ICQ Liebe und das Scheitern einer Idee
Kluge Mädchen retten keine Männer
Kluge Mädchen retten keine Männer
Ich war müde vom Wilderer. Müde von der Intensität, von den Nächten, in denen ich nicht wusste, ob ich fliehen oder bleiben sollte. Müde von mir selbst, von dieser Frau, die sich so vollständig hingeben konnte, dass sie sich selbst dabei verlor. Also suchte ich das Gegenteil. Einen harmlosen Mann. Familie. Das normale Leben, das alle anderen zu haben schienen.
ICQ war das neue Ding damals, 2000. Kleine Fenster auf dem Bildschirm, in denen Worte auftauchten von Menschen irgendwo da draußen. Kein Gesicht, keine sofortige Bewertung. Nur Buchstaben, die langsam ein Bild ergaben. Das schien mir sicherer als die analoge Welt mit ihren Machtspielen und Blicken, die einen ausziehen, bevor man Hallo gesagt hat. Ich chattete mit seltsamen Männern. Manche verschwanden nach drei Sätzen, andere wollten Dinge, die ich nicht geben konnte. Aber da war einer, der anders war. Er antwortete. Nicht aufdringlich, nicht fordernd. Er war einfach da. Abend für Abend tauchte sein Name auf, und wir schrieben über nichts Besonderes und alles Mögliche.
Eines Abends klingelte es an meiner Tür.
Er stand da. Einfach so. Aus dem Internet in mein Treppenhaus gefallen, als wäre das die normalste Sache der Welt. Was als One-Night-Stand gedacht war, wurde mehr. Am zweiten Abend stand er wieder da. Ich kam gerade von einer großen Veranstaltung, müde, noch voller Eindrücke, und da war er. Wartete. "Ich wollte schauen, ob es stimmt", sagte er. Mehr nicht. Und für ihn stimmte alles bei mir.
"Huch", dachte ich. "Der mag mich ja wirklich." Dieses Huch war lauter als alles andere. Lauter als die leise Stimme in mir, die fragte: Ist das wirklich, was du willst? Lauter als mein Bauch, der schon damals etwas spürte, das ich nicht hören wollte. Ende 30 war ich. Das kluge Mädchen mit Abitur und Kirchenjob, das immer funktioniert hatte, immer für andere da gewesen war. Und jetzt wollte jemand für mich da sein. Einfach so. Ohne dass ich etwas dafür tun musste. Wie hätte ich da nein sagen können?
Zwei Wochen später hatte ich Geburtstag. Meine Eltern kamen in meine neue Wohnung, ich war gerade eingezogen für das Popmusik-Projekt. Ich war gespannt, wie das werden würde - der Mann aus dem Internet trifft auf meine Familie. Er brachte Blumen mit. Abgebrochene Tankstellenblumen, hastig gegriffen zwischen Benzingeruch und Schokoriegel-Regal. Hätte peinlich sein können. Aber irgendwie war es ehrlich. Er hatte an Blumen gedacht, auch wenn er keine Ahnung hatte, wo man welche kauft.
Und dann geschah etwas, das ich nicht erwartet hatte. Er wurde zum perfekten Schwiegersohn. Wie ein Chamäleon, das plötzlich die richtige Farbe findet. Er kümmerte sich um alle, schenkte Wein nach, bevor die Gläser leer waren, plauderte mit meinem Vater über seine Baustellen und mit meiner Mutter über Gott und die Welt. Alle fanden ihn toll. Papa erzählte ihm von seiner Welt, und er hörte zu, als wäre es das Interessanteste, was er je gehört hatte. Mama lachte über seine Witze. Er stellte die richtigen Fragen, nickte an den richtigen Stellen, war einfach... da. Ich sah ihn an und dachte: Das ist er. Der Mann, der passt. Der Mann, mit dem ich endlich normal sein kann. Mein Bauch sagte etwas anderes. Aber wer hört schon auf seinen Bauch, wenn alle anderen sagen: Der ist toll?
Charme-Offensive Phase eins: erfolgreich abgeschlossen.
Das erste Wochenende fuhren wir zu seinem Haus. Weit hinten in der Pfalz, durch eine Landschaft, die so beruhigend war, dass ich dachte: Hier könnte ich ankommen. Das Haus war Baustelle. Roh, unfertig, aber mit Potenzial. Wie er selbst, dachte ich damals. Wir saßen beim Kaffee, ich gewöhnte mich langsam an die Idee, dass es Menschen gibt, die einfach da sind, ohne Drama. Dann klingelte es.
Ein Gerichtsvollzieher stand vor der Tür. Der Kuckuck kam auf den schicken Zweitwagen, der in der Einfahrt stand. Unterhalt nicht bezahlt. Für ein Kind, das er nicht mal kannte, aber für das er trotzdem zahlen musste. Und für zwei weitere, von seiner Ex-Frau, die noch immer im Grundbuch seines Hauses stand. Plötzlich war alles anders.
Ich wusste jetzt von zwei anderen Frauen. Die Mutter seines unbekannten Sohnes - er hatte sie verlassen wegen der anderen. Jahre später trauerte sie immer noch. Die Exfrau - die hatte er gleichzeitig geschwängert. Während er noch mit der ersten zusammen war. Sie wurde die Mutter von zwei Kindern, die ich später mit großziehen würde. Das dritte Kind, das sie mit in die Ehe und dieses Haus gebracht hatte, das warf er wohl auch aus seinem Leben, als es ihm zuviel war. Zwei Frauen, die er hinterlassen hatte und drei, nein vier Kinder. Aber ich dachte: Bei mir wird das anders. Ich bin klüger. Ich bin stärker. Ich zahlte auch mit beim Unterhalt, weil er mir so leid tat wegen der beiden Anderen.
Ich hatte keine Ahnung.
