Kapitel 9

Liturgischer Exkurs
Die Messe und was daraus werden kann

Liturgie ist für viele Menschen ein Fremdwort. Oder schlimmer noch: ein Wort für langweilige Rituale, die man halt so macht, weil man sie schon immer so gemacht hat. Ablauf. Programm. Durchziehen.

Aber Liturgie kann etwas ganz anderes sein. Sie kann ein durchdachter, sinnvoller Weg sein – wenn wir sie mit Leben füllen. Wenn wir verstehen, was die einzelnen Teile eigentlich bedeuten und wohin sie uns führen wollen.

Die Messe ist so ein Weg. Sie hat eine Struktur, die seit Jahrhunderten gewachsen ist. Und diese Struktur ist klug. Sie führt uns durch verschiedene Stationen – von der Sammlung über die Verkündigung bis zur Sendung in die Welt.

Das Problem ist nur: Kaum jemand versteht das noch. Die Messe wird abgespult. Die lateinischen Begriffe werden gemurmmelt oder durch modernere Wörter ersetzt, ohne dass jemand erklärt, was da eigentlich passiert. Und am Ende denken alle: Gottesdienst heißt, man hört eine Predigt, singt ein bisschen, und dann geht man wieder nach Hause.

Aber die Messe will etwas anderes. Sie will uns vorbereiten, uns nähren, uns ausrüsten – und dann in die Welt schicken. Nicht zur Sekte der Bekehrten. Sondern zu den Menschen.

Lass mich erklären, was ich meine.

I. Eröffnung – Wir kommen an

Votum: Im Namen Gottes

„Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes."

Wir nennen das manchmal „feiern", obwohl es überhaupt nicht feierlich daherkommt. Es ist einfach die Ansage: Wir fangen jetzt im Namen Gottes an. Nicht in unserem eigenen Namen. Nicht als Selbsthilfegruppe. Sondern weil wir glauben, dass Gott da ist.

Kyrie: Gottes Nähe suchen

„Herr, erbarme dich."

Viele nennen das ein Bußgebet. Als müssten wir uns erst mal kleinmachen und sagen: „Wir sind so schlecht, Gott, vergib uns!"

Aber darum geht es nicht.

Das Kyrie ist eine Bitte um Gottes Nähe. Das Wort „Erbarmen" kommt von „Barm" – das bedeutet Busen, Schoß. Es geht um Geborgenheit. Um die Bitte: Gott, sei bei uns. Nimm uns in deine Arme.

Nicht: „Was sind wir für schlechte Menschen." Sondern: „Komm näher, Gott."

Gloria: Die einzige Stelle zum Abheben

„Ehre sei Gott in der Höhe."

Das Gloria ist die große Lobpreisung. Die einzige Stelle im Gottesdienst, wo wir wirklich abheben dürfen. Wo es groß wird. Wo wir Gott feiern.

Aber bitte: Das Gloria ist EIN Teil des Gottesdienstes. Nicht der ganze Gottesdienst. Zwanzig Minuten Worship am Stück? Das ist mir zu viel. Das Gloria hat seinen Platz – und dann geht's weiter.

Collecta: Wir sammeln uns

Das Tagesgebet. Die Collecta.

Der Name sagt es schon: Wir sammeln uns. Wir versammeln uns. Wir nehmen uns selbst ins Gebet – nicht jemand anderen.

Das ist wichtig. Wir beten nicht FÜR die armen Sünder da draußen. Wir beten MIT uns selbst. Wir kommen an. Wir werden still. Wir sind jetzt hier.

II. Verkündigung – Wir hören hin

Epistola: Gottes Wort – auch das jüdische

Die Lesung aus den Briefen oder aus dem Alten Testament.

Wir hören auf Gottes Wort. Und zwar nicht nur auf das, was Jesus gesagt hat. Sondern auch auf das jüdische Wort. Auf die Geschichten des Volkes Israel. Auf die Propheten.

Warum? Weil Jesus Jude war. Weil seine Botschaft nicht im luftleeren Raum entstanden ist. Weil wir die jüdische Tradition nicht einfach wegwerfen können.

Halleluja: Zweite Stelle für Praise

„Halleluja!"

Hier ist Platz für Lobpreis. Für Freude. Für das Abheben zwischen Lesung und Evangelium.

Aber auch hier gilt: Das Halleluja ist EIN Moment. Nicht der ganze Gottesdienst.

Evangelium: Jesu Botschaft an die Welt

Die Lesung aus den Evangelien.

Hier kommt Jesus selbst zu Wort. Seine Geschichten. Seine Gleichnisse. Seine Botschaft an die Welt.

Und die Botschaft ist eigentlich immer dieselbe: Liebe.

