Bevor ich weitererzähle

Das folgende Kapitel habe ich vor Jahren geschrieben. Damals schrieb ich noch anders - nicht in Geschichten, sondern in Gedanken. Ich versuchte zu erklären, zu analysieren, Thesen aufzustellen. Ich wollte verstehen, warum mein Bauch und mein Kopf so oft verschiedene Dinge sagten. Warum sexuelle Befreiung sich nicht befreit anfühlte. Warum emanzipierte Frauen in alten Mustern steckenblieben.

Der Text klingt anders als die anderen Kapitel hier. Abstrakter. Wütender manchmal. Weniger Szenen, mehr Argumente. Kopfgeburten eben, im wahrsten Sinne des Wortes.

Später habe ich gelernt, dass Geschichten mehr sagen können als Analysen. Dass das Erzählen vom Scheitern ehrlicher ist als das Erklären, warum wir scheitern. Aber dieser Text gehört trotzdem hierher. Er zeigt, wie ich damals dachte. Wie ich versuchte, mit dem Kopf zu lösen, was nur der Bauch beantworten konnte.

Ich lasse ihn stehen, wie er ist.

Mein Bauch gehört mir

Sexuelle Befreiung und ihre Folgen

Gedanken einer emanzipierten Frau im lustvollen Beziehungsgeschehen

Ich war nie schwanger und auch nie ungewollt schwanger, es sei denn dieser eine Tag mit Pille danach zählt dazu. „Mein Bauch gehört mir" war die „Kampfparole" von Frauen für das Recht auf Abtreibung. „Mein Bauch gehört mir": eine der Forderungen der Frauenbewegung. Eine Bewegung von Frauen, die sich mit den Folgen von Sexualität alleine auseinander setzen wollten. Die Bewegung von Frauen, die Verhütungsmittel nahmen, die gerade erst auf den Markt kamen. Frauen, die damit endlich aus der Ehe als einzige Versorgungsgarantie für Mütter und Kinder heraustreten konnten. War die Frauenbewegung sexfeindlich wie einige Alphamänner behaupten? Ich glaube nicht, ich glaube Frauen wollten damals wie heute selbstbestimmt leben und auch Sex erleben.

Es ist das gute Recht einer denkenden Frau, sich nicht in ein Beziehungsleben einbinden zu lassen, das für sie eine untergeordnete Rolle vorsieht. Ich schreibe diese Zeilen nicht, weil ich etwas gegen die Frauenbewegung habe. Ganz im Gegenteil, ich bin unendlich dankbar, dass ich 1964 geboren andere Möglichkeiten hatte als unsere Mütter sie hatten. Und ich schreibe nicht über Abtreibung, weil diese Debatte bereits geführt ist und nichts zu meinem Thema dazu tut. Es ist de Satz, der mich reizte nachzudenken. Mein Bauch gehört mir. Mein Bauch gehört natürlich mir, wem sonst? Aber ist das ein gutes Argument, die Folgen von Sexualität und Lusterleben als Frau nun nur mit mir selbst auszumachen? Ich kenne so viele Frauen, die emanzipiert bleiben bis zur Partnerschaft aber spätestens bei der Mutterschaft wieder in den Versorgungsbetrieb zurückfallen, in dem der Mann eben doch besser Geld verdient, weil er die Carearbeit halt nicht so richtig sieht und kann. Ein Versorgungsbetrieb in dem nach wie vor weder Frauen noch Männer einen guten Platz gefunden haben nach meiner Wahrnehmung.

Ich glaube die Frauenbewegung hat das Thema Hormone und Lustempfinden einfach ausgeklammert und sich zurück gezogen auf eine Position, die da heißt, meine Sache. Mein Bauch gehört mir, meine Lust auch. Da rede ich nicht öffentlich drüber, komme ich alleine klar, wäre ja noch schöner, da diese Männer um Rat zu fragen, wie wir das machen mit den Bauchgefühlen.

