Über das Vergessen

Erkenntnisse nach Corona


Ich war so froh im Homeoffice, dass wir nicht mehr die Bekloppten waren im www.

Jahrelang hatte ich für Digitalisierung gekämpft. Erklärt. Beworben. Und alle dachten: Naja, kann man machen. Aber eigentlich sind wir doch analog. Kirche ist Präsenz. Leibhaftige Begegnung. Echte Gemeinschaft.

Und dann kam Corona.

Plötzlich musste alles digital. Und plötzlich wollten alle von mir wissen: Wie geht Zoom? Wie streamt man? Wie macht man Online-Gottesdienste?

Die, die jahrelang gesagt hatten „das brauchen wir nicht", standen jetzt bei mir auf der Matte.

Ich war froh. Endlich – endlich – verstanden alle: Digitalisierung ist kein Spielkram. Das ist Verkündigung. Das ist Gemeindearbeit. Das ist Kirche.

Aber das war nur die halbe Wahrheit.

Die Zoom-Gottesdienste waren genauso schlecht gemacht wie Popmusik in der Kirche

Wir haben so getan, als hätten wir Digitalisierung gemacht.
Aber eigentlich haben wir nur das Alte ins Digitale übertragen.

Wir haben die Kamera auf die Kanzel gerichtet. Der Pfarrer hat gepredigt – nur eben ins Digitale. Die Gemeinde saß passiv vor dem Bildschirm – statt in der Kirchenbank. Wir haben die Liturgie durchgezogen – nur eben gestreamt.

Das ist derselbe Fehler wie bei der Popmusik: Wir haben etwas Neues genommen und es in unsere alten Strukturen gepresst. Wir haben domestiziert statt integriert.

Echte Digitalisierung wäre gewesen: Interaktion ermöglichen. Teilhabe neu denken. Formate entwickeln, die digital funktionieren. Menschen erreichen, die vorher nie in die Kirche kamen.

Stattdessen haben wir Gottesdienst gestreamt. Punkt.

Tut nicht so, als ob.

Was Digitalisierung wirklich bedeutet

Digitalisierung ist nicht: „Wir streamen jetzt mal."

Digitalisierung ist: „He, was hast du für nen PC? Wie ist deine Internetverbindung? Kennst du Teams? Brauchst du Hilfe beim Einloggen?"
Das ist Care-Arbeit. Wieder einmal.

Echte Teilhabe heißt nicht: Einen Zoom-Link schicken und hoffen, dass alle klarkommen.

Echte Teilhabe heißt: Mit jedem Einzelnen schauen – was brauchst du? Welche Technik hast du? Wo hakt's?

Das ist Menschen sehen.

Aber die Kirche dachte: Digitalisierung = Tool installieren, fertig.

Wir haben gestreamt. Aber wir haben nicht begleitet.

Deshalb sind die Vergessenen vergessen geblieben.

Die andere Seite: Homeoffice und Care-Arbeit


Ich weiß als alleinerziehende Frau, dass Digitalisierung die Care-Arbeit leichter macht.

Im Homeoffice konnte ich für meinen Sohn da sein und arbeiten. Keine Fahrtzeiten mehr. Keine starren Bürozeiten. Flexibilität, wenn das Kind krank war oder Aufmerksamkeit brauchte. Die Waschmaschine läuft nebenbei, das Essen kocht, während ich arbeite.

Das ist nicht „Vermischung von Arbeit und Privatleben", wie alle immer warnen.

Das ist: Care-Arbeit wird endlich möglich neben der Lohnarbeit.

Aber mal ehrlich: Viele Frauen fielen hinten runter beim Homeschooling.
Papa saß im ersten Stock, Tür zu, Zoom-Meeting, Ruhe bitte.
Mama unten: Homeschooling mit den Kindern, gleichzeitig am Laptop arbeiten, Mittagessen kochen, weinendes Kind trösten, das überfordert ist.

Homeoffice hat die Care-Arbeit wieder nicht gerecht verteilt. Noch nicht mal im selben Haus zur gleichen Zeit.
Plötzlich war klar: Mama macht alles gleichzeitig. Papa hat sein Arbeitszimmer.

Und die Kirche? Hat darüber geredet, wie schwer Corona für „die Familien" ist. Aber nicht darüber, wer in den Familien die Last trägt.

Hat Zoom-Gottesdienste gemacht. Aber nicht gefragt: Wer kann überhaupt in Ruhe zuschauen?

Das Dilemma: Digitalisierung könnte Care-Arbeit erleichtern. Aber in der Praxis reproduziert sie die alten Muster.

