Ich trage keinen Talar
Diakonin im Wandel der Zeiten
"In den letzten 30 Jahren ist der DiakonInnenberuf deutlich aufgewertet worden; inzwischen üben diese alle Tätigkeiten des Pfarrdienstes aus, mit Ausnahme von Leitungsämtern und des Unterrichts in der gymnasialen Oberstufe allgemeinbildender Gymnasien. Diese Entwicklung hat allerdings eine Nebenwirkung: Wieso der Pfarrdienst eine deutlich längere Ausbildungszeit erfordert und was PfarrerInnen können (sollen), was dann ihr Spezifikum ist, kann nicht mehr gut beantwortet werden – die altphilologische Kompetenz allein erscheint als Argument zu schwach."Pfarrvereinsblatt 8-9/2023, Volker Matthaei
Selten habe ich etwas so Geschichtsvergessenes und Spalterisches gelesen. Ich bin einigermassen fassungslos.Das war mein erster Gedanke, als ich den Artikel las. Mein zweiter Gedanke war: einen Leserbrief schreiben. Sofort. Mit all der Wut, die sich in 38 Jahren Diakonin in der Evangelischen Landeskirche Baden angesammelt hat.
Ich habe den Brief geschrieben. Jedes Wort. Jede Zeile.
Ich habe ihn nie abgeschickt.
Warum? Weil ich nach 38 Jahren weiß: Es ändert sich nicht durch Leserbriefe. Es ändert sich durch andere Geschichten.
Also erzähle ich meine. Ich beginne mit einer Erzählung aus der Bibel.
Die Bibel - Stephanus und die vergessenen Witwen
Apostelgeschichte 6. Die Wahl der sieben Diakone.
"In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung. Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und zu Tische dienen."
Lesen Sie das nochmal. Langsam.
Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und zu Tische dienen.
Die Witwen in der Gemeinde wurden vergessen. Menschen litten Hunger. Das war das Problem.
Aber die Apostel sagten nicht: "Wir haben versagt. Wir müssen uns besser kümmern."
Sie sagten: "Wir können uns nicht mit sowas Profanem abgeben. Wir müssen predigen."
Das ist der Ur-Skandal. Dass es Wichtigeres zu sagen gab, während Menschen leiden.
Wort Gottes = wichtig, geistlich, heilig.
Zu Tische dienen = Ablenkung, unwichtig, weltlich.
Und dann - weil sie wussten, dass es ein Problem war - wählten sie sieben Männer. Nicht irgendwelche Männer. Sondern "Männer, die einen guten Ruf haben und voll Geistes und Weisheit sind".
Voll Geistes und Weisheit.
Für den Tischdienst.
Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.
Was macht Stephanus, dieser erste Diakon?Er dient zu Tische. Ja. Aber dann:
"Stephanus aber, voll Gnade und Kraft, tat Wunder und große Zeichen unter dem Volk."
Er predigt. So kraftvoll, dass sie ihm nicht widerstehen können.
"Doch sie vermochten nicht zu widerstehen der Weisheit und dem Geist, in dem er redete."
Stephanus - der zu Tische dienen sollte - wird zum mächtigsten Prediger der ersten Gemeinde. So kraftvoll, dass sie ihn steinigten. Ein Märtyrer. Keiner, der die Theologie prägte, einer der litt fürs Evangelium.
Einer, der darüber spricht, wird ein mächtiger Prediger. Anders kann das gar nicht sein.
Das ist gleichberechtigte Verkündigung.
Vom Tisch dienen zum mächtigen Predigen - das ist biblisches Diakonat.
Wir haben die Berufung in der Urgemeinde vergessen.Heute betreiben wir Theologie, indem wir Paulus, Petrus, die Reformatoren und ihre Denkweise durchleuchten. Die Theologen. Die Prediger. Die Briefeschreiber.
Da steht so selten was, wer den Tisch gedeckt hat. Da wird geheiratet, um Ordnung zu haben mit dem Thema Sexualität, und natürlich wird da ein Umfeld geschaffen, um ordentlich predigen zu können.
Stephanus ist nur der Märtyrer. Da gibt es keine Folgegeschichte, was aus dem Tischdienst wurde. Da wird nicht drüber theologisiert. Die Predigt brachte ihn um. Er ist der Märtyrer für das Wort Gottes. Für mich ist er die Amtsperson, die vergessen wurde in der Kirchengeschichte.
Wer hat den Tischdienst weiter organisiert damals? Wo sind die Nachfolger im Diakonenamt bis heute?
Wer hat zuletzt Calvin zitiert über das Amt der Diakone?
Der Reformator Johannes Calvin sagte: Das Diakonenamt ist eine der vier Säulen der christlichen Gemeinde. Gleichberechtigt neben Pfarramt, Presbyteramt und Lehramt.
