Mein Sohn und Katzen

Bauchgefühle und Erziehungsmuster

Ich hasse die Mutterrolle. Das muss ich gleich am Anfang sagen, damit klar ist, wovon ich rede. Ich bin 61 Jahre alt. Ich würde gerne mich um mich kümmern und nicht dauernd Erziehungsmuster bekämpfen. Aber ich habe einen Sohn. Er ist fast 18. Macht bald Abitur. Ich habe ihn nicht geboren. Aber ich habe Muttergefühle. Und das ist nicht lustig. Das ist nicht schön. Das ist etwas, was mich verändert hat. In meiner Suche.

Es begann 2008. Mit einem Tag zwischen Tod und Leben. Beerdigung meiner Schwiegermutter - und plötzlich ein Baby. Die Tochter meines Exmannes hatte heimlich ein Kind bekommen. Das Baby kam zu uns. Am Tag der Beerdigung. Ich war 44. Ich hatte andere Ideen. Ich wollte meinen neuen Job machen, mit einem Mann an meiner Seite. Ich wollte im Traumhaus Beziehung leben, nah am Teich, am Badesteg und mit viel Lust und Leben. Aber da war jetzt dieses Kind. Es wurde anders, meine Ehe begann da sich zu verändern.

2016 verließ mich mein Mann. Für eine neue Frau. Der Junge blieb bei ihm. Ich dachte, sie würden das schon hinkriegen. Ich zog aus. 200 Meter weiter. Der Junge war 8. Und ich? Ich hatte endlich Zeit für mich. Für seltsame Männer. Für neue Geschichten. Für das Wiederaufleben, das ich mir so lange gewünscht hatte. Ich war zwar völlig zerstört, weil mein Exmann mich verantwortlich machte für das Ende der Ehe, bis ich herausfand, dass es eine Neue gab. Also begann ich mit einer wilden Chatsuche nach Leben. Es war verrückt, verzweifelt und irgendwie voller Irrwege das Leben damals.

Der Rabe kam in dieser Zeit. Hielt mich eine Zeit auf beim Irren, vermittelte sowas wie Nähe, bis auch er mich enttäuschte.

Mein Kind lebte beim neuen Paar im alten Haus: Sie stellten das Kind jeden Tag auf die Waage. Nahmen ihm sein Lego weg als Strafe. Der Junge büxte immer wieder aus, die 200 Meter zu mir. Erzählte Geschichten, die ich erst nicht glauben wollte. Bis die Erzieherinnen im Hort anfingen zu fragen. Bis die Nachbarn besorgt wurden. Bis die Polizei zweimal vor der Tür stand. Und ja es war grausam, was sich dort abspielte. Kein Kind lügt, das sowas erzählt.

Irgendwie habe ich es geschafft, dass mein Mann aufgab und mir das Kind mit einer Tasche vor die Tür stellte. "Dann mach halt du", sagte er; "wenn du glaubst dass du es besser weißt." Ich hatte lange gehadert, ob ich das überhaupt anbieten kann beim Jugendamt. Ich sagte zu meiner Freundin: "Wenn der bei mir lebt, hab ich keinen Sex mehr für lange Zeit." Das war meine Zeit des Wiederauflebens. Mit neuen seltsamen Männern. Das war aber nur ein Argument, ich war krank geworden, ich musste zur Arbeit fahren mehr als 100 km, die Wohnung war zu klein für uns beide. Mein Exmann besetzte das Haus und bezahlte keine Raten mehr. Es war alles außer Rand und Band, nicht nur der Junge.

Und der Rabe? Der war ja schon unterwegs, weil es bei mir jetzt ein Kind gab. Was für ein Mistkerl dieser Rabe doch war. Ging einfach los zur Nächsten, weil ich Verantwortung übernahm für ein Kind und meine Bude keine Sexbude mehr war. Ich hatte diese Idee auch im Kopf, aber wie kann man sich vergnügen, wenn jemand Hilfe braucht. Man kann es nicht. Das tut heute noch weh, dass er sich gegen uns entschied. Er sagt immer, damit hatte das nix zu tun. Aber es war genau das.

In einem Jahr nahm mein Junge 50 Kilo zu. 50 Kilo. Er aß. Zockte. Verschlang alles, was ihm verboten worden war. Ich versuchte es mit Regeln. Mit Diätplänen. Ich ging sogar mit ihm auf Mutter-Kind-Kur. Nach einer guten Woche brach ich ab. Das ist nicht unsere Welt. Uns in Diätpläne einzufinden.

