Maskenmänner
Vom Wilderer, Meister und Spieler in meinem Leben
Der Wilderer
Mitte dreißig war ich, als er in mein Leben trat. Ein Mann, der keine Grenzen kannte - oder vielmehr, der nur die Grenzen kannte, die er selbst zog. Er nannte sich nicht Wilderer, aber das war er - einer, der in fremdes Gebiet eindrang und nahm, was er begehrte. Er sprach von der Steppe, weil er so verbrannt war von allen liebevollen Begegnungen, die für ihn nicht passten. Also lebte er was anderes, um sich zu spüren.
Er war meine erste Begegnung mit dieser Welt der Dominanz und Unterwerfung. Nicht in der Theorie, sondern in der harten Realität. Seine Stimme, sein Blick, seine Worte - alles war mysteriös und fordernd. Wem gehörst du? fragte er und ich sagte, mir wem sonst. Er lachte nur. Dann verstehst du nicht, was ich brauche. Wie ein Reh im Scheinwerferlicht stand ich vor ihm, wusste nicht, ob ich fliehen oder bleiben sollte.
Die Energie zwischen uns war elektrisch. Ich entdeckte Seiten an mir, von denen ich nicht wusste, dass sie existieren. Die Frau, die Entscheidungen traf, Karriere machte, selbstbewusst durchs Leben ging - sie verschwand in seiner Gegenwart. Zurück blieb eine, die sich einfinden wollte, in etwas, was mit Kontrollverlust und Ekstase zu tun hatte. Es war berauschend und erschreckend zugleich. Ein Tanz am Abgrund, der mir Seiten von mir zeigte, die ich nicht kannte. Es war geil, aber anders und ich wollte wohl aber konnte nicht.
Er spürte das die ganze Zeit. Er sagte, ich mag dich zu sehr, um dich da mit reinzuziehen. Schau, dass du Land gewinnst. Du glaubst an die Sonne. Lass mich einfach zurück. Ich hab keine Idee, wie wir uns lieben können mit dieser dunklen Seite in mir. Aber ich war schon längst der Idee verfallen, auch das hinzubekommen. Als seine Freundin kämpfte ich mit ihm um die Sonne, ich forderte Zeit und Vertrauen und schrieb Geschichten, die er sogar beantwortete in seiner düsteren Steppenwelt. Eines Tages dachte ich, biete dich ihm an als das, was er will - eine Gespielin für seine dunklen Phantasien. Ich war toll und aufgeregt bei der Vorbereitung und scheiterte gnadenlos bei den Treffen, die unbefriedigt und vollkommen frustrierend endeten. Das alles löste in mir Angst aus - nicht vor ihm, sondern vor mir selbst. Vor dieser Frau, die so bereitwillig ihre Kontrolle abgeben wollte, die sich so vollständig hingeben wollte aber es eh nicht konnte.
In eine Ehe bin ich geflüchtet, vor ihm und vor dieser Seite von mir. Ich dachte, in der Sicherheit einer konventionellen Beziehung würde diese wilde, unberechenbare Kraft in mir gezähmt werden. Ich täuschte mich.
Jahre später hörte ich, dass er eine gefunden hatte - eine Frau, die sich ganz in seine Welt begeben hat. 24/7 nennen sie das in der Szene. Ein Leben in permanenter Unterwerfung. Sie hat ihn geheiratet, diesen Mann, der andere besitzt. Sie kniet, wenn er es verlangt, öffentlich und privat. Sie lebt ein Leben, das ich nur gestreift habe.
Als ich nach meiner Trennung versuchte, mit ihm Kontakt aufzunehmen, um zu verstehen, was damals geschehen war, schrieb seine Frau mir eine empörte E-Mail. Ich als kirchliche Mitarbeiterin sollte doch die Heiligkeit der Ehe respektieren. Ich musste lächeln. Die Frau, die vor ihrem Mann auf die Knie geht, spricht von der Heiligkeit der Ehe. Die Ironie entging ihr.
Der Wilderer hat in mir etwas aufgeweckt, das nie wieder einschlief. Eine Sehnsucht nach Intensität, nach Hingabe. Aber auch eine tiefe Furcht vor dem Verlust meiner selbst. Er ist Teil meiner Geschichte, aber einer, den ich hinter mir lassen musste, um ganz zu werden.
