Frauenbilder
Zwischen Feministinnen und Pfarrfrauen
"Du willst also Pfarrfrau werden?"
Meine Großtante schaute mich verwundert an, als ich ihr von meinem Studium erzählte. Religionspädagogik - was sollte das sein?
"Nein", sagte ich. "Ich studiere selbst. Ich werde keines Mannes Frau in der Kirche."
Sie verstand es nicht. Für sie gab es in der Kirche nur eine Rolle für Frauen: die Frau an der Seite eines Mannes. Unsichtbar. Zuarbeitend.
Aber ehrlich gesagt: Ich hatte keinen großen Plan. Ich wollte einfach nur weg von zuhause. Weg aus der Kantorenfamilie, wo Papa die Musik machte und Mama die Infrastruktur war. Weg aus meiner Geburtsstadt.
Ich verließ sogar meinen ersten Freund dafür. Nicht weil er falsch war, sondern weil ich erst mal denken wollte. Mir was aufbauen. Nicht mit 20 in einer Ehe landen, in meiner Geburtsstadt, als Zuarbeiterin eines Mannes.
Ich wusste nicht, was ich werden wollte. Ich wusste nur, was ich nicht werden wollte: Eine Ehefrau im Hintergrund. Nicht die Frau von jemandem.
Die Hochschule
Dann kam ich an die Hochschule. Dort traf ich andere Frauen. Feministinnen. Die hatten einen Plan. Die wussten, was sie wollten. Die forderten laut.
Sie forderten Rechte ein. Sie machten Männer verantwortlich für alles, was in der Welt schief läuft. Sie sagten: Wir leben, wie wir wollen. Wir beenden Schwangerschaften. Mein Bauch gehört mir. Und ihr Männer könnt uns mal.
Wir wollen überall vorkommen. Wir wollen nicht die Hälfte vom Kuchen, wir fordern die Bäckerei.
Ich kannte das nicht - dieses Rechte-Einfordern, diese Wut auf Männer.
Aber ich verstand es. Ich wollte ja auch nicht abhängig sein. Nicht wie Mama. Nicht die Ehefrau, die versorgt werden muss. Nicht in einer Ehe landen, wo ich wieder die Hintergrund-Arbeit trage.
Ich suchte nach einem Weg, mit Männern zusammen zu sein, ohne mich aufzugeben. Ich wollte nicht gegen sie kämpfen. Ich wollte miteinander leben können. Mann und Frau gleichberechtigt bei der Arbeit, zuhause und in der Kirche.
Dafür gab es kein Vorbild.
Schamlosigkeit
Da gab es auch andere Studentinnen. Die, die sich unter dem T-Shirt umzogen im Umkleideraum. Weil man sich nicht nackt zeigt. Sie tat mir so leid, diese schüchterne Kollegin. Ich war doch nur im Raum, während sie sich schämte vor mir.
Später erzählte mir eine Kollegin: "Ich habe auch nie mit anderen geduscht in der Kirche." Aber ihr Grund war ein anderer. Sie wollte nicht auffallen. Sie war intim rasiert. Es schien ihr unmöglich, sich so zu zeigen im kirchlichen Umfeld.
Ich war über 50, bis ich es wagte, mit ihr über Intimrasur zu sprechen. 50 Jahre Schweigen über etwas so Körperliches. Nicht weil ich prüde war - sondern weil niemand darüber sprach.
Wir sprechen nicht über Nacktheit. Nicht über Lust. Nicht über Pickel im Schambereich. Nicht über Männer, die auf glatt stehen. Nicht über die Frage, ob das mit Pädophilie zu tun hat. Im Kirchenladen reden wir nicht davon, so gut wie nie.
Als junge Diakonin habe ich Menschen besucht. Ein Besuch bleibt mir in Erinnerung. Da war eine Mutter mit ihrer Tochter, die beim Hausbesuch oben ohne die Tür aufmachten. Das war für sie normal. Ich war so verlegen. Aber irgendwie fand ich es auch gut. Ich konnte mich aber nicht wohlfühlen da.
Das ist berechtigte Scham, die man ja auch achten sollte. Ich kenne beides, unverschämt sein wollen, aber auch verlegen sein.