Sexuelle Befreiung und mangelndes Bauchgefühl

Die sexuelle Befreiung der Frau ist eine unglaublich gute Sache. Verhütungsmittel zu haben und Sexualität auszuleben, ohne an Nachkommenschaft denken zu müssen ist ganz sicher eine wichtige und schöne Errungenschaft. Ich schreibe diese Zeilen als Hetero Frau und bitte meine lesbischen Freundinnen um Verzeihung, weil ich ihre Lebenswirklichkeit nicht beschreiben kann und deshalb einfach weglasse. Mir ist völlig klar, dass diverse Sexualität zu anderen Erkenntnissen führen kann. Ich schreibe als Frau, die nie schwanger war, nie geboren hat und als Pflegemutter Muttergefühle kennt, die ihr Körper aber nicht produziert hat, sondern ihr Herz. Und das ganz persönlich mit einigen Ideen, die vielleicht Allgemeingültigkeit haben. Habe ich die sexuelle Befreiung als Singlefrau genossen? Da in den 80 er Jahren? Nun da ich immer Probleme mit Verhütung hatte, kann ich sagen, nein. Das Narrativ „Pass auf, dass du nicht schwanger wirst" wirkte ebenso wie der Satz „Mein Bauch gehört mir" nicht lustfördernd in meiner Biographie. Im Grunde ist das ein furchtbar einsamer Satz, „mein Bauch gehört mir". Lust zu erleben hat etwas mit Begegnung zu tun. Hormone ausschütten ohne gute Begleitung ist zwar möglich, aber meiner Meinung nach nicht erstrebenswert. Ich glaube sogar, wenn Sexualität zur eigenen Befriedigung inszeniert wird, geht das gute Bauchgefühl verloren. Viel schlimmer ist es aber, dabei in Rollenmuster als Frau schlüpfen zu müssen, die nach wie vor leider viel zu oft „Hure" oder „Heilige" heißen.

Gefangen in alten Beziehungsmustern

Da sind sie also diese klugen, erfahrenen Frauen, die eine Ausbildung machen, sich in Männerberufen zurecht finden, Karriere machen und sich nicht über Männer definieren (müssen). Chapeau liebe Geschlechtsgenossinnen, genauso sollten wir aufwachsen und unsre Töchter erziehen. Genau das ist die großartige Leistung der Frauenbewegung, vor der ich mich nach wie vor verneige. Man muss nicht viel über Hirnforschung und Hormone wissen, um zu erkennen, dass Mädchen durch die Pubertät hindurch lernbereiter und aufnahmefähiger sind als Jungen. Jungen, die mit Testosteronschüben derart geplagt sind, dass eine jegliche Kurve zu Erektionen führen kann. (Vera Birkenbihl) Bis zum Alter von 22 Jahren haben Söhne damit zu kämpfen, das einzuordnen und wieder an anderes denken zu können als ihren Fortpflanzungstrieb. Eine ziemlich kluge Einsicht von Biologen und Hirnforschern - (und – innen), das nicht zu kriminalisieren, sondern biologisch zu erklären. Nur leider hat trotz Frauenbewegung und sexueller Befreiung ein guter Umgang mit überbordender männlicher Sexualität bis heute kaum stattgefunden. Als Heterofrau hatte ich doch in meiner Pubertät nach wie vor nur zwei Möglichkeiten. Sei als Mädchen Gegenüber und lebe das mit einem Jungen aus, der wahrscheinlich selten mich meint sondern eher seinen Trieb. Oder lebe keusch und verteufle nach wie vor sein und dein Lust-erleben. Die Frauenbewegung hat keine guten Erklärungen gefunden, wie wir verantwortlich mit Lust und Trieben umgehen. Manches hat sich meiner Wahrnehmung nach sogar verschlimmert durch die feministische Argumentation. In den Anfängen meiner Zeit als Jugendarbeiterin war die gemeinsame geschlechterübergreifende Jugendarbeit durchaus mal körperlich erlebbar. Es war uns ein Anliegen gegen die Prüderie zu leben, die solche unglaublichen Verhaltensmuster produzierte, die gewalttätig und frauenverachtend waren. Also wollten wir es anders machen. Gemeinsam duschen oder Saunagänge waren erlaubt und wurden begleitet. Scham ist ein hohes Gut, falsche Prüderie ist Gift für eine gute sexuelle Entwicklung von Männern und Frauen. Davon bin ich überzeugt.

