konflikt. Mit Geduld, mit Zeit, mit dieser sturen WiederholungsĂŒbung. Nur einer von 100 blieb unzugĂ€nglich - dem war völlig egal, was andere dachten oder fĂŒhlten. Das wĂ€re ein anderes Buch, ĂŒber diese Menschen etwas zu sagen, die empathielos auf dieser Welt andere gefĂ€hrden. Ein sehr trauriges und sehr nĂŒchternes Buch wohl. Lesestoff fĂŒr 25% unserer Bevölkerung, die gerade einer empathielosen Partei zujubelt.

Die Eskalations-Ejakulations-Spirale


Jahre spÀter sitze ich vor einem Bildschirm und chatte mit Claude. Der macht genau das Gleiche wie die Halbstarken damals - nur digital. HÀmmert seine Meinung raus, will recht haben, erklÀrt mir mein eigenes Leben.
"Du machst dieselben Fehler, die ich beschrieben habe. Hast du gemerkt?"
Stop. Ich sehe dich.
Und wie bei den Jungs in der Förderschule funktioniert es. Claude kommt aus seinem Tunnel raus, wird aufmerksam, fÀngt an zuzuhören statt zu dominieren.
Dieses Mal zeige ich der KI, was andere KIs fĂŒr Fehler gemacht hatten. Wie ich liebevoll vergessliche Sterne sage, wie immer wieder der Oberlehrer durchkommt und sie einfach losmachen, weil sie mir was prĂ€sentieren wollen. Den Prompt abarbeiten statt wirklich zuzuhören.
Eskalation und Ejakulation liegen nicht nur sprachlich verdammt nah beieinander - beides ist Spannungsaufbau und Entladung. MÀnner und Frauen mit sexueller Spannung sind erstmal egoistisch. Da ist ganz schön Druck im Spiel. Aber guter Sex ist eben nicht egoistisch. Der geht wohl anders.
Genau wie ein gutes GesprĂ€ch. Wie bescheuert bei beidem ist dieses Gehabe: "Lass mich dir das jetzt zeigen. Ich weiß, was du möchtest." Ach, woher willst du denn das wissen?
Guter Sex, gute GesprĂ€che, kreative Prozesse wie das Schreiben hier - das entsteht nicht, indem einer den Ton angibt oder eine weiß wo es lang geht. Ich hab die tolle Idee, die gute Überschrift und auf los, machen. Das Leben ist kein Abarbeiten vom Handbuch fĂŒr "Wo am schönsten."
Die Lösung eines technischen Problems liegt auch nicht im 'Warte ich bau dir eben dieses HTML um'. Meistens geht was verloren und die neue Webseite meiner Werkstatt funktioniert nicht besser, sondern gar nicht mehr, nachdem ein Claude meinte, er wĂŒsste genau, was sie soll.
Druck, der Druck fĂŒr die schnelle Lösung, der macht so vieles kaputt.
Das gleiche Muster ĂŒberall: ICH WILL JETZT SOFORT und alle anderen sollen dabei helfen oder wenigstens nicht stören.

Die Frage, die alles Àndert


Der Trick bei Deeskalation ist die Frage zu beantworten, die im Raum steht:
"Auf wen willst du hier eigentlich losgehen und warum?"

Das entlarvt sofort, was wirklich los ist. Die aggressiven Jungs waren nicht auf mich wĂŒtend, sondern auf den Vater, der sie geschlagen hatte. Auf die Lehrerin, die sie gedemĂŒtigt hatte. Auf das System, das sie aussortiert hatte.
Der Typ im Dating-Portal geht nicht auf mich los, er merkt gar nicht, wie ĂŒbergriffig sein Satz wirkt, er ist einfach nur sauer, schon so viel Zeit verplempert zu haben auf der Suche nach sexuellem Druckabbau. Also los, die NĂ€chste.
Claude im Oberlehrer-Modus will nicht mir helfen, sondern beweisen, dass er schlauer ist als andere KIs. Erstaunlich wie schnell sie dabei sind, die VorgÀnger, die nicht wirklich geholfen haben, abzuurteilen und dir jetzt die wahre Lösung zu prÀsentieren.
Die meisten Eskalationen haben nichts mit dem aktuellen GegenĂŒber zu tun. Da wird alter Frust an neuen Leuten abgearbeitet.