Vierte Säule. Gleichberechtigt.
Was geschah dann? Kirchengeschichte ohne Diakonat.Die katholischen Diakone verkümmerten zu Hilfspriestern - eine Durchgangsstufe zum Priestertum, mehr nicht. Bis ins 20. Jahrhundert.
In Baden gab es Gemeindehelferinnen. Frauen, die die Arbeit machten. Diakonat light.
Kraftvolle Predigt vor, während und nach dem Tischdienst? Zeichen und Wunder? Fürsorge gegen das Murren? Gleichberechtigte Beauftragung? Fehlanzeige.
Dann kam Wichern - und gründete ein Hilfswerk. Die Diakonie. Außerhalb der Gemeinde.
Das ist bis heute so: Die Sozialarbeiter sperren wir in die diakonischen Werke - erreichbar, aber nicht im Gemeindeleben verankert.
Wir haben den Tischdienst, die Care-Arbeit ausgelagert. In Institutionen. In Hilfswerke. Statt in der Gemeinde.
Das Problem von damals ist das Problem von heute: Wir vergessen die handgreiflichen Zeichen der Nächstenliebe - vor lauter Predigen. Wir gestalten Gemeindeleben, nicht Fürsorge.
Fast niemand kennt Stephanus. Wir Diakoninnen und Diakone schon. Wir kennen den.
Kirchengeschichte - Vom biblischen Amt zur Schmalspurausbildung
Wer die Geschichte der Hochschule Freiburg kennt, weiß: Aus einer Fachschule für Gemeindehelferinnen wurde eine Hochschule für Gemeindediakonie.
Helferinnen hab ich nicht gegendert, aus gutem Grund. Soviel zur Frauenfrage in diesem Berufsbild. Geändert hat sich vieles, weil Männer den Beruf ausübten. Ganz im Gegensatz zum Pfarrberuf, da war es umgekehrt.
Gemeindehelferinnen. Das waren Frauen, die die Arbeit machten. Die zu Tische dienten. Die Witwen versorgten. Die Kinder unterrichteten. Die Feste organisierten. Kindergottesdienst hielten.
Gepredigt haben sie nicht. Sie waren keine Pfarrerinnen waren. Nicht weil sie es nicht konnten. Sondern weil Frauen generell keine Pfarrerinnen werden durften.
Wann gab es die ersten in Baden nochmal? Vor 50 Jahren? Und was mussten die, wenn sie Kinder bekamen? Richtig. Den Dienst quittieren.
Wieviele Jobsharing-Pfarrer gehen gerade in Ruhestand mit Teilzeitpensionen, weil bei Ehepartnern nur jeweils 50% Gehalt möglich waren?
Aber zurück zu den Gemeindehelferinnen.
Daraus wurde ein Ausbildungsgang. Eine Fachhochschule. Ein eigenes Berufsbild.
Ich mitten drin – im Disput mit den Studierenden der Fachbereiche Sozialwesen. Weil wir auch immer nur theologisierten, statt wirklich was Sinnvolles zu arbeiten oder zu denken.
Wir waren da umstritten, wir Gemeindediakonie-Studierenden - weil wir so abgehoben argumentierten und nicht von dieser Welt waren. Ist das nicht urkomisch? Irgendwie?
Anfang der 90er Jahre gab es eine Arbeitsgruppe im Oberkirchenrat. Arbeitsgruppe Diakonat. Es war eine aufregende Zeit, ein Oberkirchenrat hat uns entdeckt und wollte etwas Großes schaffen. Eine neue Ordnung im Leben der Hauptamtlichen. Heute nennt man das wohl multiprofessionelles Team.
Wir haben Jahre damit verbracht, theologisch zu ringen. Um das biblische Bild des Diakons der ersten Gemeinde. Um Stephanus. Um die Frage: Braucht es ein zweites Amt in der Gemeinde?
Es gab Unstimmigkeiten. Natürlich. Wer will schon ein zweites Amt beschreiben, wenn es das Pfarramt doch schon gibt?
Der zweite Thron schafft die Pfarrherrlichkeit nicht ab, die jahrhundertelang gepflegt wurde. Ich war mir auch nicht sicher, ob wir nicht lieber Fürsprecher sein sollten für alle, statt uns in ein zweites Amt zu hieven.
Aber wir haben gerungen. Theologisch. Biblisch. Um ein eigenständiges Amt. Weil es Aufgaben zu beschreiben gab, die systematisch vernachlässigt waren. In der Theologie, sogar.
"Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und zu Tische dienen."
Äh doch, fang erst mit der Predigt an, wenn alle satt sind, kann ich da nur sagen.