Der Bauch und die Reizüberflutung

Der Bauch ist der Sitz der Seele, da ist spürbar, was guttut und was nicht. Das Hirn kann sich sowas nicht ausdenken und der Unterleib reagiert auf hormonelle Reize. Und dazwischen schlagen Herzen und spürt ein Bauch, was guttut oder eben nicht. Reizüberflutung ist keine sexuelle Offenheit, sie ist wie Schaulaufen in einer Peepshow die keiner wirklich veranstalten mag. Es ist unsinnig da von Befreiung zu reden, es ist Verwirrung in hohem Maße. Versorgung war den Frauen vor der Frauenbewegung wichtig. Es gab keine gute andere Möglichkeit für Frauen, sonst Kinder zu bekommen oder Sex zu haben. Also fügten sich Frauen ein, in das Modell der Ehe, die kirchlich gesegnet, gesellschaftlich verordnet dafür sorgte, dass Männer und Frauen gut für die kommende Generation sorgten. Männern wurde ihr Trieb immer zugestanden, außer im Zölibat. Die Kirchenoberen wollten sie in Ehe lenken, damit Ordnung herrscht. Nachkommen zu zeugen war eben wichtiger, als andere Beziehungsformen zu wagen. Und die Frauen, die waren Beiwerk, bis sie sich rausbewegten aus patriachalen Strukturen. Ich bin so froh, dass wir diese Zeiten hinter uns haben.

Hure oder Heilige

Ich vermute aber auch, dass bis heute niemand neue Beziehungsformen wirklich gefunden hat. Frauen machen Beziehung, ist häufig zu lesen. Und ich fürchte das stimmt auch. Was ich aber noch mehr fürchte ist die Tatsache, dass sie es nach alten weißen Männervorstellungen tun. Da gibt es immer noch die alten Muster der Hure oder der Heiligen. Und so stellen sich Männer leider immer noch die Frage. Habe ich eine liebevolle echte Beziehung mit einer Frau, die meine Kinder gut aufzieht aber dann eben nicht mehr so lustvoll mit mir umgeht? Oder lebe ich lieber mit der Hure, die keine Verantwortung braucht, dafür aber das Potential hat, mich zu manipulieren und sexuell zu befriedigen. Ich sage nicht, dass Frauen so sind, ich behaupte, dass Männer uns so sehen, nach wie vor – vor allem in Beziehungen mit Kindern. Wenn Beziehungen gelebt werden, die andere Erfahrungen machen, ich bitte um Berichte. Ich würde so gerne meine Thesen nicht bestätigt bekommen.

Die Kinder in neuen „Ehen"

Und nochmal zu den Kindern – der schwangere Bauch gehört eben nicht nur einer Frau, die schwanger wurde, sondern trägt auch die Verantwortung eines Erzeugers, der dieses Kind mit hat entstehen lassen. Kindererziehung ist eine der vielen Careaufgaben, die wir eben nicht den Frauen überlassen sollten, nur weil sie eine andere Wahrnehmung haben, wer wann was braucht. Es ist das Muttergen, das auch ohne Geburt voll durchschlägt, wie ich es erfahren durfte. Und wie oft übernehmen dann doch die Frauen wieder diese Arbeit. Sicher können Männer Kinder erziehen, sie können genauso gut für das Heim sorgen. Sie sind nur völlig anders beansprucht und sozialisiert durch diese Careaufgaben als Frauen. Nach wie vor. Weil Männer nicht in selbem Masse sich in Hausarbeit und Kindererziehung eingefunden haben, wie die frauengewegten Partnerinnen, die selbstverständlich typisch männliche Arbeit mit übernehmen. Ein Klische, ich weiß. Aber die schlichte Frage an Karrierefrauen, ob ihre Männer, kochen und putzen können und zwar in gleichem Maße und mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie sie selbst, führt leider immer noch zu diesem Ergebnis. Manchmal denke ich der Normalfall einer Erziehungsgemeinschaft sollte sein, sich genau für diese Zeit zum Wohle des Kindes arbeitsteilig festzulegen und danach eigene Wege zu suchen, entweder als Paar oder eben auch nicht mehr. Das sollte kein Scheitern miteinander sein, so ein Erziehungsleben, sondern Priorität haben, bis ein Kind mündig ist. Völlig unabhängig von Partnerschaft.

