Widerstand
Kapitel 10
Von zwei Bettdecken und anderen Lebensformen
Der
Dekan auf meiner ersten Stelle als Gemeindediakonin erzählte mir beim
ersten Gespräch:
Die kirchliche Lebensordnung bedeutet in Ihrem Fall, dass kein Mann bei Ihnen übernachtet oder bei Ihnen wohnt, solange sie nicht verheiratet sind.
Das sagte er mir, 23 Jahre alt, zurück von den Feministinnen im Alltag von Gemeinde. Unverheiratet, aus gutem Grund, wie ich schon erzählte. Die Pfarrfrau durchwühlte währenddessen meinen Papierkorb und hatte Angst, ich würde ihre Tochter sexualisieren mit Rainman.
Das war das
Spiel des ordentlichen Lebens. Das war die Regel.
Ich habe mir damals
einen Spaß daraus gemacht, immer zwei Bettdecken aus dem Fenster zu
hängen. Einfach damit niemand wusste, wer gerade da ist.
Unter Decken
Man
steckt unter einer Decke. Zusammen. Heimlich. Man liegt aber auch
alleine darunter und schluchzt. Man liegt auch mal daneben mit Gedanken,
die andere stören.
Zwei Bettdecken aus dem Fenster hängen – das klingt
lustig. Fast wie ein Streich.
Aber es war nicht lustig.
Ich
wollte Gerüchten vorbeugen. Ich habe so getan, als hätte ich dauernd
Besuch. Was gar nicht der Fall war. Es war ja gar niemand da so richtig.
Es gab Besucher, das ja, aber ich war auch oft alleine.
Und habe so
getan als ob.
Was ist Widerstand?
Man könnte fast meinen,
ich lege Zeugnis ab – mit zwei Bettdecken, obwohl niemand da ist. Mit
diesem Buch, weil ich sagen möchte: Leute, hört doch mal hin, da gibt es
andere Lebensformen und Kulturen in der Kirche. Da gibt es unglaubliche
Geschichten von einer Frau in der Kirche.
Ich wollte aus Singleleben
keine Tugend machen. Ich wollte auch mal daneben liegen, das meine ich
durchaus auch sexuell.
Ich lag mal neben einem und ich lag daneben, auch
mit meinen Gedanken, die nicht lebenslang Gültigkeit haben, sondern nur
für eine Nacht oder eine kleine Zeitphase.
Dieses Buch ist kein
Bekenntnis zu meiner Lebensform, die ich nicht besser finde als die, die
lebenslang gilt. Das Buch ist voller Fragen, aber eben auch voller
Sehnsucht nach etwas, was lange währt.
Ich habe nichts zu bekennen oder mich zu bekehren.
Ich erzähle einfach meine Geschichte, die selten gute Regeln hatte.
Ich mag immer noch keine Regelwerke, die einmal aufgestellt allen gelten sollen und immer einigen echt weh tun.
Was ich gar nicht ertrage ist Missbrauch. Wenn es dazu kommt, muss das jemand laut sagen, dann braucht es Hilfe, selbst wenn der Gedanke daran das System erschüttert. Es wird Zeit, dass wir alles erzählen und nicht nur das, was lange währt und das System stabilisiert.
Klar haben manche mal mit mir auch körperlich unter einer Decke gesteckt. In einem Regelwerk, das sowas gar nicht kannte. Nur die lebenslange Ehe. Die heute immer noch Homosexuellen verweigert wird. Die Landessynode Württemberg hat wieder nicht die Trauung der Homoehe beschlossen. 2025 wohlgemerkt.
Das ist wie der Dekan damals: Lebensordnung heißt Ausblenden von Lebensrealitäten, verantwortlich, verbindlich und anders.
Nein
ich schreibe nicht über meine Sexualität hier, meine Bemühungen um
Nähe, meine Erlebnisse in der Kirche.
Eine Lebensordnung, wie der erste
Dekan sie verstand, macht so deutlich wie Theologie manchmal argumentiert.