Er redete. Erklärte. Rechtfertigte sich. Die Worte sprudelten aus ihm heraus wie Wasser aus einem kaputten Hahn. Das Leben hatte ihn überrollt, sagte er. All diese Verpflichtungen, diese Schulden, dieses Chaos. Er wusste selbst nicht mehr, wie das alles passiert war. Und ich? Ich saß da und hörte zu. Das konnte ich gut - zwischen den Tönen hören, was wirklich los war. "Erzähl mir alles", sagte ich. "Lass uns schauen." Das waren die Worte, die alles entschieden. In diesem Moment wurde ich von der Frau, die er mochte, zu der Frau, die sein Leben reparieren würde.
Reparatur-Mission gestartet.
Ich nahm eine Woche Urlaub. Wir saßen an seinem Küchentisch, der voller Rechnungen und Mahnungen lag, und ich sortierte. Stapel für Stapel. Gläubiger für Gläubiger. Ich schaute, wie wir das zusammen hinbekommen könnten. Ich gab ihm Geld von meinem Vater. Papa war immer da, wenn praktische Probleme gelöst werden mussten. Aber dann sagte Papa etwas, das mich verblüffte: "Pass auf, heirate ihn. Du musst dich absichern." Absichern. Als wäre eine Ehe eine Versicherungspolice. Als wäre dieser Mann, dessen Schulden ich gerade sortierte, jemand, der mich absichern könnte. Ich hätte lachen sollen. Stattdessen habe ich es irgendwo in mir abgespeichert, diesen Satz, und weitergemacht mit dem Sortieren.
Heiraten - wieso nicht?
Als er 40 wurde, sagte er: "Ist zwar ein blöder Rat gewesen von Schwiegerpapa, ich wollte auch nie wieder heiraten. Aber ich werde 40 - lass uns heiraten an dem Tag." Ich sagte ja. Natürlich sagte ich ja. Was hätte ich sonst sagen sollen? Wir waren schon so tief drin in diesem gemeinsamen Leben, in seinen Schulden und meinen Lösungen, in seiner Baustelle und meiner Hilfe.
Ein halbes Jahr später feierten wir das große Fest. An meinem Geburtstag, weil wir dann doch in der Kirche heiraten wollten. Ich wollte Segen. Unser Trauspruch war: "Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn" - Jakobs Kampf am Jabbok. Die ganze Nacht mit dem Engel ringen, die Hüfte ausgerenkt bekommen, aber nicht loslassen. So schien mir das damals schon: kämpfen und trotzdem sagen, da liegt Segen drauf, bitte segne uns Gott. Bei der Hochzeit waren beide Familien da, viele meiner Freunde, die alle so gern Musik machen. Seine Welt und meine Welt, zusammengewürfelt zu etwas, das nach Familie aussehen sollte. Schlesische Verwandte, die ich nicht kannte, die aber Schwiegermama eingeladen hatte und meine Menschen, Ursprungsfamilie und aus meinem beruflichen Leben, alte Freunde. Alle waren da, alle machten ein großes Fest um uns.
Mir war nicht wohlig. Ich stand da in meinem Kleid, alle machten ihr Ding, allen wurden wir gerecht. Ich machte mit beim Fest, hatte sogar Songs für ihn aufgenommen und trug sie vor. Eine CD für die Hochzeitsgäste. Bis heute das Schönste, was ich aus meiner Musikbegeisterung gemacht habe, wie eine CD aus alten Zeiten, als ich noch dachte es geht beides. Meins und seins. Es ging nicht, hab ganz bald aufgehört live zu singen. Schon bei der Feier hatte ich Bauchweh. Kein echtes, nicht das Bauchweh von verdorbenem Essen. Sondern dieses Gefühl, das tiefer sitzt. Diese Frage, die sich nicht abschütteln ließ: Was ist das hier? Bin ich das?
Bauchgefühl-Alarm. Überhört.
So begann meine Ehe.
Die Jahre danach verschwimmen, wenn ich zurückdenke. Ein einziger langer Strom aus Baustelle und Patchwork und Funktionieren. Wir gruben einen Schwimmteich aus, sein Traum und ich mochte den Traum. Baustellen mochte ich nicht. Ich hasse Baustellen. Baumärkte gehören geschlossen, hatte ich früher immer geschimpft, diese Menschen mit Häusern und Dekokram waren mir irgendwie suspekt. Aber da war ich nun zwischen seinen großen Plänen, die Frau an der Seite eines doityourself Baumeisters.
Zwei seiner Kinder kamen zum Kinderwochenende, regelmäßig. Sie erzählten von der Mama und Hartz 4. Ich verstand ihre Welt nicht. Aber mir war klar: Ich höre zu und tue was ich kann. Seine Mutter brauchte Hilfe. Die schlesische Schwiegermutter mit ihren beiden geistig behinderten erwachsenen Kindern. Ich hatte Sozialarbeiter-Wissen, also war ich zuständig. Ich organisierte Lebenshilfe und Betreuung und machte schlesische Knödel jedes Weihnachten.
Das Leben wurde zu RTL2, nur in echt.
Vieles kannte ich nicht - mitten aus meinem bürgerlichen Leben gerissen, aus dem ich schon mit dem Wilderer fliehen wollte. Aber ich kannte sie nicht, die rauhe Wirklichkeit von Menschen, die anders lebten, nicht nachdachten sondern machten und sehr viel Chaos verbreiteten rund um sich. Ich war wieder die Organisatorin. Die Vermittlerin. Die, die alles zusammenhielt. Mitten drin, zwischen seinem charmanten Chaos und der harten Wirklichkeit von Unterhaltszahlungen, Behindertenbetreuung und beruflichen Verpflichtungen.
Mit Kindern, die so anders waren, als ich es kannte, ich versuchte die zu timen, sie auf Wochenenden zu verlagern und nicht jeden Tag Sozialarbeiterin der neuen Familie zu sein neben dem Job, für den ich meine südbadische Heimat aufgegeben hatte. Ich wollte ja nicht pendeln, deswegen war ich in diese Wohnung gezogen in Mittelbaden, bevor ich ihn kennenlernte. Aber er war ja der Mann mit diesem Haus, das wir abzahlen wollten, also zog ich dahin weit weg von der Arbeit und hatte irre Fahrtstrecken, bei denen er mich aber oft begleitete.