Der Meister
In den Chaträumen war ich verloren. Sara nannte ich mich dort, ein Name aus der Zeit mit ihm. Ich hatte ihm Sara angeboten, als ich selbst schon innerlich weg war. Ich versuchte eine andere Version meiner selbst zu werden. Sara nannte ich mich wieder, als ich die Chaträume betrat, nach dem traumatischen Ende meiner Ehe. Die Männer dort waren Raubtiere, auf der Suche nach leichter Beute. Und ich, mit meiner Sehnsucht nach Unterwerfung und gleichzeitiger Angst davor, war ein ideales Opfer.
Bis er auftauchte. Er nannte sich Meister, für mich wurde er einer - nicht weil er mich unterwarf, sondern weil er mir half, in dieser Welt zu navigieren. Ich nannte ihn also Meister, Sara nannte ihn so. Er zeigte mir die Regeln, die Grenzen, die Möglichkeiten.
Ich lebte auf und wurde immer neugieriger. Unsere Gespräche begannen wie viele andere - im Raum der Fantasien, der Rollenspiele. Ich hatte Aufgaben, die ich bewältigen konnte und ich wusste, der Typ verschwindet nicht beim Aufgehen der Sonne. Er war präsent, wenn auch nur im Chat. Unsere Gespräche begannen mit Spielen, aber sie endeten woanders. Bei Fragen nach meiner kaputten Heizung. Bei Links zu Artikeln, die mich interessieren könnten. Bei alltäglicher Sorge, wenn ich zwei Tage nicht online war. Er wurde zu meinem Alltagsbegleiter, zu einem Freund in der virtuellen Welt. Einem, der verstand, was manche Männer nie verstehen würden - diese Seite von mir, die Hingabe suchte, die sich fallen lassen wollte. Die Seite, die Sara war.
Als der Rabe in mein Leben trat, verschwand er für eine Weile. "Das ist wichtig für dich, ich nicht", sagte er. Es war eine Geste des Respekts, der Fürsorge. Keine Eifersuchtsszene, kein Besitzanspruch. Nur Verständnis.
Er hat seine eigenen Dämonen. Seine Ausflüge in die Welt der Dominanz und Unterwerfung führten ihn an dunkle Orte. Als das BKA vor seiner Tür stand, weil seine IP-Adresse in einer Ermittlung auftauchte, brach seine Welt zusammen. Seine Frau erfuhr von seinem virtuellen Doppelleben. Die Therapie, die folgte, war das, was seine Frau von ihm verlangte, sie selbst sah kein Therapiebedürfnis für sich. Wie verrückt, dass wir so wenig über unsere Bedürfnisse wirklich reden können.
Aber er kam zurück. In die Schmuddelwelt des Chats, er wollte wieder spielen, auch wenn er nur kurz da war, weil er wohl zu sehr Sorge hatte kurz nach der Therapie, blieb er bei mir. In einem anderen Messenger. Nicht bei den dunklen Orten, aber bei mir. Er kehrte zurück, wie jedes Jahr, nach Zwangspausen, die er sich selbst verordnet. Er kommt zurück. Zu unseren Gesprächen, die längst mehr sind als Rollenspiele. "Du vermisst Sara", sage ich manchmal zu ihm. "Aber die gibt es nicht mehr." "Ich weiß", antwortet er dann. "Mit dir muss ich anders umgehen heute."
Es frustriert ihn manchmal, dass ich nicht mehr die Sara bin, die sich in Fantasien verliert. Es frustriert mich manchmal, dass ich ihn nicht mehr körperlich spüre wie früher beim Kopfkino. Aber all das funktioniert auch nicht mehr, ich tauche nicht mehr ein in diese Chaträume. Unter dieser Frustration über verloren gegangenes Spiel liegt etwas Tieferes - eine Verbindung, die über die Jahre gewachsen ist, über alle Veränderungen hinweg.
Seine Frau weiß nichts von mir. Für sie ist das Chatten ein "falsches Sexualverhalten", das wegtherapiert werden sollte. Ich bin der Gegenentwurf zu dem, was sie leben - ein Raum für seine echten Gedanken, für die Teile von ihm, die in ihrer Ehe keinen Platz haben. Manchmal denke ich daran, ihn zu treffen. Ihn kennenzulernen, diesen Mann, der mir so viel gegeben hat, ohne etwas zu fordern. Aber ich weiß, dass es ihm Druck machen würde. Dass die Grenze zwischen virtuell und real für ihn wichtig ist. Vor allem, wenn es um mich geht.
