Über den Raben

Wie eine Affäre mir beibrachte nie mehr Phönix zu sein

Die Paradiesvögel und der Rabe

Er war nie der, für den ich ihn hielt. Vielleicht war er einfach nur ein Mann, der abends kam, wenn es dunkel war, und ging, wenn der Tag begann. Aber damals war das Licht, das er brachte, mehr, als ich mir selbst geben konnte. Ich lachte wieder, obwohl ich innerlich schon zerbrochen war.

Er nannte sich selbst den Raben. „Ich bin keiner von den Paradiesvögeln", sagte er einmal – so nannte ich damals meine Chatbekanntschaften, die bunten, lauten, flüchtigen Gestalten, die kurz aufflackerten und wieder verschwanden. „Ich bin eher so ein Rabe, der vor deinem Fenster herumtapst." Und genauso war es. Er kam abends, wenn es dunkel war, und ging, wenn der Tag begann. Er tapste vor meiner Tür herum, halb neugierig, halb verlegen, so wie Menschen sind, die Nähe wollen, aber nicht wissen, was sie dafür hergeben müssen.

Ich ließ ihn ein. Er redete, ich hörte zu. Er redete wieder, ich hörte wieder zu. Und irgendwann redeten wir nicht mehr – wir taten, was Menschen tun, wenn sie nicht mehr wissen, wie man sich anders begegnet. Ich glaube, er mochte mich wirklich. Nur war er nicht fähig, jemanden wirklich zu mögen. Zu viel Unruhe, zu viele Lücken. Und ich war müde genug, um seine halbe Wärme für echt zu halten.

Dann verliebte er sich – in eine Frau, die alles war, was ich nie mehr sein wollte: gefügig, gefällig, die Sonne auf Bestellung. Sie bot ihm das leichte Leben, das ich längst nicht mehr schuldig war. Ich sah, wie er sich in ihr verlor, und in mir brach etwas, das ich für unzerstörbar gehalten hatte.

Dann kam Corona

Ich sagte zu ihm, er müsse sich überlegen, wer seine Hausgemeinschaft sei, denn bald würde es nicht mehr um Besuche gehen, sondern ums Aushalten. Er antwortete, er wolle sich für niemanden entscheiden, er richte sich eine Wohnung für sich allein ein – um frei zu sein, als ginge das mitten in einer Pandemie. Er zog nicht ein, sondern lebte weiterhin in dem Apartment, das einmal unser Rückzugsort gewesen war. Und dann kam sie dorthin. Obwohl ich sie genau da nicht haben konnte – in meiner Gegend, fern von seiner Welt und Familie, mit der ich ihn schon immer geteilt hatte.

Ich fühlte mich verdrängt, nicht nur von ihr, sondern aus meinem eigenen Leben, aus den Abenden, die einmal mir gehört hatten. Ich sagte: „Lass sie dort, wo sie hingehört." Aber er ließ sie kommen. Sie stritten sich, und als der Lockdown begann, nahm sie ihn mit zu sich nach Hause. Weg von seiner Familie. Weg von mir. Sie holte ihn sich.

Er bekam Tinnitus, ich bekam Stille. Und das war der Moment, in dem ich verstand, dass man Menschen nicht verliert – sie lassen einen einfach zurück, wenn es unbequem wird, zu bleiben.

Heimliche Anrufe

Während er sich in seinem neuen Leben verschanzte, war ich wieder die, bei der er sich Luft holte. Er rief heimlich an, nicht, weil er Sehnsucht hatte, sondern weil er sich selbst nicht aushielt. Ich hörte seine Hast, seine Angst, und spürte, wie sich in mir alles zusammenzog. Wieder sollte ich beruhigen, Verständnis haben, während ich selbst kaum atmen konnte. Er redete sich müde, ich wurde leer und weinte allein nach dem Hören.

Er ging zurück zu ihr, und ich blieb mit den Geräuschen seiner Flucht im Ohr – sein Rascheln, sein Schweigen, seine Rechtfertigungen. Er brachte mir keine Nähe, nur das Nachbeben seiner Feigheit. Also schrieb ich. Ich schrieb, um das Gift herauszubekommen, um mir selbst wieder zuzuhören, weil er es nie getan hatte.

