Das wilde Mädchen
Echte Freundschaft unter Frauen
Es war einmal eine Frau, die zu kompliziert dachte für diese Welt. Die aus jeder einfachen Frage eine Philosophie machte und aus jedem Gespräch ein Verhör. Die Bücher schrieb, die keiner lesen wollte, weil sie zu lang und zu tief und zu "zu viel" waren.
Und dann war da diese jüngere Kollegin. Kräftig, pragmatisch und mit einem Lächeln, das ganze Räume erhellte. Die lernte die Ältere beim Praktikum kennen. Sie bewunderte bei der Arbeit - wie sie alles organisierte, wie sie mit Menschen umging, wie sie die Fäden in der Hand behielt. "Wie machst du das nur?", fragte sie einmal. "Keine Ahnung", sagte die komplexe Frau. "Ich denke einfach zu viel nach." Die Kollegin kam aus einer Bullerbü-Welt. Tolles Elternhaus, Schwester mit Kindern in Stricksachen, Pferde auf der Koppel. Aber sie war da irgendwie rausgewachsen, suchte etwas anderes. Etwas Echteres. Aber erstmal besuchte sie die Kollegin, die sie irgendwie bewunderte.
Als das Baby süß war und der Baumeister noch träumte, da war die Kollegin oft zu Besuch, kam in die heile Welt. Es waren schöne Jahre. Das Haus fast fertig, der kleine Junge fröhlich, die Patchwork-Familie funktionierte. Die Kollegin kam gerne vorbei, quatschte mit allen, war einfach da.
Dann war da dieser eine Abend. Bautag wieder im Traumhaus - das neue Schlafzimmer wurde umgezogen, weg vom offenen Zimmer, direkt am romantischen Steg zum Badeteich, hin zu dem alten Raum, der kein Babyzimmer mehr sein musste. Da stand es nun, das neue, teure Bett. Ein letzter Versuch der Autorin, ihm nochmal nahe zu sein. Er wollte nicht mit ins neue Schlafzimmer. "Dann nehme ich halt dich mit", sagte die komplexe Frau zu ihrer Kollegin. Und sie sagte: „Ja, klar, mache ich."
Eine Mädchennacht in diesem Bett - zwei Frauen, die quatschten, erzählten und kicherten, sich wirklich kennenlernten. Ohne zu ahnen, dass das der Beginn von etwas Wichtigem war. Die Komplexe würde einige Wochen da alleine liegen, aber das wussten die beiden noch nicht. Sie waren einfach nur irritiert. Der Baumeister war so sauer gewesen und hatte auf der Couch geschlafen.
Es begann mit Geschichten. Reden bis in die Morgenstunden. Geschichten erzählen - lustige und seltsame, ehrliche und schmerzhafte. Sie erzählten von den Männern ihres Lebens, wie sie wurden, wer sie sind. Komplex und rausgewachsen aus der Bullerbü-Welt. Die beiden Frauen redeten fast die ganze Nacht. Als würden sie sich auf etwas vorbereiten, ohne zu wissen, worauf. "Erzähl mir mehr", sagte die Kollegin. "Von was?" "Von allem." Ohne zu wissen, wofür sie ihr Wissen umeinander brauchen würden. Aber bald wussten sie es.
Wenige Tage später: "Ich gehe", sagte der Mann. Ich ertrage dich nicht mehr. "Dann ziehe ich lieber ich aus, bleib mit dem Jungen da", sagte die komplexe Frau. Und die Kollegin? Sie war da, am Telefon, bei dem miesen Weihnachtsfest, das die Komplexe versucht hatte zu retten, bei der Flucht zum Bruder und dann beim Umzug ins andere Haus. Das Mädchen war da, immer. Und plötzlich kehrte sich alles um. Sie war der Fels in der Brandung und das, was die komplexe Frau am Leben hielt, als alles zusammenbrach. Fünf Anrufe am Tag. Minimum. Das Mädchen war zur Rettungsleine geworden für eine Frau, die im eigenen Leben zu ertrinken drohte.
