Kantorenkind

Ich habe keinen Vater, der ist Kantor

Das Kind auf der Orgelbank

Heiligabend. Das kleine Mädchen sitzt auf der Orgelbank, oben auf der Empore, weit über den Köpfen der Menschen in den Kirchenbänken. Von hier oben sieht alles anders aus - kleiner, aber auch größer irgendwie. Ihr Papa spielt andächtig. Gerade hat er noch dirigiert. Seine Hände fliegen durch die Luft, der Chor singt, die Orgel donnert. Und das kleine Mädchen drückt stolz die Knöpfe. Das ist ihre Aufgabe. Wenn Papa nickt, drückt sie. Register wechseln, damit die Orgel anders klingt - lauter, leiser, heller, dunkler. Sie weiß genau, wann welcher Knopf dran ist. Sie ist stolz darauf. Andere Kinder singen Lieder unterm Weihnachtsbaum. Dieses Mädchen sitzt auf der Orgelbank und lauscht wunderschöner Musik. Das war mein Heiligabend. Und ich liebte ihn.



Der Marathon

Aber Heiligabend beginnt nicht auf der Orgelbank. Heiligabend beginnt morgens. Als ich älter wurde, war der Heilige Abend ein sehr voller langer Tag.

Morgens: Mit dem Kinderchor ins Krankenhaus. Auf allen Stationen singen. Die alten Menschen in ihren Betten, die Kranken, die nicht nach Hause können - für sie wird gesungen. Wir Kinder vom Kinderchor bekommen in der Krankenhausküche jeder ein Päckchen mit Süßigkeiten vom Küchenpersonal. Schnell nach Hause, Mama macht Kartoffelsalat und Würstchen.

Nachmittags: Marktplatz mit dem Posaunenchor. Choräle zur Feier der Stadt. Kälte, Schnee manchmal. Schnaps über den Zug der Posaune gegossen, damit sie bei Eiseskälte funktioniert. Das war praktisch, nicht dekadent.

Danach: Mehrere Altenheime. Wieder spielen oder singen. Wieder alte Menschen, die nicht mehr woanders sein können. Die Chorfamilie bringt ihnen Weihnachten.

Abends: Die Christvesper mit Chören. Wenn wir nicht schon beim Krippenspiel vorher dabei waren. Drei Gottesdienste gab es schon und an den folgenden Feiertagen musste es auch festliche Musik sein. Zu Gottes Lob. An Weihnachten.

Immer die Empore, Orgelbank, Singen, Spielen und Musik. Das war Weihnachten und das Essen und die Bescherung eher reingequetscht in den Tag.

Nach der Christmette: Nochmal los zum Choralblasen. Durch die Straßen ziehen, Choräle blasen, während andere längst zuhause unter dem Weihnachtsbaum sitzen. Wir jungen Bläserinnen und Bläser sind nochmal los, weil wir es so wollten. Es gab viel Schnaps und auch Weihnachtsplätzchen in den Straßen meiner Heimatstadt.

Ich war immer dabei. Von morgens bis spät nachts. Unterwegs sein, das war mein Heiligabend. Ich war zufrieden. Gemeinschaft. Zusammengehörigkeit.

Damals hat niemand über zu viel Alkohol diskutiert. Schnaps schmierte den Zug der Posaune - das war praktisch. Glühwein nach dem letzten Gottesdienst gehörte dazu. Es war gesellig, es war Gemeinschaft. Dass es nicht gesundheitsförderlich war und manchen Streit provoziert hat? Darüber hat niemand geredet. Das gehörte einfach dazu.


Gott loben das ist unser Amt, sagte Papa und Mama seufzte dazu.




Die harten Worte

"Ich hab keinen Vater, der ist Kantor." Ich hab das laut gesagt. In der Pubertät. Nicht heimlich, nicht als Geheimnis. Als Feststellung.


Ich kannte Vatergeschichten nicht, ich war die Tochter des Kantors.


