Die Chatfrau

Aus dem Leben einer Frau in Datingportalen

Manchmal beim Chatten schreibe ich Geschichten. Märchen über das, was sein könnte. In dem Fall eine über zwei Jungs in Tirol - Zeus und den Schweizer. Sie sind typische Chatmänner und doch ganz anders gewesen. Aber eines bleibt. Diese Chatmänner lesen sogar meine Geschichten über sie, ohne dass sich was ändert bei ihnen. Diese Geschichte habe ich beiden gezeigt und nichts wurde anders. Sie verstehen und verschwinden. Ich ändere mich, sie nicht. Aber lest selbst:

Die Chatfrau, die keine sein wollte

Es war einmal eine Frau, die in der echten Welt nicht mehr atmen konnte. Ihr Zuhause war grau geworden, lustlos und schwer. Eines Nachts fand sie eine Tür aus flimmerndem Licht. Sie führte ins Chatuniversum. Die Frau trat hindurch.

Die Gedankenwelt ist so viel leichter - für Menschen, die gerne mit Gedanken spielen, fern ab von jeglicher Realität. Aber die Gedankenwelt der Frau war nach wie vor schwer. Das Grau hatte sich tief eingefärbt. Sie ging durch viele Zimmer. Heimlich lugte sie durchs Sexfenster und dachte: Ui, hier darf man alles aussprechen? Das ist lebendig! Sie blieb. Aber bald merkte sie: Die vielen Zimmer hatten alle dieselbe Form. Immer dasselbe Muster. Es folgten viele Zimmer. Auch die dunklen. Tabuzonen, die sogar ihre Angst verloren durchs Aussprechen des Nie Gesagten. Manchmal ging sie zurück in die echte Welt und traf die Chatmänner. Aber sie waren seltsam unvollständig: reduziert, lustbetont, seelenlos.

Männer, die den Chat nur besuchen, um sich aufzuheitern, werden diese Frau nie begreifen. Sie laden in Zimmer ein, die sie für hell halten - während sie nach wie vor der reinen Erzählung misstraut, weil sie Schatten an der Wand sieht.

Zeus

Es gab ein besonderes Zimmer. Dort saß Zeus. Zeus war anders. Mysteriös, überlegen. "Ich weiß, was gut für dich ist", sagte er. Die Frau hoffte, als sie seine Worte hörte. Sonne, Marktbesuche, Genuss, Klarheit. Eine helle Welt hat er zu bieten, dachte sie, was für ein Sehnsuchtsort der Mann ist. Dann ging es wieder ans Erzählen, was denn da so wäre mit ihrer Lust, die im dunklen Keller schmorte, warum sie nicht mal beschreiben könne, was da an die Oberfläche sollte. Da ist dunkel, flüsterte sie, mag es nicht wirklich beschreiben. Das ist nicht meine Schuld, mach Licht an, schau, ich bin anders, mahnte Zeus. Finde den Schalter nicht, antwortete sie, der ist nicht hier drinnen.

Sie stritten. Sie kämpften mit Worten. Es war zäh, aber sie konnte nicht gehen. Vielleicht ist er der Ausweg. Sie wuchs. Sie lernte zurückzuschlagen, wenn etwas weh tat beim Erzählen. Zeus gefiel das nicht. Er war sich ja so sicher, dass er kein dunkler Mann war und sicher nicht der Grund für ihre Wut. "Überleg dir, was du willst", sagte er kühl. Oft strafte er sie mit Abwesenheit und ging zum Nachbarn einen Wein trinken. Bis er ganz verschwand. Zeus ist off.

Monate vergingen. Die Frau lebte weiter im Chatuniversum, immer auf der Suche nach einer Tür, einem Mann, der wirklich raus wollte. Aber Chatmänner leben alle längst in Welten, in denen sie sich wohlfühlen oder auch nicht – davon reden sie eh nicht - ihnen fehlt nur der Kick des Chatraumes. Entspanne dich, lass es zu, flüstern sie und sie krampft dabei und möchte endlich mal erleben, was das bedeuten könnte, das wohlige Lust erleben.

