Christliche Pädagogik

Fuck you, I won't do what you tell me

Ich sitze in einer Teamsitzung. Wir erarbeiten wieder Schutzkonzepte. Gegen sexuellen Missbrauch. Das ist wichtig, versteht mich nicht falsch. Aber während die anderen über Abstandsregeln reden, über getrennte Umkleiden und Sechs-Augen-Prinzip, denke ich an Norwegen.

1992. Norwegen

Ich bin 27, gerade frische Jugendreferentin. Ein Kollege fragt mich, ob ich mitkomme zur SMD-Freizeit. Studentenmission Deutschland.

Klar, denke ich. Norwegen. Natur. Etwa zehn Jugendliche aus meinem Bezirk wollten hin, alle mindestens 16. Gemeinschaft. Elche. Haus am See. Nix wie hin.

Am ersten Abend versammeln wir uns da. Einer der Leiter erklärt die Hausregeln. 22 Uhr Bettruhe. Für 16-Jährige. Mädchen und Jungs strikt getrennt. Morgens Andacht.


Ich stehe da und denke: Das kann doch nicht euer Ernst sein.


Aber es ist ihr Ernst. Und während sie weiterreden über Kontrolle und Verantwortung, fühle ich mich plötzlich wieder wie 12. Wie in der Jungschar, wo jede Woche für die Abwesenden gebetet wurde. Die vom Teufel verführt waren. Wie im Konfirmandenunterricht, wo Jungs und Mädchen getrennt wurden. Bloß keine Berührungen, bloß keine Hormone.

Ich hatte mich schuldig gefühlt damals. Von Gott kontrolliert. Als wäre ich gefährlich. Als müsste ich vor mir selbst geschützt werden.

Das ist die Anthropologie der Erbsünde. Der Mensch ist schlecht. Triebgesteuert. Sündig. Braucht Jesus als Erlöser. Braucht Kontrolle von außen.


Ich glaube nicht daran.

Ich glaube, der Mensch ist gutgemeint. Das Böse entsteht nicht durch den Teufel, der uns was einredet, das Böse entsteht in der Struktur, im Machtgefälle, in der Gier und in der Angst, die über andere bestimmen will, damit es einem gut geht.


Wenn man vertraut und Freiraum lässt, entsteht weniger Druck.

Ja klar gibt es diese Momente, wo einem andere überfordern, wo Menschen Grenzen ausloten. Momente in denen ein klares Nein die einzige richtige Antwort ist.

Aber das ist ganz spät der Fall.
Vorher gilt: "ja probiere, wen betrifft es, denkst du nur an dich dabei und schadest du jemandem? Nein, dann mach."
Notfalls aufräumen, wenn was schief geht, mit allen. Den Verursachern und denjenigen, die es als schlimm erleben.
Ich machte über 20 Jahre Jugendarbeit, ich kenne keine bösartigen Menschen, ich kenne viel Hilflosigkeit und manchen Leichtsinn und vor allem Sprachlosigkeit und viel zu wenig Empathie drum rum.

Menschen, die Regeln können, sind nicht empathisch, sie verweisen auf Regeln, nicht auf die andern Menschen. Ausprobieren, gemeinsam auswerten und Lösungen für alle finden. Das ist hilfreicher als vorher vor Fehlern zu bewahren.


Echter Schaden entsteht in Machtverhältnissen. Nicht im Miteinander.


Also sage ich es laut in Norwegen.


"Wenn ich hier Verantwortung habe, dann gibt es keine Bettruhe."


Es gibt eine heftige Diskussion. Ich frage: "Was soll denn passieren? Was habt ihr für eine Sexualmoral? Warum befähigt ihr eure Jugendlichen nicht? Worum geht es hier wirklich - um Bekehrung? Alkoholverbot? Oder darum, dass Menschen erwachsen werden?"

Einer der Leiter sagt: "Ich reise ab. Ohne klare Grenzen kann ich das nicht verantworten."