Papa ist täglich um 17 Uhr aus dem Haus, nachts zurück. Vorher hat er Klavierschüler. Er hat zwölf Chöre insgesamt. Das ist sein Leben. Seine Erfüllung. Er liebt es, unterwegs zu sein. Er liebt seine Chorleute, seine Musik, die großen Konzerte, die er aufführt - Brahms-Requiem, Mendelssohns Elias. Werke, die Auswirkungen haben bis heute.


Papa hat sich nicht geopfert. Papa hat gelebt.


Und ich? Ich hatte keinen Vater. Ich hatte einen Kantor als Vorbild.



Register drücken und Butterbrezeln schmieren

Das Kind auf der Orgelbank drückt stolz die Register bei großen Konzerten. Aber das Kind steht auch in der Gemeindeküche und schmiert Butterbrezeln oder macht belegte Brote. Für die Generalprobe. Für die Chorleute. Für die Konzerte, die Papa organisiert.

Mama ist an der Schreibmaschine. Sie tippt die Programme, organisiert das Büro des Kantors, ist seine gesamte Infrastruktur. Unbezahlt. Unsichtbar.

Die Kinder helfen mit. Nummern auslegen in den Kirchenbänken, Programme falten, Butterbrezeln schmieren, Proben, Auftritte, Aufbau und Abbau. Hochzeiten, Beerdigungen, Besuche und Gespräche.

Beides gehört zusammen. Die Musik und die Care-Arbeit. Das Große und das Kleine. Die Bühne und die Küche, vor allem unsere Küche zuhause, wo man alles Mama erzählen konnte.


Aber nur das eine wird gesehen.




Was ging verloren?

Was ging eigentlich verloren bei dieser Kantorenfamilie?
War das so furchtbar, dass wir dauernd unterwegs waren?
Ging das auf Kosten der Familie?
Und heute machen alle weniger als der große Kantor damals, weil das so unmenschlich war?
Lassen wir die großen Events lieber weg, weil niemand mehr Zeit hat?
Ist Work-Life-Balance die Lösung?

Nein.

Work-Life-Balance ist eine Lüge. Vor allem in der Kirche.

Das Problem meiner Kindheit war nicht, dass Papa zu viel gearbeitet hat. Das Problem war nicht, dass die Konzerte zu groß waren.


Das Problem war: Das System funktionierte nur, weil Menschen über ihre Grenzen gingen und es niemand beachtet hat.


Papa konnte sein erfülltes Leben leben, weil Mama da war. Unbezahlt. Unsichtbar.

Die Konzerte konnten stattfinden, weil die Kinder mithalfen. Weil Ehrenamtliche sich engagierten. Was sie gern taten, wenn auch an anderes gedacht wurde. An den Dank, das Wahrnehmen, das gut Einteilen. Aber viel zu oft waren große Sachen auf den Rücken von Menschen gemacht, die weit über ihre Grenzen gingen.


Und die Kirche? Die Kirche hat das System gefördert. Gefeiert. Belohnt.


"Der große Kantor" - niemand fragte nach dem System und der Frau dahinter.



Ich glaube an ganz was anderes

Hören wir also auf, soviel zu machen, weil heute niemand mehr soviel arbeiten kann? Nein, das wäre der falsche Schluss. Ich glaube nicht an Work-Life-Balance.

Work-Life-Balance ist eine Lüge - vor allem in der Kirche. Wir brauchen keine Balance, sondern ein Leben, an dem alle gleichberechtigt teilhaben können. Kirchliche Arbeit muss so organisiert sein, dass niemand unter den Tisch fällt.

Ich glaube daran, dass wir es in der Kirche besonders zeigen müssen:


Unser Leben, unser Arbeiten, unsere Freude - das ist keine Frage von Arbeitszeit und Freizeit. Ich glaube an sinnvolles Tun in allen Lebensbereichen.


An genaues Hinschauen: Wer ist gerade überlastet?

Und nein, das ist nicht immer der Hauptamtliche. Manchmal sind es die Ehrenamtlichen, die ausbaden, was der Hauptberufliche schlecht organisiert hat.

Ich glaube: Kinder müssen wir nicht irgendwo abstellen und unsere Teenager nicht zuhause lassen. Wir sollten kirchliche Arbeit so machen, dass Menschen allen Alters einbezogen werden, dass alle sagen können: "Das war meine Welt. Ich habe es geliebt."

