Das Pfingstlager

Wenn der Glaube nicht heilt - Missbrauch unter Frommen

Ich versuche mich zu erinnern

Ich weiß nicht mehr genau, wo es war. Adelshofen vielleicht? Ich weiß nicht mehr genau, wie lange ich da war. Eine Woche? Ich war zwölf.

Was ich weiß: Es war ein Pfingstlager. Von der Liebenzeller Mission. Alle sollten sich bekehren. Jesus persönlich kennenlernen. Den Herrn anerkennen. Ich war nicht fromm genug. Das wusste ich schon vorher. Ich hatte Jesus nicht kennengelernt, nicht so, wie sie es meinten.

In der Jungschar wurde jede Woche gebetet. Für die, die heute nicht da sind. Weil der Teufel ihnen eingeflüstert hat, was anderes wäre wichtiger als Jesus und diese Jungschar. Ich saß da und hörte diese Gebete. Woche für Woche. Für die anderen. Die nicht da waren.

Dann gab es ein Sportturnier vom Posaunenchor meines Vaters. An einem Samstag. Ich wollte den Jungs zujubeln statt mit der Jungschar zu beten. Einmal gefehlt. Das reichte.


Ich wusste: Diese Woche beten sie für mich. Ich bin jetzt eine von denen, die vom Teufel verführt wurden.


Im Konfirmandenunterricht wurden Jungs und Mädchen getrennt. Bloß keine Berührungen, bloß keine Hormone. Ich war zwölf in der Jungschar, in der Pubertät während der Konfirmandenzeit. Ich hätte lieber Jungs auf dem Fußballplatz begegnen sollen. Stattdessen sollte ich Jesus als besten Freund finden. Und in einer Mädchengruppe getrennt von den Jungs den Glauben lernen.

Auf dem Pfingstlager wurde weiter gebetet. Für die, die noch nicht gerettet waren. Für die, die vom Teufel verführt waren. Für die, die den Herrn noch nicht anerkannten.


Ich saß da und wusste: Die meinen mich.


Die Schwester hieß Gisela. An sie erinnere ich mich.



Dann wurde ich krank

Flecken auf der Haut. Fieber. Ich fühlte mich schrecklich. Ich erinnere mich, dass ich im Bett lag. Dass mir alles wehtat. Dass ich nicht aufstehen konnte. Sie ließen mich liegen.

Essen bekam ich. Das weiß ich noch. Aber sonst - niemand kümmerte sich wirklich. Ich erinnere mich an Gebete. Sie standen an meinem Bett und beteten. Schwester Gisela und andere. Für mich? Über mir? Ich weiß es nicht mehr genau.


Was ich weiß: Es gab keinen Arzt. Niemand rief einen Arzt. Niemand sagte: "Das Kind muss ins Krankenhaus." Niemand rief meine Eltern an. Sie beteten.




Ich hatte ein schlechtes Gewissen

Das ist das Verrückte. Ich lag da, krank, allein - und fühlte mich schuldig. Mein Glaube war nicht groß genug. Deshalb war ich krank. Hätte ich mehr geglaubt, hätte ich Jesus wirklich als Freund angenommen - dann wäre ich nicht krank geworden. Das war die Botschaft. Vielleicht haben sie es nicht laut gesagt. Aber ich habe es so verstanden.


Ich war krank, weil ich falsch war.




Irgendwann war das Lager vorbei. Ich kam nach Hause. Mama brachte mich zum Kinderarzt. "Scharlach", sagte er.

Scharlach. Eine bakterielle Infektion. Ansteckend. Gefährlich, wenn man sie nicht behandelt. Mama ist fast ausgeflippt. "Die sind alle gestört!", schimpfte sie. "Du gehst da nie wieder hin!" Aber sie hat nichts unternommen. Keine Beschwerde. Kein Anruf bei der Liebenzeller Mission. Nichts. Sie hat nur geschimpft und verboten.


Und ich? Ich hatte weiter ein schlechtes Gewissen.




Neulich habe ich eine Kollegin getroffen. Die war auch bei Schwester Gisela als Kind. Ähnlich traumatisiert wie ich.


Es gibt viele von uns.




Heute, fast 50 Jahre später, versuche ich mich zu erinnern. Um zu verstehen. Was haben sie da eigentlich gemacht mit uns Kindern?


Pädagogisch

Das ist eine Katastrophe. Schwarze Pädagogik, die aus Kindern Teufelsbrut macht, wenn sie mal keine Lust auf Jungschar haben. Die mit Schuld und Scham erzieht. Die Angst als Mittel nutzt, um Kinder gefügig zu machen.

Entwicklungspsychologisch

Es ist Wahnsinn, Kindern und Jugendlichen Jesus als Beziehung anzubieten. In der Pubertät brauchen wir echte Beziehungen. Zu Gleichaltrigen. Zu Menschen aus Fleisch und Blut.

Ich hätte damals echte Beziehungen lernen sollen. Ohne Schuldgefühle, wenn ich mal woanders sein wollte als im Drucksystem Jungschar.

Das ist psychischer Terror. Jede Woche diese Gebete für die Abwesenden. Jede Woche die Botschaft: Wer nicht da ist, wurde vom Teufel verführt. Jahre habe ich gebraucht, bis ich das Schuldgefühl wieder loswurde.

Theologisch

Es ist fragwürdig. Hätte Jesus unser physischer Freund werden wollen, wäre er hier geblieben. Aber er ist auferstanden und in den Himmel aufgefahren. Dafür kam der Heilige Geist zu uns. Pfingsten. Das ist doch der Plan - Trinität. Gott, Sohn, Heiliger Geist.



Wie schützen wir heute vor Missbrauch?

Heute machen wir Schutzkonzepte in der Kirche. Gegen sexuellen Missbrauch. Das ist richtig und wichtig. Aber die Prüderie kommt zurück. Statt ehrlicher Aufklärung wieder Distanz, Vorsicht, Berührungsängste.

Prüderie schützt vor nichts. Prüderie macht Kinder verletzlich. Aufklärung schützt. Ehrlichkeit schützt. Aber darüber reden wir wenig. Stattdessen wieder: Abstand halten, bloß keine Nähe.



Die Frage, die nie gestellt wird

Ich frage jedes Mal, wenn wir Schutzkonzepte erarbeiten: Wann reden wir über spirituellen Missbrauch? Über Kinder, denen Schuldgefühle gemacht werden im Namen des Glaubens? Über Jesusbeziehungen, die entwicklungspsychologisch fragwürdig sind? Über Schwester Gisela und die vielen anderen, die Kindern mit Gebeten statt Ärzten begegnet sind?

Die Antwort: Darüber wird nicht geredet. Wenn wir Frömmigkeiten kritisieren, gefährden wir den Zusammenhalt der Kirche.

Aber wird es nicht Zeit unter Geschwistern, dass wir uns sagen, was wir für gefährlich halten?




Ich erzähle diese Geschichte, weil niemand sie erzählt. Weil es wichtig ist zu sagen: So etwas ist passiert. In den 70er Jahren. In christlichen Freizeiten. Bei der Liebenzeller Mission. Bei Schwester Gisela.


Ein Kind mit Scharlach gehört zum Arzt. Nicht ins Gebet. Ein Kind in der Pubertät braucht echte Beziehungen. Nicht Jesus als Freund-Ersatz.


Ich war nicht die Einzige. Da waren andere, die ähnliche Geschichten haben. Die heute schweigen, weil es peinlich ist. Weil man denkt: War doch nicht so schlimm. Andere hatten es schlimmer.

Aber es war schlimm genug.