Dann kamen die Ratschläge. So viele Ratschläge. Meine Freunde: "Du musst Grenzen setzen!" Der macht dich kaputt. Das Todschlagargument meiner Mutter: "Bist du dir sicher, dass du das richtig machst?" Die Erzieherinnen: "Das geht so nicht weiter!" Nein, Mama. Ich war mir nicht sicher. Ich war mir überhaupt nicht sicher.

Einige Monate war ich hilflos. Völlig hilflos. Mit so einem Kind ne Trennung aufzuarbeiten - das ist nicht lustig. Es ist grenzenlos überfordernd. Ich war mit sovielen Sachen beschäftigt, er hat oft gestört und ich hab keine Kraft gehabt, ihn wirklich wahrzunehmen in seiner Not. Ich musste trauern um das, was ich aufgegeben hatte. Meine Freiheit. Meine Selbstverwirklichung. Meine Idee von lustvollem Leben, neuen Männerbekanntschaften. Ich musste kämpfen um Finanzen, um Klarheit und vor allem um meine eigene Heilung. Und da war dieses Kind, das aß und zockte und nicht hörte.

Bis ich eines Tages spürte: Ich weiß es selbst. Was geht und was nicht. Nicht die Ratgeber. Nicht meine Mutter. Nicht die Erzieherinnen. Ich. Mein Bauch.

Das war die Wende, die ich erst viel später als solche erkannte. Ich habe nicht Erziehung aufgegeben, wie viele mir unterstellten, ich habe nicht aufgegeben und mich von diesem Jungen tyrannisieren lassen, wie alle sagten. Ich habe nicht versagt in der Erziehung, ich habe etwas gelernt, was ich vorher nicht kannte: Ich habe angefangen zu lieben. Bedingungslos. Das, was aus dem Bauch bei ihm ankam, hat ihn erzogen. Nicht die Muster drum rum. Sondern das Grundgefühl: Die will, dass es mir gut geht.

Das klingt jetzt schön. Als wäre das ein Wendepunkt gewesen, nach dem alles besser wurde. War es nicht. Es war immer noch schwer. Es ist immer noch schwer. Ich habe alle Erzieherstimmen im Kopf: "Du musst!" "Das geht so nicht!" "Deine Schuld!" Aber ich habe gelernt, den Unterschied zu spüren zwischen Kopfstimmen und Bauchgefühl.

Er testet mich. Das weiß ich inzwischen. Manchmal denke ich, er manipuliert mich mit seinem Verhalten. Aber dann grinst er danach: "Hab ich es wieder geschafft?" Und wir beide lachen. Er spürt den Unterschied: Wenn ich Kopfstimmen wiedergebe ("Du musst abnehmen! Das geht so nicht!") - dann macht er weiter. Bis ich einknicke. Wenn ich aus dem Bauch spreche - dann hört er auf. Das ist lustig irgendwie. Ich lerne so viel von ihm über echte Entscheidungen. Über den Unterschied zwischen Pseudospielchen der Oberlehrer und echten Grenzen.

Manchmal eskaliert er. Schreit: "Ich weiß, ich bin der Dicke, der nichts kann. Du sagst mir gerade, ich bin nicht ok." Es ist beängstigend, was da aus ihm rausbricht. Dieser große Kerl, fast 2 Meter, kann einem Angst machen. Aber dann: 5 Minuten später kommt er. Entschuldigt sich. "Weiß nicht, was gerade los war." Und dabei wissen wir es beide. Ich habe die Kopfstimmen wiedergegeben statt meinem Bauch zu vertrauen.

Er hat ein Gespür für mich. Hatte er schon immer. Als er 10 war, sagte er über den Raben: "Einer, der dich zum Heulen bringt, hat hier nichts verloren." Mit 10 Jahren. Ich erzähle ihm nicht alles. Aber er spürt es. Ich sehe, wie ich mich verändere, wenn Chatgeschichten mich umtreiben. Und er spürt sowas. Beim Raben war er deutlich. Den hat er abgelehnt als Besucher. Heute erträgt er die Besuche und bleibt ruhig, weil ich es bin.

Später kamen andere Männer, die sagten: "Du hast neben der Mutterrolle keinen Platz für einen Mann." Und ich dachte erst, die haben recht. Ich wusste, man kann nicht Mutter sein und diese Sexkisten haben. Aber genau das ist das, weswegen ich sie heute ablehne. Was wollen diese Männer, die einem das übel nehmen, dass man so verantwortlich ist? Ein liebender Mann würde doch niemals so argumentieren. Oder? Ein liebender Mann würde nicht eifersüchtig auf ein traumatisiertes Kind sein. Männer, die damit nicht klarkommen, haben hier nichts verloren. Die haben nichts zu geben, die wollen nehmen und bekümmert werden, sogar im Bett. Ich finde das inzwischen schon fast widerwärtig, auf alle Fälle ist es widersprüchlich zu dem, was sie behaupten.

