Vier Jahre sind genug

Wie ich eine typische Ehe vermied

Wenn ich meine Eltern besuche auf dem Friedhof, gehe ich an seinem Grab vorbei. Nicht direkt dran vorbei, aber in der Nähe. Nah genug, dass ich es sehe, wenn ich will. Ich stelle mich manchmal vor sein Grab und denke an meine Kindheit. Meine Jugend hier in dieser Stadt, die nie meine Heimat war. Ich nenne sie Geburtsstadt. Jetzt habe ich ein Zuhause. In der Pfalz. Auch wenn es sehr einsam ist - es ist mein Zuhause. Heimatgefühle habe ich auch hier nicht. Er liegt dort seit er Mitte 50 war. Krebs. Kurz nach meinen Eltern gestorben. Manchmal denke ich: Was wäre, wenn ich geblieben wäre? Dann läge ich vielleicht auch da eines Tages. Neben ihm. Auf dem Friedhof dieser Stadt, die nie meine Heimat war.Aber ich bin nicht geblieben. Mit 23 habe ich mich für etwas anderes entschieden.

Ich war 19, vielleicht 18, als wir uns näher kamen. Er war ein Jahr jünger. Hübsch. Blond. Immer einen Spruch auf den Lippen. Er spielte im Posaunenchor und fuhr einen coolen VW Käfer. Er war ein lieber Mensch. Wirklich lieb. Das war er. Er war der Erste, der mich im Auto geküsst hat. Fromm und brav großgeworden, dachte ich sofort: "Jetzt musst du es deinen Eltern sagen. Das wird dein Ehemann." Und wir kamen als Paar zum Osteressen. Karfreitag war der intensive Kuss im Auto, den ich legitimieren musste, weil da was in mir entstand, was ich geregelt wissen wollte. Lust. Wie war ich drauf.

Er lebte bei seinen Eltern in einem alten Haus mitten in der Stadt. Uralt. Aus dem Mittelalter. Klein, verwinkelt seltsame Aufteilung und winzig klein alles. Hinter der Garage war sein Zimmer. Da war es nie richtig geheizt. Ich hab mich da eingefunden in einer kleinen übersichtlichen Welt. Er lebte da mit Bruder bei den Eltern. Seine Mutter war auffällig. Laut redend, alle ihre drei Männer fest im Griff. Sie bestimmte ihr Leben. Sie war mal Friseuse und toupierte und färbte ihre Haare mehr als seltsam. Sein Vater war Lokführer, ein ruhiger angenehmer müder Mann. Ich mochte ihn, er war ruhig und schien irgendwie müde von allem. Leider starb er auch viel zu früh.

Im kleinen Haus gab es immer Vesper: Kaffee, Süßes, danach Wurst, richtig deftiges Essen. Wir kamen oft vom Kaffee bei meiner Mutter, eine Stunde später zu ihm nach Hause. Zur Vesperzeit waren alle da. Das war die Regel. Beide Söhne und der Mann kamen heim zur Mutter, man quatschte. Abends um 20 Uhr saßen alle vor der Tagesschau und dem Wetter, da durfte man nicht dazwischen quatschen. Das war echt gar nicht drin. Samstag war Badetag, alle badeten da in einer bestimmten Reihenfolge. Fixtermine im kleinbürgerlichen Leben. Das war ihre Welt. Geregelt. Übersichtlich. Alles hatte seinen Platz. Sogar ich.

In seinem Zimmer hinter der Garage haben wir uns dann zurück gezogen. Wir hatten oft und viel Sex, die Lust war ja geweckt. Er hatte mich im Überschwang in meinem Zimmer zu Hause entjungfert. Ich war gerne bei ihm. Im kalten Zimmer, danach suchend, was das ist, was da in mir brodelt. Aber ich war unsicher und hab viel zu wenig danach gefragt, was das mit mir machte. Es war alles fremde Welt für mich. Seine Eltern. Diese Bude. Die Lust, die ich entdeckte.