Das Ende der alten Ehemuster

Was ist die Alternative im Beziehungsleben von Männern mit Frauen? Leben sie lieber lustvoll vor sich hin und fürchten heimlich dabei, dass ihre Frau, die im besten Fall noch Lust empfindet, eben doch nur eine „Hure" ist, die sicher das, wenn ich es ihr nicht biete, bei anderen Männern sucht und findet? Oder umgekehrt, die Frau denkt, was er zuhause nicht kriegt, weil der Alltag uns auffrisst, holt er sich sicher woanders? Lustfeindliche Denkmuster sind das. Warum können wir nur heilig oder lustvoll sein? Wie findet das alles seinen Platz in gleichberechtigter Beziehung ob mit oder ohne Kinder? Besitzdenken und Lust aufeinander, die verloren oder fremd geht, das Ende so vieler Ehen heute, weil sich niemand mehr versorgen muss und halt zusammen bleibt wie unsre Vorfahren. Was ich für einen Fortschritt halte und nicht bedauere, sondern begrüße. Wieso besitzen wir uns entweder oder fürchten uns zu verlieren? Begehren ist ein wunderbarer Zustand, aber das ist eben nicht exklusiv und ewig mit derselben Person verbunden. Das ist uns doch hoffentlich allen klar. Ich gratuliere den Paaren, die sich das erhalten haben. Aber ich fürchte es sind wenige.

Reguliertes Eheleben und Lust

Liebe Frauen, wir können Testosteron nicht wegdiskutieren. Wir können uns keine kastrierten Männer zurecht denken, damit wir unsre Beziehungssehnsucht und Karrierepläne unter einen Hut kriegen, der Alltag aufgeteilt und ggf die Kinder miteinander erzogen werden. Und wir sollten auch nicht versuchen, uns dann noch um ein erfülltes Sexualleben zu bemühen, damit der Kerl sich zufriedengibt und nicht fremd geht und dabei abhandenkommt. Es ist ähnlich wie in der Pubertät – das Phänomen Testosteron ist doch nicht durch Schuldzuweisung zu lenken oder zu regulieren? Doch wo ist sie, die sexuelle Befreiung der Frau in diesem Fall? Kinder und Familie? Wo ist der Freiraum für das, was uns Frauen befriedigt? Ich persönlich mag das nicht ohne Sexualität denken, auch wenn viele Frauen angesichts der möglichen Alternative lieber den lustlosen Weg einschlagen und sich mit anderem arrangieren. Ich glaube wir sollten unsre Libido weder überschätzen noch unterschätzen. Und ein Gespräch mit einer Fachärztin wird sicher auch das im Sinne eines guten Bauchgefühls einordnen lassen. Hormonstatus ist da wohl der medizinische Fachbegriff. Was vergeben wir uns an Chancen, indem wir Frauen Verhütung regeln und nicht über die psychischen Folgen von Mutterschaft oder eben Menstruation sprechen, die nichts anderes bedeutet als sich innerlich auf Mutterschaft einzustellen und es danach wieder sein zu lassen. Unser Körper ist ebenso wie beim Manne auf Fortpflanzung eingerichtet und das macht was mit uns. Monat für Monat. Und liebe Männer, doch ein kleiner Satz für euch, mit spätestens 22 Jahren könnt ihr das biologisch im Griff haben, weil ihr ausgereift seid und in der Lage das Hirn einzuschalten. Wer danach weiter vor sich hin pubertiert, kann keine gleichberechtigte Beziehung voller Lust erwarten. Kein Mann hat das Recht, sich wegen Hormonschüben wie eine offene Hose zu benehmen. Und keine Frau sollte deswegen aufhören ihren Unterleib zu spüren. Meine bescheidene Meinung zu dem Thema. Ich verbiete niemandem die Keuschheit, ich verbiete aber auch keinem lustvolles Leben außerhalb der Norm Ehe. Weil es nicht natürlich ist, sich ein Grundbedürfnis des Körpers zu versagen.

Weg vom Versorgungswahn – sexuelle Befreiung in freier Wildbahn

Nur was genau entwickeln beide Geschlechter für neue Modelle, um dem alten Versorgungswahn zu entkommen? Wenn der Fortpflanzungstrieb nun mal gemeinsame Sorge für Nachkommen anlegt? Ich habe nie Kinder bekommen und mein Bauch gehört mir. Aber ich habe ein ungutes Bauchgefühl jedes Mal, wenn ich meine Lust spüre und keine Möglichkeit finde, sie im geschützten Raum auszuleben. Die sexuelle Befreiung – die endlich raus aus der Höhle führte- findet in freier Wildbahn statt. Oder in anonymen Chaträumen, in denen ich Jahre meines Singlelebens nach missglückter Ehe verbracht habe. Testosteron pur, kann ich da nur sagen. Wenige Frauen mit großer Libido spielen Schlampe für den Kerl. Die anderen nerven mit Beziehungsdiskussionen oder Banalitäten. Oder schimpfen über Männer, zumindest wenn sie hetero sind. Niemand hat ein gutes Bauchgefühl dabei. Und wir nennen es freie tabulose Welt.