Der Sitzungswahnsinn war mal zwei Jahre außer Kraft

Das war das Beste an Corona.Keine endlosen Gremiensitzungen mehr. Keine Fahrten zu irgendwelchen Ausschüssen. Keine drei Stunden Sitzung am Abend nach einem vollen Arbeitstag.

Plötzlich: Fokus auf das Wesentliche. Was ist wirklich wichtig? Was brauchen die Menschen jetzt?

Weniger Bürokratie. Weniger Kontrolle. Weniger „so haben wir das immer gemacht".

Das war befreiend.

Aber nach Corona? Zurück zum Sitzungswahnsinn. Zurück zu den Gremien. Zurück zu „wir müssen das ordentlich beschließen".

Zurück zu Ehrenamtlichen, die drei Stunden in einer Sitzung sitzen und sich vorlesen lassen, was sie zuhause hätten auch lesen können.

Die Kirche war zu – und wir waren hilflos

Das ist das, was mich am meisten beschäftigt im Nachhinein. Die Kirche war zu. Und niemand hat gefragt: Was brauchen die Menschen?

Wo waren die Telefonketten oder Messengerangebote?
Wer hat systematisch überlegt: Wer braucht jetzt was?

Wir hatten alle Angst. Pfarrpersonen haben beerdigt im Akkord. Und die anderen fanden keine Wege, sich zu verständigen.

Corona war die Zeit des Rückzugs für so viele.

Das hätte eine Chance sein können, wenn wir digitales Leben wirklich gekonnt hätten.
Haben wir aber nicht.
Wir waren ohne analog hilflos.

Es gab Hilfsaktionen, ja. Gute Einzellösungen, ja.
Einzelne haben es getan. Einzelne haben Nachbarn versorgt, haben angerufen, haben eingekauft.

Aber im Grunde: Jeder war mit sich selbst beschäftigt.

Kirche behauptet immer: Wir sind Gemeinschaft. Wir sind füreinander da. Wir sind die, die nach den Menschen schauen.
Aber in der Krise? In Corona?

Wir haben Zoom-Gottesdienste gemacht. Aber wir konnten digitales Leben nicht wirklich.
Wir hatten Angst, haben uns zurückgezogen ins Private. Und niemand hat Kirche als Gemeinschaft erlebt.

Wir haben nicht mal zusammen getrauert

Manche Frauenkreise gibt es nicht mehr. Nicht weil sie sich nicht mehr treffen wollten. Sondern weil zuviele Teilnehmerinnen gestorben sind.
Die alten Chöre sind auch kleiner geworden.
Menschen sind gestorben. Viele Menschen.
Und wir haben nicht zusammen getrauert.Die Zahl der Beerdigungen war hoch. Die kleinen Kreise auf dem Friedhof, mit Abstand, mit Maske. Die Altenheime, die sich von so vielen Bewohnern verabschieden mussten. All das.

Pfarrpersonen haben Beerdigung um Beerdigung gehalten. Unter schweren Bedingungen. Alleine. Ohne Chor. Ohne die Gemeinschaft, die sonst trägt.

Hat jemand mit ihnen darüber gesprochen, was das mit der Seele macht?

Und die Gemeinden? Die haben Menschen verloren. Ihre Sänger:innen. Ihre Frauenkreis-Teilnehmerinnen. Ihre Alten. Ihre Kranken. Angehörige haben Schlimmes erlebt.

Haben wir zusammen getrauert? Haben wir Raum gegeben für den Verlust?

Oder haben wir einfach weitergemacht?

Das hätte der Moment sein können zu fragen: Was war das eigentlich? Warum kamen die Menschen vor der Pandamie? Was haben sie gesucht? Bei uns?
Was macht Kirche aus, wie leben wir miteinander als Gemeinschaft?

Andere haben gemerkt: Zuhause ist auch gemütlich. Warum wieder rausgehen in die Kälte? Warum wieder diese Mühe? Was habe ich da erlebt da draußen? Auch in der Kirche?

Dann kam die Botschaft: „Ihr könnt ja jetzt wieder kommen."
Das digitale Angebot? Weg. Weil sie ja jetzt wieder kommen können.

Viele kommen nicht wieder.

Genau wie viele Jugendlichen nicht kommen.

Nicht weil sie bequem sind. Sondern weil ihr Leben woanders stattfindet. Weil sie gemerkt haben: Es geht auch anders.

Corona hätte der Moment sein können, wo wir merken: Unser Gemeindeleben funktioniert nur für einen Teil unserer Gesellschaft. Das war immer so. Aber Corona hätte es uns zeigen können. Wir hätten lernen können.