Dann lief mein Popmusik-Projekt aus. Zehn Jahre hatte ich andere Musik in die Kirche gebracht, und jetzt stand ich wieder vor der Frage: Was nun? Wir versuchten, zusammen selbstständig zu werden in der Pfalz. Das ging so richtig schief. Er plante und träumte, ich rechnete und sorgte mich. Er fing an und hörte auf, ich machte weiter und wurde müde.
Der charmante Chaosmacher und die Dazwischenrednerin
Das konnte nicht funktionieren. Also ließ ich mich anstellen als Sozialarbeiterin, hartes Brot, Alkoholkranke versorgen und später Betreuung einer Wohngruppe geistig behinderter Menschen. Ich fühlte mich nicht wohl in der Pfalz in der Sozialarbeit. Immer wieder fragte ich ihn, ist es das, was wir wollen hier?
Die Konten waren leer, immer wieder, es war kein gutes Auskommen.
Dann kam ein Stellenangebot wieder bei der Kirche – Öffentlichkeitsarbeit, ich kannte die Chefin und fragte nach. Wieder zurück in den Kirchenladen, bessere Bezahlung, vertraute Umgebung. Wir überlegten und entschieden uns dafür. Erst Urlaub machen und dann wieder arbeiten bei der Kirche arbeiten. Weit weg von der Pfalz aber vertraute Umgebung. Wir hatten Pläne. Wir würden dort eine Wohnung nehmen, unter der Woche arbeiten dort arbeiten, am Wochenende nach Hause kommen. Das Haus weiter ausbauen, zusammen an unserem Traum arbeiten.
Wir hatten Pläne. Das Leben hatte andere.
2008 begann mit dem Tod.
Kein Urlaub: Sterbebegleitung. Seine Mutter hatte Lungenhochdruck - eine grausame Krankheit. Die geistig behinderten erwachsenen Geschwister waren mit der kranken Mutter überfordert, und umgekehrt genauso. Wir pendelten zwischen allen hin und her, versuchten zu helfen wo es ging. Mein Mann mutierte zum Sorgenmacher und wurde immer stiller. Ich begann zu organisieren und schaffte es, einen Hospizplatz zu ergattern. Er wollte das nicht, aber anders wäre es nicht gegangen.
Ich begleitete Schwiegermutter im Krankenwagen ins Hospiz, an meinem Geburtstag. Jahre danach würde seine behinderte Schwester es mir am Telefon erzählen an meinem Geburtstag, du hast meine Mama weggebracht. Aber an dem Tag 2008 dachte ich nur: Endlich. Endlich können wir aufatmen für eine kleine Weile. In zwei Wochen geht die Arbeit auch los. Dann klingelte das Telefon.
Seine Tochter lag in der Frauenklinik. Wir sollten schnell kommen. Im Krankenhaus erfuhren wir es: Das Baby war schon da. Neun Monate lang hatte sie es verheimlicht. Neun Monate ein Geheimnis gehütet wie eine Bombe, die jetzt explodierte. Ein Tag zwischen Tod und Leben. Hospiz und Frauenklinik. Ende und Anfang. Alles gleichzeitig, alles zu viel.
Zwei Wochen später trat ich meine neue Stelle an. Dazwischen lag eine Beerdigung, der Tag an auch ein Neugeborenes in unsere Familie kam. Mein Mann hatte gesagt: "Das Kind gehört doch in unsere Familie. Wir haben doch alles, was ein Kind braucht." Wir? Ich hatte eine neue Stelle, 100 Kilometer entfernt. Er hatte eine Baustelle und große Pläne. Wir hatten keine Ahnung, was wir taten.
Die Pläne mit der Wohnung wurden nichts. Wie auch? Er war allein mit dem Baby, konnte mich nicht entbehren. Also pendelte ich. 100 Kilometer hin, 100 Kilometer zurück. Mit meiner Autopanik durch die Gegend - das war so nicht geplant. Ich fuhr zu einer Fortbildung, als ich zurück kam, war die leibliche Mutter entschwunden. Ihr war alles zuviel gewesen mit ihrem Papa und dem Baby, das wegen Bauchkrämpfen ganz schön schrie, immer mal. Ich wiegte es in meinem Arm und sang ihm vor, alle Lieder die ich kannte. Das tat ich oft. Ich übernahm die späte Schicht der Nächte, mein Mann stand dafür früh auf, um es wieder zu füttern und zu wickeln. Gesehen haben wir beide uns wenig in der Zeit. Wir wechselten uns mit dem Kind ab, und ich war unterwegs, bei seinen Geschwistern und meiner Arbeit.
2008, das Jahr das ich irgendwie überlebt habe. Ich weiß bis heute nicht wie.
Leben mit Baby
Er machte die Buchhaltung, begann unser Familienhaus umzubauen, mit einem Wohnkamin, der bis heute nicht so funktioniert, wie er sollte. Baufolie im Wohnzimmer, daneben Laufstall eines süßen kleinen Jungen. Er baute inmitten seiner Trauer und stapfte mit dem Kleinen durch die Gegend. Super-Papa in den Augen der Nachbarn. Schulhof pflastern, Förderverein, ehrenamtlich was ging. Er liebte das Baby, jeden Tag - das konnte er wirklich gut. Wir lagen am Teich, feierten Feste auch, aber es war alles so anstrengend geworden. Ich war nur noch unterwegs. Ich sorgte für regelmäßigen Geldeingang und fuhr mit meiner Autopanik durch die Gegend. Das war so nicht geplant gewesen.
Mit mir redete er nicht mehr. Ich dachte, es sei die Trauer um seine Mutter. Er trug schwarze T-Shirts und wurde immer stiller. Aber wir? Wir beide? Keine Gespräche mehr über uns, über das Leben, über irgendetwas das zählte. Nur noch Alltagsdinge. Wer kauft ein. Wann kommst du. Das Kind braucht neue Schuhe. Ich musste eine Weiterbildung machen, um meine Stelle nicht zu verlieren. Sie würden sie verstetigen, wenn ich das noch machte. Also wieder unterwegs, neues lernen, besser werden im Beruf.