Aber von Anfang an stimmte etwas nicht. Er hatte ein urologisches Problem, über das er nie reden wollte. Nie zugab. Er konnte nicht... fertig werden. Vier Jahre lang ging es nie um mich. Um meinen Orgasmus. Immer nur darum, dass er nicht kommen konnte. Und ich brach irgendwann ab. Jedes Mal. Weil es nicht weiterging. Ich hatte nie entdeckt, was mein Zucken bedeutet, weil es immer darum ging, dass er noch kommen sollte. Seltsame lustvolle Zeit, die immer unbefriedigend blieb und Lust auf mehr machte trotz allem. Ich war naiv. Ich wollte das hinbekommen. Ich wollte immer alles hinbekommen, was andere erwarten. Aber ich habe mich dabei verloren. Mehr als einmal. Was aber draußen niemand wusste.

Fast alle fanden uns süß. Wir gehörten eben zusammen.

Meine Mutter hielt ihn für zu dumm für mich. Mein Vater mochte ihn auch nicht. "Zu frech, zu blond, zu wenig." Das war nicht ihr Bild von einem Schwiegersohn. Ich hielt dagegen. Lange. Vier Jahre lang. Ich wollte, dass das klappt, schon alleine deshalb, weil meine Eltern es so anders sahen. Ich fühlte mich ja auch wohl bei ihm. Ich war sowieso nicht gerne so, wie meine Eltern mich haben wollten. Also wollte ich ihnen beweisen, dass sie falsch liegen.

Er war lieb. Das stimmte. Ein lieber Mensch. Es war vertraut, ziemlich kompliziert im Bett aber nah und irgendwie auch so ein gutes Muster. Die Tochter des großen Musikers hat hat einen lieben Freund. Alles ok mit ihr. Das war die Außensicht. In Wahrheit verstand er selten, was mir durch den Kopf ging. Was ich brauchte. Was ich fühlte. Nach vier Jahren musste ich mir eingestehen: Meine Eltern hatten recht. Nicht aus ihren Gründen. Aber aus meinen.

Er war zu wenig. Nicht weil er zu dumm war. Das sind dumme Urteile über Bildung, die ich heute noch ablehne. Aber er war zu wenig das, wie ich sein wollte. Ich wollte die Welt entdecken, mehr denken, Neues kennenlernen. Ich war klug und neugierig auf alles, was andere dachten. Ich fang mich gerne ein bei allen möglichen Leuten, weil ich neugierig war auf das Leben, das mehr war als diese geregelte Welt.

Ich wollte was Eigenes, das niemand vorherbestimmt. Ich wollte rausfinden, wohin ich gehöre. Nur wir beide hätten es vielleicht geschafft, aber er verstand nicht mal, dass ich nach was anderem suchte. Also gab ich ihn auf. Ich nahm eine Stelle an, weit weg von Zuhause nach dem Studium. Ich hab sehr gezweifelt, es war schwer, das aufzugeben, was ich da hatte. Aber ich wusste, es ist nicht das, was ich möchte, es ist nicht genug. Meine Eltern waren froh, was ich wieder richtig schlimm fand.

Als ich mich auf ihn einließ, hatte ich auch innerlich gedacht: "Ist nur ein Sommer, dann geh ich studieren." Aber meine Erziehung verlangte auch, dass ich blieb bei dem Mann, mit dem ich intim war. Und ich gewöhnte mich auch an das, was das war. Aber studieren ging ich dennoch. Weit weg von zuhause. In eine völlig anderer Welt. Ich vermisste seine Nähe, also fuhr ich noch lange jedes Wochenende nach Hause. Spielte weiter das Spiel. "Die Studentin mit dem festen Freund zuhause." Obwohl ich schon woanders war. Schon ein anderes Leben hatte.