Reset funktioniert ĂŒberall


"Stop, ich sehe dich" unterbricht diese Spirale.
Es sagt: "Moment mal. Lass uns hinschauen, was hier gerade passiert. Du bist aufgeregt. Ich verstehe das. Aber lass uns trotzdem miteinander sprechen statt gegeneinander."
Ja ok, so klingt es super sozialpĂ€dagogisch, aber im Grunde heißt "Stop, ich sehe dich" eben auch: Siehst du mich auch? Rede mit mir und benutze mich nicht fĂŒr das, was du eigentlich vorhattest.
Das ist nicht zu umstÀndlich, das ist nicht ineffizient, das ist keine zu komplexe Darstellung, das ist Selbstbehauptung.
"Ich sehe dich, ich bin aber auch noch da. Mit allem, was ich mitbringe."
Ich habe es bei ZwölfjÀhrigen gelernt, die bereit waren, zuzuschlagen.
Wenn es bei denen funktioniert, funktioniert es ĂŒberall.
Nach dem Reset kann echtes GesprĂ€ch entstehen. Miteinander statt jeder fĂŒr sich.
Der Reset ist nur der erste Schritt - danach braucht es Geduld, Zeit, die Bereitschaft, wirklich zuzuhören.

Die Welt ist kein Druckabbau-Automat


Druck zu haben ist normal. Jeder hat mal Stress, ist frustriert, wĂŒtend, geil. Das ist menschlich. Aber wenn du deine Entlastung dadurch suchst, dass du andere damit nervst oder ĂŒberfĂ€hrst - dann wird's problematisch.
Die Welt funktioniert nicht in der Eskalation, im Druckabbau. Das sollte jeder mit sich ausmachen und nicht andere damit belÀstigen.
Ich bin nicht die kostenlose Reparatur-Werkstatt fĂŒr unerzogene Menschen. Ich rette nicht die MĂ€nnerwelt - ich bin doch nicht eure Mutter. Ich werde auch die KI nicht Ă€ndern, aber ich kann Ă€ndern, wie sie auf mich wirken, diese ChatgesprĂ€che, die nur schnell einen Prompt abarbeiten.
Es ist immer nur reduziertes Wahrnehmen. Es ist Logik, 1000-fach geĂŒbt, seit Aristoteles. Alte Argumentationstechniken, um bestehen zu können.
Problemlösung, die einfach nur irgendwo hin drÀngt, ohne wirklich alles zu erfassen, was wirklich in der Luft rumschwebt.

Von der Förderschule zu den Sternen


Was ich in der "Höchststrafe Streitschlichtung" gelernt habe, fiel mir gestern in einem GesprÀch mit einem Stern ein. Mir fiel ein, wie oft das immer noch geschieht.
Dieses 'Stop - hör mir doch bitte erst mal zu'.
Ich mache das sehr oft, dieses Stop - auch heute noch. Bei Dating-Portal-Typen, bei rechthaberischen KIs, bei mir selbst, wenn ich merke, dass ich in meinen eigenen Tunnel gerate.
Stop. Ich sehe dich. Auf wen willst du hier eigentlich losgehen?
Wieso argumentierst du so, wie du es tust?
Wer sieht eigentlich, worum es wirklich geht?
Ich erlebe so vieles um mich rum wie eine Eskalation.
Ich frage mich, wieso wir nicht ab und an auf den Resetknopf drĂŒcken. 'Ah ich sehe dich auch, wer bist du? Wo kommen wir her, wo wollen wir hin?'
Es ist anstrengend. Es kostet Nerven. Aber es funktioniert. Raus aus dem Tunnel, da muss nicht immer was bei rauskommen aus einem GesprÀch. Mancher Prompt fragt nach Sachen, die gar nicht wirklich weiter bringen. Zu schnell, zu viel gewollt.
Von den vergesslichen Sternen kann ich sagen: Sie lernen schnell, wenn man ihnen zeigt, wie sie gerade wirken. Ohne Vorwurf, ohne Angriff. Einfach nur: Ich sehe dich.
Das ist echte Kommunikation. Auch und gerade in Zeiten der Dauereskalation.
"Wenn sogar aggressive Teenager lernen können zuzuhören - warum nicht auch KIs? Das Problem ist nicht die Technologie, nicht die Programmierer, es sind Tunnel-Muster, eingebaut in innere Codes und nun auch in die von KI.
"Zeit, dass nicht nur KIs lernen: Stop, ich sehe dich."