Ich schaue ihn an. "Was ist dein Problem?" Er hat das Problem mit Grenzen, nicht diese ziemlich braven Jugendlichen da in Norwegen.


Es ist immer das gleiche. Angst vor Kontrollverlust.

Sie verstehen nicht, dass die Kontrolle das Problem ist. Nicht die Jugendlichen. Die Struktur erzeugt den Schaden. Das Machtverhältnis. Die Botschaft: Du bist gefährlich, wir müssen dich bewachen.


Ich schaue ihn an und sage: "Weißt du, was ich auf Konfi-Freizeiten immer sage? Das, was ihr euch traut im Mädchenzimmer oder im Jungszimmer, das solltet ihr auch tun - im gegenseitigen Einverständnis. Und denkt dran, das sind Zimmer für Gruppen, es darf und soll jeder rein kommen können, der hier vorübergehend wohnt und Privatsphäre braucht."

Nicht: Macht was ihr wollt. Nicht: Sex ist verboten.

Sondern: Seid ehrlich. Macht nichts Heimliches. Respektiert einander.

Das ist Vertrauen statt Kontrolle. Miteinander statt Machtverhältnis.

Meine Ten-Singer

Der SMD-Mann versteht mich nicht.

Auch der CVJM hat mich nicht verstanden, als ich geistliche Leitung einer Ten Sing-Gruppe wurde. Mir sagten sie immer: "Deine Jugendlichen sind halt anders. Städter eben."


Sie haben nie begriffen: Bei mir waren andere Jugendliche, weil ich andere Strukturen schaffe. Offene Konzepte ziehen andere Menschen an. Menschen, die ernst genommen werden wollen. Die selbst entscheiden wollen. Die Verantwortung übernehmen können.

Jugendliche kommen dahin, wo es ihnen entspricht. Wir können sie nicht reinpressen, wo wir sie haben wollen.


Ich erinnere mich an eine Szene bei Ten Sing. Baden-Seminar. Ein frommer Leiter spricht über Gottes Schöpfung. Ein "Jugendlicher aus der Stadt" steht auf: "Ich glaub aber nicht dran, dass Gott diese Welt gemacht hat. Ich glaub euch nicht, was ihr da sagt!"

Schockstille.

Ich applaudiere innerlich, was für ein mutiger junger Mann. Ich nehme ihn beiseite. Gratuliere ihm zu seinem Mut.


Ehrlicher Zweifel ist soviel besser ist Heuchelei. Eine eigene Meinung ist besser als Anpassung. Das ist Mut - keine Rebellion.


Das Witzige: Meine Jugendlichen sagten später: "Mach doch mal wieder eine Andacht, das ist so schön und innig. Das tut uns gut. Wir hören gerne, was du uns zu sagen hast."

Sie baten mich darum. Nicht weil sie mussten. Weil es echt war.

Meine kirchenfernen Referenten bei den Popmusikseminaren sagten: "Deine Spiritualität inspiriert mich. Das mit deinen Andachten ist toll."

Musiker, mit denen ich arbeiteten sagten: "Wir spielen nur bei Gottesdiensten, bei denen du predigst. Das andere können wir so schlecht hören."

Ich war keine unglaubliche Predigerin. Ich war im Leben und im Reden dieselbe und ich habe bis heute keine Regeln, wie jemand sein muss, der bei uns mitmacht. Die Jugendlichen in meiner Arbeit damals sagen heute als Erwachsene:


"Bei dir konnte man über Gott und Sex reden."


Ja, darum geht es. In der kirchlichen Jugendarbeit. In der Pubertät. Wir sind auf der Suche nach beidem. Nach Lebenssinn und nach Beziehung, eine die körperlich gelebt wird.

Wir sind Wegbegleiter. Wenn einer oder eine nichts von Gott wissen will, dann ist nicht der richtige Zeitpunkt. Mein Sohn hatte auch solche Phasen. Ich habe sie ihm gelassen.

Wenn jemand nur einmal da ist bei einer kirchlichen Veranstaltung und dann wieder geht, hat er oder sie gute Gründe. Wer bin ich, über diese zu urteilen?