Und nach Hause kommen wurde immer mehr zum Albtraum.
Wie oft saß ich auf einem Parkplatz und dachte: Fährst du da noch hin - nach Hause? Was sollst du da noch? Du bist die Gehaltsquelle seiner Ideen, in denen du nicht mal Platz hast. Ich kam von der Weiterbildung nach Hause. Tagelang war ich weg gewesen, hatte gelernt und gedacht und mich gefragt, was aus meinem Leben geworden war. Als ich die Tür aufschloss, kam der Kleine angerannt. Drei Jahre alt, blond und ein Sonnenschein. Er warf sich mir in die Arme, als wäre ich das Beste, was ihm je passiert war. "Mama!", rief er. "Mama ist da!" Mein Mann stand in der Küche. Er drehte sich nicht um. Sagte nicht Hallo. Tat so, als wäre ich nicht da. Der Kleine strahlte mich an. Mein Mann ignorierte mich. In diesem Moment wusste ich: Hier stimmt etwas nicht. Hier stimmt etwas ganz und gar nicht.
Dann kam das zweite Haus. Der Baumeister in Hochform
Genau in dieser Zeit, als ich pendelte und er Super-Papa spielte, kam er auf die Idee: Ein zweites Haus kaufen. Seine Altersvorsorge. Er würde nur die Bauleitung machen, sagte er. Ich dachte: "im Leben nicht". Aber Zusatzeinkommen in der Rente könnte sowas von Sinn machen, wir trugen ja auch Verantwortung für soviele, auch später im Alter. Also stimmte ich dem ersten Kreditvertrag zu. Ich bestand drauf, dass das Haus auf meinen Namen gekauft wurde. Irgendwas sagte mir, das geht nicht gut aus.
2012 kauften wir das Haus. Geplant als Gewerbe - Ferienwohnungen. Er baute zwei Jahre daran, ich war in der Zeit auf Arbeit. Er trug das Dach ab. Einfach so, ohne mich zu fragen. Das Dach von Haus 2 lag in Trümmern, und er strahlte mich an wie ein Kind, das ein Geschenk erwartet. "Wir stocken auf", sagte er. "Noch ein Stockwerk. Meine Altersvorsorge kann nicht groß genug sein."
Ich saß mit ihm bei der Bank, müde und irgendwie nicht wirklich bei mir. Der Banker schaute uns an, schaute auf die Zahlen, schaute wieder uns an. "Wieso noch einen Kredit?", fragte er. "Wer bürgt?" Mein Mann lachte. Dieses Lachen, das ich inzwischen kannte. Das Lachen, das sagte: Ich mache was ich will, und ihr könnt mich nicht aufhalten. "Kann das Haus auch so dastehen lassen", sagte er. "Ohne Dach. Es verfällt dann halt. Wenn Sie uns keinen Kredit geben, mach ich das." Erpressung. In der Bank, vor dem Banker, mit mir als Geisel. Ich war die Bürgin. Ich war diejenige, die das bezahlen würde. Mit meinem Gehalt, meinen Rentenpunkten, meinem Leben. Ich unterschrieb. Wieder einmal, ohne zu ahnen, wie sehr ich das alles bereuen würde.
Ich verbrachte Hochzeitstage in Baumärkten. Erst für Haus 1, dann für Haus 2. Immer wieder. Ich suchte Fliesen aus für SEINE Altersvorsorge. Ich trug Steine für SEINE Projekte. Das System fraß mich auf. Und ich fütterte es weiter, Tag für Tag, Baumarkt für Baumarkt. Witzig ist: Heute hat er die Hälfte meiner Rentenpunkte aus den Ehejahren. Ich habe das verschuldete Haus.
2013 zog die Freundin seines Sohnes unten im anderen Haus ein. Das war erst okay, bis ich merkte: Das passt nicht mit der Vorsteuer. Das Finanzamt merkte es auch, da wankte die Finanzierung zum ersten Mal. Steuerprüfer im Haus, er redet, ich höre zu und denke, das kann nicht gut ausgehen. Dann zogen meine Schwester und ihr Mann oben ins 2. Haus. "Vorübergehend", sagte sie. Sie wollen in die Pfalz ziehen, neu anfangen. Ich sagte: Frag ihn, das passt nicht mit der Steuer, aber er muss das entscheiden. Heute sagt er, ich hätte sie geholt, er habe immer gesagt, das geht so nicht. Er hatte es nicht gesagt, er ließ sie da wohnen.
Und er trickste es so hin, dass es wieder passte. Vorsteuerabzug aller Handwerkerrechnungen. Ich wurde zur Unternehmerin einer angeblich gewerblichen Immobilie. Meine Schwester meldete sich bei uns im Familienhaus an und er fakte Feriengäste in der Zeit. Nachts legte er mir die Papiere hin zum Unterschreiben. "Das hat schon alles seine Ordnung", sagte er.
Die Frauen auf der Weiterbildung hatten damals Ratschläge. "Mach ein romantisches Wochenende mit ihm", sagten sie. "Du musst ihn zurückerobern. Männer brauchen das, die wollen sich begehrt fühlen." Ich saß da und hörte zu und dachte: Zurückerobern? ICH soll IHN erobern? Ich hielt die Familie zusammen. Ich fuhr 100 Kilometer zur Arbeit und 100 Kilometer zurück. Ich kümmerte mich um seinen Enkel, seine Baustellen, seine Träume. Und ICH sollte IHN erobern?