Nein, ich möchte keine tabulosen Gespräche, die kenne ich aus Datingportalen, das ist auch nur fast lustig und frei.
Ich sprach immer schon über Lust. Sogar mit jungen Menschen. Die erzählen es heute noch: "Bei dir konnte man über Sex und Gott reden."
Ja klar. Hat beides was mit Liebe zu tun.
Oder eben doch nur Befriedigung und Kick? Aber wohin?
Ich weiß bis heute nicht, wie man sich attraktiv fühlt ohne sich Übergriffen auszusetzen. Und klar gab es die, heimlich in unserer Kirche und außerhalb.
Ich habe da gelebt, mit einer Prüderie die seinesgleichen sucht, mit unglaublicher Tratscherei, wenn eine oder einer mal anders war und lustvoll auftrat.
Ich habe aber auch erlebt, dass man nicht immer andere für Grenzverletzungen verantwortlich machen kann, wenn Grenzen weder bekannt sind noch kommuniziert werden. Raus aus der Tabuzone heißt immer noch rein in die freie Wildbahn.
Ich möchte keine neues Prinzip in der Kirche einführen:
"Wir sind tabulos!" - sind wir nicht. Aus gutem Grund sogar.
Aber wir müssen drüber reden können, sonst sind wir ausgeliefert denen, die es tun, aus welchen Motiven auch immer.
Wir sind nicht sprachfähig bei diesen Themen und nicht ehrlich, was Männer und Frauen angeht.
Das ist dann doch privat, wir sprechen über die heilige Liebe und nicht die sexuelle Erfüllung, die ebenso ein Gottes Geschenk sein kann, wie die Nächstenliebe.
Wir sind immer noch Jungfrau Maria, weil ja keine Frau Sex haben kann, um Gottes Sohn zu empfangen. Warum eigentlich nicht?
Ist die Jungfrauengeburt eine erfundene Geschichte, um altes Patriarchat zu stützen oder um es zu durchbrechen? Ich weiß es nicht genau, ich wundere mich nur über diese Vorstellung.
Lasst uns drüber reden. Wer Kinder erzieht, die dann empfangen werden, wenn man Sex hat und ob wir dann in der heiligen Ehe landen müssen, um alles wieder in Ordnung zu bringen, um verantwortlich zu sein für unsere Sexualität.
Es gibt keine gute Sexualerziehung in der Kirche. Bis heute nicht. Niemand erklärte mir, wie ich als Frau sein konnte - mit Lust, mit Beziehungen, ohne mich aufzugeben. Ohne Scham. Ohne Performance.
Die Pfarrfrau
Ich denke oft an meine erste Stelle. Gerade neu erwacht mit all den Lebensthemen der Hochschule, fehlenden Vorbildern für mich, meine Verunsicherung auf der Suche nach einem Vorbild, wie ich als Frau in der Kirche sein wollte.
Dort traf ich sie: Die Pfarrfrau.
Nicht die befreite Feministin. Nicht die verschämte Studentin. Sondern ein Frauen-Modell, von dem Kirche profitierte und worunter sie auch litt. Lange.
Sie war die Expertin dafür, wie man es richtig macht.
Bei der Konfi-Freizeit wollte sie mir erklären, wie viel Wurst ich kaufe. Zwei Scheiben Brot pro Konfirmand. Eine Scheibe Wurst jeweils drauf. Das waren ihre Mengenvorgaben.
Es war eine fast eklige Demut, verkleidet in den Vorwurf der Verschwendung. Sie konnte weder sich noch anderen etwas gönnen.
Sie übte subtil Macht aus, indem sie dauernd davon erzählte, wie unterdrückt und ungesehen Pfarrfrauen eigentlich sind.
Dabei durchwühlte sie meinen Papierkorb, ob ich auch nichts Wichtiges aus Versehen wegwerfe. Sie kontrollierte, was ich tat. Das war ihr Ding, ich war dauernd eine Gefährdung ihres Systems. Sie wollte mich erziehen, mir erklären, wie das kirchliche Leben zu sein hatte.
Sie hatte zwei Töchter, die mich liebten. Ich war die direkte Konkurrenz zu ihrer Erziehung in Angst und Scham zuhause.