Ich möchte das Diakonat neben der Unterweisung und der Predigt. Und entscheiden sollen die Ehrenamtlichen - die Betroffenen der kirchlichen Arbeit. Aber eben nicht um sich zu profilieren im Ehrenamt, sondern weil sie sich zu Fürsprecher machen mit ihrer eigenen Expertise zu Themen im Gemeindeleben und gewählte Sprecher:innen der Gemeinde sind.
Hauptamt in der Kirche, das sind diejenigen, die von der Lohnarbeit in der Welt freigestellt sind und ihr Gehalt von der Kirche bekommen, weil sie die Experten sind für wesentliche kirchliche Aufgaben. Weil Kirche weiß, das fordert theologische, diakonische, liturgische Expertise und Zeit, das alles zu organisieren und dann darüber zu sprechen, zu verkündigen.
Pfarramt ist nicht ein Vorlesungsamt beim Volk, es ist nicht: Ich erkläre euch die Welt. Es ist: Lasst uns das hier gestalten, wovon ich überzeugt bin. Ich habe es gelernt, das Wort Gottes zu erklären, weil wir es miteinander leben wollen.
Das Diakonat ist keine mindere Version des Pfarramts. Sondern ein eigenes Amt. Mit eigener Identität. Mit eigener Berufung. Anderer Expertise.
Wir denken Sozialraum und vermitteln zwischen der Exegese und der Lebenswirklichkeit. Ich weiß nicht, ob ich mich praktische Theologin nennen würde.
Ich bin eben Diakonin, akademische Weihen gibt es da nicht. Diplom, Bachelor, Master und Einblicke in Felder der Theologie, der Pädagogik, der Psychologie und der sozialen Arbeit.
Genau darum geht es: Arbeitsfelder festzumachen, sich dafür auszubilden. Dann sind wir alle Verkündiger und nicht nur diejenigen, die ausführen, was der Prediger erkannt hat.
Wir sind Verkündiger - egal was wir tun oder lassen, predigen oder verschweigen.
Nichts tun oder verschweigen oder nicht wahrnehmen ist eine mächtige Botschaft.
Wer Themen verschweigt, wer Menschen vergisst beim Predigen, der predigt eben auch, nur nichts Gutes.
Das spüren wir doch sehr deutlich, was das mit dem Relevanzverlust von Kirche zu tun hat.
Wir schauen nicht genau hin, vor lauter Wort Gottes auslegen. Ich bin davon überzeugt, dass das Wort Gottes in die Lebenswirklichkeit spricht, direkt hinein. Aber nicht, wenn man da nicht mehr lebt.
War in der Urgemeinde so und ist es bis heute. Die Nichtinsider murren: Wie könnt ihr predigen, während das nebendran geschieht?
Und dann kam es raus. Das kirchliche Gesetz über den Dienst der Diplom-Religionspädagogen und Diplom-Religionspädagoginnen. 1996.
Alle jubelten. "Seht her! Anerkennung! Ihr seid jetzt gleichwertig!"
§ 1 klang gut:
"Ihr Dienst und der Dienst im Predigtamt unterscheiden sich nach Grund und Inhalt, sind aber für die Wahrnehmung des kirchlichen Auftrages in gleicher Weise wichtig, aufeinander bezogen und ergänzen sich gegenseitig."
Unterscheiden sich nach Grund und Inhalt. Gleich wichtig. Ergänzen sich.
Schön geschrieben.
Und dann kam § 9:
"Zur selbständigen Wahrnehmung von Aufgaben des Predigtamtes bedarf es einer besonderen Beauftragung."
Besondere Beauftragung.
Ich saß da und las das, im Gremium, in dem das gefeiert werden sollte. Ein Jurist zeigte uns stolz das Ergebnis. Ich war so wütend, dass ich laut sagte:
"Damit können Sie sich den Arsch abwischen. Dafür hab ich nicht solange theologisch diskutiert."
(Ok, ich gebe zu, ich liebe es sprachlich zu provozieren, vor allem wenn ich wütend bin.)
Aus dem biblischen Amt des Stephanus - voll Geistes und Weisheit, Verkündiger in Wort und Tat - wurde ein von Verwaltungsakt mit besonderer Beauftragung durch Theologen.
Nichts würde sich ändern, gar nichts, weil die gesamte Grundordnung sich hätte ändern sollen. Geborene Mitgliedschaften in Leitungsgremien zu Fachberatung und Moderation durch verschiedene Professionen hätte werden können.
Weil die Predigt eben ein sehr kleiner Teil ist von Kirche, meiner Ansicht nach, wenn auch der Impulsgeber für alles andere.