Ich blieb die Frau, die ruhig redet, damit Männer nicht schreien. Die Frau der Briefe, die niemand wirklich lesen wollte, er schon gar nicht – in der engen Bude, überwacht von einer Frau, die sich ohne Skrupel nahm, was sie brauchte. Ich war eine Frau, die sich erklärt, weil Schweigen sonst wieder gegen sie verwendet wird. Er nannte mich „die Normale", weil ich nicht weinte, sondern Sätze baute, die er verstand. Aber in mir brannte es weiter, nur eben lautlos.

Die Katze und das Aufwachen

Als der Lockdown zu Ende war und mein Sohn endlich wieder das Haus verließ, wurde es still – zu still. Wochenlang hatte ich funktioniert: gekocht, getröstet, organisiert, war Mutter, Krankenschwester, Dolmetscherin für Angst. Jetzt war plötzlich Raum da. Und in diesen Raum fiel alles hinein, was ich monatelang weggeschoben hatte. Ich fing an zu weinen, nicht leise, sondern laut, mit Schluchzern, die aus dem Bauch kamen. Meine Katze kam, legte sich auf mich, ahmte meine Geräusche nach, ein seltsames, mitfühlendes Echo. Da spürte ich mich wieder. Zum ersten Mal seit Monaten fühlte ich meinen eigenen Körper – nicht als Werkzeug, nicht als Stütze, sondern als etwas, das noch lebt. Das war der Moment, in dem ich verstand: Ich kann nichts mehr halten, was andere nicht tragen wollen. Und ich begann wieder zu schreiben – nicht, um zu retten, sondern um zu überleben.

Auszeit und Geburtstag

Als der Lockdown vorbei war, ging er wieder arbeiten. Endlich, sagte er, endlich wieder Alltag. Er zog in die Wohnung, die schon so lange bereitstand – eine Stunde von mir, anderthalb von ihr. Unter der Woche war er dort allein, am Wochenende kam sie, und ich war das unsichtbare Dazwischen. Er fragte mich, wie man es einrichtet, welche Farbe der Schrank haben solle, wo das Bett stehen könnte – als wäre ich seine Inneneinrichterin, nicht seine Vergangenheit. Ich antwortete, höflich wie immer, dauerwütend und dauernett, weil offene Wut nichts brachte und Schweigen nur verletzt hätte.

Er sagte, er müsse einfach kurz mit mir reden, weil sonst alles in ihm zu laut würde. Ich hörte zu, obwohl ich wusste, dass jedes Gespräch Ärger bedeutete. Sie fand es heraus. Natürlich. Sie tobte, stellte Forderungen, zog Grenzen, die eigentlich mich treffen sollten. Er versuchte, es mir zu erklären: Sie brauche jetzt eine Auszeit – von mir, von allem, was „uns" gewesen war. Ich verstand den Satz sofort: Er durfte wieder Frieden haben, wenn ich den Preis zahlte. Ich war die Unruhe, die aus seinem neuen Leben verbannt werden musste. Ich war wütend und müde zugleich. Er suchte Rückhalt bei mir und ließ mich fallen, sobald sie es verlangte. Ich schrieb weiter, dauerwütend, dauernett – meine Texte als Ventil, meine Worte als einziger Ort, an dem ich noch ich selbst war.

Mein Geburtstag fiel mitten in diese Auszeit. Sie hatte die groteske Idee, sie könnten gemeinsam kommen – ein Zeichen von Größe, sagte sie. Ich sagte nein. Keiner von euch kommt. Nicht in meine Wohnung, nicht in mein Leben. Er verstand es nicht. Für ihn war das wieder ein Missverständnis. Jetzt fange auch ich an zu zicken, sagte er. Er war schockiert. Für mich war es die erste klare Grenze seit Jahren.

Der Sturz des Raben

Und wieder wurde es Sommer, Herbst und Weihnachten. Ich war auf mich allein gestellt. Oft dachte ich: Was ist das da eigentlich mit dem Raben und ihr? Heute weiß ich: Sie war abgrundtief böse – verpackt in Charme, in das, was er „ihren Liebreiz" nannte. Er fand das hinreißend, weil er Zuwendung nie von Klarheit trennen konnte. Sie verstand ihn auf ihre Weise: Sie gab ihm das Gefühl, begehrt zu sein, und nahm ihm dabei Stück für Stück die Luft. Er ließ sie gewähren, weil er das Verhängnis mit Nähe verwechselte. Sie sog ihn aus bis auf den letzten Rest von Kraft, bis nichts mehr von ihm übrig war außer der Pose des unschuldigen Mannes, dem alles passiert. Dann spuckte sie ihn aus.