Was ich übrigens tat. Ich liebte diese Weihnachtsfeste. Ich liebte es, auf der Orgelbank zu sitzen und die Register zu drücken. Ich liebte die großen Konzerte, die Musik, das Unterwegs-Sein.


Aber ich hätte auch gerne einen Vater gehabt.




Die Vision


Ich glaube auch daran: Sinnvolle kirchliche Angebote sind keine Serviceleistung - sondern echtes Miteinander.


Kirchliches Leben sollte voller guter Ideen sein. Ideen für die Menschen, die Hilfe und ein gutes Wort zu rechten Zeit brauchen.


Ich glaube an echte Profis:

  • Die Prozesse moderieren
  • Die gute Arbeitsplanung beherrschen


Mal ehrlich: Wer stürzt sich nicht gerne in ein gutes Projekt, wenn es Essen gibt für alle und gefeiert wird danach?

Das ist keine Utopie. Das ist machbar.

Kinderbetreuung kann man doch einbauen - nicht als nachträgliche Lösung, sondern von Anfang an mitgeplant.

"Wir haben Kinderbetreuung organisiert" oder "Du kannst nicht? Dann suchen wir gemeinsam nach den Menschen, die nach den Kindern schauen oder bei deinen Angehörigen zu Hause nach dem Rechten schauen."

"Bring deinen Teenager mit, wir haben bisschen Taschengeld eingeplant für den Standdienst. Der kann sich was dazu verdienen."

Nachbarschaftshilfe - nicht als privates Problem, sondern als Teil der Planung.

"Die Nachbarschaftshilfe liest dem dementen Opa was vor - wir haben das mitorganisiert."


Das ist gute Arbeitsplanung. Das ist Care-Arbeit mitdenken. Die Kirche könnte das perfekt organisieren. Sie hat die Strukturen. Sie predigt Nächstenliebe.


Aber sie macht es nicht.

Weil Care-Arbeit immer noch als "Frauensache" gilt. Als privat. Als selbstverständlich.


Ich hätte auch gerne eine Mutter gehabt, die öffentlich gefeiert wird.


So habe ich miterleben müssen, wie sie einfach immer zu viel gemacht hat.



Vergesst die Frauen nicht

Vergesst die Frauen nicht, die nach wie vor "eben mal" die Care-Arbeit machen.

Das gilt für Dekaninnen ebenso, wie für die Frauen von Landessynodalen.

Ich träume davon, dass wir zuerst fragen:

Und das sollten Männer eben genauso tun.

Care-Arbeit sichtbar machen. Bei der Planung mitdenken.

Nicht erst das Projekt planen und dann fragen: "Wer kann?"

Sondern: Erst fragen: "Was brauchst du, damit du dabei sein kannst?"



Die Lektion

Das war meine erste Lektion, die ich als Kind auf der Orgelbank lernte - auch wenn ich sie erst viel später in Worte fassen konnte: Du kannst die Musik machen, Register ziehen - aber vergiss nicht, wer nach den Kindern schaut, die Oma versorgt und das Essen richtet.

Papa durfte sein erfülltes Leben leben. Mama trug die Hintergrund-Arbeit. Ich liebte die Musik und hatte keinen Vater. Ich liebte meine Mutter und sah, wie überlastet sie war.

Das war die Kirche der 70er.

Was ist heute anders? Nicht genug.

Die Strukturen sind immer noch da. Die Unternehmer-Pfarrer. Die unsichtbare Care-Arbeit. Die Kinder, die funktionieren müssen.

Es wird Zeit, das zu ändern. Nicht durch weniger Musik. Nicht durch weniger Events. Nicht durch Work-Life-Balance. Sondern durch bessere Organisation. Durch echtes Miteinander. Durch Hintergrund-Arbeit, die vorher bedacht und endlich sichtbar wird. Durch Männer, die genauso fragen: "Wo ist dein Kind? Hast du wirklich Zeit?"


Das ist keine Utopie. Das ist machbar. Die Kirche könnte es vormachen. Sie tut es nur nicht. Noch nicht.