Homilia: Übertragung in unsere Zeit – bitte!

Die Predigt.

Hier wird's ernst. Jetzt soll jemand erklären, was das alles mit uns heute zu tun hat. Was das Evangelium in unserer Zeit bedeutet. Wie wir das leben können.

Eine gute Predigt übersetzt. Sie macht Brücken. Sie zeigt Verbindungen.

Eine schlechte Predigt? Moralisiert. Verurteilt. Oder redet an der Welt vorbei.

Credo: Wir bekennen, dass wir das glauben. Mehr nicht.

Das Glaubensbekenntnis.

„Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen..."

Wir sprechen das gemeinsam. Wir sagen: Ja, das ist unsere Geschichte. Das ist unser Fundament.

Aber es ist ein Bekenntnis. Keine Beweisführung. Keine theologische Abhandlung. Wir bekennen, dass wir das glauben. Mehr nicht.

Fürbitten: Was uns für die Welt einfällt

Und dann kommen die Fürbitten.

Das ist der Moment, wo wir die Welt mit hineinnehmen. Wo wir fragen: Wer braucht gerade Liebe? Wer ist in Not? Was bewegt uns?

Die Fürbitten sind nicht irgendein liturgischer Pflichtpunkt. Sie sind die Antwort auf das Evangelium. Sie sind das, was uns einfällt, wenn wir Jesu Botschaft gehört haben.

Denn Jesu einzige Botschaft ist die Liebe. Mal ehrlich: Alles andere ist Beiwerk.

III. Abendmahl – Wir teilen

Eucharistie: Tischgemeinschaft, kein Blutgeschehen

Das Abendmahl. Die Eucharistie.

Hier wird's oft seltsam. Mystisch. Hochheilig. Mit Blut und Leib und Opfer.

Aber eigentlich ist es ganz einfach: Tischgemeinschaft.

Jesus hat mit seinen Freunden gegessen. Er hat Brot gebrochen. Er hat Wein geteilt. Und er hat gesagt: „Tut dies zu meinem Gedächtnis."

Es ist ein Erinnerungsmahl. Wir erinnern uns daran, dass Jesu Freunde miteinander gelebt haben. Dass sie das Brot hin und her gebrochen haben in den Häusern. Dass sie alles miteinander geteilt haben – auch das Leben.

Der Kirchentag nennt das „Feierabendmahl". Wenn das gelingt – wenn wir wirklich Gemeinschaft spüren, wenn wir wirklich teilen – dann kann man auch mal „feiern" dazu sagen.

Dankgebet: Dankbar sein

Nach dem Abendmahl kommt das Dankgebet.

So einfach. So wichtig. Dankbar sein.

Nicht: „Danke, dass wir so toll sind." Sondern: „Danke, dass wir hier sein dürfen. Dass wir zusammen sind. Dass wir genährt wurden."

IV. Sendung – Wir gehen raus

Ite missa est: Geht in die Welt

„Gehet hin in Frieden."

„Ite missa est" – wörtlich: „Geht, es ist die Sendung."

Das ist der Höhepunkt der Messe. Nicht das Abendmahl. Nicht die Predigt. Sondern die Sendung.

Die Messe endet nicht mit Unterwerfung. Nicht mit „bleibt schön fromm und brav". Sondern mit: Geht raus. Lebt, was ihr gehört habt. Bringt die Liebe in die Welt.

Zu den Menschen. Nicht zur Sekte der Bekehrten.

Segen: Ausgerüstet für draußen

Und bevor wir gehen, werden wir gesegnet.

Der Segen ist kein frommer Schlusssatz. Er ist Ausrüstung. Er sagt: Du bist nicht allein. Gott geht mit dir. Du bist stark genug für das, was kommt.

Sich segnen lassen für die Welt da draußen – das ist der Sinn.

Was die Messe eigentlich will

Die Messe ist durchdacht. Jeder Teil hat seinen Sinn. Jeder Teil hat seine Funktion.

Aber das wird nicht gelehrt. Niemand versteht mehr, was die Messe eigentlich will.

Alle denken: Gottesdienst heißt Lobpreis. Oder Predigt hören. Oder fromm sein.

Aber die Messe sagt etwas anderes. Sie sagt: Kommt an. Hört hin. Teilt. Und dann geht raus. Lebt es.

Das ist Liturgie, wenn sie mit Leben gefüllt ist.

Und das ist das, was ich mein ganzes Berufsleben lang versucht habe zu zeigen.

Nicht: „So macht man das richtig."

Sondern: „Schaut, was in dieser alten Struktur steckt. Schaut, wohin sie uns führen will."

In die Welt. Zu den Menschen. Mit Liebe.

Das ist die Sendung.