Im dritten Studienjahr machte ich ein Praktikum in der Nähe. Wir haben uns da viel gesehen, ich lebte aber in einer WG und so richtig passte er da nicht rein. Er wollte, dass ich wieder heimkomme, zu ihm nach Hause. Und ich war dem längst entwachsen. In der Zeit heiratete meine Schwester. Ihren Freund. Großes Fest, Musik und viel Bewunderung. Die machten das richtig. In den Augen der anderen. Und ich dachte: Nein. So mache ich es mal nicht. Ich bleibe nicht an dem Ort meiner Geburt. Ich bleibe nicht in der Nähe eines Vaters, der möchte dass Töchterchen weiter Musik mit ihm macht. Auch nicht in der Nähe beider Mütter, die so unterschiedlich waren, aber trotzdem bestimmend, in dem was sein darf und was nicht. Ich bleibe nicht hier, ich brauche eine eigene Umgebung, die meine ist und nicht nur das, was andere von mir erwarten. Ich blieb auch nicht wegen ihm. Weil ich spürte: Das stimmt nicht. Nicht für mich. Ich sagte ihm: "Ich bleibe in der Nähe von Freiburg. Ich komm nicht zurück."

Er verstand es nicht.

Vier Jahre lang hatte ich versucht, meinen Eltern zu beweisen, dass er der Richtige ist. Vier Jahre Kampf. Gegen meine Eltern. Für ihn. Aber ich wollte nicht im kleinen Häuschen bleiben. Mich nicht einfinden in das, was da vorgezeichnet war. Ich blieb nicht bei dem jungen Mann, der mir nicht folgen konnte bei dem, was ich im Job machte. Der mich im Bett nicht sah. Der nicht verstand, was in meinem Kopf vorging. Der einfach nur zufrieden war mit allem und sich anpasste, sogar an mich. Er wäre nicht mitgekommen. Ich hätte bleiben müssen. Dort. Irgendwie beruflich Fuß fassen. Oder Mutter werden. Ehefrau werden. Jemandes Frau in der Kleinstadt. Es wäre leichter gewesen mit ihm zu sein als ohne Beziehung- alleine auf der Suche nach dir selbst. Es war nicht der leichte Weg, es war der schwere. Mit 23 habe ich mich trotzdem dafür entschieden. Lieber alleine als nicht ich selbst.

Also ging ich. Alleine. Vier Jahre waren genug.

Heute sage ich oft, das war meine erste Scheidung. Mein erstes Scheitern, es war so brutal, wie geschieden werden, was ich später noch einmal wurde. Ich war gescheitert an der Idee, in der Kleinstadt jemandes Frau zu werden. Ich war gescheitert mit mich zufrieden geben, mit dem was ist. Das kann ich bis heute nicht. Aber ihn zu verlassen, war ein mutiger erster Schritt damals in mein eigenes Leben. Ein schwerer Schritt, der mein Leben verändert hat, bis heute.

Nach der Trennung habe ich ihn mal besucht. Er hatte das alte Häuschen nebendran gekauft und ausgebaut. Direkt neben Mutti. Er lebte da mit seinem Bruder. Ich schaute mich um und wunderte mich, ich schaute ihn an und spürte die alte Vertrautheit. Wir landeten wieder im Bett. Er hatte inzwischen einen Urologen aufgesucht. "Ich weiß, das war ein Problem", sagte er. Ich war echt sauer, als ich das hörte. Vier Jahre. Vier Jahre hätte er das lösen können. Er hätte mich aufklären können, er hätte mir sagen können, du da hab ich dich wirklich übersehen. Er hätte fragen können, wie geht es dir mit dem, was wir da erlebt haben? Ich hatte inzwischen andere Männer gefragt und lernte allmählich, meine Lust zu entdecken und nicht seine zu bedienen. Er hatte mich übersehen auf seiner Suche nach einer Lösung. Und jetzt, wo ich weg war, erzählte er es mir wieder als seine Geschichte, nicht unsere. Wir hatten noch einmal Sex, an den ich mich nicht erinnere. Es war das letzte Mal. Ich erinnere mich nur, ich besorgte die Pille danach, nach dem Erlebnis, weil er dieses Mal ja gekommen war. Noch so ein Tabu, das ich wegen ihm brach. Ich kümmerte mich wieder alleine um die Sorge wegen einer Schwangerschaft. Als ich die neue Bude sah, direkt neben Mutti, sagte ich zu ihm: "Spätestens jetzt wäre ich gegangen. Du kannst da doch nicht bleiben nebendran."