Ich lerne von einem Kind, meinem Bauch zu vertrauen - und durchschaue das Männermuster noch mehr. Das ist alles sehr absurd. Aber so fühlt es sich an. Ganz oft denke ich: Ich lerne von meinem Sohn, wie Männer ticken. In dieser beschränkten Sichtweise. In dieser "Jetzt nicht"-Mentalität. In dieser "Das ist mir zuviel"-Denke. Ein Teenager ist so, männliche Teenager vor allem. Männerhirne, sehr fokussiert, wie mein Sohn beim Zocken immer sagt. Mama ich bin fokussiert, stör mich nicht. Ja das ist das Muster, sie haben einen Fokus, diese Kerle und drum rum ist alles andere irgendwie zuviel und störend. Chatmänner sind wie pubertäre Jungs in erwachsenen Körpern. Und unter uns, viele Männer sind so, wenn sie sich auf etwas konzentrieren, statt wahrzunehmen, was noch alles in der Luft liegt.

Aber mein Sohn - mit 17, in der Pubertät - ist schon weiter als diese erwachsenen Männer. Meine Anwältin sagt: "Ich kenne keinen so umsichtigen jungen Mann." Er kann schon heute besser schauen, dass es Menschen gut geht. Auch wenn er manchmal sagt: "Ich mag keine Menschen. Die sind mir egal." Genau diesen Konflikt habe ich auch. Aber er wird es schaffen, der Junge. Er kann noch wachsen. Die alten Männer sind damit durch.


Manchmal denke ich: Er lebt meine Resonanz aus. Er macht manchmal dieselben Fehler wie ich: Zuviel sich abverlangen, um sich der Welt da draußen anzupassen. Er versucht sich anzupassen. Zu sehr. Bis er zusammenbricht. Neulich weckte er mich um 6 Uhr morgens. "Du musst mir helfen. Ich kann so nicht weiter." Er hatte eine Nacht mit ChatGPT verbracht. War überzeugt, dass er Hilfe braucht. Ich ging mit ihm zum Arzt. Mein Bauch sagte: In einer Ärzte-Maschinerie würde er umkommen und seine Lebendigkeit verlieren. Der Hausarzt verschrieb Vitamin D. "Geh mehr raus." Meine Freundin sagte: "Mach Termine. Das geht nicht weg. Der hat psychische Probleme." Ich hörte auf meinen Bauch. Da ist ein Teenager, der ziemlich faul ist und schlau und der versucht, sich nicht anzupassen. Ich muss ihn lassen, das weiß mein Bauch. Keine neuen Erziehungsspiele, die ihn zerstören. Zeige ihm, wie man umsichtig ist und gut auf sich achtet. Das sagt mein Bauch und manchmal lebe ich sogar selbst so, wenn ich einen guten Tag habe. Er ging raus. Ist jetzt mit Freunden unterwegs. Er ist wieder stabil. Ich weiß nicht wie lange, ich hab einfach nicht vor, ihm das Leben abzunehmen. Ich lebe und versuche Beispiel zu sein, für das was ich langsam aber sicher lerne. Selbstliebe, bedingungslos und auf den eigenen Bauch achten bei allen Themen auch beim Essen.


Letzten Sommer hatte ein guter Freund von ihm Hodenkrebs. Wurde operiert. In den Sommerferien erledigt. Er hatte es niemandem erzählt, alles mit sich ausgemacht. Ohne Chemo, zum Glück. Neulich saß er bei mir im Auto, auf dem Weg zum Kiffautomaten. Ja sogar das lass ich beiden durchgehen, weil sie sich testen. Ich begleite sie dabei. Der Freund erzählte im Auto, ein Überlebender. Er sagte: "Und plötzlich ist Papa lieb. Jetzt geht er anders mit mir um." Ist das nicht verrückt, wie die Angst vor dem Tod uns etwas erkennen lässt? Ich glaube, dass echte Not Erziehungsspielchen ad absurdum führt. Da geht es nur noch um Liebe und nicht mehr um Erziehung.

Wir haben auch Katzen. Nya und Finn. Ostern 2020, im ersten Lockdown, brachte Nya zwei Katzenbabys zur Welt. Was für ein Geschenk des Lebens, während draußen alle Todesangst hatten. Corona war unsere Zeit. Alleine zuhause. Digitale Welt und nichts sonst. Das Leben waren die Katzenbabys. Da sind wir geheilt. Das ist vermutlich noch unser Überlebensding seit damals. Dann ließ ich Nya sterilisieren. Sie begann zu fauchen. Ihre Kinder abzulehnen. Eines Tages lief sie weg mit einem der Jungen. Nur sie kam zurück, seither faucht sie und will fressen, nichts sonst. Genug lasst mich in Ruhe. Katzenmütter können einfach gehen. Ich bin geblieben.