Die Idee machte mich wütend. Nein, mehr als wütend. Sie machte mich krank. Dieses System, das von Frauen verlangt, immer noch mehr zu geben, immer noch netter zu sein, immer noch verführerischer, damit der Mann gnädig bleibt. Ich schrieb ihm Briefe stattdessen. Lange Briefe, in denen ich versuchte zu erklären, was ich fühlte. Was mir fehlte. Dass ich meinen Mann suchte, den Mann, den ich geheiratet hatte. Er las sie nicht. Oder er las sie und verstand sie nicht. Oder er verstand sie und es war ihm egal. "Du schreibst und redest viel", sagte er. "Ich hab zu tun."
Einmal fragte ich ihn direkt. Wir standen in der Küche, der Kleine war im Bett, es war still im Haus. Ich nahm allen Mut zusammen und fragte: "Hast du mich noch lieb?" Er schaute mich an. Nicht böse, nicht kalt. Einfach so, als hätte ich gefragt, ob wir noch Milch haben. "Wenn ich Zeit habe", sagte er. Liebe als Terminkalender-Eintrag. Irgendwo zwischen Baustelle und Ehrenamt, wenn noch ein Slot frei war.
2016 kam das Ende.
Er kam nach Hause und sagte: "Ich gehe. Ich halte das nicht mehr aus." Mich. Er hielt MICH nicht mehr aus. Die Frau, die sein Leben zusammenhielt. Die Frau, die das Geld verdiente, sein Kind großzog, seine Baustellen finanzierte. ICH war das Problem. "Mit dem Kind", fügte er hinzu. Selbstverständlich. Das Kind gehörte zu ihm. Zum Super-Papa. Mehrere Nächte war er schon nicht da gewesen. Storys von Freunden und Couch, die ich nicht mehr glaubte.
"Du gehst nicht mit dem Kind", sagte ich. "Der Kleine bleibt in seiner Umgebung. Ich ziehe rüber." Haus 2 war 200 Meter entfernt. Mein Haus, nach all dem Chaos. Unten wohnte die Freundin seines Sohnes, oben meine Schwester mit ihrem Mann. Das Bad war kaputt – Wasserschaden, da war was falsch verlegt.. von wem wohl? Ich würde also zusammen mit der Freundin meines Stiefsohnes da wohnen und bei meiner Schwester aufs Klo gehen. Sie wollte eh bald ausziehen, die nette Freundin, wir bekommen das hin, sagte mein großer Stiefsohn, sagte sie, aber wie? Bei Schwester aufs Clo gehen und er ist drüben mit dem Kleinen. Wieso gehe ich nicht ganz weg? Das fragte er mich oft. Die Antwort ist einfach: Ich konnte nicht. Ich wollte in der Nähe bleiben, auch das hatte einen guten Grund, mein Bauch lag richtig.
Also Wohnung teilen, Bad reparieren auf eigene Kosten. Und das mitten im Finanzchaos der Trennung. Aber das war mir egal. Hauptsache der Kleine blieb in seinem Zuhause. Ich packte ein paar Sachen. Wollte nur das Büro erst mal umziehen, dachte ich. Wir würden das regeln. Erwachsene Menschen regeln so etwas. Ich war ja bereit, ihn in Ruhe zu lassen und auszuweichen.
Es klingelte.. er hatte die Steuererklärung liegen lassen, bis ein Gerichtsvollzieher vor der Tür stand - wegen MIR. Ich war diejenige, die keine Umsatzsteuer abgegeben hatte. Er holte das rasch nach und trickste weiter, in meinem Namen. Wochen später entkam ich einer Selbstanzeige mit einem neuen Steuerberater. Zu der Zeit durfte ich schon nicht mehr ins Familienhaus. Er ließ mich nicht zurück ins Haus. Ich kam nicht wieder hin zu ihm, zu meinen Sachen und zu meinem Kind.
Am Abend meines Auszugs stand die Neue schon vor der Tür. Die Nachbarn erzählten es mir später. Noch am selben Abend. Alles war längst eingefädelt, lange bevor er sagte: Ich gehe. Aber erfahren habe ich es nicht von ihm, sondern von meinem Kind.
Der Kleine kam heimlich zu mir. Dieser Junge konnte all das nicht fassen, warum war ich gegangen und warum durfte er mich nicht besuchen? Papa hatte es verboten. Kein Kontakt außerhalb der Umgangszeiten, hatte er gesagt. Als wäre ich eine Gefahr. Als wäre ich diejenige, vor der man Kinder schützen muss. Aber der Kleine kam trotzdem. Mit Schulranzen, auf dem Weg zum Bus. Er kam oft zu mir, um sich ein paar Minuten mit mir zu stehlen. Eines Morgens sagte er: "Da liegt ne Frau nackt im Bett beim Papa."
Ich starrte ihn an. Mein Herz schlug so laut, dass ich dachte, er muss es hören. In diesem Moment fiel alles zusammen. All die Puzzleteile, die ich nicht hatte sehen wollen. Die Nächte, in denen er nicht nach Hause kam. Die Geschichten von Freunden. Das "Ich halte das nicht mehr aus." Es war nie eine Ehekrise gewesen. Es war nie darum gegangen, dass ich seine Ideen torpedierte oder die Bremse an seinen Plänen war. Es war nie darum gegangen, dass man mit mir nicht reden konnte. Es war nur ein Weib, das sich meinen Mann schnappen wollte. Und er hatte sich schnappen lassen. Mein Mann stellte mir Kartons vor die Tür, die sie gepackt hatte im neuen Domizil, während der Junge litt. Meine Hygieneartikel waren es zuerst, eine Kiste voller Damenbinden, Madame wollte sie aus dem Bad haben. Es waren schreckliche Tage, bis es mir gelang, endlich wirklich mit meinen Sachen rüber zu ziehen in eine kleine Wohnung, die ich mir herrichtete.
Ich holte also an einem Wochenende meine Sachen aus dem Haus. Kam ins Schlafzimmer zu meinem Kleiderschrank und sah das schöne teure Bett, das ich gekauft hatte als letzten Versuch, ihm nochmal nahe zu sein - er hatte damals nicht mal mit ins neue Schlafzimmer gewollt. Und was sah ich? Diddl-Maus-Kissen. "Ich liebe dich." Rote Rosenblätter. Der ganze sentimentale Kitsch. Die Neue hatte sich eingerichtet - in MEINEM Bett. Zum Kotzen. Ich floh und sagte meinen Helfern, schaut dass ihr soviel wie möglich zusammenpackt, ich muss hier raus. Sie kam dann, die Neue und überwachte den eiligen Auszug meiner Helfer.
