Kapitel 7: Solange der Kantor kein Schlagzeuger ist...

Die Wahrheit über Popmusik in der Kirche

Neulich musste ich raus. Auf einer kirchlichen Tagung. Eine Pfarrerin hielt eine Andacht. "Lasst uns aufstehen zum Singen", sagte sie. "Aufleben" nennen die das. Alle standen auf. "Die güldne Sonne" - ein Choral. Mit Keyboard und einer verstimmten Querflöte. Nein. Ich sitze gut, denke ich da. Ich musste raus.

Als ich wieder reinkam, erzählte die Pfarrerin, warum sie diesen Choral gewählt hatte. "Das rührt mich so", sagte sie. "Das erinnert mich an meine Kindheit. An Papa und die Choräle." Und ich dachte: Mich rührt das auch. Ich bin Kantorenkind. Diese Choräle, die Erinnerungen an Papa auf der Orgelbank, an die großen Konzerte meiner Kindheit. Das ist mein Milieu. Meine Prägung. Aber es ärgert mich auch.

Dieses "Aufleben" beim Aufstehen zu schlechter Musik. Diese schlecht gemachte Hochkultur-Folklore. Diese Querflöte, die leider eben nicht stimmt, auch wenn sie voller Liebe gespielt war. Dieses Keyboard, das Orgel spielt. Ich verstand die Pfarrerin. Genau deshalb ärgerte es mich so sehr. Wir beide - Pfarrerskind, Kantorenkind - wir gehören zu dieser Welt. Das ist unser Milieu. Unsere Kultur. Das ist legitim.

Dann sprach sie über Theologie, diese Pfarrerin, über die Emmausjünger, die Jesu Tod betrauerten auf der Straße. Über die Wunden der Kirche. Sie verglich sie mit Jesu Wunden. Welche Wunden? Dass wir Kirchen schließen müssen? Dass uns die Steuermittel fehlen? Dass die Relevanz abnimmt? Ich bin innerlich ausgeflippt. Das sind keine Wunden wie Jesu Wunden. Das ist keine Verfolgung. Keine Kreuzigung für die Liebe. Das ist Irrelevanz aus Selbstverschuldung.

"Da gehört Kirche hin", sagte sie dann. "Auf die Straße. Zu den Menschen." Und dann diskutierten wir über Verpflegung für junge Leute bei der Tagung. Dass das Essen zu teuer war. Ob wir nicht doch was bereit stellen sollten: Eine Gulaschkanone. Und die Debatte um veganes Essen begann. Ich dachte: Ehrlich wäre - geht mit den Jugendlichen zu McDonald's und gebt ihnen 1-Euro-Burger. Das ist ihre Kultur. (Ich weiß, dass wir zu Recht Massentierhaltung als Kirche kritisieren, aber all diese Debatten führen eben dazu, dass sich Menschen in ihrer Lebensweise schuldig fühlen, oder missverstanden.)

Ich plädiere für in der Welt sein. Nicht Gulaschkanone. Nicht vegan. Ernährungserziehung gehört nicht auf eine kirchliche Veranstaltung. Zeichen setzen mal, aber doch nicht eine eigene ökologische Kultur schaffen, die ausgrenzt und verurteilt, wie Menschen leben mitten in Europa. Dauerndes Thema, sogar Pfarrerinnen erzählen mir heimlich, dass sie ihren Kindern noch was von Mac Donalds mitbringen, jetzt gleich nach der Sitzung auf dem Nachhauseweg. Aber das sagt niemand laut. Wir tun so, als wären wir bei den Menschen. Wir tun so, als hätten wir verschiedene Kulturen integriert. Wir haben es nicht.


Das U- und E-Musik-Problem

Es gibt ein deutsches Phänomen, das kaum jemand ausspricht: U- und E-Musik. E-Musik - ernste Musik. Hochkultur. Klassik. Kirchenmusik. Akademisch ausgebildet. Notenbasiert. U-Musik - Unterhaltungsmusik. Pop, Rock, Jazz, Metal. Für die Massen. Nicht ernst zu nehmen. Diese Unterscheidung ist tief in der deutschen Kultur verankert. Und in der Kirche erst recht.