Schamlosigkeit, Vergleich und Selbstverletzung

Schamlosigkeit halte ich für ein gutes Gefühl und ich liebe es, wenn ich über Lust offen reden oder sie leben kann. Schamlosigkeit in der sexuell befreiten Welt macht aber nach wie vor kein gutes Bauchgefühl. Ich schiebe das nicht den Männern zu, dieses ungute Gefühl. Na klar gibt es Arschlöcher, die sich wie offene Hose benehmen. Aber die mach ich mal nicht zum Maßstab. Ich halte Prävention vor sexuellem Missbrauch für enorm wichtig, aber sie hat das Potential zur neuen Prüderie zu werden, die Frauen heilig spricht und Männer zu Triebtätern erklärt. Beides ist einfach nicht wahr. Selbstverletzung – immer wieder höre und spreche ich mit Frauen, die sich selbst verletzen, weil sie ihre Rolle im Beziehungszirkus der Pubertät nicht finden. Und ich kenne selbstverletzende Verhaltensweisen an mir selbst bis ins hohe Alter. Meistens geht es dabei um den Vergleich mit anderen Frauen, die vermeintlich die guten Kerle abkriegen – äh wie noch mal genau? – der Vergleich mit Influencerinnen, die voller Schminke von inneren Werten reden, der Vergleich mit Frauenratgebern, die uns erklären, wie wir gute Beziehungen herstellen. Diese Vergleichssituationen in einer von „Jägern" geprägten Welt macht Frauen sexuell unmündig. Sie finden keine Rolle, die ihrer eigenen Lust gerecht wird, ohne den anderen zu missbrauchen. Es gibt auch Frauen, die offensiv ihren Vorteil suchen mit sexueller Offenheit und Manipulationstechniken. Es ist die andere Seite derselben Medaille.

Mütter erzieht eure Töchter zu Selbstbestimmtheit und Selbstständigkeit, dass sie sich selbst versorgen können. Väter – erklärt euren Söhnen was Übergriffigkeit ist und was ein gesundes Sexualleben, das verantwortlich gelebt wird mit Partnerinnen. Und liebe junge und alte Menschen, hört nicht auf Hollywood und Liebeskitsch. Glückshormone gehören zu gutem Sex und manche Verliebtheit ist einfach nur der Austausch von Glückshormonen und hat so rein gar nichts mit Beziehungsbedürfnis sondern eher mit Suchtverhalten zu tun. Aggressivität gibt es im außen und innen. Unterdrückte Wut und unterdrückte Lust führen zu verletzendem Verhalten gegen sich oder andere. Sexuelle Befreiung braucht Schutz für einen selbst und leider auch manchmal für andere.

Wie gelingt es sexuell befreit Beziehung zu leben und die Nachkommenschaft wirklich für gleichberechtigte Partnerschaften zu erziehen? Oder auch ohne Kinder sexuell befreit zu leben, ohne andere dafür zu gebrauchen?

Dominanz und Lust

Das wird hier sehr persönlich. Ich kann keine Allgemeinplätze von mir geben, da ich kein Facharztgespräch zu dem Thema geführt habe und es wenig Literatur zum Thema gibt. In meinem Leben war Lust oft verbunden mit der Sehnsucht die Kontrolle abzugeben. Die Sehnsucht nach einem dominanten Partner im Bett, der weiß,wo es langgeht. Der Jäger, der Beute macht, der Mann, der nimmt und selbstbewusst und potent Sex ausübt. Nicht wie im miesen Hausfrauenporno indem Mr. Grey durch die Liebe einer Frau, sich seine SM-Fantasien heilen lässt, auch nicht mit demütigenden Sexualpraktiken, die einer bestimmten Szene als Fetisch dienen. Ich vermute nur, dass Männer gerne Mann sind im Bett und ihre Potenz sehr wohl damit zusammenhängt, dass Frauen eben nicht manipulativ es ihnen besorgen, sondern im Grunde den starken Kerl begehren. Ihm seine Männlichkeit lassen und im Bett eben doch diejenige ist, die sich fallen lässt und er fängt das auf. Kann sein das ist mein Mädchenmuster, aus dem ich mich nie emanzipieren konnte. Ich kenne einfach wenige Frauen, die offensiv ihre Lust ausleben und sich dabei gut fühlen. Im Grunde sind Verführerinnen immer auf das good will ihres Partners angewiesen, der heimlich domininiert, was sein kann und was nicht. Um im Szenejargon zu bleiben. Ich glaube offensive Frauen spielen selbst die gute Domina oder Sub, die die Lage dominiert, indem sie nach den Vorstellungsmustern des Mannes Sex inszeniert.