Danach brach ich zusammen.
Nicht sofort, nicht dramatisch. Sondern langsam, wie ein Haus, das von innen fault. Erst die Haut. Sie brach auf, entzündete sich, Flecken von oben bis unten. Ich sah aus wie eine Aussätzige. Dann die Kraft. Sie floss aus mir heraus wie Wasser aus einem kaputten Eimer. Ich musste mich krankschreiben lassen, konnte nicht mehr arbeiten, lag in meinem Haus mit den Flecken und starrte die Decke an.
Er sagte immer wieder: "Du lebst jetzt da in Haus 2. Ist jetzt deins. Kümmere dich drum." Das kaputte Bad in Haus 2? "Ist ja dein Haus, kümmere dich." Ich hatte weder Baupläne noch Ahnung von all dem, ich war einfach zuständig, für mich, das Haus, die Raten, mein Leben und ich sollte den Jungen doch bei ihm lassen und endlich weggehen. Ich ging nicht. Ich ging zur Anwältin und zum Steuerberater. Als ich mich aufmachte, alles selbst zu regeln, hat er nur geunkt: Ich würde mich falsch beraten lassen. Ich habe Jahre diese Vorsteuerschulden und die Darlehen abbezahlt, und er zahlte nur solange er dachte, er könne im Haus bleiben, danach nicht mehr. Obwohl er da noch lebte.
Die Neue wollte Mann mit Haus. Mit einem 8-jährigen hatte sie nicht gerechnet. Er hatte ihr gesagt: "Ist mein Enkel, der ist manchmal zu Besuch." Dann war das Kind plötzlich da. Bei ihm. Nicht zu Besuch, sondern für immer. Sie war überfordert. Nix mit romantischem neuen Leben - Chaos auch für sie. Ein übereifriger Kinderarzt hatte den Kleinen als "adipös" bezeichnet - damals war er es nicht. Aber sie nahmen das als Vorwand. Sie stellten ihn jeden Tag auf die Waage. Nahmen ihm sein Lego weg, wenn er nicht spurte. Essensentzug, Übungsblätter fürs Gymnasium, auf das er unbedingt sollte und viel Wegsperren im Zimmer. Sie hat ihn verstört, diesen fröhlichen Achtjährigen, den ich kannte. Der Kleine büxte immer wieder aus, die 200 Meter zu mir. Erzählte Geschichten, die ich erst nicht glauben wollte. Bis die Erzieherinnen im Hort anfingen zu fragen. Bis die Nachbarn besorgt wurden. Bis die Polizei zweimal vor der Tür stand.
Neubeginn
2018 gewann ich den Kampf um ihn. Er wurde mir gebracht. Mein Ex war wieder am Jammern - jetzt wo er das mit dem Kind nicht hinbekommen hatte. Und natürlich wollte er das Pflegegeld nicht aufgeben von dem Kind, es war ja schließlich das einzige Einkommen, das er noch hatte. Er hatte die verwegene Idee gehabt, mit Ehegattenunterhalt und Pflegegeld dort weiter mit ihr zu wohnen. Naja, bis es eben nicht gut ging und unser Kind rebellierte bis zur Selbstverletzung. Dieses Kind war außer sich und wer wenn nicht ich konnte das verstehen. Nach erfolglosen Erziehungsberatungen und irren Szenen mit heulendem Kind bei jeder Übergaben, war er eines Tages am Ende seiner Ideen. Er ließ mir das Kind mit einer Tasche vor die Tür stellen. "Dann mach halt du", sagte er. "Wenn du glaubst, dass du es besser weißt."
Sie hatten Krach gehabt, er und die Neue. Wegen dem Kind, wegen dem Haus, wegen ich weiß nicht was. An dem Abend, als der Kleine weg war - endlich weg in ihren Augen - sagte er ihr wohl: "Ist nicht mein Haus, die Hälfte gehört ihr." Da war das tolle neue Liebeserlebnis zu Ende. Sie verschwand.
Ich war nicht mehr alleine in der Wohnung. Das Kind plötzlich DA. Bei mir. Nicht zu Besuch, sondern für immer. Ich hatte zum Jugendamt gesagt, ich habe keine Ahnung wie das gehen soll, ich war schwer krank und bin gerade dabei alles einigermaßen zu regeln. Der Sozialarbeiter sagte, ich kann ihn zu ihnen bringen den Jungen oder ihn bei seinem Großvater lassen. Ich schaff das schon, sagte ich, ohne zu wissen wie. Ein halbes Jahr, indem mein Mann keine Raten zahlte, aber das Haus vergammeln ließ, in dem er kaum wohnte, sondern oh wunder die Tochter, mit neuem Partner und Kindern ihr Unwesen trieb. Eine kleine Szene, in der ich endlich mal mich durchsetzte. Verlass mein Haus schrieb ich ihr, vergiss es, du lebst da nicht, ich werde mit deinem Kind da wieder einziehen. Und ich tat es.. viele Anwaltsbriefe später eroberten wir beide unser Familienhaus zurück.
Der Junge ging beim ersten Nachhause kommen durch die Räume wie durch ein Minenfeld, vorsichtig, als könnte jeden Moment etwas explodieren. Plötzlich verschwand er. Ich fand ihn im Schrank im Schlafzimmer, mit der Melodika, die ihm mein Vater geschenkt hatte. Er pustete vorsichtig hinein. "Hier ist noch ihr böser Geist", flüsterte er. "Nein", sagte ich. "Komm raus. Hier ist alles gut. Weißt du was? Wir schreien sie raus. Wir schreien den bösen Geist aus unserem Haus." Wir standen auf der Treppe, mein verstörter Junge und ich, und schrien. So laut, dass die Wände zitterten. So laut, dass die Nachbarn hätten kommen können. So laut, dass alle bösen Geister fliehen mussten. "Wollen wir hierbleiben?", fragte ich danach. "Ja", sagte er. "Aber ich will mein Zimmer ganz unten." Dort lebt er noch heute, groß und kräftig geworden kurz vor dem Abitur. Wir lieben unser Zuhause.