„Sie verlässt mich wegen dir"

Im Februar rief er an, seine Stimme brüchig. „Sie verlässt mich wegen dir." Kein Hallo, kein Wie geht's – nur dieser Satz, als müsste ich ihn auffangen. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Er hatte sich wochenlang verbogen, um ihre Grenzen zu halten, und jetzt warf sie ihm vor, sie gebrochen zu haben. Ich war nicht überrascht, nur müde. Ich sagte: „Dann lass sie gehen." Er schwieg. Er wartete darauf, dass ich etwas Tröstliches sage, aber ich hatte nichts mehr, was ihn hätte retten können.

Er redete und redete, suchte nach Erklärungen, wie immer, wenn er Angst hatte. Er sagte, sie sei wütend, sie habe alles herausgefunden – die Anrufe, die Nachrichten, das Schweigen zwischen den Zeilen. Sie habe gesagt, er liebe mich, sonst hätte er längst aufgehört, nach mir zu klingen. Er fragte: „Stimmt das?" Ich hörte, wie verzweifelt er war, aber ich wusste auch: Er meinte nicht mich. Er meinte den Halt, den er bei mir verlor, weil ich aufgehört hatte, ihn zu halten. Ich hörte zu, sah, wie er in sich zusammensank, und fragte mich zum ersten Mal, wann eigentlich jemand mir zuhören würde. Ich weiß es nicht, antwortete ich auf die Frage, ob er mich liebe. Mir war längst klar: Ich war gar nicht Thema des Gesprächs gewesen.

Der Geburtstag des Raben

Im April hatte er Geburtstag. Allein, mitten in der Scheidung. Nicht, weil sie – die „Holde" – gegangen war, sondern weil seine Frau, die erste, endlich sagte: So geht man mit Frauen nicht um. Sie hatte es verstanden, lange bevor ich es laut aussprechen konnte. Sie tat mir leid, nicht, weil sie betrogen wurde, sondern weil sie jahrzehntelang glauben musste, so sei Liebe.

Er jammerte, weil alles so anstrengend war – die Scheidung, das Alleinsein. Er sah sich als Opfer aller drei Frauen. Aber er war kein Opfer, obwohl er klang, als habe niemand so gelitten wie er. Der Rabe, der dreimal glaubte, er könne weiter vor sich hintapsen, immer auf der Suche nach dem nächsten Futter, das er noch nicht hatte, und nach einer Hand, die es ihm reicht. Dabei verlor er die Frauen, die ihn wirklich mochten, und blieb bei der, die ihn aussaugte, bis nichts mehr von ihm übrig war. Er nannte das großes Leid. Ich nannte es Konsequenz.

Mein Besuch

Ich fuhr hin, an seinem Geburtstag, damit er nicht so allein sein musste. Ich besuchte ihn in seiner neuen Wohnung – dem Ort, der eigentlich für die beiden anderen gedacht war. Ich wollte es noch einmal versuchen. Doch kaum berührte er mich, begann er zu vergleichen, und in mir brach alles. Ich schrie ihn an, außer mir vor Wut und Scham, und fuhr nach Hause, so leer, dass selbst das Lenkrad meine Hände kaum spürte. Er bewertete mich, so wie Männer das manchmal tun, wenn sie sich selbst retten wollen. „So richtig war das wohl nicht", sagte er, und ich verstand: Er sprach nicht über den Sex, sondern über mich. Das war der Moment, in dem ich ihn verlor – und mich selbst fast auch.

Ich lernte, den Schmerz in Diplomatie zu kleiden, weil Ehrlichkeit für ihn immer zu viel Gefühl war.

Der Infarkt und das Alibi

Dann kam der Infarkt. Er hätte mich wohl kaum besucht, wenn sie noch dagewesen wäre. Er kam, weil er konnte, nicht, weil er wollte. Er stand da, hilflos, überfordert, und ich dachte: Das ist kein Besuch, das ist ein Alibi.

Für mich war es die Zeit des Überlebens. Nach fünf Tagen Klinik ging ich zurück zu meinem Sohn, weil ich wusste, er braucht mich da. Nächte über der Schüssel, weil mir von den Medikamenten übel war. Tage voller Handgriffe, weil mein Sohn essen musste, weil irgendwer stark sein musste. Ich bin mir sicher, er wäre todtraurig gewesen, wenn ich gestorben wäre. Er hätte um mich geweint – aber er hat es nie gesagt. Er hat nie ausgesprochen, wie sehr er mich vermissen würde. Musste er ja auch nicht. Ich war ja noch da, in der verträglichen Dosis, die es für ihn bequem machte.