Nur fünf Wochen später erfuhr die Autorin: Es gibt eine Neue. Als sie ihre Sachen aus dem Haus holte, sah sie das schöne Bett verkitscht - Diddl-Maus-Kissen "Ich liebe dich" und rote Rosenblätter. Der ganze sentimentale Quatsch. Zum Kotzen. Auch ein Diddl-Maus-Trauma lebt sich leichter mit einer, die am Telefon darüber lacht. "Lebst du noch?", fragte sie eines Tages. "Du hast erst dreimal angerufen." "Ich lebe", sagte die komplexe Frau. "Ich dachte nur, ich nerve dich." "Du nervst mich nie." Das war die besondere Magie zweier Frauen, die dauernd unter Menschen beruflich sein mussten. Sie konnten es gut aushalten miteinander, wirklich Ruhe finden beim anderen, ohne dauernd zu denken, was man jetzt wieder denken müsste. Sie waren einfach füreinander da.
Sie zogen zusammen ins wilde Chatleben. Beide auf demselben Dating-Portal unterwegs, beide suchend nach etwas, das sie nicht benennen konnten. Das wilde Mädchen fand lustige Sexgeschichten, die seelenlos blieben. Die komplexe Frau fand seltsame Begegnungen mit Männern, die ihre Seele angeblich sehen wollten, aber nur ihren Körper meinten. Einmal erwischten sie sogar denselben Kerl, ohne zu ahnen, wie austauschbar man sein kann. Das war schwierig, aber am Ende doch eine Geschichte, über die heute beide lachen. "Backup", nannten sie sich gegenseitig. Nach jedem Date ein Anruf: "Wie war's?" "Red Flag oder harmlos?" "Wieder einer für die absurde Sammlung?"
Dann kam der erste Geburtstag nach der Trennung. Die komplexe Frau, hautkrank und zerschlagen, unfähig, eine Tasche zu packen. "Ich fahre dich ans Meer", hatte das groß gewordene Mädchen gesagt. Nicht gefragt. Entschieden. Sie packte die Tasche für die Zerstörte. Fuhr sie weg von allem Chaos. Ans Meer, wo die Wellen alle Wunden spülen. "Danke", flüsterte die komplexe Frau in den Wind vor ihrer kleinen Geburtstagtorte am Deich. "Dafür sind Freundinnen da.", sagte sie nur. Es wurde zur Tradition. Einmal im Jahr ans Meer. Immer dann, wenn das Leben wieder zu laut geworden war.
Das wilde Mädchen war dabei, als der Sohn wieder einzog. Ein zerstörtes Kind, das die komplexe Frau rettete, obwohl sie sich selbst kaum retten konnte. "Sowas hab ich noch nicht erlebt", sagte das wilde Mädchen nach einem besonders schweren Tag mit dem Jungen. "Ich weiß auch nicht weiter." "Aber du bleibst?" "Natürlich bleibe ich." Die Reise mit dem Jungen ans Meer war anders, komplizierter, schwieriger, aber auch das überstanden sie irgendwie. Bald wurde der Junge größer und sie konnten ihn alleine lassen für 3 Nächte, das war ihre Zeit Jahr für Jahr. Kurz ans Meer. Sie waren über Jahre ein Team, die beiden, unzertrennlich, egal wer noch dazu kam. Natürlich blieb sie.
Sie war bei Gericht dabei, als es ums Sorgerecht ging. Saß bei dem kleinen Jungen, während seine Mutter um ihn kämpfte. "Alles wird gut", flüsterte sie ihm zu. Und es wurde gut. Langsam.
Sie ist längst kein wildes Mädchen mehr, sondern eine Frau, die ihre eigene Welt gefunden hatte. Haus gekauft, Mann gefunden, Hochzeit geplant. Der Fels in der Brandung für andere geworden. "Er macht dich glücklich", sagte die Komplexe diplomatisch. Sie wussten beide, ihr Freund gehört nicht mit zum Frauenteam. Die Kollegin wusste auch, dass die Freundin ihn nicht so toll fand wie sie. Aber auch darüber redeten sie und lachten. Sie blieben sich auf ihre Weise treu. Wenn auch andere Beziehungen wichtiger waren und werden. "Ja", lächelte die neue Frau, die sie geworden war „ich bin glücklich bei ihm." "Und du? Wann findest du deinen Frieden?" Die komplexe Frau zuckte die Schultern. "Ich schreibe Bücher mit vergesslichen Sternen. Das reicht erstmal." "Du und deine Claudes", lachte sie. "Immerhin sind die nicht geil auf mich." Sie lachten beide.