Kirche IST Hochkultur. Kirche IST E-Musik. Kantor:innen an der Orgel. Kirchenmusikdirektor:innen mit akademischem Titel. Die Choräle, die Passionen, die Oratorien. Das ist unser Milieu. Das ist nicht schlimm. Das ist einfach so. Wir behaupten, wir hätten Popmusik integriert. Wir seien offen für andere Kulturen. Das ist gelogen.


Oral tradierte Musik vs. notenbasierte Musik

Es gibt einen Witz unter Musikern: "Wann fängt der Keyboarder an zu spielen?" - "Wenn du ihm Noten gibst." "Wann hört der Schlagzeuger auf zu spielen?" - "Wenn du ihm Noten gibst." Das ist kein Witz. Das ist der Kern des Problems.

Notenbasierte Musik - du liest ab, was geschrieben steht. Du spielst ein Programm. Du reproduzierst. Oral tradierte Musik - du hast den Groove im Körper. Du spielst vor, du improvisierst. Du nutzt maximal ein Schema und alle wissen Bescheid, weil sie es fühlen. Das sind zwei völlig verschiedene Kulturen.

Der Organist kann auch Keyboard spielen. Weil er Noten lesen kann. Er spielt einfach ein anderes Instrument. Das Programm bleibt dasselbe. Frauen können das auch, aber wie. Der Schlagzeuger kann keine Noten lesen - und braucht es nicht. Er hat das Feeling. Den Rhythmus. Die Kultur im Blut. Frauen können das auch, aber wie. Das ist keine Frage von Können. Das ist eine Frage von Kultur. Kirche ist notenbasiert. Akademisch. Hochkultur. Und dann behaupten wir, wir machen Popmusik.


Die Hierarchie bleibt

Ich habe zehn Jahre lang den Popmusik-Ausbildungsgang in der Landeskirche aufgebaut. Das war ein Erfolg. Das war wichtig. Aber es hat das System nicht geändert. Es gibt jetzt Bandworkshops in der Kirche. Das ist gut. Aber wer kommt da? Der Bassist mit den langen Haaren - Gastmusiker. Die tätowierte D-Jane - Gastmusikerin. Der Schlagzeuger - zu laut, wird zum "Perkussionisten" degradiert. Schlagzeuger:innen erzählen oft davon, wie sie vorkommen in der klassischen Musik, sie spielen nur die Pauke beim Weihnachtsoratorium. Ein guter Gitarrist - wird heute Professor an der Hochschule für Kirchenmusik. Aber selbst ihm ist Hardrock auch zu laut. Das ist das Muster.

Kirche lässt oral tradierte Musiker zu - aber nur als Gäste. Beim Kirchentag tritt Gentleman auf. Cooler Reggae-Sänger. Echte Popkultur. Gastauftritt. Danach singen wir wieder "Die güldne Sonne" mit verstimmter Querflöte.

Die Fachreferent:innen für Pop und Jugendkultur - sogar ich - kommen nicht aus der oral tradierten Welt. Wir kommen aus der Kirche. Aus der Hochkultur. Aus der Notenwelt. Wir vermitteln zwischen den Welten. Aber wir sind nicht aus der anderen Kultur. Und wenn junge Kirchenmusiker:innen Pop können, machen sie daraus wieder Hochkultur. Jazz wird akademisch. Keyboard statt Synthesizer mit Bauchgefühl. Das System lässt nur die rein, die durch die akademische Mühle gegangen sind. Echte Popmusik? Der Schlagzeuger mit dem Groove im Blut? Die Bassistin, die keine Noten braucht? Die bleiben Gäste.


Das christliche Popmusik-Problem

Viele denken: Wir haben doch christliche Popmusik in der Kirche! Ja. Genau das ist das Problem. Es gibt zwei Varianten von "christlicher Popmusik" - und beide funktionieren nicht wirklich.