Leben mit Brüchen
Mein Leben war Liebe und Sehnsucht, Trennung und Schmerz, arbeitstüchtig und Infarkt, weggehen und wieder kommen. Leben ist immer mit Brüchen.
Ich kann
auch daneben liegen – ohne dass eine Ehe draus wird. Ich kann mich
aufbrauchen und krank dabei werden. Ich kann wütend sein und damit andere
verletzen und es Schutzbedürfnis nennen.
Ich kann auch Gedanken haben,
die nur heute gelten. Weil sie heute was ändern im Leben.
Ich suche nicht die allgemeingültige Formel. Ich bin selbst oft gescheitert mit neuen Regeln, die wieder anderen nicht passten. Ich bin gescheitert in einer Ehe, die traumhaft begann und im Drama endete. Ich wurde sehr krank und hab mich wieder erholt davon.
Sehr oft fühle ich mich
einsam in einer Welt, die meine Vita nicht kennt.
In Systemen, die aus
Regeln und Beziehungen bestehen.
Wo sind die Lebensformen in Kirche und Gesellschaft, die mal daneben liegen als was Wunderbares erkennen? Ohne draus den Skandal von Lebensordnungen zu machen? Wir leben wieder in konservativen, zuweilen rechtsextremen Zeiten. Da gilt Einzigartigkeit und anders leben als Systemgefährdung.
Tränen
Ich habe geheult in der letzten Kirchenbank, während alle um mich rumsassen und der Predigt über die Liebe lauschten. Ich habe geheult in einem Gremium, als mir die Argumente ausgingen.
Der Landeskantor sagte: "Da
sieht man, wieviel Herzblut du hast in der Sache.
"Bullshit, ich war
wütend und sauer, weil ich nach Jahren erkannte, sie verstehen dich
immer noch nicht beim Thema Popmusik in der Kirche. Bis heute.
Tränen sollten noch viel mehr wach rütteln als so ein Buch. Oder zwei Bettdecken. Nach dem Infarkt haben sie gewartet, bis ich wieder funktioniere. Das war ok, ich hätte keine Gespräche ertragen, als ich schwer krank war. Aber ich rede auch selten seitdem darüber.
Als mein Exmann sich trennte, stürzte ich in ein unglaubliches Loch, ich habe weiter gearbeitet, vorbereitet, berichtet über kirchliche Arbeit. Da saß ich bei der Synode in der letzten Bank und habe laut geschluchzt – und niemand hat es mitbekommen. Jedenfalls hat niemand reagiert.
Ich
hab sie gefürchtet die Momente am Anfang eines Dienstgespräches mit der
nett gemeinten Frage: "Wie geht es Ihnen?" Es war furchtbar, zu
erzählen und danach weiter mit der Arbeit zu machen. Dem eigentlich
Wichtigen in der Kirche. Ich habe also nur erzählt, was ging, bevor es wieder zur Arbeit ging. Ich habe mich privat zurück gezogen und wieder
funktioniert.
Heute bin ich soweit, ich rede darüber. In diesem Buch.
Es war nicht Thema bei der Arbeit, wie es mir geht. Nicht in 40 Jahren.
Vielleicht
ist das gut so, Privates und Dienstliches zu trennen. Aber es ist nicht
richtig, wenn man dabei heimlich zugrunde geht und die Struktur immer
noch systematisch Lebensformen, Ausbildungsgänge nicht zur Kenntnis
nimmt.
Wir tuscheln zuviel in den Nischen und Menschen verlassen die Kirche oder gehen zugrunde darin.
Bin ich nicht, ich ging weg und kam wieder, als ich soweit war. Habe Pausen gemacht und Nischen gesucht und sehr oft Dinge laut gesagt, immer irgendwie unpassend in der offiziellen Tagesordnung.