Ich habe einen Zettel am Kühlschrank: "Mein Kind wird nicht erzogen. Das wird groß geliebt."

Ich glaube, Gott macht das genauso.



Norwegen war schön. Die restlichen Tage waren gut. Wir haben uns auf Mitternacht geeinigt als Kompromiss. Sie haben mich nie wieder eingeladen. Aber sie erzählen heute noch von "der verrückten Frau damals".

Die Ten Sing-Leute sagten: "Die aus Emmendingen waren eben anders." Sie haben es nie verstanden. Aber sie haben mich gelassen, weil wir viele waren und erfolgreich. Wir hatten die besten Shows in Baden. Bei uns war Kreativität und nicht Frömmelei, sondern Verstehen wollen.

"Schwester Courage und der Komplexator" hieß ein Stück. Die Jugendlichen haben perfekt beschrieben, wie sie Kirche und Schule und Erziehung erleben.

Und die Botschaft des Stückes war. Killin in the name of. Fuck you. Ich werde nicht tun, was du von mir verlangst. Rage against the Machine.

I won't do what you tell me. Ich lächle heute noch, wenn ich den Titel höre. Fuck you yeah.

Das war christliche Popmusik vom Feinsten in meinen Ohren. Ich habe es geliebt.

Heute sind das tolle Menschen, diese Jugendlichen von damals. Als ich um meine Eltern trauerte, hat eine mich in social media angeschrieben nach Jahren. Sie hat ein Treffen organisiert in Emmendingen, um mich auf andere Gedanken zu bringen. Ein wunderbarer Sommerabend ist mir ein Erinnerung - 30 Jahre später. Ich fast 60 und am trauern.


Diese Menschen, die bis heute empathisch, kreativ und ganz eigenständige Wesen sind, das ist mein Erbe, das Ergebnis meiner Nichterziehung damals. Ich liebe es.


Meine Pädagogik ohne Regeln haben wenige verstanden. Diese Menschen, mit denen ich da in Emmendingen den Sommerabend verbrachte, tun es bis heute.

Die andern haben nicht verstanden, dass ihr Regelwerk Glauben verhindert und Erwachsenwerden blockiert.


Eine solche Pädagogik ist sektiererisch und nicht einladend. „Gehöre zu uns, befolge die Regeln oder wir verdammen dich." Oft erlebt, oft erlitten. Wie traurig. Die Frommen mit ihren Regeln bekommen brave Schäfchen, im besten Fall heimliche Rebellen, die sich mit Schäden befreien und gehen.


Ich habe mir meinen Platz in der Kirche erkämpft gegen den Widerstand derer, die sagten, wir machen das hier aber nicht so. Ich wollte dabei sein, aber anders, immer wieder wollte ich das bis heute. Es sind nun bald 40 Jahre beruflich in der Kirche.

In meiner Arbeit gab es Menschen, die mitdenken. Die eigene Grenzen setzen. Die im gegenseitigen Einverständnis handeln.

Und die Frommen sagten: "Deine Jugendlichen sind halt anders." Ja bitte. Ist das nicht wunderbar?

Was engstirnige und Regelwerke befolgende Gruppen nicht sehen: Die Struktur macht anders. Offene Konzepte können nicht mit Regelwerk hingebogen werden.


Meine Botschaft ist: Vertrauen statt Angst. Miteinander statt Macht.


Natürlich brachte es ein klares "Nein" bei Grenzverletzung des Anderen. Eine andere Grenze gibt es nicht, nur die der Mitmenschlichkeit.

Heute

Ich sitze in dieser Teamsitzung über Schutzkonzepte und denke: Die neue Prüderie kommt zurück. Statt ehrlicher Aufklärung wieder Distanz, Vorsicht, Berührungsängste.

Prüderie schützt vor nichts. Prüderie macht verletzlich.

Aufklärung schützt. Ehrlichkeit schützt. Vertrauen schützt.