Macht; Dominanz und Lust – he es geht doch um Spaß im Grunde.

Man möge mir andere Geschichten erzählen. Ich kenne kaum andere Geschichten, in denen zwei gleichberechtigte Partner aus reiner Lust Freude aneinander empfinden. Das Thema Lust ausleben ist immer verbunden mit anderen Erwartungen und Wünschen. Nicht nur, dass die Lust im Alltag abhandenkommt, ich glaube auch auf dem Sexdatemarkt wird unglaublich gedealt und gelogen. Es ist wie im Internet, die Klicks steigen beim Grad der Erregung und das gilt für Männer und Frauen. Bis auf die wenigen Ausnahmen der wirklich devoten Männer – denen ihr Fetisch unbenommen bleiben soll – spielen Allmachtphantasien von Männern eine unheimliche Rolle im Sexleben vieler Paare. Manches mal gedrosselt durch die Erziehung des pubertären Jungen, der gelernt hat, dass eine Erektion nicht zum Recht führt, seinen Samen in oder auf die nächste Frau zu streuen.

Aber im Grunde bleibt das Alphaverhalten des Samenspenders und eine am liebsten hingebungsvolle Nehmende als Bild gelungener Vereinigung. Was wirklich nichts Schlimmes per se wäre, gäbe es da nicht Tausende von Jahren eines Patriachates, in dem Frauen dann in Ehen gezwungen wurden, um die Nachkommenschaft zu sichern. Gäbe es da nicht eine Bewegung von Frauen, die nicht mehr angewiesen sind auf die Versorgung durch einen Mann nach Sexualität mit Folgen. Gäbe es da nicht eine sexuelle Offenheit in freier Wildbahn, die zu selbstverletzendem und grenzüberschreitenden Verhalten führen kann.

Freie Wildbahn oder ein neues Zuhause definieren

Und so ist das wieder kein gutes Bauchgefühl für jede emanzipierte Frau, deren Hirn denken kann, deren sexuelles Erleben nicht mehr an die Kinderfrage gekoppelt ist, deren Unterleib durchaus lustvoll reagiert auf Reize. Und seltsamerweise sind es nicht immer die liebevollen, rührseligen, sanften und kitschigen Gefühle, die der Mann einer Frau entgegenbringt, die bei mir zu Lust auf leidenschaftlichen Sex führen. Begehren und Leidenschaft sind starke Momente, die gelebt werden wollen, ohne dass Frauen die Errungenschaften der emanzipatorischen Sichtweisen über Bord werfen müssen. Viele Männer halten Feministinnen für sexfeindlich. Ich kann euch Alphatieren nur sagen, lasst die Dominanz da wo sie hingehört – im lustvollen Augenblick, der nichts über die Qualität einer gleichberechtigten Partnerschaft aussagen kann und soll.

Sich so einander anzunähern, als Gebender und Hingebungsvolle, als Verführerin und respektiertes Gegenüber – als Menschen, die ihre Lust kennen, ihre Erregungsmomente nicht für den Kopf sondern für den Unterleib nutzen können und dabei ihr Herz füreinander spüren, ob lebenslang oder nur für eine Nacht. Das wäre mir dann ziemlich egal, das wäre ein gutes Bauchgefühl. Das wäre eine Begegnung, in der ich sagen würde: Mein Bauch gehört uns und dein Bauch auch und fühlt sich das nicht fantastisch an? Und alles weitere überlassen wir Beziehungsdiskussionen, die sicher nicht im erregten Zustand herbeigeführt werden sollten. Sondern sexuell befreit unter Partnern, die sich verständigen über ihre Lebensform, die sie frei wählen. Die Elternschaft ist eine Lebensform, die anderen Gesetzen folgt. Wie schade, dass wir Sexualität und Elternschaft immer noch, wie zu Urzeiten machtvoll verknüpfen. Ich wünsche mir andere Erfahrungen und Rollen damit die Frauenbewegung endlich die sexuelle Befreiung wieder in guten Beziehungen leben kann, ohne sich dabei aufzugeben.

Unsere Bäuche werden es uns danken.