Aus "unterscheiden sich nach Grund und Inhalt" wurde in der Praxis ein Stimmrecht im Ältestenkreis und fertig. Ich hatte keinen Grund zum Feiern, weil ich da schon auf Bezirksebene tätig war und niemand überlegt hat, wie hier Leitungsverantwortung mitgestaltet wird durch andere Ämter in der Gemeinde.
Meine Biographie - 38 Jahre ohne Talar
1991 wurde ich Jugendreferentin. Mit 27. Voller Energie. Voller Ideen.
Die Pfarrersfrau meiner ersten Stelle hatte mir schon beigebracht, wie es läuft. Sie durchwühlte meinen Papierkorb. Sie zählte mir Lyoner-Scheiben ab für Konfirmanden-Freizeiten. Eine Scheibe Wurst pro Brot. Nicht mehr. Das wäre Verschwendung.
Sie war die Expertin dafür, wie man es richtig macht. Und ich sollte lernen. Sie war mächtiger als ich als Berufsanfängerin. Heimlich, subtil und gefährlich war sie. Das ist wahr.
Als Jugendreferentin war ich raus aus der Gemeinde. In der Nische. Uns war allen bewusst: Sie lassen uns halt, solange die Zahlen stimmen.
Da gab es keine Stimmrechte irgendwo oder Entscheidungsträger, die uns wirklich einbeziehen in die synodale Verantwortung in der Kirche. Aber wir lebten Kirche, jeden Tag, die anderen Kirchenräume, nach denen heute alle rufen und nicht wissen, was das sein könnte.
Ich hielt Jugendgottesdienste. Jeden Monat. Ohne Talar, versteht sich. Und ohne Kanzel.Es gibt ein Kanzelrecht, das der Pfarrer ausübt.
Die Kanzel - das Symbol der Macht. Der erhöhte Ort. Wo von oben herab gepredigt wird.
Da durfte ich nicht rauf. In den ersten Dienstjahren. Später nur mit besonderer Genehmigung. Heute mach ich es einfach, wenn mir danach ist. Weil niemand das so eng sieht, aber auch niemand das Gesetz überarbeitet.
"Pfarrerinnen und Pfarrer haben im Bereich der ihnen übertragenen Pfarrstelle das ausschließliche Recht auf die Inanspruchnahme der zur Pfarrstelle gehörenden Kanzel bei der Ausübung der öffentlichen Wortverkündigung (Kanzelrecht)."
Das ist geltendes Recht bis heute.
Ich war Verkündigerin. Immer in meinem Dienst, manchmal auch etwas abgehoben, aber meistens einfach weil es notwendig war, auch mal was zu predigen. Und weil es keinen Sinn macht, Gottesdienste vorzubereiten und nach dem Theologen zu fragen, der dann bitte predigt und die Verantwortung übernimmt.
1992 fiel ein Pfarrer aus. Ich sollte Konfirmandenunterricht übernehmen. Klar, kein Problem. Ich machte das gerne.Ein Jahr lang unterrichtete ich, gestaltete Gottesdienste, lebte mit ihnen. Bereitete vor.
Und dann kam die Konfirmation. Einsegnung, Abendmahl.
"Das macht dann der Bezirksjugendpfarrer", sagte man mir.
Die Einsegnung.
Mein Konfirmandenjahrgang. Ein Jahr Arbeit. Aber segnen? Nein danke.
Ich durfte einweisen. Ich durfte vorbereiten. Aber ich durfte nicht segnen.
Einmal - ich erinnere mich noch genau - hielt ich einen Weihnachtsgottesdienst mit einem Jungtheologen zusammen. Er hatte mich gebeten, dabei zu sein, weil er mich schätzte und weil er so viele andere Gottesdienste schon vorbereitet hatte. Wir sitzen da also Heiligabend zusammen in der ersten Kirchenbank mit tollen Ideen für den Gottesdienst. Zu Beginn stellte er mich seiner Gemeinde vor.
"Elke ist ein gelungenes Beispiel für das Priestertum der Laien", sagte er. "Ich freue mich auf ihre Worte."
Priestertum der Laien.
Ich saß da vorne und dachte: "Ich wurde selten so abgewatscht als Profi in der Kirche." Ich war so sauer und hab trotzdem die Predigt gehalten. Schöner Gottesdienst, wirklich schön.
Ich habe studiert. Religionspädagogik. Sozialpädagogik. Zwei Diplome. Ich bin von der Landeskirche berufen und gesegnet. Ich bin hauptamtlich angestellt.
Aber für ihn war ich: Laiin, die predigen darf. Wie nett.
Es gab Prädikanten. Ehrenamtliche, die Gottesdienst halten durften. Die trugen Talar.