Vor Gericht, Jahre später, erzählte mein Super-Ehemann eine andere Geschichte. "Ich habe das Baby allein großgezogen", sagte er. "Sie hat nur gejammert. Ich habe 1500 Stunden auf der Baustelle gearbeitet." Die Richterin schaute ihn an. Dann schaute sie mich an. Dann fragte sie: "Wo ist das Kind heute?" Bei mir. Natürlich bei mir. Beim "Super-Papa" war es nicht. Er saß da, vor der Richterin, vor den beiden Anwältinnen, vor mir, hatte sie begrüßt vor der Verhandlung, zu der er zu spät kam mit den Worten: "Ich weiß ja nicht wie Sie ihr Geld verdienen, ich habe wichtigeres zu tun als hier zu sein, ich arbeite." Das ist dieser Mann. Das war immer dieser Mann. Zu wichtig für alles außer sich selbst.
Ich sagte einmal zu ihm: "Nimm dir deine Altersvorsorge. Nimm dir Haus 2 und lass mir und dem Kind das Familienhaus. Saubere Trennung." Er sagte: "So kurzfristig geht das natürlich nicht." Die Wahrheit? Er war bei der Bank gewesen. Die sagten: kreditunwürdig. Er konnte nicht, auch wenn er gewollt hätte. Ich bekam die Kredite. Vier an der Zahl nach der Trennung. Unsummen. Aber die Banken vertrauten mir - der Frau mit dem Job, die immer gezahlt hatte. Ich weiß bis heute nicht, wie ich es geschafft habe, aber ich habe durchgehalten und finanziere noch heute.
Dann starben sie. In einer Zeit, in der so viele starben.
Die Mutter seines ersten Sohnes - gestorben. Jahre nachdem er sie verlassen hatte, hatte sie immer noch getrauert, wie mir eine Bekannte erzählte. Jetzt war sie tot. Die erste Exfrau, die Mutter seiner beiden anderen Kinder - gestorben. Die Frau, die er gleichzeitig geschwängert hatte, während er noch mit der ersten zusammen war. Auch sie tot. Ich war mit ihr zusammen im Krankenhaus, 2021, sie hatte Tumore, ich einen Herzinfarkt. Ob wir uns kennen, fragte mein Arzt. Nein wir tragen denselben Namen und haben unter demselben Mann gelitten, aber so richtig kenne ich sie nicht, die erste Exfrau meines Exmannes.
Ich lag im Krankenhaus, kämpfte ums Überleben. Er? Er fragte bei meiner Schwester nach, ob es stimmt, dass ich krank bin. Nicht bei mir. Bei ihr. Er wollte nur wissen, ob ich überlebt habe. Ich schrieb ihm im Messenger, was passiert war. Seine Reaktion? Nichts. Gar nichts. Drei Frauen, die er hinterlassen hat. Zwei sind tot. Ich habe überlebt. Auch den Tod meiner Eltern überlebt ein Jahr später.
Grundbuchsorgen
Heute, fast zehn Jahre nach der Trennung, steht er immer noch zur Hälfte im Grundbuch von unserem geliebten Familienhaus. Er hat meine Rentenpunkte halbiert - für 15 Jahre Ehe, in denen ich neben Schwarzarbeit und großen Plänen sein regelmäßiges Einkommen war, ihn krankenversichert hatte. Das hat ihm ein Gericht zugesprochen. Ich hätte diese Rollenteilung akzeptiert und nie was dran ändern wollen. Also gehört ihm auch die Hälfte meiner Altersvorsorge, das andere lässt sich ja über den Zugewinn regeln. So steht es im Urteil. Und er?
Er weigert sich, Auskunft zu geben über den Zugewinn. Seit 10 Jahren tut er das. Der Gerichtsvollzieher trifft ihn nicht an. Ich zahle 31 Euro Gebühren dafür, dass er nicht da ist, wo er angibt zu sein. Eine kleine Summe in der großen Summe der Versuche und Kosten dafür, mit ihm zu einer Regelung zu kommen und endlich dieses Kapitel auch abzuschliessen. Wenn ich ihn einmal im Jahr mal anrufe, geht er ans Handy als sei alles in Ordnung. Letztes Mal fragte er, ob ich endlich bereit sei, ihm seine Hälfte für das Haus zu überweisen, am besten den Wert, wie es heute dasteht, 10 Jahre nachdem er ging. Ich sagte, ich habe nicht vor dich auszuzahlen, du bist der Buchhalter, rechne einfach nach und dann melde dich endlich bei deiner Anwältin.
Sein Stiefsohn - sein eigener Sohn - sagt: "Mein Erzeuger wechselt die Frauen, wenn sie ihn durchschaut haben." Mein Sohn, 17 Jahre alt, macht Praktikum bei meiner Anwältin. Er liest die Akten über seinen Großvater, fragt respektvoll, ob er das darf. Er sagt: "Der Mann hat versagt als Mann, als Ehemann und als Vater."
Woran bin ich gescheitert?
Und er? Er erzählt immer noch, ich hätte ihm alles genommen. Er biegt sich die Geschichte zurecht, in der ich die Böse bin. Das ist sein Muster. Das war immer sein Muster. Große Pläne, keine Substanz. Schief geht was nur, wegen anderer, die Bösen, die ihn nicht verstehen. Und wenn es anstrengend wird, findet er eine neue Bewunderin.