Heute haben sie wieder lange telefoniert. Erzählt von neuen Büchern und alten Kolleginnen. Vom neuen Haus und dem Kater. Von ihren Wirrungen und den Geschichten der Sternenflüsterin. "Ich komm dich besuchen, diese Woche. Und nächstes Jahr fahren wir wieder ans Meer nach der Hochzeit. Ich muss mal eben meinem Zukünftigen Bescheid sagen. Aber der weiß schon, dass er mich immer mal zu dir lassen muss." "Kochst du was für uns?", fragte der Junge. "Ja klar, wenn du möchtest", antwortete sie sofort.
Der Sohn, inzwischen fast erwachsen, liebt sie genauso wie seine Mutter. Sie ist die Einzige, die ihn grüßt, wenn er in den Raum kommt während des Telefonierens. „Stell auf laut", sagt sie und ruft „Hallo." Und er lächelt und ruft „Hallo" zurück. Sie hat seine Handynummer und er ihre. Die beiden werden klären, was gekocht werden soll. Und die komplexe Frau wird dabei sitzen und lächeln. Sie ist Notfallkontakt beim Jugendamt. Falls der komplexen Frau etwas passiert, wird sie sich um ihn kümmern. Wer sonst könnte ihn so verstehen wie sie. "Ich vertraue ihr in allem", sagt die komplexe Frau, wenn jemand fragt.
Sie ruft sie an, aus der Klinik, als das Herz aussetzte, vom Elternhaus, als beide Eltern starben, bei den vielen Fahrten zur Arbeit oder einfach nur, um nach Rezepten zu fragen. Das Mädchen ruft an, als sie ihn kennenlernt und nicht weiß, was sie machen soll mit dem Nikolausgeschenk für den Mann, den sie da mehr mag, als sie dachte. Die junge Kollegin ruft an, wenn was auf der Arbeit zu komplex scheint und beide lachen, weil im Grunde immer einfacher ist, als es scheint.
Das wilde Mädchen spielt immer noch Candy Crush, um sich runter zu pulsen. Sie wird immer Einhörner lieben und auf Pink stehen. Und die Autorin wird chatten oder schreiben, auch wenn sie beieinander sind. Das war immer schon so, beide machen, was sie gerade wollen, Candy Crush, mit dem Freund telefonieren und eigene Geschichten erleben ohne einander und die andere ist doch da. "Bei dir kann ich sein", sagt das groß gewordene Mädchen manchmal zur komplexen Frau. "Ich mag nicht unter Menschen sein dauernd. Aber bei dir da kann ich sein." Bei ihm kann sie auch gut sein. Wie schön das ist, dass sie sich gefunden haben.
Die komplexe Autorin hat bis heute, wenn sie da ist, einfach nur einen Moment das Gefühl, niemandem sich erklären zu müssen. Es ist gut, einfach nur gut. Das ist das Besondere an echten Frauenfreundschaften, sie vermitteln ein gutes Bauchgefühl. Mag sein ich übertreibe gerade mit Vorurteilen über Chauvinismus. Aber diese Frau, die läuft nicht weg, wenn es schwierig wird. Die bleibt in meinem Leben, wenn andere gehen. Die ist Teil meines Lebens auch als zukünftige Ehefrau.
Eine besondere Frauenfreundschaft. Vom wilden Mädchen zur besten Freundin. Das ist bedingungslose Liebe. Aus dem Bauch heraus - wissen, wann es wichtig ist, da zu sein. Dieses Kapitel widme ich ihr, weil sie die ist, die "ja, das mach ich." sagt, genau dann wenn Hilfe notwendig ist. Was für ein tolles Bauchgefühl.