Ich - hauptamtliche Diakonin, studiert, berufen - durfte keinen Talar tragen.
Die Ehrenamtlichen hatten mehr sichtbare Autorität als ich.
Und dann kam die erste Pfarrstellenkürzungswelle.Man sprach von "pastoraler Grundversorgung". Von "Personalressourcen".
Und plötzlich hieß es: "Wäre gut, wenn die Kolleginnen auch mal zum Friedhof gehen."
Die nicht so schönen Dienste in der Gemeinde. Beerdigungen.
"Nutzt ja nix, wenn die nur pädagogisch arbeiten."
Nur pädagogisch.
Als ob Jugendarbeit, Konfirmandenunterricht, Gemeinwesenarbeit nichts wert wäre.
Aber Beerdigungen - die sind eben nicht planbar, stören den Ablauf und kosten Kraft. Die muss jemand machen. Und Pfarrer*innen haben nicht genug Zeit, wenn sie zuviele Beerdigungen machen müssen.
Also: Die Diakoninnen sollen das jetzt auch machen.
Können die das? Brauche die dann nicht auch einen Talar?
Und dann - als die Ressourcen enger wurden - hieß es: "Macht doch an der Hochschule noch eine liturgische Ausbildung, so ähnliche wie die Prädikanten, dann dürft ihr auch Gottesdienste halten und Abendmahl austeilen. Und talarfähig werden."
Talarfähig.
Ich - die seit Jahren liturgische Seminare für Popmusiker*innen in der Ausbildung hielt - sollte mich nachqualifizieren. So wie die Prädikanten.
Damit ich "auch" Gottesdienste halten darf und den Talar anziehen.
Erst dann - als die Personalressourcen knapp wurden - waren Talare für uns logisch.
Nicht weil man unser Amt anerkannt hatte. Nicht weil man Stephanus verstanden hatte.
Sondern weil wir jetzt auch mal Beerdigungen und Sonntagsgottesdienste halten sollen, wenn die Pfarrer*innen zuviele davon haben.
Mir wurde gesagt - von Dekanen und Dekaninnen, immer wieder, bis heute:"Diese jungen Diakon*innen lernen nichts an der Hochschule. Die kommen mit null in die Gemeinde. Die Lehrvikare, die sind vorbereitet."
Ich muss bis heute lachen, wenn ich mich nicht ärgere. Ist das bitter.
Ich habe zig Lehrvikaren das Leben erklärt. Die Lebenswirklichkeit der Gemeinde. Das, was sie im Theologiestudium nie mitbekommen.
"Ach ja, du hast ja auch noch ein Diplom. Damals, ihr mit den Praxissemestern, ihr konntet Gemeindearbeit."
Da war es wieder. Das alte Argument.
Ich bin die Ausnahme. "Die, die es doch kann."
Wie bei den Frauen. Wenn sie gut sind, gerne, aber Quote bitte nicht.
Solange ich die Ausnahme bleibe, muss sich nichts ändern am System.
Mir wurde auch gesagt: "Schürst du nicht den Konflikt, indem du dauernd drauf hinweist?"Klassisch. "Wenn du nicht drüber reden würdest, gäbe es kein Problem."
Frauen sagen mir das, mit Talar in theologischer Leitungsfunktion.
Theologinnen und Theologen haben uns gar nicht wahrgenommen, solange noch genug Pfarr-Personal da war.
Ich sage nicht, wir Diakon*innen wissen es besser, weil wir in dieselbe Falle tappen.
In meiner Studienzeit gab es tatsächlich ein multiprofessionelles Gruppenamt. Neben der Hochschule in Freiburg. Ein Gruppenamt, kein Pfarramt.
Pfarrer, Diakon, Sozialarbeiter in Leitungsverantwortung. Da war klar: Diakone sind auch nicht automatisch die Profis für Sozialwesen. Sie sind die Schnittstelle zwischen der Theologie und der sozialen Arbeit. Das sind sie bis heute, was immer noch alle irritiert.
Das Gruppenamt ging nicht gut. Ich ahne wo das Konfliktpotential war.
Ein Sozialarbeiter im Pfarramt, wow ich kann mir denken, was ihm oder ihr wichtig war und was völliges Unverständnis ausgelöst hat.
Ich erlebe es jeden Tag bis heute. Kaum jemand kennt die Aufgaben der Kirche zwischen sozialer Arbeit und Predigt.
Bis heute versteht niemand, was das Eigene der Diakone ist.
Ich bemühe mich drum jeden Tag.
Hätte Stephanus nicht predigen sollen, und dann hätte ihn niemand gesteinigt?
Es ging nicht gut. Schon damals.
Wegen der Muster. Wort und Tat, Amt und Dienst. Work und Life. Das Eigentliche und das Beiwerk.