Sie hatte fast einen Nervenzusammenbruch, als wir mit ihren Töchtern als Jugendkreis im Kino waren und "Rain Man" schauten. Wegen der Szene, wo Raymond nebendran sitzt und hört, wie sein Bruder mit einer Frau schläft. Nichts Explizites. Nur impliziert.
Aber für sie: ungehörig. Ihre Töchter durften so etwas nicht sehen. Nicht wissen, dass Menschen Sex haben. Nicht lernen, dass das normal ist. Manchmal fragte ich mich, ob irgendjemand in der Kirche überhaupt Sex hat.
In den Pfarrhäusern schien mir das jedenfalls irgendwie nicht wirklich lustvoll und verschwenderisch zu sein.
Heute sehe ich das alles anders. Ich kenne aber auch sehr viele andere Pfarrhäuser heute.
Heute würde ich einen solchen Konflikt offen angehen und nicht heimlich leiden und mich mit den Töchtern solidarisieren. Was für eine tragische Gestalt sie war. Ich aber auch.
Ich hätte ihr vielleicht helfen können, aber dafür hatte sie zuviel Macht über mich und mein langsam erwachendes eigenes Selbstbewusstsein. Das war in ihrer Welt nicht vorgesehen. Eigenständig denkende Frauen, die lustvoll und unabhängig, ihr Leben lebten.
Sie behütete ihre Töchter, indem sie sie klein hielt. Damit sie passten in die Welt, wie sie für sie schon war und sicher auch nicht anders werden würde. Davon war sie überzeugt.
Wovor hatte sie solche Angst?
Dass ihre Töchter nicht mehr passen würden? Dass sie größer werden würden, als sie selbst es war? Dass sie nicht die unsichtbare Zuarbeiterin werden würden, die sie ihr Leben lang war? Sie bekämpfte mich nicht, weil ich böse war. Sie bekämpfte mich, weil ich anders war, als sie es für sich sein konnte.
Sie erinnerte mich an meine Mutter, die nicht so zwanghaft veranlagt war, aber im Grunde mir dasselbe empfahl. Sei nicht zu klug, ein Mann mag keine dominanten Frauen. Pass dich an, sonst bleibst du alleine. Und hör auf uns Mütter, wir wissen was für euch gut ist.
Nein wisst ihr nicht, ihr seid in einer Zeit geboren, wo der Feminismus noch nicht mal angedacht war. Es wurde sowas von Zeit da auszubrechen aus den Mustern der Nachkriegsjahre.
Die männlichen Kollegen
Dann traf ich sie - die männlichen Kollegen in der bezirklichen Jugendarbeit. Ich wurde Jugendreferentin. Ich hatte etwas Scheu vor diesen Kollegen. Aber ich fand das alles sehr faszinierend.
Die Männer mit den VW-Bussen. Die mit den Jugendlichen in die weite Welt fuhren. Die laut den Frommen alle verdorben hatten mit ihrem Freiheitsdrang.
Die Frage, ob irgendjemand in der Kirche Sex hatte, war hier klar beantwortet. Oh ja. Die hatten Sex. Die gingen in die gemischte Sauna beim Konvent wie selbstverständlich. Die hatten Lebensfreude und waren auch unverschämt irgendwie.
Es gab ein oder zwei alte Kolleginnen. Die waren erfolgreich in der Jugendarbeit. Aber sie waren nicht attraktiv - in den Augen dieser Männer. Und sie waren nicht greifbar. Für ganz viele Lebensbereiche. Sie waren hier ja nur bei der Arbeit.
Das war das Muster: Frauen konnten erfolgreich sein, wenn sie nicht attraktiv waren. Wenn sie ihr Leben der Arbeit opferten.
Dann kamen wir jungen Frauen.
Und plötzlich war alles anders. Wir waren attraktiv. Lebendig. Nicht nur bei der Arbeit.
Das war die Schmeichelei: Du bist anders. Nicht wie die alten Kolleginnen. Du bist jung. Du verstehst uns.
Und die Jungs dachten: Cool, wir machen sie zur Vorsitzenden. Die wird schon tun, was wir heimlich wollen.