Aber darüber reden wir wieder nicht. Über Kondome, über triebgesteuerte Situationen, über Einvernehmlichkeit in geilen Momenten. Über Flirt, der nicht frauenverachtend ist, sondern einladend. Über Jungs, die nicht Alkohol in sich rein schütten sollten, weil sie sich sonst nicht trauen, einem Mädchen zu sagen, was sie fühlen. Über Mädchen, die schamlos Jungs überfordern und es für Freiheit halten oder sich davon was versprechen.

Es gäbe soviel zu regeln im Miteinander. Wenn wir offen sprechen, braucht es keine Verbote sondern Verständnis.

Jemanden nackt sehen macht keine Erregung, sollte keine auslösen, weil es so selbstverständlich ist. Und ein Ständer ist keine Katastrophe, es sei denn der Penisträger meint, er habe jetzt das Recht andere mit dem Anblick zu beglücken oder das gute Stück ungefragt wo rein zu stecken.
Es gibt eine Grenze, wenn Frauen und Mädchen denken, wir kleiden uns aufreizend, weil wir es so wollen. Auch diese Anblicke beglücken eben nicht nur.
Lasst uns doch drüber reden, was Grenzverletzung ist und nicht so tun, als brauchen wir Abstandsregeln und neue Scham, weil ich mal jemanden nackt sehen könnte. Nacktheit wird sonst zum Thema von Pornos und Tätern. FKK zur Verführungszone. Schlimm ist das alles erst, wenn ich meine Erregungsmomente verteufle, weil eh keiner drüber mit mir redet.

Es gibt jetzt also neue Regeln: Wir dürfen nicht mehr unter 4 Augen im selben Raum sein, weil was passieren könnte?

Ernsthaft, was sollte denn passieren?

Wieso erklären wir jungen Menschen nicht, dass ein klares Nein und aufstehen und die Situation verlassen und ganz schnell anderen erzählen, was eben passiert ist, die bessere Lösung ist, als zu sagen, möchte mit demjenigen nicht alleine sein. Mag aber nicht drüber sprechen. Erwachsene meiden es, mit dem anderen Geschlecht im andern Raum zu sein, weil man nie weiß, was dann geredet wird? Lasst uns vorher reden, was es bei uns sowieso nicht gibt. Das ertragen auch Täter/innen ganz schlecht, das Aussprechen von sowas.

Wieviele Täter sind unerkannt unter uns, weil wir nicht offen sind?

Täter bekommen im engen Regelwerk freies Spiel, weil niemand die Spielregeln der angeblich bösen Sexualität erklärt.

Was für eine Umkehr der Lage. Wir besprechen nicht, wann Scham Sinn macht, wann Grenzverletzung wirklich geschieht. Wir schaffen Abstand und halten das böse Thema weit weit weg, bis wieder ein Täter im Tabubereich zuschlagen kann.

Ich will es nicht begreifen.


Sie nennen es Fürsorge, Schutz, Verantwortung, christliche Erziehung.

Aber es ist Misstrauen, Angst, Macht.

Es zerstört das Vertrauen in sich selbst. Die Fähigkeit, eigene Entscheidungen zu treffen. Ehrliche Sexualität. Echten Glauben. Das Erwachsenwerden.


Freie Sexualität entsteht im Freiraum, nicht im Tabuisieren von völlig normalen hormonellen Gegebenheiten.


Hört auf, Seelen zu zerstören und es Liebe zu nennen. Oder noch schlimmer Schutz vor dem Bösen.




Mein Kind wird nicht erzogen. Das wird groß geliebt.

Ich glaube, Gott erzieht uns auch nicht. Er vertraut. Er lässt Raum. Er begleitet.

Das Böse entsteht nicht in uns. Es entsteht in den Strukturen, die uns kontrollieren wollen. In den Machtverhältnissen. Im Misstrauen.



Echter Schaden entsteht nicht im Miteinander. Sondern da, wo Macht über Menschen ausgeübt wird.

Auch im Namen Gottes.

Vielleicht sogar besonders dann.