Als Diakonin bist du immer im Team. Es gibt keine Gemeinde, wo nur ein:e Diakon:in Gemeinde leitet. Die Sozialarbeiter:innen sperren wir in die diakonischen Werke - erreichbar, aber nicht im Gemeindeleben verankert. Profis, an die man verweist.
Diakon:innen sind die Netzwerker - wenn sie ihren Job können.
Gemeinwesenarbeit. Nicht gottesdienstzentrierter Gemeindeaufbau. Das ist eine andere Ecclesiologie.
Nicht mal die Hochschule tauscht sich darüber mit der Universität aus. Das könnte man akademisch aufbereiten, wenn jemand wirklich Interesse daran hätte.
Aber schon die Ausbildungsgänge Pfarrer:in und Diakon:in, ja und auch die Kantor:innen treffen sich viel zu selten, auch wenn sie gemeinsam werben für "himmlische Berufe", in Baden z.B.
Es gab Altkollegen, die nie eine Andacht gehalten haben. Sahen sie nicht als ihre Aufgabe. Und das ist genauso okay, wie wenn ein Pfarrer sagt: Ich verstehe nichts von Jugendhilfering oder Jugendverbandarbeit. Ich kenne Teilhabe und Hilfeplanung nicht. Habe noch nie eine Evaluierung im Sozialraum gemacht.
Das ist okay. Es geht nicht darum, dass alle predigen müssen oder Experten in Sozialarbeit sind.
Es geht darum, dass jeder Sozialarbeiter aus christlicher Überzeugung, der reden kann, eben auch predigt. Und zwar deutlicher als mancher Apostel.
Der Talar - Symbol für was?
Ich habe die Nachqualifizierung nicht gemacht.
Ich wollte den Talar nie.
Talare sind deutsch. Schulmeisterlich. Dekane an Universitäten. Das System. Für mich die akademische Arroganz.
Kantor, Rektor, Pfarrer - Machobilder aus vergangenen Jahrhunderten. Patriarchat.
Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren - so bin ich groß geworden. Das ist meine Sozialisation.
Der Talar ist für mich Sinnbild für Wichtigmacher. Für die, die vom Pult reden, während andere das Glas hinstellen.
Ich karikiere, aber leider gibt es die immer noch, diese Menschen, die so wichtig tun.
Heute ertrage ich es, dass der Talar zum liturgischen Gewand erklärt wird. Ich habe das verstanden, dass auch Pfarrkolleginnen keinen Muff haben darunter. Die Diakoninnen und Diakone streifen ihn selbstverständlich über. Das sei ihnen unbenommen. Aber für mich? Nein, danke.
Ich würde einen Talar höchstens mal anziehen, damit Menschen bei einer Segnung am Grab oder bei einer Konfirmation nicht irritiert sind, weil ich keinen trage.
Nur wegen der anderen. Nicht für mich.
Ich habe mich bewusst für etwas anderes entschieden. Nicht gegen Theologie. Sondern für Gemeindediakonie. Für Gemeinwesenarbeit. Für Seelsorge, die nicht am Grab mit dem schwarzen Umhang steht, sondern Trauernde wahrnimmt in der Gemeinde.Ich bin nicht nur Religionspädagogin, ich bin Diakonin aus Überzeugung. Die Schule wäre nicht mein Ort mit meiner Vorstellung von nicht erziehen. Mir ist doch klar, dass Pädagogik jahrhundertelang ins System vermitteln sollte. Schulmeister und Pfarrer, die verstanden sich.
Diakone sind irgendwie nicht vorgesehen systemimmanent. Schon in der Bibel sind sie gescheitert. Heute lagern wir das aus, was Diakonie ausmacht. Dabei ist es das Wesen vom Evangelium: Zeichen und Wunder und Wegbegleitung.
Was willst du, dass ich dir tun soll? Jesus bringt es auf den Punkt, für mich.
Ich wäre Theologin geworden, wenn ich diesen Predigtdienst ausführen wollte. Ich habe mich für anderes entschieden. Und predige doch, irgendwie."
Pfarrer und Schulleiter und sogar der Kantor. Das waren zentrale Gestalten im Zentrum des Ortsgeschehens. Früher, bevor Wichern sagte, so geht es nicht, und die Diakonie gründete.
Bevor Frauen sagten, wir arbeiten nicht mehr zu.
Bevor Profis den sozialen Markt abgrasten und freie Redner bessere Lebensbegleitung anlässlich von Trauungen und Bestattungen machten, als manch kirchlicher Würdenträger.
Bevor Popmusiker die besseren Texte schrieben und mehr zu sagen hatten als die christliche Musik.