Es war schmeichelhaft. Es war aufregend. Ich spielte eine Zeitlang mit beim neuen Spiel. Vorsitzende sein, gehört werden, ernst genommen werden - so dachte ich. Von wegen Männer mögen keine klugen Frauen. Von wegen Arbeit ist unattraktiv und lustlos. Von wegen wir Frauen haben nichts zu sagen.
Aber dann kam der Fuck-Moment.
Sie wollten, dass ich sage, was sie mir zuflüsterten. Dass ich ihr Sprachrohr werde. Ihre hübsche Vorsitzende, die ausführt, was sie im Hintergrund planen.
Das ist eine schlimme Frauenrolle: Du darfst vorne stehen - aber nur, wenn du sagst, was andere dir einflüstern. Das ist die neue Pfarrfrau im Profigewand. Demütig, ausführend und ja keine eigene Meinung.
Es wird hart geschossen, wenn du anders leitest, als die Frauenquote es fordert.
Frauen leiten anders, deswegen wollen wir sie hören.
Die heimliche Agenda dabei ist aber: "Sorgt doch bitte dafür, dass es uns gut geht." Frauen sorgen dafür, dass die Sitzung etwas aufgepeppt wird, menschlicher, netter wird. Im Grunde machen wir dann das, was Frauen immer schon tun. Wir sorgen uns um die Männer, das Wohlbefinden, die Athmosphäre.
Wie schon Mama zuhause den Tisch für alle gedeckt hat, damit der Mann von der Arbeit heimkommt und erzählen kann, wie toll er alles abgearbeitet hat.
Die Gremien ändern sich in der Tat, wenn mehr Frauen vorkommen, die Muster bleiben. Frauen mögen diese Rolle nicht, sie können noch härter argumentieren, wenn sie spüren, am Ende sollen wir es ausbaden.
Sie sind noch gnadenloser, wenn es darum geht, Karriere zu machen. Es wird ja auch Zeit.
Ich schimpfe nicht über Männer und Frauenrollen. Ich versuche zu verstehen und ich leide eher und motze hinten rum, weil ich das gelernt habe zuhause.
Mama und Papa haben ein kirchliches System gelebt, das auch das Ehesystem der 60er Jahre war. Mütter werden zu der Frau von, während der Mann denkt, wie lustlos das zuhause geworden ist, aber ich hab soviel zu tun schon. Ist das alles traurig bis heute.
Es gibt kaum noch Pfarrfrauen, die nicht arbeiten. Es gibt keine Pfarrmänner, die zuhause alles in Ordnung halten, damit Frau den Talar überstreifen kann. Es gibt auch keine Bischöfinnen, die ihr Familienleben thematisieren, falls sie eines haben.
Es gibt immer noch genug Singles unter kirchlichen Mitarbeitenden, die nicht mal Gelegenheit hätten, eine Beziehung einzugehen. Ich hatte sie jedenfalls nicht in meiner erfolgreichen beruflichen Zeit.
Ich merke bis heute: Das passt alles nicht. Ich denke an allen Ecken nach, wie kommt jemand vor - und ich vergesse mich dabei.
Das Wasserglas
Frauen und Männer fühlen sich vergessen. Frauen und Männer haben keine guten Vorbilder, um vorzukommen in einer Art und Weise, die alle gleich berechtigt.
In der Kirche ist es wie in der Welt. Wir wissen nicht, wie es anders gehen könnte. Frauen an die alten Positionen zu berufen, wird nicht das System verändern.
Noch dazu, wenn heute mehr und mehr Männer sich ärgern, weil sie keine Karriere mehr machen, weil dauernd nach Frauen gerufen wird.
Alle ziehen sich noch mehr zurück ins Private. Und niemand kümmert sich mehr ums große Ganze.
Männer und Frauen haben keine Vorbilder, wie Familie und Job zusammen geht.
Kirche lebt nicht, wenn niemand im Hintergrund die Arbeit macht. Das ist leider auch wahr. Die Wirtschaft brummt, wenn Kapitalismus billige Arbeitskräfte hat und die Kirche ist lebendig, wenn viele zuarbeiten.