Wir haben es nie gefragt. Wir lesen Jahr für Jahr Mitgliederstudien und machen so weiter wie vorher. Wir machen Programme. Angebote. Strukturen für einen Teil der Gesellschaft, der Teil, der uns am Nächsten ist und auch kommt.

Aber haben wir je wirklich gefragt: Was brauchst du?
Niemand hat überlegt: Wer braucht Gottesdienste für zuhause? Auch nach Corona?
Niemand hat gefragt: Was haben die Menschen gelernt über sich selbst in diesen zwei Jahren?

Stattdessen: Zurück zum gewohnten Gemeindeleben, wir machen alles wie vorher.
Zurück zum Hamsterrad.

Alle erlebten, wie es ist, eingesperrt zu sein

Wir haben alle erlebt, wie das ist: Zuhause eingesperrt zu sein. Nicht rauskönnen. Allein sein. Auf Bildschirme angewiesen sein. Das war die Chance.

Endlich verstehen, dass Bildschirme Realität sind. Nicht seit Corona. Schon lange.

Für Jugendliche, die den Großteil ihres Lebens online leben.
Für einsame Menschen, die in Datingportalen rumhängen oder Videos streamen, weil niemand da ist außer dem Kind oder den Alten, die versorgt werden müssen. Bildschirm läuft gegen die Einsamkeit.
Für pflegende Angehörige, die nicht rauskönnen.
Für Alleinerziehende, die abends auf Kinder aufpassen.
Für alle, die zuhause eingesperrt sind – aus welchen Gründen auch immer.

Bildschirme sind Teil vom Leben ganz vieler Menschen. Sie sind Kommunikation. Sie sind Lebensraum.

Kirche hattte begonnen mit digitalen Angebote. Nicht als „nice to have". Nicht als Spielerei für die Bekloppten im www.
Sondern als Kommunikation. Als Verkündigung. Als echte Gemeindearbeit. Als Kirche.

Das hätte die Erkenntnis sein können: Digitale Räume sind echte Lebensräume.

Da leben Menschen. Leiden. Suchen. Hoffen.
Und heute?

Es ist alles wieder wie es war

Wir treffen uns analog. Weil das so wichtig ist.
Aber für wen? Wichtig für wen?
Nicht für die pflegenden Angehörigen. Nicht für die Alleinerziehenden. Nicht für die auf dem Land ohne Auto. Nicht für die mit Angststörung. Nicht für die alten Menschen, die nicht mehr rauskönnen.
Nicht für die, die digital dabei sein könnten – wenn wir sie ließen.
Beteiligung erfordert Präsenz. Bei uns. Immer noch.

Ich habe mich beim Kirchentag aus den Gremien verabschiedet. Aus der Konferenz der Landesausschüsse. Schweren Herzens. Was für ein Schwachsinn. Ich könnte locker digital dabei sein. Mitreden. Mitentscheiden. Aber ich kann nicht mehr gut reisen und ich halte es nicht mehr aus in Sitzungsräumen, in denen wir uns Vorträge halten und so wenig wirklich präsent sind in der Beteilungsform da vor Ort.

Kirchentag. Bundesweit. Und alle müssen physisch da sein? Das macht ja mal so gar keinen Sinn.
Ich bin raus. Ich bin nicht präsent. Das heißt bei uns: Ich kann nicht mitentscheiden.
Ich kann nicht mehr überall hin. Ich kann nicht mehr präsent sein bei allem.
Aber ich könnte digital dabei sein.

Wenn wir es zuließen. Wenn wir es könnten, digital leben.

Die Online-Menschen sind wieder vergessen

Es gibt Jugendliche, die ihr Leben online leben. Zocker, die kaum rausgehen. Die in digitalen Welten zuhause sind.
Für die Kirche gibt es sie nicht. Ist für die Kirche keine gute Lebensform. Aber es ist Realität.
Sie stehen für viele. Für eine ganze Generation, die vergessen wurde.
Die Online-Jugendlichen. Die ihr Leben digital leben. Für die Bildschirme Realität sind.
Die in Corona gezeigt haben: Wir können lernen. Effizient. Schnell. Anders. Mein Sohn sagte, als er wieder zur Schule konnte: „Mama, wir haben da in sechs Stunden genau das geschafft, was wir zuhause in 30 Minuten auf die Reihe bekamen. Und jetzt sitze ich da wieder den ganzen Tag rum."
Das hätte die Frage sein müssen: Wann ist analoge Zeit sinnvoll? Wann ist digitale Zeit effizient?