Es ist mir doch klar, dass der Pfarrberuf mit Würde schon lange nichts mehr zu tun hat. Aber der Muff steht noch im Kirchengesetz. Geborene Mitgliedschaften, die als Bürde erlebt werden. Beamtenschaft, die man nur noch als schlecht bezahlte Dauerbereitschaft wahrnimmt, aber die Pensionskasse und Beihilfe gerne mitnimmt.
Die jungen Kolleginnen heute - die streifen sich den Talar selbstverständlich über. Heute sind wir Dienstgruppen und wundern uns, warum das Terminstundenmodell nicht passt für beide Berufsgruppen.
Heute fühlen sich Theologen benachteiligt, weil sie kein Recht auf Stundenausgleich haben, wir Diakon*innen aber schon.
Sie fragen allen Ernstes, warum sie so eine aufwendige Ausbildung haben, wenn sie am Ende nur das machen, was die Menschen mit Bachelor auch tun.
Weil die Kirchengeschichte uns anders geprägt hat? Weil wir in Gehaltsgruppen anfingen, die jenseits von Gut und Böse waren als Helferinnen der wichtigen Menschen?
Weil wir eben schlecht bezahlt waren und nicht wirklich anerkannt.
Es ist schon ein wenig pervers, sich dafür rechtfertigen zu müssen, was mühsam erstritten wurde.
Die Lösung ist nicht, dass Diakoninnen jetzt auch Talar tragen, auch Beerdigungen halten, auch Sonntags im Gottesdienstkalender stehen.
Das ist nur: Die männlichen, die pfarrlichen Muster imitieren.
Wie bei den Frauen, die "Karriere machen" - indem sie sich wie Männer verhalten.
Das ändert das System nicht. Das bestätigt es nur.
Ich trage keinen Talar. Ich hatte nie einen guten Grund, mir einen anzuschaffen.Der Talar würde für mich bedeuten: Ich mache den Hilfspriester. Die "auch dürfen"-Version. Die nachqualifizierte Pfarrerin light.
Aber mal ehrlich: Wieso gibt es kein Gewand für Diakone?
Pfarrer haben Talar. Prädikanten haben Talar. Katholische Diakone haben die Dalmatik.
Aber evangelische Diakone in Baden? Nichts.
Bis sie sagten: "Macht doch eine liturgische Nachqualifizierung wie die Prädikanten, dann seid ihr talarfähig."
Der Talar ist das Gewand der Pfarrer. Nicht der Diakone.
Es gibt kein eigenes Gewand für das Diakonat. Weil das Diakonat kein eigenes Amt sein sollte. Sondern Durchgangsstadium. Helfer. Beiwerk.
Wenn ich den Talar anziehe, werde ich zur Pfarrerin light. Nicht zur Diakonin.
Ich will doch gar nicht. Ich mag es, dass wir Angestellte sind, die auch ehrenamtlich sich mal für was begeistern. Meine ehrenamtlichen Stunden stecken in besonderen Projekten, ich plane diese Zeitressourcen aber nicht ein, ohne mir dessen bewusst zu sein.
Ich will kein Beamtenrecht und keine Würdenträgerin sein. Ich kann predigen und tue es auch, wenn es Not tut oder einfach, weil ich was zu sagen habe.
Ich trage keine Gewänder, weil ich woanders herkomme. Aus der Gemeindeküche, der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, der sozialen Arbeit. Weil ich gerne Prozesse moderiere, in denen alle gleichberechtigt vorkommen. Ich kann Budgets verwalten und Verantwortung übernehmen. Dazu brauche ich Amt und Würde nicht.
Ich bin Fachberaterin. Spezialistin für Digitalisierung. Für Öffentlichkeitsarbeit. Für Liturgie in der Popkultur.
Ich habe viele Pfarrer*innen geschult. In Projektplanung. In systematischer Öffentlichkeitsarbeit. In Lebenswirklichkeit.
Ich bin nicht mehr bereit, mit den ehemaligen Würdenträgern über ihren Bedeutungsverlust zu diskutieren. Nicht solange sie nicht im entferntesten die leidvolle Geschichte der anderen Ämter in der Kirche auch nur wahrnehmen.
Ich kann predigen. Mir hören Menschen zu. Weil ich verständlich rede. Nicht akademisch. Behaupte ich mal frech. Das ist nicht Arroganz. Das ist meine Kompetenz.
Die Systemfrage - Wer wird vergessen?
Ich werde nicht gesteinigt für mächtiges Reden. Ich bin auch nicht gerne Märtyrerin. Ich habe meine Nischen gefunden. Ich bin Diakonin, keine Märtyrerin.