Abschiede

Als meine Eltern starben, fragte er nicht, ob er mit zur Beerdigung sollte. Mein Sohn stützte mich auf dem Weg zum Grab. Sie nannten ihn meinen Bodyguard, aber er war nur das Kind, das seine Mutter festhielt, damit sie nicht fällt. Er hat Wochen später mal gefragt, wie es mir geht. So ist das bis heute. Er möchte unterhalten werden, ab und an in seinem Singleleben, und wundert sich, wie komplex Frauen in der Datingwelt sind. Natürlich berichtet er mir von denen. Erst war ich sauer, wir haben oft gestritten, wie er es wagen könne, mit mir darüber zu reden. Heute denke ich: Für ihn ist es folgerichtig.

Der Rabe bleibt – der Mann ist durch

Ich war nie im Zentrum seiner Gedanken. Ich war das Beiwerk für sein Leben, solange es angenehm war, und hatte Auszeit, wenn nicht. Der Rabe ist geblieben, als Bild. Nicht als Sehnsucht, sondern als Warnung. Er sitzt irgendwo in der Ecke meiner Gedanken, kratzt manchmal leise mit dem Schnabel, wenn einer versucht, mich wieder in alte Muster zu locken. Dann weiß ich, dass er noch da ist – nicht als Mann, sondern als Mahnung.

Bis heute ruft er manchmal an, fragt, ob er auf einen Kaffee vorbeikommen kann. Ich sage ja und mache einen, weil er die Maschine sowieso nicht bedienen könnte. Er redet viel, erklärt mir Dinge – Router, Anschlüsse, irgendwas mit Technik. Bis er fertig ist, habe ich es längst selbst herausgefunden. Ich höre zu, sage danke, nicht, weil ich's brauche, sondern weil ich weiß, dass er das braucht.

Phönix und der Schatten

Neulich sagte er wieder: „Ich vermisse dich oft." Und ich wusste nicht, was die neue Phönix antworten soll dem, der sie verbrannt hat. Also schwieg ich. Manchmal ist Schweigen das Einzige, was wirklich verstanden wird.

Er nennt mich bis heute Phönix. Er ahnt nicht, wie recht er hat. Ich bin wirklich aus der Asche aufgestanden – aber nicht wegen ihm. Ich brenne nicht mehr, ich leuchte nur noch ein bisschen nach.

Der Rabe kratzt an meinem Selbstbewusstsein noch immer – aber nicht der Mann, der so schrecklich versagt hat in seiner Bequemlichkeit, Tolpatschigkeit und seinem grenzenlosen Egoismus. Dieser Mann bekommt Kaffee und ein halbes Ohr.

Aber das Mahnmal Rabe – das bleibt. Wie ein Schatten an meiner Wand, dunkles Gefieder, das aufgeregt flattert, sobald ich mich mal wieder vergesse, weil jemand meint, er wisse, was für mich gut sei.

Der Mann, der ein mieser Rabe war, speichert meinen Namen immer noch unter Phönix im Handy. Damals tat er es, um nicht aufzufliegen. Ich glaube, er meinte, er sei hilfreich gewesen in meiner Aschezeit nach der Trennung von meinem Exmann, das war die heftigste Feuerzeit meines Lebens. Was er vergessen hat: Er hat mich noch einmal verbrannt. Ich bin Phönix mit erheblichen Narben. Ich bin wirklich aus der Asche aufgestanden – aber nicht dank ihm. Er hat ordentlich Zunder gemacht für das zweite Mal, als ich wieder in Flammen stand, im Schreibwahn, lautlos tippend und er nichts davon bemerkte.

Ich schreibe ihm schon lange nicht mehr. Ich schreibe für mich und sonst niemanden. Manchmal frage ich mich, ob irgendjemand von Phönix lesen wollte oder ob all diese Brandstifter da draußen auf Funkensuche, nicht in Wahrheit neue Raben sind.

Ich bin innen wund, sobald einer wieder nur kurz mal ans Fenster kratzen möchte. Das Feuer lodert noch, wütend und unglaublich schmerzhaft. Aber ich brenne nicht mehr, ich leuchte nur noch ein bisschen nach. Manchmal ist so ein kleines Feuer doch tatsächlich wärmend, weil ich es löschen kann mit meinen Gedanken, bevor es mich auffrisst.