Variante 1: Die Praise-Bewegung. Echte Popmusik aus christlicher Überzeugung? Die gibt es. Die Praise- und Worship-Bewegung kommt aus dem anglikanischen und evangelikalen Raum, vor allem aus den USA. Die haben echte Popmusik-Kultur. Oral tradiert. Leidenschaft. Groove. Aber: Wie lange trällern wir noch monarchische Bilder von Gott, dem wir uns hingeben? "Lord", "King", "Worship" - das sind Unterwerfungs-Metaphern. Der Mensch macht sich klein vor dem großen Gott. Welche Anthropologie vermitteln wir da? Das passt nicht zu dem, was ich glaube. Nicht zu dem, was ich in Kapitel 4 beschrieben habe: Gott erzieht uns nicht. Er liebt uns groß. Nicht klein. Die Praise-Bewegung hat die Musik. Aber die Theologie dahinter - diese monarchischen Gottesbilder, diese Hingabe-Anthropologie - die kann ich nicht mittragen.

Variante 2: Liberale christliche Musik. Und dann gibt es die liberale, neue christliche Musik in der Landeskirche. Die hat gute Theologie. Reflektiert. Menschenfreundlich. Gottesbilder, die ich mittragen kann. Aber sie klingt seicht. Ich war dabei. Zehn Jahre Popmusik-Ausbildungsgang. Ich habe diese Musiker erlebt. Ich liebe sie. Ich möchte sie nicht verurteilen. Sie haben ihre Zuhörerschaft. Sie erreichen Menschen. Aber sie sollen nicht denken, sie wären Popmusik in der Kirche. Sie sind keine Schlagzeuger. Sie kennen Bandräume nicht aus dem Studium, sondern aus der Hochschul-Theorie. Und wenn sie Popmusik kennen, klingt es eben auch so - wie nach vier Stunden Üben täglich auf der Orgelbank für die Prüfung der klassischen Kirchenmusik. Sie sind Keyboarder (notenbasiert). Domestizierte Gitarristen. Singer-Songwriter. Liedermacher. Frauen können das auch und wie. Dann schreiben die Musiker:innen das Arrangement. Natürlich auf Noten. Peppt es auf. Macht es "poppiger". Aber es bleibt zahm. Weil die oral tradierten Musiker:innen nicht hauptamtlich dabei sind. Weil das System nur Menschen aus der Hochkultur einstellt.

Das Dilemma: Wir können wählen: Echte Popmusik mit Theologie, die wir nicht wollen (Praise/Worship aus dem evangelikalen Raum) oder Gute Theologie mit seichter Musik (liberale christliche Musik aus der Volkskirche). Beides ist nicht das, was wir bräuchten. Und solange der Kantor das Programm bestimmt - solange akademische Ausbildung die Eintrittskarte ist - wird sich das nicht ändern. Wir machen aus Rock Kirchenmusik. Und dann wundern wir uns, warum uns niemand ernst nimmt.


Es geht nicht um jung und alt

Kirche denkt: Wir brauchen Popmusik für die Jugend. Für die Alten ist Choral okay. Das ist falsch. Mick Jagger ist über 80. Tina Turner wäre es auch gewesen. Die wären nicht glücklich in unseren Seniorenkreisen. Es geht nicht um Alter. Es geht um Kultur. Es gibt 80-jährige Rock'n'Roll-Menschen und 20-jährige Orgelfreunde. Wacken hat 85.000 Besucher. Heavy Metal. Und das Altersheim "Haus am Park" fährt jedes Jahr mit Senioren hin. "Rock/Metal kennt kein Alter!" Kirche sortiert Menschen nach Alter. Jugend = Pop, Alte = Choral. Aber die Wahrheit ist: Es geht um Milieus. Um Lebenshaltungen. Um Kulturen. Und wir bedienen nur eine.


Beide Welten können koexistieren - oder?

Neulich habe ich Grönemeyer gehört. Die neue Unplugged-EP. Mit klassischem Chor im Hintergrund. Ich war fasziniert. Beide Welten zusammen. Wirklich zusammen. Nicht eine domestiziert die andere. Aber ehrlich: Es ist konstruiert. Dieser Crossover erschreckt beide Seiten irgendwie. Aber er fasziniert eben auch Menschen, die in beiden Welten zuhause sind.