Ich dachte lange ich bin an Patchwork gescheitert. Heute weiß ich: Ich bin nicht daran gescheitert. Ich bin am System gescheitert. Mein Bauch war nie weg. Ich habe es gespürt, die ganze Zeit - bei der Hochzeit mit dem Bauchweh, in den Baumärkten, wenn er nicht mal Hallo sagte, auf den Parkplätzen, wenn ich dachte: Was sollst du da noch? Aber ich habe das System gefüttert statt mich.
Ich war wieder die geworden, die alles möglich macht. Die Ernährerin, die Organisatorin, die Problemlöserin. Die Infrastruktur für alle - nicht nur für ihn. "Ist ja dein Haus, kümmere dich." Das sagten sie alle. Er. Und andere auch. Und ich kümmerte mich. Immer. Das System macht aus klugen Frauen Co-Abhängige. Frauen, die denken, sie können Männer retten, die gar nicht gerettet werden wollen. Er wollte keine erwachsene Partnerin. Er wollte eine, die seine Projekte finanziert und seine Träume ermöglicht. Und als ich anfing, ihn zu durchschauen, fand er eine neue Bewunderin.
Ich bin noch nicht frei
Ich bin noch nicht frei. Sonst würde ich nicht schreiben. Ich träume manchmal, er steht wieder hier. In meinem Haus, das zur Hälfte seins ist auf dem Papier. Er tut es wieder im Traum, einfach mein Leben erobern, nicht als Internettraum, der sich anpasst, sondern als einer, der so tut, als hätte er alles drauf und Anrecht auf alles und ich sei ein Nichts. Ich bin fassungslos, dass er sich diese Geschichte so hinbiegt, sogar im Traum.
Ich habe keine Angst, dass er mir heute was nimmt, nicht mehr. Ich bin abgesichert, ich kann alles verstehen und ich weiß, wie man sich vor Gericht wehrt. Ich habe finanziell keine Sorgen mehr, seit meine Eltern mich leider beerbt haben. Ich habe keine Angst mehr vor dem Untergang oder seinen neuesten Eskapaden, aber ich bin wütend. Wütend auf diese Männer, die sich verpissen und zu Opfern erklären. Die bewundert werden wollen für das, was andere aufgebaut haben. Die Frauen finden, die sie stützen, bevor sie sich der ehrlichen Tatsache stellen müssen, dass sie endlich erwachsen werden. Das ist die andere Seite des Machismus. Diese Typen finden immer Bewunderinnen.
"Ich bin die falsche Exfrau, bei mir läuft das nicht", habe ich irgendwann zu ihm geschrien. Ich bin zu klug für dich, dachte ich innerlich, das System, das ich zwar gefüttert habe, wird mich nicht umbringen. Ich werde mich nicht dafür aufgeben. Nie mehr. Ich hatte gesehen, was er mit den anderen gemacht hat. Ich hatte ihn sogar bedauert wegen dieser Frauen, ich war co abhängig in seinem Opfersystem und habe so oft mit ihm gejammert über diese Frauen, die ihn nicht überlebt haben. Ich aber schon. Das Muster ist dasselbe. Er geht, wenn es schwierig wird. Er findet eine Neue. Er lässt die Frauen mit dem Chaos zurück. Nur dass ich nicht gestorben bin. "Ich bin zu stark für dich. Mich kriegst du nicht klein."
Heute weiß ich: Ich bin nicht am Patchwork-Chaos gescheitert. Ich bin am System gescheitert. Am System Zampano Mann, die auf dem Rücken von Frauen, sich profilieren. Sich einfinden, Charme versprühen und dich aussaugen, bis nichts mehr übrig bleibt von dem, was du vor ihm warst. Ich habe wenig von meinem alten Dasein behalten. Ich musste mich neu erfinden in der Pfalz und das habe ich. Mein Bauch war nie weg. Ich habe es gespürt, die ganze Zeit. Ich war kaputt und hab nichts mehr gefühlt, ich hab mich betäubt und mit andern Männern eingelassen, um immer wieder heraus zu finden: "Du bist nur auf dich angewiesen. Es liegt an dir, was du aus deinem Leben machst. Du und der Junge und das Leben hier in der Pfalz. Das ist dein Zuhause hier. Nicht seins, nicht als sein Anhängsel, es ist deins. Hart erstritten, heftig bezahlt und vor allem endlich angekommen. Du und das Kind." Heute weiß ich, warum ich noch hier lebe.
Die unheimliche Retterin
Ich habe alles gerettet. Erst seine Kinder, die er an den Wochenenden bei mir parkte und auf Baustelle ging. Dann seinen Enkel, der mein Sohn geworden ist und der durch ihn fast kaputt ging. Er lebt der junge Mann und wie. Eine Wonne, ihn zu erleben, verantwortlich, umsichtig und so gescheit. Schließlich sind da noch die Häuser, unser Familienhaus, in dem ich lebe mit der besten Familie, die man haben kann, einem Bündnis, das sich gefunden hat, mein Sohn und ich und die zwei Katzen. Das andere Haus ist Plan B, es ist finanziert, Ferienwohnung und eine Mietwohnung, es reicht für die Raten und wenn ich es mal verkaufe, dann bleibt was übrig. Wo immer ich im Alter lebe, es sind beides meine Lebenswerke, übernommen von einem Zampano der lieber das Weite suchte, als Verantwortung zu übernehmen. Ich werde mich nicht mehr aufgeben wegen so einem. Ich habe soviel gelernt, vor allem auf meinen Bauch hören. Mein Exmann war die härteste Lektion, wenn auch noch einige andere folgten.
Natürlich weiter leben
Aber ich lebe hier mit einem jungen Mann, der sehr auf mich aufpasst mit einer tiefen Erkenntnis, wenn er so Sätze sagt wie: He Mama, jemand der dich zum heulen bringt, hat hier nichts zu suchen. Oder: Ich möchte mal so werden wie du, du weißt wie das alles geht mit dem Leben. Und das beste ist immer noch die Antwort auf die Frage, die ich testweise auch ihm gestellt habe. Hast du mich noch lieb? Er antwortete: Natürlich. Ein Wort und der Bauch brummt wohlig dabei.