Wir sollten nicht nur unter Decken stecken
Das System als solches sollte Menschen umarmen. Nicht ermutigen, sich ins Private zurückzuziehen, wenn es intensiv und lebendig werden soll.Ich mag gar keine körperliche Nähe in der Kirche, das kommt mir so verlogen vor jedes Mal. Ich brauche keine Kuschelrunden. Aber eine Haltung, die mich umarmt, die hätte ich gebraucht.
Ständig argumentieren in der Nische, dauernd Widerworte, sich fremd fühlen?
Fühlt sich an wie nach der Veranstaltung heimkommen und niemand ist da.
Das Aufräumen am nächsten Tag wieder nicht abgesprochen. Es sind immer dieselben, die dann wieder kommen und auch aufräumen. Selten die großen Redner am Pult, aber immer die Zuarbeiter, die noch müde sind und sich wundern, warum vorher niemand dran gedacht hat, das mal endlich in den Gesamtplan aufzunehmen.
Die Fragen
Was zum Teufel hat den Dekan
geritten, sich mit meiner Sexualität zu beschäftigen?
Was zum Teufel
reitet eine Landessynode, wenn sie sagt: Homosexualität ist nichts, was
wir segnen? Worüber macht sich kirchliche Ordnung eigentlich wirklich
Sorgen?
Wie kann es sein, dass Tränen nicht ins kirchliche Leben zu passen scheinen außer als Aushalten können in seelsorgerlicher Begleitung? Ich frage mich das nach 40 Jahren immer noch.
Und heute erzähle ich
Ich erzähle sie heute nicht, diese wunderbaren Geschichten über ein erfülltes Leben in der Kirche. Über super lustige Veranstaltungen und echte Begegnungen voller Herz. Ich könnte Bücher damit füllen, es war ein schönes Leben auch in meiner Kirche.
Aber ich erzähle heute nichts davon. Ich habe mich für etwas anderes entschieden. Ich muss meine Stimme erheben, bevor ich platze oder in Tränen ausbreche gar.
Ich bin alt geworden,
vernarbt und so müde, Widerstand zu leisten gegen so alte Regeln.
Ich
frage mich immer, warum wir nicht einfach nur gleichberechtigte
Strukturen schaffen und Arbeitsprozesse, in denen alle vorkommen, ohne
Regeln vorzugeben, was das eigentlich Wichtige doch bitte zu sein hat.
Und nun?
Wenn
ich diese Geschichten erzähle ist das keine schräge Selbsterfahrung. Es
sind Geschichten, die anderen auch geschehen sind. Die sich
wiederholen, ohne dass wir daraus lernen. Dabei wären sie extrem
wichtige Hinweise für andere:
Lasst es euch nicht wieder antun. Tut nicht so, als ob alles in Ordnung wäre.
Sie ist nicht in Ordnung: Die Kontrolle über deine Sexualität mit 23. Die Pfarrfrau am Papierkorb. Die Lebensordnung, die andere Lebensformen zum Skandal macht. Die Einsamkeit im System. Die Tränen, die niemand sieht. Die Arbeitshaltung, die eben wie immer noch da ist am nächsten Morgen beim Aufräumen, das wieder nicht im Plan stand. Die Redner sind weg, die Arbeit bleibt liegen.
Wir sagen zu oft, so war das halt damals und schauen heute
wieder nicht hin.
Ich würde zu gerne jeden einzelnen Leser und jede
Leserin fragen: Wie geht es dir? Leidest du oder helfen dir meine
Gedanken? Was brauchst du?
Aber wahr ist eben auch – ich möchte
nicht wieder diejenige sein, die es dann richtet für jemanden, weil ich
es laut ausgesprochen habe, dass etwas im System nicht stimmt.
Keine
Sorge, ich gehe ganz sicher nicht mit diesem Buch an ein Rednerpult und
vergesse die Kistenschlepper im Hintergrund.
Ich wünsche mir Erzählrunden und jeder hat sich sein Glas selbst eingeschenkt und dann schaffen wir Systeme, in denen niemand unter den Tisch fällt. Aber ich bin ehrlich gesagt müde, es noch einmal anzugehen. Am Ende wird man müde, wenn man bemerkt: Die alten Geschichten, die definitiv schmerzen, geschehen immer noch.