Also bleibt er mein virtueller Meister. Nicht weil er mich beherrscht, sondern weil er mir half, mich selbst zu finden in einer Welt, die mich sonst verschlungen hätte.
Der Spieler
Er nannte sich selbst so - der Spieler. Ein Mann, der nur spielen wollte, ohne Konsequenzen, ohne Verantwortung. Ein Meister der Szene, wie er sich darstellte. Einer, der wusste, wie man Frauen führt, wie man ihre Grenzen testet, wie man ihnen gibt, was sie brauchen - oder zu brauchen glauben. Ich traf ihn, als ich bereit war zu testen, ob meine Fantasien auch in der Realität Bestand haben würden. Ob ich die Lust der Unterwerfung auch im echten Leben erleben könnte, nicht nur in Chatgesprächen und nächtlichen Träumen.
Die Sessions waren... kompetent. Technisch versiert. Körperlich intensiv. Alle Knoten richtig gebunden, alle Kommandos klar artikuliert. Ein Meister seines Handwerks, ohne Zweifel.
Aber danach, beim Kaffee, zerbrach die Illusion. Der Mann hinter der Maske des Dominanten entpuppte sich als jemand, mit dem ich nicht einmal ein normales Gespräch führen wollte. Seine politischen Ansichten, seine Weltsicht - alles stand im Widerspruch zu meinem eigenen Leben, meinen eigenen Werten. Es war eine wichtige Erkenntnis: Ja, ich kann Lust getrennt von allem anderen erleben. Körperlich funktioniert es wunderbar. Aber die Seele bleibt leer. Der Sex war gut, aber es war nur Sex. Keine Verbindung, keine Resonanz zwischen uns als Menschen. Kein gegenseitiges Verstehen, kein gemeinsames Lachen.
Der Spieler zeigte mir, was ich nicht will: eine Sexualität, die vom Rest meines Lebens abgetrennt ist. Eine Rolle, die ich nur für ein paar Stunden annehme und dann wieder ablege. Eine Lust ohne Wärme, ohne Verbindung.
Die Erkenntnis
Diese drei Männer - der Wilderer, der Meister, der Spieler - haben mir verschiedene Facetten einer Welt gezeigt, die viele nicht verstehen. Eine Welt, in der Macht und Hingabe, Kontrolle und Kontrollverlust die Währung sind. Von jedem habe ich etwas gelernt. Der Wilderer weckte diese Seite in mir, auch wenn er mich erschreckte und meine Liebe verzweifelte bei ihm. Der Meister half mir, sie zu verstehen und zu akzeptieren. Der Spieler zeigte mir ihre Grenzen.
Zusammen haben sie mir geholfen zu erkennen, was ich wirklich suche: Nicht die reine Unterwerfung, nicht das bloße Spiel mit Macht. Sondern eine Verbindung, in der ich alle Seiten von mir leben kann - die starke, selbstbestimmte Frau und die, die sich manchmal der Lust hingeben möchte. Die intellektuelle und die sinnliche. Die Chatfrau und die Mutter. Die Kirchenmitarbeiterin und die Frau mit devoten Fantasien und einer Lust, die nie wirklich liebevoll gelebt werden konnte. Ich bin keine von diesen Rollen allein. Ich bin alle zusammen und noch viel mehr.
In unserer Gesellschaft gibt es wenig Raum für solche Komplexität. Wir reden entweder gar nicht über Sexualität oder wir pornografisieren sie. Wir teilen Menschen in Schubladen ein - die Devote, die Dominante, die Vanilla. Als müssten wir uns für eine Identität entscheiden und darin verharren. Aber das Leben ist zu reichhaltig für solche Einteilungen. Wir sind alle vielschichtig, widersprüchlich, in ständiger Entwicklung.
Was ich diesen Männern verdanke, ist nicht die Erfüllung meiner Fantasien. Es ist die Erkenntnis, dass ich diese Fantasien haben kann, ohne mich auf sie reduzieren zu lassen. Dass ich meine Lust leben kann, ohne mich zu verlieren. Dass meine Lust ein Zuhause braucht und Alltag und jemanden, der nicht nur sie sucht. Dass ich, wie alle Frauen, das Recht habe, komplex zu sein. Widersprüchlich. Ganz.