Nehmen wir zum Beispiel ein Wasserglas. Ich bin gerne am Rednerpult. Aber ich kann es nicht einfach hinnehmen, dass jemand das Glas da hingestellt hat, den ich nicht kenne.
Ich stand nie am Rednerpult, ohne vorher gefragt zu haben: Wer besorgt die Kiste Mineralwasser?
Früher hatte ich die Kiste im Auto. Heute sorge ich dafür, dass jemand sie einkauft. Ich kenne keine berufliche Situation, wo ich irgendwohin komme und das Glas Wasser steht einfach da.
Es gibt Menschen, die ans Pult treten - und alles ist vorbereitet. Und es gibt die, die wissen: Jemand muss die Wasserkiste besorgen. Jemand muss daran denken.
Ich gehörte immer zu den zweiten.
Heute mache ich Digitalisierung. Auch so was. Als würde Technik die Frage nach den Arbeitseinheiten lösen. Als würde digitale Verbundenheit echte Verbundenheit ersetzen.
Immer erreichbar sein löst das Problem nicht: Wann bin ich privat? Wann bin ich auf der Arbeit?
So bin ich bis heute, auch bei Feiern, auch im Privaten. Immer bin ich die Organisatorin oder diejenige, die analysiert, wie etwas organisiert ist.
Ich bin so gut wie nie diejenige, die sich einfach zurücklehnt.
Ich hatte Kein Rolemodel, das passte; keine Frau, die mir zeigte, wie es geht - beruflich erfolgreich sein und ein eigenes Leben haben. Beziehungen haben und nicht zur Zuarbeiterin werden.
Die Frauen in meinem Leben waren keine Vorbilder, ich sah nur das Dilemma auf beiden Seiten.
Männer geben keinen Halt, sie wollen Rückendeckung bis heute. Aber sie leiden genauso drunter unter diesem fehlenden Modell, wie es anders gehen könnte.
Möchte ich über das Unwohlsein von Männern schreiben? Nein.
Das habe ich mein Leben lang gemacht, Männer mitgedacht auf dem Weg für mich.
Ich bin Feministin, aus Überzeugung, ich betreibe kein Männerbashing, aber ich denke sie nicht mehr mit. Meine Ehe, die ich mit 40 begonnen habe, ist vermutlich daran zerbrochen, dass ich ihn in der Familie mitdenken wollte und vordenken und dabei mich vergessen habe. Weil es keine anderen Rollen gab, in die sich mein Exmann gut hätte einfinden können. Wir sind gescheitert, es anders zu wollen.
Ich wurde zur heimlichen Zuarbeiterin und war gleichzeitig erfolgreich. Ein Dilemma, das keine Ehe aushält. Es ist auch mir passiert: Trotz allem, was ich wusste. Weil das System so stark ist. Weil ich keine anderen Vorbilder hatte. Und er schon mal gar nicht.
Die Wunde
Die Ehe endete. Ich war wieder allein. Dieses Mal alleinerziehend. Ich erziehe einen jungen Mann, der neulich sagte, Mama ich bin Feminist. Yeah strike, mal schauen wie die nächsten Generationen das leben werden.
Ich bleibe auf der Suche nach einem Weg, Frau zu sein in der Kirche - ohne Zuarbeiterin, ohne Machtspielerin, ohne einsam zu sein. Ich dachte mir, bevor ich in Rente gehe, hinterlasse ich dieses Buch, weil ich erzählen mag, was uns alle geprägt hat.
Es sind Wunden, manche sind gut vernarbt, andere bluten noch. Ich bin Geschichtenerzählerin geworden. Ich denke zuviel. Ich muss einfach erzählen, was ich erlebt habe. Weil ohne die Geschichten, die schonungslose Wahrheit sich doch nichts verändert.
Manchmal fühle ich mich wie eine Rednerin und in der Küche trägt wieder jemand den Wasserkasten durch die Gegend.
Gibt es eine Geschichte, die ein gutes Frauenbild wäre? Ich habe soviele Redner erlebt, die nur von der Aktion erzählen, dem was sein soll. Niemand macht sich die Mühe dabei zu fragen, wie wollen wir sein als Frauen und Männer?
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