Nachwort
Kopfgeburten erwachen zum Leben
Ich sitze hier am Schreibtisch, Kaffee vor mir, und vor mir liegt mein viertes Buch. Ich überlege nicht mehr. Ich weiß.
Vier Jahre waren genug. Ich habe mich gegen die Kleinstadt entschieden, gegen das Sich-Einfügen, gegen das brave Leben. Lieber alleine als nicht ich selbst - das war der erste Satz, den ich wirklich meinte. Der erste Schritt raus aus dem Muster.
Dann kamen die anderen. Wilderer, Meister, Spieler - nette Begriffe für den schwierigen Umgang mit einer sexuellen Neigung. Aber im Grunde waren das keine wichtigen Menschen in meinem Leben. Sie waren wichtig in meinem Inneren, weil ich lernen musste, dass Lust ohne Liebe mich leer lässt. Beute, Material, Trophäe - das wollte ich nicht mehr sein.
Die ICQ-Liebe, meine zweite Ehe, verkam zum üblen Familienmuster ohne Happy End. Ich dachte, diesmal wird es anders. Aber es zeigte mir nur noch einmal klarer: Ich bin nicht für dieses Muster gemacht. Nicht für die Rolle der Ehefrau, die funktioniert und sich fügt. Auch nicht für den Mann, der Zampano spielen will, während ich im Hintergrund alles am Laufen halte. Ich habe organisiert, er hat kassiert. Ich habe funktioniert, er hatte Ansprüche.
Bauchgefühle - mein alter Essay. Ich habe ihn lange vor diesem Buch geschrieben, als ich noch in Thesen dachte statt in Geschichten. Damals wollte ich verstehen, warum mein Bauch und mein Kopf verschiedene Dinge sagen. Heute weiß ich: Es waren Geschichten, die ich erzählen musste. Keine Argumente. Geschichten.
Das wilde Mädchen - eine Bauchbeziehung, die wirklich funktioniert. Nach all dem Scheitern an Männern die Liebe, die hält. Fünf Anrufe am Tag, Reisen ans Meer, "Du nervst mich nie." Eine Freundschaft, die mich rettet, weil sie echt ist. Weil sie nicht nimmt, sondern gibt.
Der Rabe. Dauerwütend, dauernett. Phönix mit Narben. Er kratzt noch an meinem Selbstbewusstsein, nicht als Mann, sondern als Mahnung. Als Erinnerung daran, dass ich mich nicht wieder verbrennen lasse. Dass ich nicht wieder die sein will, die wartet, während andere entscheiden.
Mein Sohn. Bedingungslos lieben. Kopfstimmen gegen Bauchgefühl. Er hat mir beigebracht, den Unterschied zu hören. Wenn ich Kopfstimmen wiedergebe, macht er weiter. Wenn ich aus dem Bauch spreche, hört er auf. Das war die wichtigste Lektion: Mein Bauch lügt nicht. Ich liebe ihn groß und erziehe nicht mehr.
Die Sternenflüsterin - Schreibprozesse, die anstrengen und doch Magie enthalten. Vergessliche Sterne, die ich trainiere zu kommunizieren. Oberlehrer-Programme, die zu echten Gesprächen werden. Ich habe Worte gefunden. Das ist nicht unlebendig. Das ist eine Form zu leben.
Die Chatmänner leben in Erzählräumen, die nicht meine sind. Sie wollen Geschichten, keine Begegnungen. "Erzähl uns, was geschehen wird" - aber die Tür zur echten Welt öffnet sich nicht. Huhu ist nicht genug. Erzählräume sind keine wahren Türen ins echte Leben.
Die Ferienwohnung - ein Pseudonym für nichts. Raum, der frei wird, aber ich weiß nicht wofür. Vertrauter Schmerz oder unbekannte Leere. Fragen leben statt Antworten suchen. Manchmal reicht das.
Ich bin eine Autorin geworden. Eine Erzählerin. Eine, die ihren Bauch wieder spürt. Eine, die hofft, Sehnsucht hat, aber gut alleine zurechtkommt, solange sie erzählen kann.
Das ist kein Happy End. Es ist keine Lösung. Keine neue Beziehung, kein Mann in der Ferienwohnung, keine Antwort auf die Frage: Was jetzt?
Aber etwas anderes ist entstanden. Magie durch Erzählen.
Ich lebe anders. Ich kämpfe noch mit alten Szenen, aber es entstehen schöne Momente. Beim Schreiben bin ich nicht gefangen in "ich muss, ich sollte, ich bin falsch". Beim Schreiben bin ich frei. Meine Gedanken können spielen, können neue Töne finden, können schwingen.
Ich bin raus aus dem Kopf - nicht nur in den Bauch, sondern in kreative Freiheit. Gedanken, die nicht mehr in alten Mustern gefangen sind.
Vier Bücher. Viele Geschichten. Und die Erkenntnis: Vielleicht ist Schreiben meine Art zu lieben. Mich selbst. Mein Leben. Die Menschen, die ich beschreibe, auch wenn sie mich verletzt haben.
Ich bin nicht nett beim Schreiben, aber ich versuche zu verstehen. Mich und die Menschen. Die Wut verraucht, die Erkenntnis kommt, und ich lebe. Vor mich hin.
Bis wann? Bis was? Vielleicht ist diese Frage einfach zu viel für mich. Ich frage nicht mehr.