Er blieb. Bei sich, bei seinen Lösungen und ich ging.

Er fand eine neue Beziehung, bekam mit ihr ein Kind. Meine Schwester wurde Patentante. Sein Bruder kaufte das Haus gegenüber. Auch so ein Mittelalterhaus. Klein verwinkelt, seine Mama hatte alles im Blick in den Häuschen in der Kleinstadt, beide Söhne und ihre Frauen, bis zuletzt. Er blieb im Posaunenchor. Im Faustball. Im Mittelalterverein. Alles geregelt. Alles übersichtlich. Alles auch schön.

Ich hätte da alt werden können. Vermutlich hätten wir Kinder gehabt. Einfach in der Kleinstadt all das gemacht, was die da so machen. Zwischen Chor und Job und Vereinsleben.

Manchmal denke ich: Was wäre aus dir da geworden? Aber ich weiß die Antwort: Nicht ich.

Er wurde krank. Mitte 50. Krebs. Kurz nach meinen Eltern starb er. Seine zweite Frau, die ich nur vom Erzählen kenne, trauert um ihn und fand sogar Briefe von mir, die mir meine Schwester vorbeibrachte. Ich war wohl Teil seiner Erinnerungen bis zuletzt. Er ist es ja auch in meinen. Sein Grab liegt da neben denen meiner Eltern. Wenn ich sie besuche, schaue ich auch danach. Manchmal denke ich: Er hat nie verstanden, warum ich gehen musste. Er litt darunter. Meine Schwester erzählte es mir. Jahrelang. "Sie bleibt in der Nähe von Freiburg. Sie kommt nicht zurück." Er hat es nie verstanden. Ich habe diese Stadt und das, was ich da werden hätte können, gegen etwas anderes eingetauscht.

Gegen Single-Dasein. Gegen beruflichen Erfolg. Gegen Feministin werden. Gegen seltsame Männerbegegnungen. Gegen meine Musik machen. Gegen viel Einsamkeit. Manchmal denke ich: Ich bin ausgebrochen und nirgendwo angekommen. Was nur zum Teil stimmt, weil ich ein Zuhause jetzt habe, hier wo ich diese Zeilen schreibe. 61, zwei Katzen, ein wunderbares Haus und ein Kind, das mir vertraut, das ich groß liebe, ohne leiblich verwandt zu sein. Mit 38 bin ich in eine Ehe geflüchtet. Weil ich etwas Vertrautes gespürt habe. Mein Ehemann war ihm übrigens sehr ähnlich. Heute sage ich mir: Es ist nicht meins. Solche Ehen sind nicht meines.

Meine Ehe hat das grausam bestätigt, was ich mit 23 schon wusste: Ich kann nicht leben in einem Leben, das nicht meins ist. Ich bin viel zu unruhig dafür, alles hinzunehmen und zu regeln. Hauptsache so tun, als ob. Es ist mir nicht gelungen, auch beim zweiten Mal.

Wenn ich vor seinem Grab stehe, denke ich: Ich bereue, dich so verletzt zu haben. Du hast nie verstanden, warum ich gehen musste. Das tut mir leid. Aber zu bleiben wäre schlimmer gewesen. Für uns beide.

Mit 23 habe ich mich entschieden. Zurück kann ich nicht. Ich kann nur vorwärts. Auch wenn ich nicht immer weiß wohin. Vier Jahre waren genug.

Der nächste Versuch dauerte länger und scheiterte an völlig anderen Dingen. Aber ich habe zwei Scheidungen hinter mir, genau genommen.

Bereue ich, dass diese Ehen scheiterten? Meistens nicht.