Wann brauchen wir echte Begegnung? Wann ist es nur Zeitverschwendung?

Aber niemand hat reflektiert.

Die Schule ist das Paradebeispiel: Nichts gelernt. Zurück zum Alten. Handyverbot und alte Windowsrechner mal für eine Präsentation im besten Fall.

Und die Kirche? Genauso.

Wir haben mit Jugendlichen nicht drüber geredet, was Chatbots sind und ob sie gute Freunde sind. Oder was Pornokonsum eben auch mit dir macht. Wir haben nicht gefragt: Was macht die Schule? Findest du Unterricht nicht auch jetzt Zeitverschwendung?
Wir haben nicht mit ihnen gesprochen über ihr Leben. Über ihre Realität. Über ihre Welt. Ihre Online- und Offline Welt.

Die drei Fragen, die niemand stellt

Corona hätte uns lehren können zu fragen:
Was passiert zuhause?
Wer lebt dort? Wer leidet dort? Wer ist einsam? Wer pflegt? Wer ist überfordert? Wer lebt sein Leben online?

Was passiert in der Kirche?
Hamsterrad wieder an. Gemeindeaktivitäten. Viele Sitzungen.
"Wir müssen mehr einladen, irgendwie kommen weniger seither. Lasst uns Reels drehen für die sozialen Medien, da sind die Menschen."
Ja aber wir erreichen sie da nicht, weil Digitales nicht nur Werbung ist, sondern eine andere Lebensform.
„Komm her oder du verpasst was?"

Was vergessen wir?
Die, die nicht kommen können oder wollen. Die, die digital dabei sein könnten. Die echten Bedürfnisse. Die Frage: Was brauchen Menschen?

Und die vierte Frage, die am wichtigsten wäre:
Digital ist Chance und Gefahr – aber wer klärt auf?
Chance: Teilhabe. Kommunikation. Effizienz. Erreichen der Vergessenen.
Gefahr: empathische Chatbots als Verkaufsstrategie. Pornokonsum statt echte Mühe um Nähe. Vereinsamung. Sucht. Fehlende Reflexion.

Aber die Kirche macht weder das eine noch das andere.

Nutzt die Chance nicht. Klärt über die Gefahr nicht auf.
Fragt einfach nicht.

Die Heuchelei der Botschaft

Corona: „Komm bloß nicht her, Gesundheitsgefährdung!"
Nach Corona: „Wenn du nicht herkommst, verpasst du halt was."Beides bedeutet: Wir vergessen zu fragen, was brauchst du, egal wo du bist?

Aber die echte Frage wird nie gestellt: Wie können wir für dich da sein – egal ob du kommen kannst oder nicht?

Was Kirche hätte lernen können

Die Kirche hat nicht verstanden, dass Online auch Beteiligung ist. Nicht weniger wert. Nicht „Notlösung". Sondern echte Teilhabe.
Die Kirche hat nicht verstanden, dass wir Begegnungsorte brauchen – außerhalb der Gemeindeaktivität, die alle so beschäftigt am Laufen halten.
Echte Begegnung. Sinnvoll. Fragend. Lebensbegleitend.Die Kirche hat nicht verstanden, dass wir Begegnung brauchen, analog und digital.
Gespräche. Echtes Fragen: Wie geht's dir? Was brauchst du?

Die Kirche hat nicht verstanden, dass analoge Zeit nicht automatisch gut ist und digitale Zeit nicht automatisch schlecht.

Die Kirche hat nicht verstanden, dass Bildschirme Lebensraum sind für echte Menschen mit echten Bedürfnissen.

Die Kirche hat nichts gelernt aus Corona.
Diese Zeit war so voller Fragen über das Leben, als wir nicht wussten, ob wir wieder raus können. Aber es gibt eben auch Menschen, die genau das schon lange nicht konnten und können werden.
Oder schlicht nicht wollen, aktiv sich an einem Gemeindeleben vor Ort beteiligen.

Brauchen die nichts von Ihrer Kirche?
Doch, aber wie, davon bin ich überzeugt.
Wir alle fragen nach sinnvollem Leben. Auch kirchlichem.

Corona war die Chance zu erkennen: Wir wissen nicht, was Menschen brauchen.
Wir sollten schauen, wie es denen geht, die nicht zu uns kommen (können)
Die Relevanz von Kirche nimmt ab.
Weil wir nicht fragen.
Weil wir nicht zuhören.
Weil wir Menschen vergessen.
Immer wieder.

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