Heute macht mich der kleine Kater Finn wahnsinnig mit seinem Maunzen. Und Nya kommt wieder langsam zurück, legt sich wie eine Diva aufs Sofa, bis der Maunzer kommt und sie vertreibt. Tiere sind ziemlich klar und wenig komplex, was die eigenen Bedürfnisse angeht. Manchmal bin ich neidisch, möchte maunzen und fauchen und meine Ruhe oder jemanden der mich füttert wenigstens. Naja ich bin neidisch auf Katzen, weil niemand da ist, den ich anmaunzen kann. Meinen Sohn jedenfalls nicht. Obwohl ich das manchmal tue. Mit schlechtem Gewissen, er ist nicht dazu da, dass ich mich gut fühle. Das ist das, was ich weiß. Das ist das, was mein Bauch mir sagt.

Bauchgefühl ist auch Aushalten. Aushalten, dass er zu viel wiegt. Aushalten, dass einige sagen "deine Schuld". Aushalten, dass ich nicht weiß, ob es richtig ist. Aushalten, dass ich manchmal denke: Wie beschissen ist alles gelaufen. Aushalten, dass ich trauere um meine Freiheit. Aushalten, dass er manchmal stört. Aushalten, dass die Kopfstimmen schreien. Aushalten, dass ich eben niemanden habe, um zu maunzen oder zu fauchen. Ganz bestimmt nicht diesen Jungen. Ich weiß ganz sicher in mir drin: Der Junge manipuliert dich nicht. Der tut, was er kann.

Meine Schwester sagte damals: "Du darfst diese Entscheidung nicht dauernd in Frage stellen. Die ist getroffen. Die bleibt bis er erwachsen ist." Sie hatte recht. Ich bin geblieben, ich halte aus und ich erlebe soviel Gutes in dieser besonderen Familie mit ihm. Ich glaube, ein Mann müsste dieses Kind in meinem Leben nicht ablehnen, sondern einfach wissen: Das ist eine Bindung, die genug Verantwortung hat. Mehr möchte ich nicht mehr haben für niemanden.

Im Grunde ist es Liebe. Echte Liebe. Was wir beide lernen: Liebe ist niemals: "Ich muss das für dich tun". Liebe ist: "Ich spüre, was du brauchst." Das ist schon etwas ganz Besonderes. Ich will das nicht glorifizieren. Aber die Beziehung zu diesem Kind hat mich verändert. In meiner Suche.

Vorgestern kam er nach einer Woche nach Hause. Ich freute mich. Er sagte: "Hey Mum, lass mich in Ruhe. Ich hatte genug Interaktion die letzten Tage. Ich kann nicht mehr kommunizieren. Ich brauch Zeit für mich." Meine Woche war nicht toll gelaufen, ich war einsam gewesen, irgendwie haltlos und dann kam er wieder. Nicht eitel Sonnenschein, sondern ein Teenager, der wieder in Ruhe zocken wollte nach all dem, was er so erlebt hatte. Nein es ist nicht besser, wenn er da ist. Weil er nicht dafür da ist, mir zu geben, was ich brauche. Auch ein guter Satz für liebevollen Beziehungen. Wir sollten einander nicht brauchen, sondern wollen. Ich war perplex, enttäuscht und dachte dann: Wow. Der kann das, was ich nicht kann. Der kann Grenzen setzen. Der sagt, was er braucht. Mich auf Abstand, nicht störend.

Ein Therapeut sagte: "Dieser Junge hat wieder Beziehung aufgenommen. Darauf können Sie stolz sein." Nein das ist nix Wärmendes, nichts Tolles wie in der Werbung an Weihnachten, das ist ein Leben in der reinsten Form von Liebe die ich da gelernt habe. Wir lassen den andern sein, wie er ist. Manchmal ist das zuckersüß, meistens nicht. Manchmal ist es hammerhart und anstrengend, meistens nicht. Den Rest der Zeit ist es einfach selbstverständlich. Ich bin geblieben. Weil ich nicht gehen konnte. Weil ich ihn geliebt habe. Und er mich erst brauchte und dann zurück lieben konnte. Bald braucht er mich nicht mehr. Ich bin sehr gespannt, was dann wird.


Er ist fast 18. Ich bin 61. Bald ist er erwachsen. Aber bis dahin lebe ich mit ihm. Und lerne von ihm. Über Bauchgefühle. Über echte Entscheidungen. Über echte Liebe.