Mein berufliches Leben sind noch wenige Jahre. Ich ziehe mich wirklich aufs Altenteil zurück. Ich schreibe viel und liebe es, diese Gedanken, die da so lange gären, einmal nieder zu schreiben.
Manchmal denke ich, ich wäre gerne eine alte Indianerdame, die am Lagerfeuer alte Geschichten erzählt, die das Herz wärmen und die Wunden heilen. Letzten Endes bin ich eine Frau mit unglaublichen Geschichten und schrägen Thesen über die Welt, Erziehung, Rollenmuster und die Theologie einer Kirche, in der ich gerne zuhause gewesen wäre.
War ich nicht, Kirche war mein Laden, ich habe den
geliebt, aber Heimat hatte ich da nie. Fehlende Väter und überforderte
Mütter. Als meine Eltern starben wurde mir bewusst, dass ich Familie
nicht kenne. Kurz vor Weihnachten wird mir das immer bewusst. Heilige
Familie ist mir irgendwie zuwider, in jeglicher Form. Ich weiß, das ist
hart denjenigen gegenüber, deren Familienleben gut funktioniert.
Vielleicht bin ich auch nur neidisch darauf, aber ich will nicht mehr so
tun als ob es für mich jemals funktioniert hätte.
Ich habe gearbeitet
und viel erlebt. Viel Gutes, viel Wunderbares und manches sehr
Schmerzhafte.
Heute ist es ein wenig spät für die Frage: Wie geht es dir? Ich kann sie auch nicht mehr zwischen Tür und Angel beantworten, bevor die eigentliche Agenda losgeht. Weil ich der Agenda misstraue und das was ich erkannt habe, nicht mehr in der Kirche lebe.
Nach 40
Jahren in einer Kirche, die Liebe predigt, fühle ich mich unverstanden,
immer noch.
Es sind wenige Menschen in dieser meiner Kirche, denen ich
wirklich auf die Frage: Wie geht es dir? antworten möchte.
Genau die haben mal mit mir unter einer Decke gesteckt. Sie leben eben auch in der Nische des Systems. Liegen mit ihren Gedanken neben der allgemeinen Tagesordnung.
Vielleicht
Hier ist mein Buch. Ich liebe den Gedanken, wie die Redner am Pult die Gedanken zitieren, aber noch viel mehr liebe ich den Gedanken, wie jemand aus der Küche applaudiert während dem Vortrag und dann ändert sich die Sichtweise.
Ich rufe
allen spirituell Missbrauchten zu, hört auf Euch schuldig zu fühlen.
Gott liebt euch groß!
So wie ihr seid.
Vielleicht liest jemand das Buch
am Abend einsam unter einer Decke.
Jemand von denen, die auch in der Nische leben. Ich kann dir nur sagen, such dir die Menschen, die das genauso sehen. Wir sind nicht wenige. Vielleicht stecken wir dann wenigstens beim Schreiben und Lesen zusammen unter einer Decke. Ohne uns missbraucht zu fühlen.
Ich danke allen Wegbegleiterinnen, manche waren Geschenk, manche eine Lektion. Ihr alle wart Teil meiner Kirche, die das Umarmen verlernt hat, aus sehr guten und echt miesen Gründen.
Ich möchte aufgenommen werden in eine Gemeinschaft, die alle sieht und Beteiligung an Entscheidungen gleichberechtigt ermöglicht.
Wir sind zu viele, die da in Nischen groß wurden oder den Laden frustriert verlassen haben. Lasst uns laut werden und Veränderung fordern, im System, in der Theologie, in der Kirche, damit sie relevant bleibt für Menschen, die Liebe leben wollen und nicht nur predigen.
Danke fürs Lesen und ja fragt gerne nach, ich komme gerne ins Gespräch raus aus meiner Nische.