Sie plauderte, erzählte von allem was zuhause längst Realität geworden war: Sonnenstrahlen, die das Herz erwärmen. Auch von Sorgen und Schwerem, aber die schaffte sie alleine beiseite nach dem Chatten. Sie klärte vieles, was vorher nur grau und schwer war. Sie lebte auf. Vieles war nicht mehr schwer, aber die Lust schmollte immer noch im einsamen Keller ihres Hauses. Sie erzählte sogar davon im Chat und alle fragten warum sie kein Licht anmachen kann – wenigstens im Chat - und mal lustig erzählen, worum es gehen solle. Das ist wie Baupläne zeichnen von etwas, was sie nicht kennt. Stift in der Hand, Papier vorhanden.. kein Plan. Nur vage Ideen.

Der Schweizer

Eines schönen Tages klopft es an der Tür in einem Chatzimmer. Grüße von Zeus ruft einer, kann ich reinkommen? Der Schweizer. Der Nachbar. "Zeus hatte einen Unfall", sagte er. Die Frau war ganz Ohr. Das war ihre Welt. Sie kannte Schatten und Kämpfen. Schatten in der sonnigen Zeus-Welt. Er war auch nur ein Mensch, der schwer zu kämpfen hatte. Der Schweizer stand ihm bei. Er war wohl nicht alleine. Ob das die Lage verändern würde? Echte Gespräche über Halt und zusammen halten? Der Schweizer hatte sie nie wirklich gekannt und er war neu im Chatuniversum. Schon im ersten Gespräch tat er, was alle Männer tun im Chatraum. Lenke mich ab. Lass dich ablenken. Wir sind doch hier in der Chatwelt, sagte er. Du möchtest uns besuchen auf der Dachterasse, fragte er? Werden wir dort ficken? Das Muster kehrte zurück. In Reinform. Jetzt waren sie zu dritt.

Manchmal waren sie sogar beide da im Chatzimmer gleichzeitig. Manchmal nur einer, meistens waren sie eh beschäftigt mit dem wahren Leben. Wie sehr sie dafür Verständnis hatte. "Komm zu uns nach Tirol", sagten sie manchmal. "Wir drei zusammen." Aber ja, wie gerne wäre sie dort. Aber so wirklich wollten die beiden das nicht wahr machen. Das Spiel blieb dasselbe: "Wir sind doch gerade hier, im Chatzimmer. Erzähle uns, was geschehen wird. Wir sind ganz Ohr." Und sie: "Kann ich nicht. Ich muss hier raus."

Chat-Abbrüche folgten, wenn das echte Leben anderes erfordert. Die Frau stellte Fragen, viele Fragen, viel zu viele. Lenk nicht ab, mach Licht an. Komm aus dem Keller hier in diesen Raum zu uns. Finde den Schalter nicht, aber wo ist der echte Raum, wann sehen wir uns? Manchmal lächelten beide: " Wir holen dich ab. Wohnmobil. Aber sag mal wo ist der nächste Parkplatz. Was wird dort geschehen?" Erzählräume. Nie wahre Türen ins echte Leben.

Diese Einladung bleibt aus. Obwohl ihre wahre Welt heilt und sie dort aufblüht, bleibt ihr Muster im Chatuniversum unvollendet. Zeus ist nicht anders als die andern. Der Schweizer ergänzt ihn perfekt. Entwickelt ein ganz neues Eigenleben auch. Die Erzählungen sind ausführlicher, klüger, selbstbewusster und irgendwie sogar lustig. „Menage a trois, erzähle, wer zuerst. Bleib bei uns in der Mitte. Du bist unsere Mitte." Schönes Bild, wenn es wahr wäre. Aber die Mitte ist keine echte Mitte. Sie ist die Mitte des Chatraumes, keine Sonnenstrahlen auf der Haut, nur ein Funken im Bauch oder etwas unterhalb, Funken einer lustvollen Beschreibung von etwas, was vielleicht mal real werden könnte. Wie könnte sie darüber plaudern ohne es wirklich erlebt zu haben?

Das Ende der Geschichte

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann chatten sie noch heute: Die kluge Frau, die etwas Echtes erleben will. Um mal wieder aufzuleben, so richtig nach all den Sorgen. Und ihre Chatmänner, die so gerne in Gedankenwelten spielen – den Funken suchend, der sie davon abhält sich allzu viele Sorgen zu machen um das Leben, das sie so gerne für sich behalten wollen. Und über allem strahlt die Sonne, gibt es Wolken und ab und zu regnet es auch. Weil das Leben so ist, die Chatwelt aber nicht.