Ins Wort fallen – unglaubliche Geschichten aus der Kirche
Vorwort
Ich wollte kein Kirchenbuch schreiben. Hier ist es. Weil soviele unglaubliche Geschichten so selten erzählt werden. Ich möchte mal ins Wort fallen und bin mir sicher, das wird so nicht gefallen. Ist aber auch nicht geplant.
Ins Wort fallen – das mache ich doch die ganze Zeit. Mein Leben lang – in meinem Leben als Frau in der Kirche, als Diakonin neben Theologen, als Organisationsfrau, als Planerin und Nachfragerin. Ich mache das mein Leben lang, wenn die Ansprache wichtiger wird als die Arbeit im Hintergrund. Ich unterbreche den Ablauf mit Bedenken. In Sitzungen, in Gremien, wenn alle nicken und ich plötzlich sage: „Moment mal, das sehe ich anders.“ Ich unterbreche. Ich störe die Harmonie. Ich halte auf, was gerade so schön läuft.
Dabei wäre fallen lassen doch viel schöner. Klar würde ich gerne ins Wort fallen wie in ein Bällebad bei Ikea. Wie gut, dass das jemand für alle so schön sagt.
Was ist das für eine gute Predigt.
Das wäre so einfach: sich einlullen lassen in dieser Gemeinschaft, die sich aufs Wort beruft. Kirche, Gemeinde, ein Ort, in dem angeblich niemand fallen gelassen wird, in der man sich aufgehoben wissen mag.
Fast 40 Jahre habe ich in dieser evangelischen Kirche gearbeitet. Jugendliche begleitet, Gottesdienste gefeiert, Gemeinschaft gelebt.
Wie oft habe ich sie gehört: Worthülsen – unbedacht, unerlebt und von oben herab behauptet.
Ich sehe sehr dicke Bücher, die wichtiger werden als das, was wirklich geschieht. Ich höre, wie man sich auf das Buch der Bücher bezieht und manchmal damit nur Machtanspruch geltend macht und ausgrenzt. Ich widerspreche, genau dann.
Ich kann das nicht mehr. Ich kann nicht andere erzählen lassen, was viele Worte in mir ausgelöst haben. Ich muss Worte finden, die anders klingen.
Jetzt sitze ich hier und schreibe. Weil ich meine Stimme erheben muss, bevor ich platze.
Dieses Buch ist keine Abrechnung. Es ist auch keine Liebeserklärung. Es ist eine Sammlung von Geschichten, die ich erzählen muss.
Von zwei Bettdecken und Pfarrfrauen am Papierkorb. Von Tränen im Gremium und Predigten, die ich nicht ertragen konnte. Von Regeln, die Menschen wehtun.
Von einem System, das Liebe predigt, statt sie zu leben.
Genau darum geht es.
Um das, was nicht in Bücher gehört. Um das, was niemand ausspricht. Um die Fragen, die nicht gestellt werden. Das tut ein wenig weh, das ist wahr.
Ich habe keine neue Lehre, ich habe einfach nur das Bedürfnis, nicht anderen das Wort zu überlassen.
Dieses Buch ist nicht stringent. Es macht Gedankenreisen. Es ist assoziativ, nicht effizient.
Es ist nicht logisch. Es ist Leben.
Ich kann Theorie. Deswegen mache ich Ausflüge in Theologie und Liturgie. Aber das ist nicht mein Fokus. Ich bin keine Hochschullehrerin, die viele Quellen hat. Ich habe mein Leben, mein Lesen, mein Erleben, meine vielen Gespräche, meine Erkenntnisse.
Ich mache keine neue Kirchentheorie. Ich erzähle. Weil beim Erzählen von Geschichten mehr entsteht als bei einer theoretischen wissenschaftlichen Debatte oder einer technischen Projektplanung. Beides notwendig und wichtig. Aber dann gilt es das mit Leben zu füllen, was wir erkannt haben und vor allem die Widersprüche aufschreiben.
Widersprechen – ich glaube, das war ein Wesenszug meines Lebens, auch in der Kirche. Ich habe widersprochen.
Ich war anstrengend oft, man möge mir das verzeihen. Das stört oft den Ablauf und die Harmonie der großen Geschichte von kirchlichem Leben.
Ich tue das nicht, um zu provozieren. Ich hoffe, ich tue es nur, um frühzeitig zu warnen vor dem, was eben sowieso im Hintergrund passieren wird. Weil wir nicht aufpassen und nicht einschreiten, bevor Menschen bei uns unter die Räder geraten. Die Räder der großen Idee, die ganz selten diejenigen ausbaden, die sie entwickelt haben.
Ein irres Muster in dieser Welt – wir lassen vordenken und merken zu spät, wer und was vergessen wird dabei. Ich möchte das beschreiben, weil ich seit vielen Jahren mitbekomme, wie selbstverliebt unsere Amtsträger und Gremien oft sind. Verliebt in kluge Worte und wenig rücksichtsvoll, wenn es darum geht, was sie auslösen, eben auch.
Ich erzähle nicht die wunderbaren Geschichten über ein erfülltes Leben in der Kirche. Die könnte ich auch erzählen. Bücher damit füllen mit tollen Geschichten … aber …
… ich habe mich für etwas anderes entschieden.
Ich erzähle die anderen Geschichten. Die, die alle kennen. Die aber keiner ausspricht. Dieses Buch ist für euch. Für die, die in der Kirche arbeiten, ehrenamtlich oder hauptamtlich. Für die, die in Gremien sitzen. Für die, die merken: Irgendwas stimmt nicht. Für die in den Nischen. Wenn du nicht in der Kirche aktiv bist und dieses Buch in die Hand bekommst: Willkommen. Aber rechne damit, dass du denkst: „Was für ein komischer Laden.“ Ja. Genau darum geht’s. Ich schaue hinter die Kulissen.
Kirchenleute werden manche Sätze wiedererkennen, selbst erlebt in der Evangelischen Kirche – nicht nur in Baden.
Leider wird dieses Buch nicht viel verändern, aber ich bin auch keine Vordenkerin, sondern Erzählende. Ich kann gut planen, aber ich kann schwer für alle neu denken. Ich frage lediglich, ob wir nicht auch die Geschichten erzählen müssen, die man so gerne heimlich sich zuflüstert im Hintergrund.
Ihr kennt sie wohl alle und ja, ich beschreibe sie. Das ist die Idee dieses Buches.