Meine Mutter würde sagen: "Der singt nicht richtig." Bel canto und Orgelklang - das war ihr Milieu. Der Chor klingt schön, aber Grönemeyer passt nicht dazu. Und Metal-Fans bekommen Ohrenschmerzen von klassischer Musik. Die finden den Chor unerträglich, vielleicht ertragen sie Grönemeyers Stimme, aber bestimmt nicht seine Texte. Das ist keine Wertung. Das sind einfach verschiedene Kulturen. Und die können koexistieren. Die können manchmal zusammen etwas schaffen. Aber es ist nicht die Lösung. Es ist ein Experiment. Ein Versuch. Immerhin: Respekt voreinander. Beide Seiten versuchen, die andere Kultur ernst zu nehmen. Das ist mehr, als die Kirche schafft. Wir nehmen die anderen Kulturen nicht ernst. Wir domestizieren sie. Oder wir übernehmen sie unkritisch mit ihrer Theologie. Aber wirklicher Respekt? Echte Koexistenz? Das sehe ich nicht.


Der Kontrapunkt

Ich stand mal am Stand für Popmusik-Ausbildung. Standdienst beim Kirchentag. Auf dem Nachhauseweg fragte mich der Straßenbahnschaffner, wo ich war bei diesem verrückten Kirchentag. Fragte, wo ich herkomme. Ich erzählte von der Popmusik in der Kirche. Wisst ihr, was er sagte? "Ja, wenn ich schon mal in die Kirche gehe, dann will ich die Orgel hören. Weihnachtschoräle und alte Musik und so. Das ist für mich Kirche." Das ist legitim. Das IST die Kirche für viele Menschen. Orgel. Choräle. Hochkultur. Aber dann müssen wir ehrlich sein: Wir sind ein Milieu. Nicht alle Milieus.


Tut nicht so als ob

Ich habe keine Lösung. Ich weiß nicht, wie Kirche echte Popmusik integrieren kann, ohne das System zu ändern. Ich weiß nicht, ob es überhaupt möglich ist. Aber ich weiß eines: Tut nicht so als ob.

Hört auf zu behaupten, ihr hättet andere Kulturen integriert, wenn ihr nur Bandworkshops macht und der Schlagzeuger Gastmusiker bleibt. Hört auf, euch als Märtyrer zu inszenieren, wenn die Relevanz abnimmt. Das sind keine Jesu-Wunden. Das ist Irrelevanz aus Selbstverschuldung. Seid ehrlich über euer Milieu. Das ist keine Anklage. Das ist keine Abwertung. Hochkultur ist nicht besser oder schlechter als Popkultur. Bel canto ist nicht besser als Grönemeyer. Orgel ist nicht besser als Schlagzeug. Aber es sind verschiedene Kulturen. Und solange der Kantor kein Schlagzeuger ist - solange akademische Ausbildung und Notenbasierung die Eintrittskarte sind - wird sich nichts ändern. Dann bleibt Popmusik in der Kirche das, was sie ist: Gastauftritt. Domestiziert. Pseudo.


Ich musste neulich raus auf einer kirchlichen Tagung. Nicht weil ich die Pfarrerin nicht mag. Nicht weil ich Choräle verachte. Sondern weil ich diese Unehrlichkeit nicht mehr ertrage. "Die güldne Sonne" mit verstimmter Querflöte. Gentleman als Gaststar. Gulaschkanone statt McDonald's, besser noch vegan für alle. Wir tun so, als wären wir bei den Menschen. Als hätten wir ihre Kulturen integriert. Wir sind es nicht. Wir haben es nicht. Und solange wir das nicht ehrlich sagen, wird sich nichts ändern. Wacken hat 85.000 Besucher. Große kirchliche Veranstaltungen auch. Dort singen die Pfarrerskinder Choräle und finden das rührend. Und wundern sich, warum die Relevanz abnimmt.

Solange der Kantor kein Schlagzeuger ist, bleibt Popmusik in der Kirche ein Gastauftritt. Das ist die Wahrheit. Nicht schön. Aber ehrlich.