Niemand wirft mit Steinen nach mir, möchte mich mundtot machen. Es sind Nadelstiche in einer privilegierten beruflichen Umgebung.
Kanzelrecht. "Besondere Beauftragung erforderlich." "Schmalspurausbildung." "Die jungen Diakoninnen lernen nichts." "Du bist die Ausnahme." "Nutzt ja nix, wenn die nur pädagogisch arbeiten, wer macht die vielen Beerdigungen." "Das macht dann doch sinnvollerweise ein Theologe."
Wieviele gute Stellen waren den Theologen vorbehalten? Wir werden nicht Schuldekan*innen, obwohl Religionspädagogik unsere Kernkompetenz ist. Es gibt keine Quote für andere Berufe in der Landessynode und dem Landeskirchenrat.
Niemand sagt, ein junger Pfarrer sei nicht gut ausgebildet. Aber wir Diakone sind das schon. Das sind heftige Vorwürfe.
Mal ehrlich: Uns geht's gut.Wir streiten um Dienstgruppen und Stundenmodelle - in einer immer noch reichen Kirche. Wir werden als kirchliche Hauptamtliche gepeppelt. Wir haben unsere Nischen. Wir dürfen vieles.
Viel schlimmer ist:
Während wir um unsere Ämter streiten - vergessen wir sie bis heute. Die Witwen und die Versorgung.
Wir erzählen sie heimlich, die Geschichten von geistlichem Missbrauch.
Die schwierigen Kinder kommen halt nicht zum Krippenspiel.
Die Konfirmanden sind immer schwerer zu unterrichten, weil sie wohl andere Sorgen haben oder Lebensumstände, als das, was wir kennen in unserem Milieu.
Alleinerziehende Frauen sitzen nicht in unseren Gremien. Die sitzen an der Lidl-Kasse. Oder im Homeoffice.
Männer aus der Arbeiterschicht sehen wir als Hausmeister, aber sie entscheiden nicht über Themen der Gemeindearbeit.
Trauernde Menschen werden zum Ewigkeitssonntag eingeladen, aber nicht mal die beruflich Tätigen begleiten wir richtig in Krisenzeiten.
Ich karikiere. Ich liebe den Umgang unter uns Kirchenmenschen, weil er immer noch soviel menschlicher als vieles, was es auch gibt in dieser Gesellschaft.
Aber womit beschäftigen wir uns wirklich, wenn es hart kommt?
Und wer fragt: Wie geht es? Und hat Zeit für die Antwort?
Wir bekommen Work-Life-Balance nicht hin und rennen ins Burnout.
Sogar in der Kirche.
Das sind die Themen.
Nicht ob Diakoninnen Talar tragen.
Sondern: Wen erreichen wir? Wen vergessen wir? Wer fehlt?
Die umgeschriebene Apostelgeschichte
Ich trage keinen Talar. Ich schreibe. Ich habe was zu sagen, wenn auch nicht als geborenes Mitglied in den wichtigen Gremien meiner Kirche.
Nein, ich habe keine Angst, dass mich jemand steinigt. Obwohl vieles auch weh tat.
Aber mal ehrlich: Ich habe meine Nischen gefunden. Ich durfte vieles. Ich habe was zu sagen und ich darf arbeiten in einer immer noch anerkannten Institution, über die ich öffentlich berichte, mit gutem Gehalt.
Aber wenn ich manche Predigten höre bis heute, denke ich wie damals die murrenden griechischen Juden:"In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung."
Die Hebräer - das waren die Etablierten. Die Insider. Die, die schon immer da waren.
Die Griechen - das waren die Außenseiter. Die von woanders kamen. Die eine andere Sprache sprachen.
Und die Griechen murrten, weil ihre Witwen übersehen wurden.
Heute würde ich die Apostelgeschichte umschreiben:"In diesen Tagen aber, als die Zahl der Kirchenmitglieder abnahm und alle debattierten, wie die Arbeit der Kirche auszusehen hätte, erhob sich ein Murren unter denen, die sich nicht verstanden fühlten, schon so lange. Und sie wurden wieder verwiesen auf die Nische mit dem Tischdienst der Ehrenamtlichen. Weil die Argumente der Zwölf so mächtig sind wie damals: Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und zu Tische dienen."
Und 2000 Jahre später haben wir nichts gelernt von diesen Diakonen in der Bibel.
Wir haben nicht verstanden, dass Verkündigung in Wort und Tat nur zusammen geht. Dass wir Profis brauchen in allen Lebensbereichen, um nah bei den Menschen zu sein, vor allem wenn das Murren losgeht. Dass wir mächtig predigen, wenn wir als eine Einheit auftreten, mit unterschiedlichen Gaben.
Voll Geist und Weisheit. Im echten Leben.